Timo Ackermann: Fallstricke sozialer Arbeit
Timo Ackermann: Fallstricke sozialer Arbeit. Systemtheoretische, psychoanalytische und marxistische Perspektiven. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2007. 131 Seiten. ISBN 978-3-89670-387-3. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 30,00 sFr.
Reihe: Soziale Arbeit.
Thema
Timo Ackermann legt seine überarbeitete Diplomarbeit vor. Mit ihr soll ein Beitrag zu der Frage geleistet werden, welche Mechanismen die Soziale Arbeit daran hindern, ihrer normativen Funktion nachzukommen? Zur Beantwortung dieser Fragestellung sollen drei der einflussreichsten Theorien unseres Kulturkreises herangezogen werden: Marxismus, Psychoanalyse und Systemtheorie.
Ein kühnes Unterfangen! Nach dem Studium besteht sowohl das Recht als auch die Pflicht, einen neuen, unverstellten Blick auf bekannte Fragen und Theorien zu werfen. Dem Autor gehört also eine gute Portion Vortrauensvorschuss und Sympathie. Sein Ziel ist: ‚Die enormen Begriffsapparate’ zu nutzen, um der leitenden Fragestellung: „…welche Fallstricke Sozialer Arbeit sich beschreiben lassen“ (S. 10) nachzugehen. Die Hypothese lautet: „…, dass hinter der helfenden Fassade Sozialer Arbeit Mechanismen, Interessen, Automatismen und Funktionsweisen, jedenfalls Faktoren wirken, die Störungen entfachen und sich schließlich als Fallstricke im Prozess sozialarbeiterischer Hilfe offenbaren“ (S. 8).
Aufbau und Inhalt
Die Arbeit beginnt mit einer Definition der normativen Funktion Sozialer Arbeit. Im ersten Kapitel bestimmt Ackermann diese als Hilfe zur Selbsthilfe. Seine These ist, dass die gesellschaftlichen und systeminternen Funktionen der Sozialen Arbeit der normativen Funktion direkt entgegenstehen können (S. 15). Im selben Kapitel wird auch eine Hilfedefinition vorgelegt. Sie geht von der Struktur aus, dass Hilfe eine Intervention sei, die jemanden in eine Situation bringt „von der aus diese Partei ihre Probleme wieder selber lösen kann“. „Hilfe kann nur bedeuten, dass derjenige, der die Hilfe akzeptiert, in die Lage versetzt wird, sich selbst zu helfen“ (S. 16).
In Kapitel 2 wird zur Untermauerung der Leitthese eine systemtheoretische Perspektive eingenommen und vor diesem Hintergrund Soziale Arbeit als autopoietisches Funktionssystem der Gesellschaft bestimmt. Die Fragerichtung ist: „…was die Soziale Arbeit an der Erfüllung ihrer normativen Funktion – Hilfe zur Selbsthilfe – hindert“ (S. 18). Das Grundmuster des Buches wird im zweiten Kapitel deutlich. Zunächst wird in der Einleitung die These vorgestellt, im nächsten Textabschnitt die Theorie, hier die Systemtheorie, und im dritten der Zusammenhang zur Sozialen Arbeit dargestellt. Die Eingangsthese lautet: Soziale Arbeit enthält Mechanismen des Selbsterhalts, die der Hilfe zur Selbsthilfe entgegenstehen (S. 35). Um sie zu belegen, stellt Ackermann die Soziale Arbeit als autopoietisches System vor und verkürzt ihre Beziehungen auf die Bindung an ihre Klienten (S. 43). Bei diesen muss sie dann Hilfsbedürftigkeit feststellen. Um die These zu stützen, greift der Autor auf den Artikel von Becker (1994) zurück, indem er dessen Verdachtsmomente gegenüber der Sozialen Arbeit darstellt. Die Erweiterung durch Ackermann besteht darin, dass er sich Fuchs/Schneider anschließt, die darauf hinweisen, dass die Soziale Arbeit den Code gleich/ungleich dazu nutzt, um immer wieder neues Klientel identifizieren zu können. Die folgenden Überschriften ordnen die „Verdachtsmomente“ gegenüber der Sozialen Arbeit zum Abschluss des Kapitels:
- Stigmatisierung durch Hilfe,
- Eigenzustände der Gesellschaft erhalten,
- Kriterien neu definieren,
- Die Differenz gleich/ungleich als Themengenerator.
