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Melanie Mengel: Familienbildung mit benachteiligten Adressaten

Cover Melanie Mengel: Familienbildung mit benachteiligten Adressaten. Eine Betrachtung aus andragogischer Perspektiv. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 135 Seiten. ISBN 978-3-531-15614-9. 22,90 EUR.

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Thema

Familienbildung ist ein aktuelles Thema, das Interesse weckt, da einerseits vermehrt von "sozialer Vererbung" - damit ist die Bedeutung der Familie hinsichtlich der Bildungsbiografien von Kindern gemeint - und andererseits von steigender Kinder- und Jugendarmut die Rede ist. Diese beiden Aspekte zeigen soziale Ungleichheit auf und daher wird gefordert, benachteiligte Familien vermehrt in Angebote der Familienbildung zu integrieren.

Familienbildung ist sowohl ein Teilbereich der Erwachsenenbildung als auch - in Deutschland - eine gesetzliche Leistung der Jugendhilfe und setzt je nach Bereich unterschiedliche Arbeitsschwerpunkte. Sie wird in diesem Kontext als übergreifendes Konzept, mit unterschiedlichen Arbeitsansätzen gesehen und schließt innere und äußere Belange des Familienlebens mit ein. Der Fokus liegt dabei auf Lern- und Bildungsprozessen von Eltern.

Die Autorin bezieht in ihrem Werk soziologische, pädagogische und andragogische Perspektiven der Familienbildung aufeinander und formuliert Familie, Bildung und soziale Lage als grobe Themenbereiche.

Kap. 2 "Familienbildung: Allgemeine Darstellung unter spezifischer Berücksichtigung benachteiligter Adressaten"

Begonnen bei Erziehungsliteratur des 17. Jahrhunderts, zur institutionalisierten Form der Mütterschulen zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu den strukturellen und demografischen Veränderungen der modernen Gesellschaft wird die Rolle und die historische Entwicklung der Familienbildung skizziert. Mengel betont, dass gesellschaftliche Veränderungen alle Eltern betreffen, hohe Ansprüche an Eltern gestellt werden und tradiertes Wissen nur mehr beschränkt anwendbar ist. Weiters steht den Familien je nach sozialer Lage unterschiedliche Ressourcen zur Bewältigung ihrer Aufgaben zur Verfügung. Familienbildung ist somit eine Notwendigkeit.

Wie oben schon erwähnt, besteht in Deutschland für diesen Bereich eine doppelte Zuständigkeit und damit sind inhaltliche (Unschärfe) und strukturelle (z.B. Finanzierung) Besonderheiten gegeben, die sowohl als Vorteile als auch als Schwächen gesehen werden können.

Weiterführend wird die heterogene Landschaft der Träger und Einrichtungen der Eltern- und Familienbildung dargelegt, die durch ihre Pluralisierung möglichst vielen Familien Zugang an Unterstützung bieten kann. Sie unterscheiden sich durch ihre konzeptionelle Ausrichtung, Grad der Spezialisierung und ihren Angeboten. In der Zusammenschau von zwei Untersuchungen und einer regionalen Erhebung werden Angebote und Nutzung der Einrichtungen – damit auch Nutzungsmotive inkludiert - und die finanzielle und personelle Ausstattung dargestellt.

In einer telefonischen Kurzbefragung wurde weiters das spezielle Angebot für benachteiligte und bildungsferne Eltern in Bayern erhoben. Als vorrangige Zielgruppen – falls überhaupt spezielle Angebote geboten werden - wurden Familien mit Migrationshintergrund und Alleinerziehende genannt.

Kap. 3 "Die Perspektive der Adressaten"

Benachteiligung wird hier in mehreren Dimensionen eingeteilt, die auch für eine bedarfsgerechte Familienbildung von Relevanz sein können: Materielle Dimension (Erwerbstätigkeit, Wohnverhältnisse, Verschuldung,…), Kulturelle Dimension (Alltagskompetenzen, Bildung,…), Soziale Dimension (soziales Netz, soziale Kompetenzen,…), Familiale Dimension (Familienklima, Lebensform,…), Physische und psychische Dimension (Gesundheitszustand, subjektives Wohlbefinden,…);

Die einzelnen Bereiche wirken untereinander sowohl positiv (abmildernd) als auch negativ (verschärfend) auf die Gesamtsituation ein und lassen eine Vielfältigkeit von Lebenssituationen erahnen. Inhalte der Familienbildung können somit oben genannte Dimensionen erfassen und so z.B. Zugang in soziale Netze fördern, …

Familienbildung kann zwar Armut und Benachteiligung nicht beseitigen, jedoch innere und äußere Ressourcen der Menschen erschließen und so beim familiären Zusammenleben unterstützend wirken.

