Ulrike Hormel: Diskriminierung in der Einwanderungsgesellschaft
Ulrike Hormel: Diskriminierung in der Einwanderungsgesellschaft. Begründungsprobleme pädagogischer Strategien und Konzepte. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 276 Seiten. ISBN 978-3-531-15574-6. 34,90 EUR.
Die Kategorie Diskriminierung
Die Autorin versucht, die Kategorie Diskriminierung sozialwissenschaftlich zu entschlüsseln und tut dies am Beispiel der Einwanderungsgesellschaft, in der Diskriminierung von EinwanderInnen ständig beklagt und praktiziert wird. Das Thema ist spätestens seit PISA, aber auch angesichts der demographischen Veränderungen von höchster Brisanz. Die Autorin untersucht pädagogische, psychologische und soziologische Theorien darauf hin, ob und wie sie Diskriminierungspraktiken analysieren und ob die Erklärungskraft der Theorien ausreicht, um Diskriminierung adäquat zu analysieren. Schon aus Eigeninteresse muss der "deutschen" Gesellschaft an einer Beantwortung dieser Fragen gelegen sein – sie kann es sich nicht mehr leisten, eine hohe Anzahl von SchülerInnen ohne oder mit Hauptschulabschluss ohne jegliche berufliche Chance zu lassen und damit von Anfang an von staatlicher Unterstützung abhängig zu machen.
Entstehungshintergrund und Autorin
Ulrike Hormel hat für dieses Buch ihre Dissertation an der Pädagogischen Hochschule Freiburg überarbeitet. Laut Klappentext ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialwissenschaften dieser Hochschule.
Aufbau und Inhalt
Im ersten Teil analysiert Hormel die sozialpsychologische Vorurteilsforschung, deren Ergebnisse in Wissenschaft und Politik häufig unbesehen übernommen werden. Dies, so weist sie nach, ist ein Fehler. Ausgeblendet wird dabei, dass Gruppen, auf die Vorurteile projiziert werden, schon vorgängig in einem gesellschaftlichen Definitionsprozess zu Gruppierungen mit bestimmten Zuschreibungen konstituiert werden, die von der Vorurteilsforschung dann als real existent analysiert werden. Außerdem lassen sich diskriminierende Handlungen nicht aus Vorurteilen ableiten, und umgekehrt führen Vorurteile nicht unbedingt zu diskriminierenden Handlungen. Möglich ist allerdings eine Verstärkung von Vorurteilen durch Diskriminierung und umgekehrt.
Während
Vorurteile und Stereotypen zumeist individuell dingfest zu machen sind, gibt es
auch eine institutionelle
Diskriminierung, der das zweite Kapitel gewidmet ist. Wiederum macht Hormel einen Fächer der
unterschiedlichen theoretischen Ansätze auf. Eine sehr interessante
Unterscheidung trifft sie, indem sie die Ausländergesetzgebung "nicht als
Ausdruck eines institutionellen Rassismus, sondern vielmehr als Effekt einer
für nationalstaatliche verfasste Gesellschaften konstitutiven folgenreichen
Unterscheidung von Staatsbürgern und Nicht-Staatsbürgern" definiert.
In
ihrer Analyse empirischer Daten macht sie deutlich, dass der common sense und
Medienrummel trügerische Konstruktionen befördern. So bilden nicht die
MigrantInnen aus der Türkei die Mehrheit, sondern jene aus Osteuropa. So sind
nicht die Kinder mit türkischem Migrationshintergrund die problematischste
Gruppe im Hinblick auf den Schulerfolg, sondern diejenigen mit italienischem
tun es ihnen zumindest gleich. Insbesondere wird in diesem Kapitel deutlich,
wie schwer es ist, zu unterscheiden, ob der fehlende Bildungserfolg von Kindern
mit Migrationshintergrund mit der Migration oder mit dem sozioökonomischen
Status zu erklären ist. Da die Mehrheit der Kinder mit schwächeren schulischen
Leistungen den unteren sozialen Schichten angehört, ist es vermutlich
verhängnisvoll, ihre Schulergebnisse der Migration (allein) zuzuschreiben. Zur
Differenzierung der empirischen Ergebnisse trägt auch der Hinweis auf die
unterschiedlichen Schulerfolge in den einzelnen Bundesländern bei, wobei es
große regionale Unterschiede gibt.