Nach dem 1. Kapitel wird ein Grundproblem des Buches deutlich. Es wird kein Raum für eine Diskussion der herangezogenen Ansätze gegeben. Die Beiträge von Becker oder Fuchs/Schneider werden nicht geprüft. Zum Beispiel wird die positive Konsequenz der „haltlosen Differenz Gleichheit/Ungleichheit“ für die Adressaten nicht diskutiert. Die Funktionssysteme Medizin, Justiz oder Politik sind ebenso auf einer jeweils haltlosen Differenz aufgebaut. Mit welchen Strukturen und Diskursen in der Sozialen Arbeit Gegen- und Reflexionspotenziale aufgebaut sind oder aufgebaut werden müssen, wird nicht diskutiert. Die herangezogenen Veröffentlichungen werden 1:1 als Belege verwandt und nicht hinterfragt. Die generelle und pauschale Kritik an den gewählten Theorieansätzen zum Schluss des Buches verfehlt die logische Ebene der ausgewählten Literaturbelege im Text und bleibt daher äußerlich.
Die zweite theoretische Perspektive ist die der Psychoanalyse. Mit ihrer Hilfe soll belegt werden, dass Helfer durch innerpsychische Prozesse maßgeblich beeinflusst werden, die normativen Funktionen der Sozialen Arbeit zu blockieren und so zu Fallstricken im Prozess der Hilfe werden (S. 48). Dazu wird wiederum eine Einführung in die Psychoanalyse geboten und im dritten Abschnitt auf der Basis von Schmidbauers Veröffentlichung zum Helfersyndrom „Hilflose Helfer“ (1977) die Ausgangsthese erhärtet. Im Gegensatz zu Schmidtbauer möchte Ackermann aber nicht am Konzept der narzisstischen Kränkung anknüpfen, sondern an dem der Übertragung. Hier nutzt er Riemanns (1959) vorgelegte Überlegungen zur Handhabung der Gegenübertragung. Zum Schluss dieses Theorieabschnittes nimmt Ackermann an, „dass der Helfer in der Stärke der Übertragung versucht sein wird, seine Klienten an sich zu binden“ (S. 77). Als Fallstrick wird präsentiert, dass Sozialarbeiter versucht sind, Situationen herzustellen, in denen die Hilfe weiter notwendig oder jedenfalls plausibel ist.
Als dritte Theorieperspektive wird die marxistische eingenommen – mit der Grundlinie, Soziale Arbeit sei als Reproduktionsinstanz kapitalistischer Verhältnisse zu verstehen. Zunächst wird nach bekanntem Muster eine These formuliert: „dass die Soziale Arbeit bei der Ausübung ihrer primären Funktion – der Reproduktion des kapitalistischen Systems – Handlungsweisen entwickelt, die nicht mir ihrer normativen Funktion vereinbar sind“ (S. 80). Auf zehn Seiten wird im Anschluss eine Einführung in die Grundbegriffe marxistischer Gesellschaftsanalyse geliefert. Für die Soziale Arbeit wird der Frage nachgegangen, mit welchen Vorgehensweisen sie dazu beiträgt, die kapitalistische Produktionsweise zu stabilisieren. Dabei wird auf Soziale Arbeit als Instanz zur Sozialisation eingegangen, zur Kompensation kapitalistischer Folgeschäden und zur Vermittlung kapitalistischer Normen. Insbesondere das zweite Unterkapitel, die Soziale Arbeit als Instanz zur Kompensation kapitalistischer Folgeschäden, wird vergleichsweise ausführlich entwickelt. Dabei wird auch auf die Armut in der Bundesrepublik Deutschland eingegangen.
Als Resümee wird erstens eine Zusammenfassung sowie anschließend ein Fazit und Ausblick geboten. Hier heißt es, die Soziale Arbeit sieht sich ‚Verdachtsmomenten und Problematiken gegenüber, die nach Bearbeitung rufen’ (S. 115). „Doch was ist zu tun? Was müsste geschehen, damit sich die Soziale Arbeit von ihren Hindernissen und Blockaden lösen, damit sie Fallstricke umgehen kann?“ (S. 115). Die Antwort: da keine Möglichkeit die Störungen zu überwinden und auszuschalten besteht, muss die Soziale Arbeit „…stets mit ihren Fallstricken einen Umgang finden“ (S. 116). Sie muss akzeptieren, „…dass ihre Profession durch Störungen bestimmt ist, die nicht „einfach“ auszuschalten sind, die also zu der Sozialen Arbeit gehören wie die Hilfe selbst“ (S. 118).
Diskussion
Störungen, Blockaden oder Fallstricke sind Begriffe die negative Bedeutungen haben (es fehlen ihnen positive Gegenbegriffe). Sie sind sehr normlastig. Es fällt schwer, sich Fallstricke und Blockaden abgestuft vorzustellen, ihnen Ambivalenzen zu zuordnen oder sich zur eigenen Beteiligung an ihnen zu bekennen. Als wissenschaftliche Kategorien gehören sie aus guten Gründen nicht zum Inventar. Leider werden nirgends im Text alternative Beschreibungen für die Analyse genutzt.