Eine repräsentative Elternbefragung beinhaltet die Bewertung von Familienbildung nach dem Bildungsstand und kann so einen Einblick auf das Interesse von Eltern geben. Dabei wurde festgestellt, dass die Erziehung als Privatangelegenheit betrachtet wird und Lösungsstrategien ebenfalls vorwiegend im privaten Raum entwickelt werden. Es sind Einrichtungen gefragt, die über einen nicht abwertenden Zugang verfügen, da die Inanspruchnahme von Hilfeleistungen als Versagen empfunden wird.

Weiters wird aufgezeigt, dass ein Zusammenhang zwischen Weiterbildungsverhalten und Schulbildung vorhanden ist. Demnach ist eine abnehmende Bildungsbeteiligung von Personen die Merkmale sozialer Benachteiligung aufweisen, beobachtbar. Die Autorin beschreibt im darauf folgenden Abschnitt die Gefahr von Defizitzuschreibungen, die mit dem Zielgruppenansatz – ein Konzept der Bildungsarbeit - einhergeht.

Das soziale Milieu hat eine Schlüsselfunktion in Hinblick auf die Weiterbildungsmotivation und das Teilnahmeverhalten, belegen die Ergebnisse einer Sozialforschung. Negative Schul- und Lernerfahrungen, die hohe Bedeutung von Lebenserfahrung, das diffuse oder latente Lern- und Bildungsinteressen, die ambivalente Bewertung von unterschiedlichen Lernformen und die Rolle der TrainerInnen und der Institution spielen eine bedeutsame Rolle in der Familienbildung.

Kap. 4 "Lern- und Bildungskonzepte für eine Familienbildung mit benachteiligten Adressaten."

Dieses Kapitel legt den Schwerpunkt auf die Lern- und Bildungsprozesse von Erwachsenen. Besondere Bedeutung im Erwachsenenalter hat das Lernen im Alltag. Die Lebenswelt ist ebenfalls von Relevanz, da diese Identität und Zugehörigkeit, die Themen und die Lernbereitschaften mitbestimmen.

Sowohl subjektorientierte als auch lebensweltliche Ansätze können der Familienbildung mit benachteiligten Adressaten dienlich sein. Folgend werden solche Beispiele vorgestellt, wie: Schaffung sozialer Räume, aufsuchen alltäglicher Orte, koordinierte und vernetzte Vorgehen in der Armutsprävention, etc. Erfolgreiche Bildungsangebote zeichnen sich aus indem sie bislang getrennte Bereiche wie z.B. Kindererziehung und Themen des Alltags, professionelle Unterstützung und Elternselbsthilfe, verbinden.

Kap. 5 "Schlussbetrachtung und zukünftige Handlungsfelder"

Mengel fasst zusammen, dass die momentane Angebotsstruktur vorrangig für Eltern aus mittleren sozialen Milieus ansprechend ist. Die doppelte Identität der Familienbildung - so aktuelle Bestandsaufnahmen - trägt zur Unterrepräsentanz von benachteiligten Familien bei. Die strukturelle Absicherung von Familienbildung mit benachteiligten Adressaten, Ausbau der Forschung zu einer Wissenschaft der Familienbildung (inklusive einer integrativen Theoriebildung und Schwerpunktsetzung auf die Adressatenforschung) und die Professionalisierung der in der Praxis Tätigen stellen sich als zukünftige Handlungsfelder der Familienbildung dar.

Zielgruppen

Haupt- und Ehrenamtliche ErwachsenenbildnerInnen und TrainerInnen diverser Bildungseinrichtungen, SozialarbeiterInnen, SozialpädagogInnen, PädagogInnen, SozialwissenschaftlerInnen, oder auch PolitikerInnen unterschiedlicher Ressorts…

Diskussion

Obwohl Daten aus Deutschland die Ausgangslage bilden, denke ich, dass dennoch eine gewisse Vergleichbarkeit mit der Lage der Familienbildung in Österreich oder anderen europäischen Ländern gegeben ist. Ich halte diese Literatur für brauchbar, um Familienbildung zu thematisieren, sich einen ersten umfassenden Einblick zu verschaffen und um die Weiterentwicklung zu forcieren. Grundlagen, Schwierigkeiten und Handlungsansätze werden anhand von Studien, Befragungen und Best-Practice-Beispielen vorgestellt und ermöglichen so, ein breites Bild von zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb der Familienbildung zu erhalten.

Bezüglich Lesbarkeit beschreibe ich dieses Werk als durchschnittlich fordernd.

Fazit

Für mich persönlich wurde durch dieses Buch ein bisher eher unbekanntes Feld erschlossen und machte mir die Notwendigkeit von Familienbildung klarer. Nicht zuletzt wird die (Sozial)politik gefordert sein, die offensichtlichen unterschiedlichen Ausgangs- und Zugangsvoraussetzungen zu prüfen und zu entschärfen.


Rezensentin
Martina Halbartschlager
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Zitiervorschlag
Martina Halbartschlager. Rezension vom 08.04.2008 zu: Melanie Mengel: Familienbildung mit benachteiligten Adressaten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 135 Seiten. ISBN 978-3-531-15614-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5459.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.


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