Die institutionelle
Diskriminierung durch das Schulsystem wird in mehreren Punkten dargestellt.
Hier taucht Hormel zunächst
Ergebnisse der PISA-Studie in ein neues Licht. Während dort die
Diskriminierungsfunktion der Schule verschwiegen bzw. geradezu geleugnet wird,
weist Hormel anhand einer
Differenzialanalyse nach, wie stark Diskriminierung bei z.B.
Übergangsempfehlungen zu Buche schlägt.
Hier werden Kinder mit Migrationshintergrund (aber auch solche ohne)
direkt diskriminiert, vermutlich – aber dieser Zusammenhang ist noch
nicht erforscht – auch aufgrund der Schichtzugehörigkeit. Aber Schule
diskriminiert auch indirekt. Eine
indirekte Diskriminierung liegt dann vor, wenn Ungleiches gleich behandelt wird,
d.h. z. B. wenn Kinder mit Sprachdefiziten genauso bewertet werden wie solche,
die in Deutschland in deutsch sprechenden Familien aufwachsen. Solche Defizite
werden dann häufig als "Entwicklungsverzögerungen" umgedeutet, um die
Überweisung auf eine Sonderschule zu legitimieren. Die Verschränkung von direkter
und indirekter Diskriminierung wird bislang von der Forschung nicht ausreichend
gewürdigt.
Schule
wird von Hormel entsprechend neueren
soziologischen Auffassungen als Organisation verstanden, in der – wie in
anderen Organisationen – die Probleme so konstruiert werden, dass sie zu
den vorhandenen Handlungsroutinen passen. Die Organisation Schule wird dabei
begriffen als ein System von institutionalisierten Deutungsmustern, das der
Legitimitätserzeugung dient und damit Prozessen der Sinnstiftung (117). Dazu
besteht auch aller Grund, denn Schule muss ihre Selektionsfunktion im
dreigliedrigen Schulsystem legitimieren und mit Sinn ausstatten.
EntscheidungsträgerInnen der Schule beziehen sich dabei auf ein
Professionswissen, das nicht unbedingt identisch ist mit den fachlichen
Diskursen, in denen ja Interkulturalität durchaus differenziert behandelt wird.
Das dritte Kapitel befasst sich mit asymmetrischen Gruppenbeziehungen und Diskriminierung. Hier entfaltet die Autorin wiederum den Fächer unterschiedlicher Theorien und fasst die Ergebnisse ihrer Analyse im vierten Kapitel zusammen. Entscheidende Ergebnisse sind, dass Ethnizität bzw. "race relations" als Konstrukte von Menschen gesehen werden, die sich bestimmten Gruppen zugehörig fühlen und daraus Über- bzw. Unterlegenheitsgefühle ableiten. Insofern handelt es sich nicht um eine soziologische Strukturkategorie. Theorien sozialer Ungleichheit haben diese wie andere Unterscheidungsmerkmale bislang nicht zufrieden stellend integriert, sie erscheinen als Randthemen. Gefordert wird eine Makro-Analyse, die Ungleichheitsforschung und die Kategorien Geschlecht, Klasse und Ethnizität integriert .
