Cathrin Ehlers: Sexualerziehung bei Jugendlichen mit körperlicher und geistiger Behinderung
Cathrin Ehlers: Sexualerziehung bei Jugendlichen mit körperlicher und geistiger Behinderung. Unterrichtsmaterialien mit CD-ROM. Persen Verlag (Neuenkirchen) 2006. 132 Seiten. ISBN 978-3-8344-3705-1. 18,90 EUR, CH: 32,80 sFr.
Reihe: Bergedorfer Förderschulpraxis.
Thema
Sexualerziehung in der Schule ist wie Zähneputzen. Es muss sein - aus hygienischen Gründen, aus gesundheitlichen, zur Verhütung von Schäden. Aber Spaß macht es nicht und kommt darum immer zu kurz.
Welcher Pädagoge traut sich schon der erotischen Sensation den gebührenden Platz zu verschaffen. Er brächte sich auch in Verdacht. So flüchtet sich der Schulunterricht in die Vermittlung des biologischen Grundwissens und bleibt sich damit treu. Schule vermittelt traditionell Wissen und leider nur selten Erfahrung. Seit Freud wissen wir, dass zur Sicherung kultureller Leistung Sublimierung sexueller Energien im seelischen Gefüge angelegt ist. Schule hat ein konstitutionelles Interesse an Sublimierung - und das ist gut so.
Dennoch muss Schule lehrplanbezogen Sexualerziehung durchführen. Elternhäuser sind dem Staat mit Recht nicht verlässlich genug. So tut sie, was sie kann. Aufklärung wird dabei zu oft zur Warnung vor Sexualität. Sex ist gefährlich.
Noch schwieriger wird die Sexualerziehung bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Hier kommt die Erwartung von Eltern und Einrichtungspersonal dazu, keine schlafenden Hunde zu wecken. Als könne die hormonelle Entwicklung schlafend gehalten werden. Die Libido kann bei Ablehnung nur unterdrückt und zu pathologischem Ausdruck gebracht werden. "Aber lieber krank als geil" lautet die Devise auch heute noch insgeheim in der traditionellen Pädagogik.
Erst langsam ändern sich die Paradigmen. Es gibt immer mehr pädagogische Kräfte, die in den Einrichtungen der Behindertenarbeit nicht mehr bereit sind, wegzuschauen, wenn Auffälligkeiten sexuelle Beweggründe haben. Sie haben selber eine moderne und stabilisierende Sexualerziehung in den Elternhäusern erfahren und sind mutig genug, gegen alle Widerstände Sexualität auf die Tagesordnung der Teamsitzungen zu bringen. Die Helden dieser Entwicklung sind die Behinderten selber, die die Probleme machen, und die Pädagogen, die sie hilfreich deuten. Wenn dann die Forderung an die Schulen gestellt wird, die Sexualerziehung nicht zu vernachlässigen, dann werden didaktische Hilfen und Materialien notwendig, die eine moderne Sexualerziehung auch für kognitiv eingeschränkte Menschen unterstützt. Eine solche didaktische Hilfe bietet das Werk von Cathrin Ehlers.
Aufbau und Inhalt
Die Gliederung des Buches und der dazu gehörenden CD-ROM ist klar und einfach. Nach der Einleitung und dem theoretischen Teil wird in 19 Kapiteln Material geboten, das im Unterricht genutzt werden kann. Zur Anreicherung werden Spielideen und Übungen beschrieben. Nützliche Anschriften und Internetadressen sowie das obligatorische Literaturverzeichnis bilden den Abschluss des Buches. Von der CD-ROM lassen sich die Grafiken zum Thema herunterladen.
Diskussion
Die Bereitstellung solcher Unterrichtsvorlagen ist nicht neu. Schon 1999 gab die Bundesvereinigung Lebenshilfe "Sexualpädagogisches Material für die Arbeit mit geistig behinderten Menschen" heraus, garniert mit vielen fortschrittlichen Tipps, die für die oft konservative Elternschaft innerhalb der Lebenshilfe nur schwer zu verdauen waren.
Das Neue an dem Werk von Catrin Ehlers ist der Blick auf den Gegenstand der Vermittlung. Ihr Material hilft dabei, sexuelle Erfüllung auch als etwas Erstrebenswertes zu begreifen. Die Autorin weiß selbstverständlich, dass dieses Begreifen bei kognitiv eingeschränkten Menschen wörtlich zu verstehen ist. Sie müssen handeln können. Greifen um zu begreifen. Anschaulichkeit meint nicht nur Optik sondern Erfahrung. Identifikation ist der Autorin Voraussetzung für Lernmotivation. So sind alle Materialien eingebunden in die Liebesgeschichte von Jan und Julia. Das notwendige biologische Basiswissen wir dabei nicht vernachlässigt sondern erst interessant gemacht. Ehlers stellt mit Jan und Julia Sexualität in den Zusammenhang von Partnerschaft.
