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Markus Dederich: Körper, Kultur und Behinderung

Cover Markus Dederich: Körper, Kultur und Behinderung. Eine Einführung in die disability studies. transcript (Bielefeld) 2007. 206 Seiten. ISBN 978-3-89942-641-0. 17,80 EUR, CH: 30,60 sFr.

Reihe: Disability studies - Band 2.

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Thema und Autor

Behinderung neu zu denken ist die Grundidee der Disability Studies, in die die Monografie von Markus Dederich einführen will. Der Dortmunder Rehabilitationswissenschaftler beleuchtet diesen Perspektivenwechsel fundiert und aktuell aus mehrfacher Position. Er öffnet dabei der Fachwelt den Blick auf eine gesellschaftlich fokussierte, aber auch kulturwissenschaftlich angereicherte „neue Wissenschaft von Behinderung“. Seine Bezugspunkte sind sowohl das Konzert der traditionellen Spezialdisziplinen (Psychiatrie, Systeme der Behindertenhilfe, Sonderschulen, spezielle Pädagogiken, diverse Ausbildungsgänge, Wohlfahrtswesen etc.), die „Behinderung“ jeweils aus ihrer Warte anders intonieren und akzentuieren, als auch die aktuellen Themen der Pädagogik und Rehabilitation bei Behinderung: das Inklusionsgebot und die von der internationalen „Independent Living“-Bewegung propagierten Bezüge auf Autonomie und Beteiligung.

Der Inhaber des Lehrstuhls Theorie der Rehabilitation und Pädagogik bei Behinderung schont die Leser nicht: Philosophische, historische, sozial- und kulturwissenschaftliche Denkweisen und Wissensbestände werden ihnen angeboten und zugemutet. Dies sind aber nicht nur hoch aktuell, sondern auch in eine bekömmliche Sprache und Struktur gegossen, so dass es der Mühe lohnt und die kritische wie praktische Vernunft schult, dieser theoretischen Zugängen verpflichteten Arbeit von A bis Z zu folgen.

Aufbau

Die Einführung in die „Disability Studies“ erfolgt in einer Trias von Zugangswegen: über „Theorien“, über „Repräsentationen“ und über „Konstruktionen“.

1. Theorien

Das „Theorien“ überschriebene erste Drittel der Monografie vollzieht zwei grundlegende Zugänge zu „Behinderung“ nach: Im aus der Emanzipationsbewegung entwickelten Konzept der „Disability Studies“ wird zum Auftakt das Terrain abgesteckt. Der Akzent liegt auf dem Anspruch, eine eigene Wissenschaft zu repräsentieren. Damit tritt – vermehrt seit der Jahrtausendwende – eine Gruppe von Forscher/-innen an die Öffentlichkeit, die für sich einen spezifischen emanzipatorischen Zugang zu Forschung zu und mit Behinderung reklamieren. „Parteilich im Sinne des Forschungsgegenstandes“ und auf soziale Ungleichheit (Vorurteile, Ausgrenzung, eingeschränkte Teilhabe) will man fokussiert sein. Dezidiert wird dieses im angloamerikanischen Raum von behinderten Wissenschaftler/-innen entwickelte Gedankengebäude genutzt, um Behinderung als gesellschaftliche Konstruktion zu „enttarnen“ (Behindert-Werden). Die hierzu grundlegenden Elemente und Entwicklungsschritte zeichnet Dederich nach von den Anfängen in den frühen siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Kontext der „Independent Living“/Selbstbestimmt Leben-Bewegung bis zum gegenwärtigen Aus- und Umformen von einem sozial-, zu einem eher kulturwissenschaftlich geprägten Konzept und zur Gründung der „Disability Studies“-Gruppe in Deutschland (Wir forschen selbst). Ein neuer Umgang mit Differenz, der den etablierten Sozialwissenschaften (Psychologie, Soziologie, Pädagogik), aber auch Kulturwissenschaften (Philosophie, Geschichte, Sprach-, Rechtswissenschaft, Ethnologie) nicht zugetraut wird und den Spiegel vorhält, soll passende „Strukturen für Forschung und Theoriebildung“ bieten und sich dazu eines Mixes aus methodischen und wissenschaftstheoretischen Zugängen bedienen. Eine aus diesen Quellen gespeiste Fülle von Ansätzen und Positionen soll die neue Bühne bieten, auf der der Diskurs über Behinderung als kulturelles Phänomen und im Wandel der Kulturen „wirklich“ im doppelten Wortsinn werden kann und auf der „Fähigkeiten und Wirksamkeit“ im Fokus stehen. Als Motor und kritisches Korrektiv wird hierbei den „Disability Studies“ eine wesentliche Rolle übertragen.

