Matthias Elzer, Claudia Sciborski: Kommunikative Kompetenzen in der Pflege
Matthias Elzer, Claudia Sciborski: Kommunikative Kompetenzen in der Pflege. Theorie und Praxis der verbalen und nonverbalen Interaktion. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2007. 336 Seiten. ISBN 978-3-456-84336-0. 32,95 EUR, CH: 48,90 sFr.
Reihe: Pflegeberatung, Pflegekommunikation.
Thema und Gesamteindruck
Dieses Buch führt theoretisch breit fundiert, praxisnah und engagiert, heraus aus den von Berufsangehörigen vielfach kritisierten Sackgassen einer "stummen Pflege" (H. Steppe) oder einer "verrichtungsorientierten Pflege" (K. Wittneben). Es ist didaktisch gut aufbereitet und mit zahlreichen anschaulichen Beispielen und Fallvignetten angereichert. Es ist zentrales Anliegen der Autoren, Kommunikation als originären Bestandteil pflegerischen Handelns "im Sinne von Wahrnehmung mit allen Sinnen, Zuhören, Reflektieren, Sprechen, Sich-Mitteilen" (S. 292) wirksam zu vermitteln. Das vorliegende Lehr- und Praxisbuch vermittelt Grundlagen aus drei einschlägigen kommunikationstheoretischen Richtungen in ihrem inhaltlichen Bezug zur Pflege (Teil 1) und eine facettenreiche kommunikative Praxis mit einer Vielzahl von Fallvignetten aus dem Berufsfeld der Kinderkrankenpflege, Erwachsenenpflege, Altenpflege in ihren unterschiedlichen Settings (Teil 2).
Bildungsexperten und Ausbilder, Auszubildende und Studierende der Pflege, Patienten und Klienten, Bewohner und Angehörige wissen alle, wie wichtig und hilfreich in gesundheitlichen und lebensgeschichtlichen Krisenzeiten eine durch Verständnis, Einfühlung und gegenseitiger Respekt getragene Kommunikation ist. Das Buch bietet dem Leser dazu eine Fülle aktueller theoretischer Erkenntnisse und praktischer Beispiele. Damit eignet sich das Buch für alle diejenigen aus dem Bereich der Pflege, die sich gerade angesichts der Ökonomisierung des Pflegeberufs und der allgegenwärtigen Personal- und Zeitknappheit für eine "sprechende Pflege" entscheiden und nach einer theoretischen und anwendungsbezogenen Grundlage für die Vertiefung ihrer kommunikativen Kompetenzen suchen.
Autorin/Autor und Entstehungshintergrund
Claudia Sciborski ist Dipl. Pädagogin, Diplom Pflegewirtin (FH) und Krankenschwester mit langjähriger Berufs-, Leitungs- und Auslandserfahrung. Sie ist Lehrbeauftragte im Fachbereich Pflege und Gesundheit der Hochschule Fulda und Promovendin im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Frankfurt/M. Veröffentlicht hat sie zu Themen der Kommunikation, Interaktion und zum Personenbegriff.
Prof. Dr. med. Matthias Elzer hat in Berlin und Frankfurt / M. Erziehungswissenschaften und Medizin studiert. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und Psychoanalytiker (DPV / IPA). Seit dem Wintersemester 1994/95 ist er Hochschullehrer für Sozialpsychiatrie, Psychotherapie und Beratung im Fachbereich Pflege und Gesundheit der Hochschule Fulda. Veröffentlicht hat er zu Themen der Psychosomatik, Psychoanalyse und Psychiatrie und zur Kommunikation in den Gesundheitsberufen.
Zielgruppen
Das Buch spricht insbesondere diejenigen an, die im Rahmen von Ausbildung, Studium, Weiterbildung und/oder Praxis ihre kommunikativen Fähigkeiten und Kompetenzen im Berufsfeld der stationären und ambulanten Pflege entwickeln oder vertiefen möchten. Darüber hinaus spricht das Buch alle Lehrenden im Gesundheitssektor an, die den Schwerpunkt der Aus-, Fort- und Weiterbildung auf die Entwicklung und das Training von Schlüsselkompetenzen, insbesondere der kommunikativen Kompetenz, legen.
