Ulrike Six, Roland Gimmler u.a. (Hrsg.): Die Förderung von Medienkompetenz im Kindergarten
Ulrike Six, Roland Gimmler u.a. (Hrsg.): Die Förderung von Medienkompetenz im Kindergarten. Eine empirische Studie zu Bedingungen und Handlungsformen der Medienerziehung. Vistas Verlag (Berlin) 2007. 359 Seiten. ISBN 978-3-89158-459-0. 21,00 EUR.
Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen - Band 57.
Autoren
Prof. Dr. Ulrike Six ist Professorin für Kommunikationspsychologie und Medienpädagogik an der Universität Koblenz-Landau und zugleich Leiterin des dortigen Instituts für Kommunikationspsychologie, Medienpädagogik und Sprechwissenschaften (IKMS).
Dr. Roland Gimmler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am IKMS, Abteilung Kommunikationspsychologie und Medienpädagogik, an der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau.
Thema / Einführung
Das Medienkompetenz-Konzept ist seit der Einführung des Begriffs durch Baake unangefochten der zentrale Begriff aller medienpädagogischen Debatten. Dass er dabei zeitweise schillernd-unbestimmt benutzt, mal als kompensatorische Geheimwaffe gegen alle möglichen Sozialisationsdefizite postuliert, mal als standortrelevanter Beitrag der Bildungspolitik gesehen und überhaupt inhaltlich höchst divergent gefüllt wird, hat der Akzeptanz in Fachwelt wie Öffentlichkeit erstaunlicherweise keinen Abbruch getan. Fakt ist: zum Konzept Medienkompetenzen gibt es derzeit keine Alternative. Ebenso unstrittig ist, dass dieser Begriff – gleich welche Fassung zu Grunde gelegt wird – ein ganzes Bündel von Kompetenzen (bei Baake "Dimensionen" und – logisch nicht ganz stimmig – "Unterdimensionen" genannt) umfasst, die jeweils altersangemessenen an verschiedene Zielgruppen zu vermitteln sind. Zentrale Streitpunkte in den Debatten um Medienkompetenz sind einerseits die Inhalte (welche Kompetenzen im Detail vermittelt werden sollen) und die Operationalisierung der Vermittlung sowie – pragmatisch wie theoretisch ebenso relevant – die Frage der Messbarkeit der Effekte von medienpädagogischen Projekten zur Vermittlung von Medienkompetenz.
Inhalt
Für den Bereich der Elementarpädagogik haben dazu Ulrike Six und Roland Gimmler eine empirische Studie vorgelegt, die in acht Kapiteln nebst Anhang mehrdimensional und multi-methodisch eine differenzierte Darstellung der medienpädagogischen Ausbildung von Erzieherinnen (63-88) sowie der Situation der Medienerziehung im Kindergarten in NRW im Jahr 2006 untersucht (123-269). Dabei wird mit Blick auf eine Vorläuferstudie von 1997 zugleich überprüft, welche Effekte die seinerzeit vorgelegten Empfehlungen haben (89-103). Allerdings verbietet sich für den Hauptteil aus methodischen Gründen ein direkter rechnerischer Vergleich der beiden Studien von 1997 und 2006 (106), zumal es zwischen den Studien teilweise inhaltliche Abweichungen gibt, zum Beispiel die ausführlichere Abfrage der Vorstellungen der Erzieherinnen von Medienerziehung und ihrer Einstellungen dazu (113). Schließlich geben die Autoren sieben Schlussfolgerungen beziehungsweise Empfehlungen ab (290-296). – Aufgrund der hohen Zahl weiblicher Fachkräfte nutzen die Autoren nur die weibliche Form; dies wird für die vorliegende Rezension beibehalten.