Das gesamte Design der Untersuchung ist äußerst fragwürdig und wird vom Autor nicht hinreichend reflektiert. Erst legt er eine Funktion fest, anschließend beschreibt er Abweichungen. Die knappe Einführung und Legitimation des Begriffs ‚normative Funktion’ über den Hinweis auf den Sprachgebrauch, Sozialarbeiter sollen „helfen“ (S. 15), blendet die Diskussion über die normativen Funktionen der Sozialen Arbeit eher aus - als dass sie produktiv eingeführt wird oder die Tradition und die aktuelle Diskussion berücksichtigt.
Der Start mit einem eindeutigen Ziel der Sozialen Arbeit und der Verankerung der Analyse in einem Soll/Ist-Vergleich produziert erhebliche logische und praktische Verwicklungen. Werden Beschreibungen, Texte über Soziale Arbeit kritisiert oder wird eine angenommene Wirklichkeit der Sozialen Arbeit kritisiert. Als nicht hinterfragte Annahme gilt, dass Soziale Arbeit etwas nicht schafft was sie aber schaffen müsste. Für die Erklärung dieses Mangelzustandes werden dann drei hochkomplexe Theoriezusammenhänge herangezogen, die wiederum pauschal kritisiert werden. So werden zum Schluss die hergezogenen Theorien und die Soziale Arbeit kritisiert. Das ist bei weitem zuviel.
Als Messpunkt für die Soziale Arbeit „Hilfe zur Selbsthilfe“ als alleinige normative Funktion zu Grunde zu legen, entspricht nicht dem sozialarbeitswissenschaftlichen Stand der Debatte und nicht dem Qualifikationsrahmen Sozialer Arbeit. Außerdem wird kein Bezug zu vielen praktischen Aufgaben genommen: weder z.B. beim Kindeswohl, bei der Altenarbeit, der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen oder Mehrfachbelastungen. Dass das Motto ‚Hilfe zur Selbsthilfe’ zur ideologischen Keule und zum blankem Zynismus werden kann, ist seit längerem bekannt. Der Bezugspunkt soziale Gerechtigkeit, der auch in Beckers Artikel herausragend genannt wird, fehlt völlig. Er ist keineswegs mit einem Hinweis auf angebliche Vorstellungen in der Sozialen Arbeit „…für‚ eine gerechte Welt zu kämpfen’“ abgetan (S. 47). Im Satz von der Hilfe zur Selbsthilfe werden weder die sozialen Verhältnisse noch die sozialen Erfahrungen erwähnt. Und die Arbeitsbedingungen der Helfer auch nicht. Die Konsequenzen dieser Hilfevorstellung werden nicht reflektiert, ihre lineare Logik nirgends aufgebrochen. Ihre praktischen Folgen nicht bedacht. So werden die amerikanischen Erfahrungen ausgeblendet, die zeigen, dass Vorschriften wie die Sozialhilfe auf eine zwei- bis fünfjährige Periode zu beschränken, die Entsorgung der Verantwortung über gesellschaftliche Zusammenhänge wie Arbeitsplatzangebote, Umweltzerstörung, psychische Schäden, usw. forcieren. Die Komplexität des Mottos Hilfe zur Selbsthilfe ist erheblich größer als sie im Text berücksichtigt wird.
Fazit
Das Buch von Timo Ackermann stellt verdichtet ‚Verdachtsmomente’ gegenüber der Sozialen Arbeit aus verschiedenen Theorieperspektiven zusammen. Das ist nützlich und bietet Hinweise für Auseinandersetzungen.
Der Anspruch, auf Fallstricke aufmerksam zu machen, wird vom Autor zum Schluss mit folgenden Hinweisen ergänzt wie Interessen und Zwecke reflektieren, Supervision nutzen. Daran ist nichts neu, originell oder falsch. Problematisch ist die Vorstellung, Soziale Arbeit müsse akzeptieren, durch „Störungen“ bestimmt zu sein (S. 118). Akzeptieren ist eine zwischenmenschliche Kategorie und das Format „Störung“ ist fatal schlicht und irreführend. Die als Ausgangspunkt der Zusammenfassung gewählte Unterscheidung Soziale Arbeit Ja/Nein enthält in ihrer pauschalen Form keine weiterführenden Perspektiven. Wo sind die Anschlüsse an eine demokratische Gesellschaft? Was ist der wissenschaftliche oder praktische Vorteil an die defizitorientierten und negativ besetzten Vorstellungen von Widersprüchen, Blockaden und Fallstricken anzusetzen? Warum gibt es keine Anschlüsse an die Sozialarbeitsliteratur zu den genannten Problemen? Das Design der Untersuchung legt die Soziale Arbeit wieder einmal als durch externe Theorien zu untersuchendes Objekt fest und die Leserschaft als uninformierte. Schade, kein frischer Wind.
Rezensent
Prof. Dr. Wilfried Hosemann
Professor für Sozialarbeit/Sozialpädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Fachbereich Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Wilfried Hosemann. Rezension vom 18.09.2009 zu: Timo Ackermann: Fallstricke sozialer Arbeit. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2007. 131 Seiten. ISBN 978-3-89670-387-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5460.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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