Aufbau
Das Buch besteht aus zwei Teilen, enthält zehn Kapitel, einen ausführlichen Anhang mit Glossar, Literatur-, Sach- und Personenverzeichnis. Der Theorieteil enthält zahlreiche Beispiele. Der Praxisteil wird durch theoriebezogene Vertiefungen ergänzt.
Teil I Theorie
- Das erste Kapitel "Kommunikative Kompetenzen in der Pflege" bietet eine Hinführung zum Thema, indem die historische Entwicklung des Pflegeberufs, ihre gesellschaftliche und rechtliche Verankerung, seine Sprache und seine Professionalisierung skizziert werden.
- Das zweite Kapitel "Einführung in die Kommunikationswissenschaften" führt ein in zentrale Begriffe der Kommunikationswissenschaften wie Interaktion, verbale und nonverbale Kommunikation, kommunikative Kompetenz und ihrem Bezug zum pflegerischen Handeln.
- Das dritte Kapitel "Menschliche Kommunikation und ihre Bezugswissenschaften" widmet sich der Bedeutung von Sprache in der Menschheitsgeschichte und der Verwendung von Sprache aus anthropologischer, soziologischer und psychologischer Perspektive.
- Das vierte Kapitel "Vier wissenschaftliche Konzepte der therapeutischen Gesprächsführung" stellt die wesentlichen Bestandteile der einzelnen psychotherapeutischen Ansätze und deren Beitrag zur professionellen pflegerischen Kommunikation detailliert vor. Farbliche Hervorhebungen von Begriffsdefinitionen, Beispielen und Leitfragen erleichtern das Lesen und Lernen:
- Der Beitrag der Psychoanalyse zur Kommunikation (S.68-80).
- Der Beitrag der humanistischen Psychologie zur Kommunikation (S. 80-88). Der Beitrag der Lerntheorie zur Kommunikation ( S. 88-101).
- Der Beitrag der Lerntheorie zur Kommunikation ( S. 88-101).
- Der kommunikationstheoretische Beitrag (S. 101-121).
- Das fünfte Kapitel "Verschiedene Settings der Kommunikation" führt ein in die Grundbestandteile der "Kommunikation in der Zweipersoneninteraktion" (S.125-128) und in die "Kommunikation in Gruppen" (S. 128-145). Verständigungs- und Akzeptanzprobleme in der Interkulturellen Kommunikation finden besondere Berücksichtigung.
- Im sechsten Kapitel "Professionelle Kommunikation und Beziehung" werden zunächst das Wesen der Pflegebeziehung, die Beziehung zwischen Patient und Pflegeperson und das Phänomen der Übertragung in der Pflegebeziehung thematisiert. Es folgen das Konzept der Bezugspflege, die therapeutische Dimension in der Pflegebeziehung und Pflegebeziehung als Kundenbeziehung. Schließlich wird auf die Persönlichkeitsstile und ihre kommunikativen Folgen wie z.B. partnerschaftliche oder asymmetrische Beziehungen und die Fähigkeit des Sprechens und des Zuhörens eingegangen.
- Das siebte Kapitel "Beratung in der Pflege" behandelt einzelne Beratungsformen und gibt Anregungen zur Beratung und Schulung von Angehörigen.
Teil 2: Zur Praxis kommunikativer Kompetenzen in der Pflege
- Das achte Kapitel " Gespräche in der Pflege" beginnt mit einer Einführung in die Ethik der Gesprächsführung, bevor spezifische kommunikationssensible Settings der Pflege behandelt werden: Das Erstgespräch in der Pflege (S.18), Das Übergabegespräch (S.198); Gespräche in der Kinderkrankenpflege (Petra Jestädt), S. 208); Gespräche in der Altenpflege (S.217), Gespräche in der ambulanten Pflege (S. 249) und Gespräche mit Sterbenden (S. 253).