Kap. 1: An eine grundsätzliche Begründung des Bedarfs von Medienerziehung im Kindergarten schließt sich die Begriffsklärung an, wobei sich aus dem Verständnis von Medienerziehung als adressatengruppen-bezogener Medienpädagogik Anforderungen sowohl an die in der jeweiligen Vermittlungsinstanz Handelnden bzw. Verantwortlichen ergeben als auch an Materialien und Fortbildungen für Erzieherinnen. Oberziel jeglicher Medienerziehung ist für die Autoren die Förderung von Medienkompetenz, für die sie ihrerseits ein Konzept von "zehn Dimensionen …, die sich grob vier (voneinander nicht unabhängigen) Hauptdimensionen zuordnen lassen" (26) vorlegen.
Kap. 2 stellt die Ausgangslage für die Studie, deren Zielsetzungen und Fragestellungen sowie das Untersuchungsdesign und die –durchführung vor.
Kap. 3 behandelt die veränderte Ausgangslage der Studie hinsichtlich der medienpädagogischen Aus- und Fortbildung von Erzieherinnen: durch den Lehrplan zur Erprobung von 2004, der im Vergleich zum früheren Lehrplan von 1996 weit weniger konkrete Vorgaben macht, bleibt es in NRW den Fachschulen überlassen, ob und wie sie den Bereich Medienerziehung in der Ausbildung der Erzieherinnen umsetzen (53), woraus zwangsläufig eine größere Differenzierung der Schulen untereinander hinsichtlich Umfang und Inhalt der medienpädagogischen Ausbildung folgt. Das Angebot an (längerfristigen und landesweiten) Fortbildungen ist sehr überschaubar (56f); die Rezeption dieser Angebote durch die Erzieherinnen ist "ausgesprochen ernüchternd" (141). Gleiches gilt für die Kenntnis einschlägiger medienpädagogischer Materialien und Hilfestellungen (146f).
Kap. 4 geht mit einer Befragung der Lehrkräfte differenziert auf Rahmenbedingungen, Inhalte und Praxis der medienpädagogischen Ausbildung von Erzieherinnen ein. Bei insgesamt etwas besseren Rahmenbedingungen als 1997 lässt sich jedoch der tatsächliche Umfang der medienpädagogischen Ausbildung "z. Zt. nicht genau bestimmen" (71), zumal "die curriculare Orientierung keinen Einfluss darauf hat, wie ausführlich einzelne medienpädagogisch relevante Themenbereiche behandelt werden" (72). Vor allem "Informationen und Argumente für die Notwendigkeit von Medienerziehung im Kindergarten kommen in der Ausbildung nach wie vor zu kurz" (86).
Kap. 5 : Die Wiederholungsbefragung von Erzieherinnen aus der Vorläuferstudie stellt "subjektiv relevante Veränderungen der Medienerziehung und ihrer Bedingungen" (89) in den Mittelpunkt: sowohl die institutionellen wie politischen Rahmenbedingungen werden als negativ verändert erlebt; der erzieherische Alltag ist komplexer geworden und die Anforderungen sind gestiegen, so dass "für andere wichtige Bereich und damit auch für die Medienerziehung weniger Zeit" bleibt (95). Zwar werden Medien als zunehmend gravierender Sozialisationseinfluss gesehen, zugleich ist aber die Funktion von Medienerziehung hinsichtlich Prävention und Kompetenzvermittlung unklar (97), so dass sich insgesamt förderliche Bedingungen und negative Veränderungen in der Praxis nahezu aufheben (101).
Kap. 6 stellt detailliert die Variablen, Instrumente und Stichproben für die Befragung von Erzieherinnen in nordrhein-westfälischen Kindergärten vor: wie im Vorläufer Projekt wurde "die Form einer Telefonbefragung anhand eines voll standardisierten Leitfadens gewählt" (117). Die Repräsentativität der Stichprobe (N= 550) wird anhand der Kriterien "Ortsgröße, Einrichtungsträger, Brennpunkteinrichtung sowie überdurchschnittliche Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund" bestimmt (119).