Die zweite Akzentuierung im Theorieteil liefert der Bezug auf „Körperdiskurse“. Dieses Konzept legt verschiedene kulturelle Modelle von Behinderung dar und reflektiert sie als Wahrnehmungen und Interpretationen von „Körper“: Körper werden als Träger von Funktionen, als Schönheitsideal, als Leistungsquelle etc. in den Blick genommen. Orientiert an der Genese der abendländisch europäischen Denktraditionen zeichnet Dederich Markierungen im Umgang mit Körperlichkeit nach (Körper als Materie und Idee, Leibfeindlichkeit, Körper als Maschine, Körper und Individuum, Körper und Merkmale, Körper und Zivilisation, Körper und Volkskörper, Körper und Normalität etc.). Dabei lenkt der Verfasser die Aufmerksamkeit auch auf „außerordentliche Körper“ und stellt sie in ihrer Ambivalenz (fascinosum et tremendum) dar. Erschrecken und Attraktion im Zusammenhang mit einer Ästhetik der Abweichung bieten emotional konnotierte Näherungen zu Körper und Kultur, während der gesunde Körper als Träger von Macht und Kontrolle reflektiert wird. Herrschaft und Selbstbeherrschung sind gleichermaßen als Körpertechniken zu deuten und können im Zusammenhang gesehen werden mit Institutionen (Heilanstalten, Hospitäler, Asyle) und Umgang mit seelisch, physisch oder geisteskranken Körpern.

2. „Repräsentationen“

„Repräsentationen“ ist der zweite Buchteil gewidmet. Darunter subsumiert der Autor „Fragmente einer Körpergeschichte des Monströsen“ einerseits und „Textkörper und Körpertexte: Behinderung in der Literatur“ auf der anderen Seite. Hier wird der kulturwissenschaftlich geprägte Zugang zu den Disability Studies greifbar: Von vielfach kulturell und symbolisch vermitteltem Wissen zu Körpern ist die Rede, von Freaks und Monstrositäten, wie sie einer sich etablierenden Medizin und Wissenschaft von der Reparierbarkeit des Menschen und der Volksgesundheit zur Anschauung dienten und damit auch in der Neuzeit den Weg bereiteten zur Ein- und Ausgrenzung behinderter Menschen. Das „Spiel“ mit dem Erschrecken und der Belustigung kommt ebenso zur Sprache wie der Anreiz von Neugier und Sensationslust. Als affektiv geladene Forschungsgegenstände, Außergewöhnliche und Launen der Natur erschienen Personen einer Menschenwissenschaft, die sich als reine Naturwissenschaft verstehen wollte. Die so erzeugten „kulturellen Resonanzen“ tragen auch nach der Zeit der Aufklärung und unter dem Anspruch des weltlich-wissenschaftlichen Sachbezugs bei zur Abwehr des Abweichenden, das sich nun von einer Normalität der Pathologie, der Evolutionstheorie, der Gattungsgeschichte, der Arten-, Rassen- oder Geschlechterkategorien abhob, und schließlich eine verhängnisvolle Allianz mit der nationalsozialistischen Utopie eines 1000jährigen Reiches und eines „gesunden Volkskörpers“ verband. Dass dabei der Ikonografie des Grotesken Aufmerksamkeit gewidmet wird ist besonders verdienstvoll, war es doch auch der systematische Gebrauch der neuen Medien und Massen-Kommunikation, der „rassenhygienischen“ Ideen und der sog. Euthanasie zum Durchbruch verhalfen. „Geläutert“ durch die Kriegsversehrungen verbot es sich letztendlich –so Dederich – Behinderung als Sensation zur Schau zu stellen, sie verschwindet (wenn auch historisch gesehen nicht erst zu diesen Zeitpunkt, aber aus kulturwissenschaftlicher Perspektive nachvollziehbar jetzt endgültig) hinter den Mauern der Sonderinstitutionen.