Dies kann jedoch nur gelingen, wenn die politischen Grundlage der Unterscheidungen, nämlich Staatsbürgerschaft und Nationalitätskonstruktionen mit in den Blick genommen werden, was Hormel im fünften Kapitel unternimmt. Hier wird kritisiert, dass die Vorgaben für Diskriminierungen von der Konstruktion des Nationalstaates abhängen, der eine homogene Gruppe, genannt Volk oder Nation, imaginiert, die sich von den anderen absetzt. Der Antidiskriminierungsdiskurs tabuisiert aber diese entscheidende Komponente für Exklusion bzw. thematisiert sie nur im Hinblick auf Gleichbehandlung von Angehörigen einer Nation. Damit wird der wesentliche Faktor für die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft, nämlich das askriptive Merkmal der Staatsbürgerschaft, verschwiegen. Denn erst die Staatsbürgerschaft ermöglicht grundsätzlich und andauernd den legalen Zugang zu Recht, Ökonomie, Bildung und Gesundheitsversorgung in einem Staat. Zwar gibt es Theorien zur Staatsangehörigkeit, die dies thematisieren, sie sind jedoch nicht verknüpft mit dem Diskurs über soziale Ungleichheit.
Im letzten Teil bietet Hormel eine Zusammenfassung der Ergebnisse ihrer Studie, holt aber gleichzeitig nochmal zum Rundumschlag aus – da bleibt kein Auge trocken. Als Ergebnis formuliert sie, dass Diskriminierung als soziologische Kategorie mit den Theorien zur Ungleichheit, mit der Vorurteilsforschung etc. verknüpft werden müsse. Dabei wäre die "Konstitutionslogik" von Diskriminierungsprozessen (also: Wie werden Merkmale von Menschen so konstruiert, dass sich Gruppen ergeben, die diskriminiert werden können?) ebenso zur berücksichtigen wie die interaktionellen, institutionellen und strukturellen Diskriminierungsprozesse selbst. Sie entlarvt – nochmals zusammenfassend – die Kategorie Ethnizität im Diversity-Diskurs als Re-Biologisierung von Differenz und als Reifikation sozialer Klassifikationen. Daneben stellt sie diesen Diskurs in den Kontext des Interesses, "Vielfalt" als ökonomische Ressource zu nutzen. Organisationen werden in diesem Schlusskapitel explizit als Exklusions- und Inklusionsinstanzen bezeichnet, und zwar nach außen wie nach innen. Dadurch erst wird soziale Ungleichheit hergestellt und stabilisiert. Von daher sind die Mechanismen von und in Organisationen von höchster Brisanz zur Erklärung, zumindest aber Beschreibung von Diskriminierung.
Fazit
Faszinierend an der Arbeit ist, dass Hormel einen großen Teil der Urteile, mit denen wir für gewöhnlich Diskriminierung wahrnehmen und einordnen, als Ausfluss von Theorien beschreibt, die im Hinblick auf das Phänomen Diskriminierung keine ausreichenden Erklärungen liefern. Ferner werden bisherige Interpretationen von empirischen Ergebnissen auf ihre Haltbarkeit überprüft und es kommt zu überraschend neuen Deutungen. Bedeutend ist der Versuch der Autorin, getrennt voneinander laufende wissenschaftliche Diskurse über das Thema Diskriminierung zueinander in Beziehung zu setzen. Dies ist eine echte Bereicherung der ansonsten häufig blauäugigen, weil auf ihre Spezialisierung setzenden scientific community, die selbst häufig in einem Mainstream von sich wiederholenden Begriffen, Theoremen und auch Meinungen schwimmt.
Insofern hat das Buch einen hohen Wert für jede/n, der/die sich auf einer theoretischen Ebene von Verallgemeinerungen und Vorurteilen frei machen möchte und auch für alle, die auf der Suche nach differenzierten Analysen empirischer Ergebnisse sind.
Leider bedient sich die Autorin eines schwer erträglichen akademischen Sprachduktus, der es auch einer wohlmeinenden Leserin schwer macht, ihren Überlegungen zu folgen. Angesichts der Bedeutung dieser Untersuchung für die Pädagogik und die Bildungs- und Sozialpolitik wäre eine verständlichere Version des Buches zu wünschen.
Rezensentin
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und ist heute Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de. Außerdem leitet sie systemische Aufstellungen.
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Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 23.10.2008 zu: Ulrike Hormel: Diskriminierung in der Einwanderungsgesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 276 Seiten. ISBN 978-3-531-15574-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5458.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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