Kap. 7 referiert die Ergebnisse der Befragung von Erzieherinnen im Detail. Dabei ergibt sich ein ebenso differenziertes wie z.T. widersprüchliches Bild: während einige Erzieherinnen die Medienausstattung ihrer Einrichtung für defizitär halten und deshalb eine negative Selbsteinschätzung hinsichtlich der Medienerziehung abgeben, sind andere "völlig zufrieden mit dem, was sie an Medienerziehung machen: schließlich wollen sie nicht, dass die Kinder nun auch noch in der Einrichtung (elektronische) Medien nutzen" (221). Ähnliche "Bruchstellen" ziehen sich durch die anderen Items wie medienbezogene Problemwahrnehmung oder medienpädagogische Elternarbeit, wobei ein Großteil der befragten Erzieherinnen die Eltern als primär verantwortlich für die Menge Erziehung ansieht (259).
Die Zusammenfassung
der Ergebnisse in Kap. 8 wirkt insgesamt desillusionierend: "Als übergreifender
Befund aus allen Teilstudien des aktuellen Projekts ist festzuhalten, dass sich
nur wenig Substantielles geändert hat – allen Initiativen zur
Verbesserung der Sachlage und der publizistischen Bedeutung der Thematik zum
Trotz" (273). Offensichtlich verhindert eine Reihe von erschwerenden Bedingungen
(PISA, inhomogenere Gruppen, höherer Betreuungsaufwand, erweiterte
Öffnungszeiten, veränderte Bildungsanforderungen etc.), dass Erzieherinnen -
sofern die grundsätzliche Einsicht in die Relevanz von Medienerziehung besteht
– diese auch in hinreichendem Maß in ihre Praxis integrieren. Dieser
Tatbestand wird durch die unbefriedigende medienpädagogische Qualifikation noch
verstärkt.
Entsprechend fordern Six
und Gimmler in ihren
Schlussfolgerungen Verbesserungen der Erzieherinnenausbildung (291) und eine
Wiedereinrichtung des Fachs Medienerziehung bzw. Medienbildung in den
entsprechenden Curricula (292).
Eine in NRW existierende Bildungsvereinbarung von 2003 vernachlässigt
ausgerechnet das Thema Medienerziehung und müsste entsprechend ergänzt werden (294). Medienpädagogische
Fortbildungen sollten verpflichtend und in sonstigen pädagogischen
Fortbildungen sollte Medienbildung mit thematisiert werden (294). Der Landesanstalt
für Medien (LfM) könnte eine Clearingfunktion hinsichtlich der
trägerübergreifenden Diskussionen medienpädagogischer Konzepte sowie
hinsichtlich des Einsatzes von medienpädagogischen Beratungskräften zukommen
(295).
Zielgruppe
Erzieherinnen, Sozialarbeiterinnen, Lehrkräfte und Dozenten in Ausbildungs- und Studiengängen (nicht nur) für den Primarbereich.
Fazit
Die durchweg gut lesbare und klar gegliederte Studie zeichnet ein ernüchterndes Bild der aktuellen Medienerziehung im Primarbereich: Diesseits pädagogischer und politischer Willenserklärungen wird dem Thema, sowohl was die Rahmenbedingungen in Aus-und Fortbildung angeht, als auch bei der Abwägung mit anderen Anforderungen in der erzieherischen Praxis, nicht der nötige Stellenwert beigemessen. Insofern die Notwendigkeit und theoretische Fundierung der Medienerziehung mit dem Ziel der Förderung von Medienkompetenz weiterhin unbestritten ist, geben die Ergebnisse und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen Stoff zur Diskussion.
Rezensent
Prof. Andreas Büsch
Professor für Medienpädagogik und Kommunikationswissenschaft an der Katholischen Fachhochschule Mainz, Fachbereich Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Andreas Büsch. Rezension vom 24.10.2008 zu: Ulrike Six, Roland Gimmler u.a. (Hrsg.): Die Förderung von Medienkompetenz im Kindergarten. Vistas Verlag (Berlin) 2007. 359 Seiten. ISBN 978-3-89158-459-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5377.php, Datum des Zugriffs 06.09.2010.
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