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Martin Kohli, Harald Künemund (Hrsg.): Die zweite Lebenshälfte

Cover Martin Kohli, Harald Künemund (Hrsg.): Die zweite Lebenshälfte. Gesellschaftliche Lage und Partizipation im Spiegel des Alters-Survey. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 2. Auflage. 410 Seiten. ISBN 978-3-531-14496-2. 34,90 EUR.

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Datengrundlage und Aufbau des Buches

Nach der Berliner Altersstudie stellt das Alters-Survey eine weitere große empirische Erhebung dar, um repräsentative Daten zur Lebenslage älterer Menschen bereitzustellen. Im Laufe des Jahres 1996 wurden mit einer Kombination aus verschiedenen mündlichen und schriftlichen Befragungsinstrumenten (die jeweils unterschiedliche Rücklaufquoten aufwiesen) zwischen 2.934 und 4.838 Personen im Alter zwischen 40 und 85 Menschen befragt. Dabei wurden insgesamt 770 Variablen ermittelt. Das Alters-Survey wurde vom Bundesseniorenministerium im Auftrag gegeben und an der Freien Universität Berlin in Zusammenarbeit mit der Universität Nijmegen und dem Erhebungsinstitut infas durchgeführt.

Das vorliegende Buch stellt die "wissenschaftliche" Dokumentation der Ergebnisse dar (während ein zweiter Band die "soziodemographischen" Resultate enthält) und ist in Form eines Sammelbands geschrieben, der neben methodischen Aspekten die Themen

  • Einkommen und Vermögen,
  • Gesundheit,
  • Wohnen und Wohnumfeld,
  • Generationenbeziehungen,
  • soziale Beziehungen und Unterstützungsnetzwerke,
  • "produktive" Tätigkeiten und
  • soziale Ungleichheit

in einzelnen Kapiteln behandelt. Typischerweise enthalten diese Beiträge einen knappen Abriß zum Stand der Forschung, einige ausgewählte Ergebnisse aus dem Alters-Survey, die mit Tabellen und Grafiken illustriert werden, sowie ausführliche mehrdimensionale Tabellen, die die Antwortverteilungen differenziert nach Altersgruppen, Geschlecht, alten/neuen Bundesländern und anderen Variablen wiedergeben.

Forschungsertrag

Der Wert des Alters-Survey liegt darin, daß es relativ differenzierte repräsentative Daten zu einem breiten Spektrum von Aspekten der Lebenslage alter Menschen bereitstellt. Durch die Gliederung der Tabellen nach verschiedenen Altersgruppen, Geschlecht sowie alten und neuen Bundesländern lassen sich leicht entsprechende Vergleiche anstellen. Beispiele für solche Auswertungen sind etwa:

  • Wie viele Frauen und wie viele Männer zwischen 70 und 85 Jahren leiden unter Gelenk-, Knochen-, Bandscheiben- oder Rückenleiden?
  • Wie variiert die Teilnahme an ehrenamtlichen Tätigkeiten mit dem Alter?
  • Wie viele der über 70jährigen leben in den alten und in den neuen Bundesländern in Wohnungen, die über mehr als neun Treppenstufen zu erreichen sind?

Leider sind die entsprechenden Tabellen ausgerechnet bei den Themen Einkommen und Vermögen – wo der Bedarf an repräsentativen Daten besonders groß ist – in dem Sammelband vergessen worden.

In der Stärke des Alters-Survey – der Repräsentativität und der Breite des Variablenspektrums – liegt aber auch seine Schwäche. Es liegt in der Natur der Untersuchung, daß jedes einzelne Kapitel – ob zum Wohnen oder zu den sozialen Beziehungen – zwangsläufig nicht die Informationstiefe und Differenziertheit einer Monographie zu dem Thema erreichen kann.

Dementsprechend ist der analytische Ertrag begrenzt. Beispielsweise enthält das Kapitel "Wohnen und Wohnumfeld" eine Menge von Daten, die die Wohnsituation älterer (und jüngerer) Leute beschreiben, aber kaum neue Erkenntnisse, die über die vorliegenden Studien hinausgehen. Dort, wo es spannend wird, hört das Alters-Survey auf (z.B. bei der Bereitschaft, Wohneigentum zugunsten einer altersgerechten Wohnform aufzugeben). Und sieht man sich einmal die Fragestellungen im Detail an, ergeben sich sogar Zweifel an der Validität der Ergebnisse, wenn etwa bei Frage 506 die extrem unterschiedlich bewerteten Wohnformen "Seniorenwohnung" (attraktiv) und "Seniorenheim" (mangelnde Akzeptanz) zu einer Antwortkategorie zusammengefaßt werden und die Kategorie "Betreutes Wohnen/Service-Wohnen" vollkommen fehlt, obgleich diese Wohnform die höchsten Zuwachsraten aufweist (Tabelle 4-A11 auf S. 175).

Solche methodischen Probleme finden sich auch in anderen Kapiteln. Dem Kapitel "Soziale Beziehungen", wo es um Unterstützungsnetzwerke geht, liegen geradezu suggestive Frageformulierungen zugrunde ("Wenn Sie wichtige persönliche Entscheidungen zu treffen haben: Hätten Sie da jemanden, den Sie um Rat fragen könnten?"), die auch entsprechend hohe Zustimmungsquoten generieren, die man allerdings nicht dahingegend interpretieren darf, daß die große Mehrzahl der alten Leute über leistungsfähige Unterstützungsnetzwerke verfüge. Die Antworten auf die Frage, bei der es um instrumentelle Unterstützung geht ("Hat Ihnen in den letzten 12 Monaten jemand, der nicht hier im Haushalt lebt, bei Arbeiten im Haushalt ... geholfen?") , sind überhaupt nicht mehr zu interpretieren, weil eine Verneinung sowohl bedeuten kann, daß man über keine Unterstützung verfügt, als auch, daß man keiner Unterstützung bedarf.

Fairerweise muß angemerkt werden, daß eine Bewältigung dieser methodischen Probleme eine wesentlich aufwendigere Fragestellung – mit Filterfragen, Rück- und Kontrollfragen – erfordert hätte, die nur mit einer Spezialstudie, aber kaum mit einer breit angelegten Überblicksuntersuchung zu realisieren wäre.

Fazit

Die hier besprochene Dokumentation des Alters-Surveys gehört natürlich in den Bücherschrank, wenn man sich mit gerontologischen Fragen beschäftigt, entbindet aber nicht von dem Bedarf, die methodischen Grundlagen kritisch zu hinterfragen und die durch dieses Buch bereitgestellten Grunddaten durch vertiefende Studien zu speziellen Themen zu ergänzen. Ärgerlich ist – wie bei vielen anderen Büchern – das gelegentlich verwendete Kauderwelsch aus Deutsch und Englisch ("drop-off", "Items", "IADL’s" und nicht zuletzt "Survey").

Anmerkung der Redaktion: Diese Rezension beruht auf der 1. Auflage (2000), ISBN 3-8100-2554-2.


Rezensent
Prof. Dr. Volker Eichener
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Zitiervorschlag
Volker Eichener. Rezension vom 01.05.2001 zu: Martin Kohli, Harald Künemund (Hrsg.): Die zweite Lebenshälfte. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 2. Auflage. 410 Seiten. ISBN 978-3-531-14496-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/54.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.


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