Die Materialien bieten jedoch der Sexualität auch ohne Partnerschaft Aufmerksamkeit, etwa bei der ausführlichen Würdigung von Masturbation als vollwertiger Sexualität. Der Autorin sei Dank rückt dabei der ganze Körper als erogene, orgasmusfähige Zone ins Bewusstsein.
Neu sind die vielen Anregungen zu Rollenspielen und anderen Übungen, die die Grenze zwischen Plastikmodell und sinnlicher Erfahrung im angemessenen Rahmen überschreiten. Vorsichtig fordert sie die Pädagogen auf, auch mal aus dem "eigenen Nähkästchen zu plaudern", was die Lernmotivation via Identifikation erhöht.
Kritik
Dramatisch ist der Qualitätsunterschied zwischen praktischem und theoretischem Teil des Buches. Der theoretische Teil ist zu einer besseren Hausarbeit im Fach Sonderpädagogik geraten. Ein sonderpädagogischer Lehrmeister nach dem anderen wird zitiert und dabei munter zwischen der Betrachtung von körperlich und geistig Behinderten gewechselt. Die Lebenssituation beider Zielgruppen ist jedoch gerade beim Thema Sexualität so groß, dass auf 15 DIN-A4 Seiten beiden Gruppen nicht gerecht werden kann.
Sexualität durch die Brille sonderpädagogischer Vordenker zu beschreiben ist immer eine Falle, da die Sexualität selber nicht verstehen. Denkend im Elfenbeinturm lassen sich leicht die Probleme der Praxis vernachlässigen. Schaut man im Buch die Zitate der Professoren durch, ist gar nicht zu verstehen, warum Sexualität im pädagogischen Alltag zu leidvollen Auffälligkeiten führen kann. Gut, das gängige Werte- und Normsystem wird als Ursache für Schwierigkeiten genannt. Aber es wird nicht erklärt, warum das Werte- und Normsystem die freie Entfaltung gerade behinderter Menschen einschränkt. Es wird beschrieben, dass die Beachtung sexuellen Verlangens die Persönlichkeitsentwicklung fördert. Aber es bleibt unverständlich, warum dieses - Jahrzehnte alte -sonderpädagogische Postulat in der Ausbildung und in der Arbeit so erdrückend vieler pädagogischer Kräfte bis heute keinen Einzug gefunden hat. Sexualität kann nicht ohne den Kontext anderer existenzieller Lebensbedürfnisse beschrieben werden, nur in der Tradition der reinen Wissenschaft, die permanent von einander abschreibt und dabei lediglich Gedanken weiterentwickelt. Kurzum - der theoretische Teil des Buches kann getrost ungelesen bleiben. Leider strotzt auch der Anhang der wichtigen Adressen zum Thema mit Fehlendem. All das mindert jedoch die Qualität des praktischen Teils des Buches und damit den Inhalt der CD-ROM nicht wesentlich.
Schulischer Aufklärungsunterricht ist notwendig und dabei hilft diese Neuerscheinung. Zur Sexualerziehung kognitiv eingeschränkter Menschen reicht schulische Aufklärung allerdings nicht aus. Sie muss ganz individuell die Fähigkeiten und Interessen des Menschen einbeziehen. Gerade Geistigbehinderte brauchen eine Erziehung in der aktuellen Lebenssituation oder im Rahmen von aktuellen Identifikationen, etwa mit Personen der TV-Soaps, die sie bevorzugen. Erst wenn konkrete Wünsche zur Aufmerksamkeit bewegen, wird lebensnah und unvergesslich gelernt. Manchmal ist sogar die Zusammenarbeit mit einer Sexualbegleiterin oder einem Sexualbegleiter notwendig. Dadurch kann dann Anschaulichkeit auf die Spitze getrieben werden. Sexualerziehung durch die Bezugspersonen im außerschulischen Bereich bleibt unverzichtbar.
Fazit
Für den schulischen Unterricht kognitiv eingeschränkter Menschen legt Cathrin Ehlers hervorragendes Material vor, das seinesgleichen sucht.
Rezensent
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Berlin und Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
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Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 10.12.2007 zu: Cathrin Ehlers: Sexualerziehung bei Jugendlichen mit körperlicher und geistiger Behinderung. Persen Verlag (Neuenkirchen) 2006. 132 Seiten. ISBN 978-3-8344-3705-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5332.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.
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