In einem knappen weiteren Teil lenkt der Verfasser nun die Aufmerksamkeit der Leser darauf, wie „außerordentliche Körper“ in Sprache und literarischen Texten zum Ausdruck kommen: Metaphern von Abweichung und Normbruch werden angesprochen, Bilder von Behinderung in der Kunst reproduziert: Ein historisches Gepäck, das wir in der Sozialisation und mit der Bildung aufnehmen und weiter transportieren. Einerlei ob Schurken und Bösewichte die Verquickung von deformiertem Körper und Geist symbolisieren oder Beschädigte Mitleid erregen, die Hypothek einer Sicht auf Behinderung als Problem wird so grundgelegt und tradiert und findet Eingang in die „Zivilisierung des Menschen“. Einerlei ob Belletristik oder „Hochliteratur“, ob Alltagssprache oder ausgefeilte „Ästhetik“, das aus der Tradition des Abendlandes nicht wegzudenkende „mens sana in corpore sano“ (der gesunde Geist in gesundem Körper) des alten Rom oder „kalon kai agaton“ (das Schöne, das auch das Gute ist) der Griechen, behält seine kulturelle Wirkkraft ungebrochen und wird auf die neuzeitliche Deutung und Herausbildung einer Individualität transformiert. Außerordentliche Körper widersetzen sich der Einpassung in das Alltägliche, sie bedrohen als Stolperstein und Sprengsatz Normalität.

3. „Konstruktionen“

Dem Konstrukt der Normalität wendet sich Dederich schließlich in seinem dritten Teil seines Einführungswerkes zu, den er „Konstruktionen“ überschreibt. Es geht um die Allgegenwart von Normen und Normalitätsvorstellungen, deren Zielsetzung und Wirkung, d.h. es geht um Macht und Handlungsmaximen, eine vermeintliche Natürlichkeit des Normalen, die Abweichende auf verlorene Posten verweist. Dederich klärt auf, wie Mitte und Durchschnitt immer aufs Neue erzeugt werden soll und wird, und wie ethische, rechtliche und soziale Normen die Selbstregulierung der Subjekte auf ein Mittelmaß hin vorantreiben. Die Kehrseite ist jedoch, dass Normalität grundsätzlich nicht denkbar ist ohne den Preis des Gegenpols: Paare wie normal versus behindert und gesund versus krank haben hier ihren systematischen Ursprung, der auf hohe Zustimmung stößt. An den Rändern etabliert sich ein Sog der Selbstnormalisierung (Adaptation) oder Selbstregulierung (z.B. über Pränataldiagnostik) der Individuen, solange Homogenisierung der Gesellschaft als etabliertes Ziel gilt. Dem wird als Kontrast eine neue gesellschaftliche Aufgabe entgegengestellt: Lernen mit Verschiedenheit umzugehen! Gewendet auf die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung lässt sich daraus ableiten, dass nicht mehr Integration im Sinne eines Einfügens in eine Gesellschaft intendiert sein kann, sondern die Inklusion als Zugehörigkeit bei Verschiedenheit das Ziel ist. Damit muss – so ein zentrales Argument, das ausführlich dargelegt wird – eine neue Sichtweise auf Leiblichkeit entwickelt werden. Der individuell erfahrene Leib und der als kulturelle Produktion enttarnte behinderte Körper sind eigens zu reflektieren. Die Disability Studies stehen dafür, ein Konzept der „Schädigung“ wie es lange auch durch die WHO transportiert wurde (ICIDH), nicht unhinterfragt hinzunehmen. Die Anstrengung muss unternommen werden – so wird ausführlich begründet –, einer Kultur der Vielfalt und des gelingenden Umgangs mit ihr zum Durchbruch zu verhelfen. Dazu gehört, eine neue Bedeutung der Expertise des Betroffen Seins zu akzeptieren; die erfahrene Wirklichkeit eines Subjekts in der Welt muss Relevanz gewinnen gegenüber einer definierten Lebensqualität, die sich aus messbaren Tatbeständen physischer und psychischer Differenzen ergibt. Eigen-Sinn (im Sinne des individuell empfundenen Leibes, seiner Deutung und Erfahrung in der Lebenswelt) wird maßgeblich in den Disability Studies. Das ist relevant gegenüber Minimal-, Durchschnitts- oder Idealnormen und gilt unabhängig von und trotz Schädigungen und Schmerz, die weder beschönigt werden können, noch als Verkörperung des Lebensvollzugs auszuklammern sind. Die scheinbare Selbstverständlichkeit, mit der Behinderung und geminderte Lebensqualität verbunden werden, wird so grundlegend in Frage gestellt zugunsten einer Perspektive, die auf die Allgemeinheit menschlicher Verletzbarkeit verweist.