- Im neunten Kapitel "Pädagogische Kommunikation am Beispiel der Anleitung" werden Beratung, Information, Schulung und Anleitung als Bildungsmaßnahme bei Erwachsenen ausführlich dargelegt und abgegrenzt. (Das häufig gebrauchte Wort Patientenedukation meint gerade nicht "Erziehung"). Des weiteren wird ausführlich der Prozess der Praxisanleitung beschrieben.
- Das zehnte Kapitel: "Praxisreflexion und Kommunikation" ist der Kommunikation als innerem Dialog zwischen professionell Pflegenden und Patienten gewidmet. Patient und professionell Pflegende/r stehen immer auch in einer Beziehung zueinander und haben diese Beziehung verinnerlicht, mit bewussten wie auch unbewussten Anteilen. Probleme und Konflikte zwischen Pflegenden und Patienten können den Gesundungsprozess des Patienten wie auch die pflegerische Tätigkeit und die Arbeitszufriedenheit der Pflegenden nachhaltig beeinträchtigen. Professionelle Helfer sprechen dann zuweilen vom "schwierigen" Patienten. Die Ursachen für zwischenmenschliche Probleme können in der Institution, beim Patienten oder auch bei den Pflegenden liegen. Balint-Gruppen eignen sich, um die unbewussten Aspekte der Dynamik der Pflegenden - Patient - Beziehung zu verstehen, Konflikte in der Kommunikation wahrzunehmen und zu reduzieren mit dem Ziel, die Kommunikation zukünftig transparenter und hilfreicher zu gestalten. Eine detaillierte Fallschilderung aus einem Balint-Seminar mit 15 Studierenden eröffnet dem Leser einen Einblick in die kognitive und emotionale Bearbeitung eines langwierigen Konfliktes zwischen einer Heimbewohnerin und einer erfahrenen Altenpflegerin (S. 286 f.).
Anhang
- Assessmentbogen für die ambulante Senioren- und Krankenpflege (Sebastian Möller)
- Pflegeprozess, -diagnosen und -assessment strukturiert nach Virginia Henderson (Jürgen Georg)
- Pflegediagnosenliste zum Assessmentbogen nach Virginia Henderson (Jürgen Georg)
- Glossar.
Hinzu kommen Literatur-, Sachwort- und Autorenverzeichnis.
Einschätzung und Fazit
Die Stärke des Buches besteht darin, dass es den langjährig erfahrenen Autoren gelungen ist, einschlägige kommunikationswissenschaftliche Konzepte ausführlich darzustellen, anschaulich zu vermitteln und mit der pflegerischen Alltagswirklichkeit zu verknüpfen - und auch umgekehrt - den Praxis -Theorie - Tranfer kontinuierlich herzustellen, indem Praxisbeispiele theoriebezogen kommentiert werden.
Eine kritische Anmerkung: Gerade für die Praktiker der Pflege fehlt ein Kapitel über den Prozess des Erwerbs kommunikativer Kompetenzen, zu dem etwa Lernen von Selbstwahrnehmung dazugehört. Wichtige Hinweise geben hier schon die Schilderungen der Balint-Gruppe.
Dem Buch ist zu wünschen, dass es als "das" Standardbuch der kommunikativen Kompetenz für Pflegende raschen Einzug in die Bibliotheken von Bildungseinrichtungen der Pflege und in die Arbeitszimmer der Lernenden, Ausbilder und Praktiker der Pflege nimmt.
Rezensentin
Prof. Dr.rer.medic. Christa Winter von Lersner
Professorin für Pflegewissenschaft, Pflegepraxis, Pflegeforschung, Dipl.Psych., Lehrerin für Pflegeberufe
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Zitiervorschlag
Christa Winter von Lersner. Rezension vom 04.02.2008 zu: Matthias Elzer, Claudia Sciborski: Kommunikative Kompetenzen in der Pflege. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2007. 336 Seiten. ISBN 978-3-456-84336-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5399.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
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