Fazit

Wo der Autor steht, bleibt dem Leser weitgehend verborgen. (Am ehesten scheint er Position zu beziehen im kulturethisch ausgerichteten abschließenden Diskurs zu Biowissenschaft und Biomedizin). Er verbietet sich einen (modischen) Kulturpessimismus, sondern ruft Zeugen auf wie Baumann, Berger & Luckmann, Dörner, Elias, Foucault, Goffman, Horkheimer & Adorno, Link, Plessner, Simmel, Sontag, Weber, Weizsäcker, um einen sozial-ethischen Wissenschaftsdiskurs zur Akkreditierung seiner Thesen ins Spiel zu bringen. Zugleich bahnt er einen Zugang zu den angloamerikanischen und wenigen deutschsprachigen Protagonisten der Disability Studies. Dem Anspruch der wissenschaftlichen Buchreihe Disability Studies: Körper – Macht – Differenz genügt er in vollem Umfang. Sie will „Behinderung“ als historische, soziale und kulturelle Konstruktion darlegen und für Fachleute aus der Medizin, Pädagogik und Rehabilitation eröffnen. Scheinbar Selbstverständliches wie Normalität und Abweichung, Gesundheit und Krankheit, körperliche Unversehrtheit und individuelle Identität sollen in neuem Licht betrachtet werden können. Wie in einem Kaleidoskop bietet Dederich verschiedene Blickweisen und Blickrichtungen auf Behindert Sein- und Werden in der Gesellschaft. In seinem vom Geist des inklusiven Denkens, Zutrauens und Anerkennens von Verschiedenheit getragenen, facetten- und materialreichen Werk zu den „Disability Studies“ bietet der Dortmunder Rehabilitationstheoretiker sowohl den „Einsteigern“ in dieses Wissenschaftsfeld Starthilfe und Grundorientierung, als auch den „Profis“ reichhaltig Anregung und Stoff zum Weiterdenken und –forschen. Anders als die „DS“-Puristen weist er auf die traditionellen historisch, soziologisch, erkenntnistheoretisch und ethisch gespeisten Quellen, die in die Theorie der Behindertenpädagogik Eingang gefunden haben, hin und eröffnet damit den Brückenschlag zu etablierten Fachwissenschaften, aber auch die Entwicklungsrichtung für sie. Disability Studies können – so die Botschaft – als kritische Instanz und Dialogpartner Behindertenpädagogik bewegen, zur Reflexion anregen und zur (Be-)Achtung der Komplexität ihres „Gegenstandes“ anhalten.

Dederichs Apell für Respekt und Achtsamkeit gegenüber Verschiedenheit beschreibt eine Aufgabe, der sich Fachleute der etablierten Sozial- und Kulturwissenschaften ebenso wie Protagonisten der etablierten Menschenwissenschaften nicht verschließen sollen. Ihnen allen sei das Buch zur Lektüre ans Herz gelegt, als Denkrichtung kulturellen Wandels und Anregung der Verständigung mit Menschen mit Behinderung als Subjekten ihres Lebens!


Rezensentin
Prof. Dr. Elisabeth Wacker
Technische Universität Dortmund, Fakultät Rehabilitationswissenschaften, Rehabilitationssoziologie
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Zitiervorschlag
Elisabeth Wacker. Rezension vom 16.11.2009 zu: Markus Dederich: Körper, Kultur und Behinderung. transcript (Bielefeld) 2007. 206 Seiten. ISBN 978-3-89942-641-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5410.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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