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Stefan Gaitanides: [...] Umgang mit kultureller Vielfalt im Kindergarten

Cover Stefan Gaitanides: "Man müsste mehr voneinander wissen!". Umgang mit kultureller Vielfalt im Kindergarten. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2007. 211 Seiten. ISBN 978-3-936065-95-4. 13,00 EUR.

Schriftenreihe des ISR - Institut für Stadt- und Regionalentwicklung der Fachhochschule Frankfurt am Main - Band 4.
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Thema

Acht leitfadengestützte Interviews mit Erzieherinnen und mehrere Interviews mit einer Kitaleiterin, einer Fachdienstleiterin und verschiedenen Eltern (deutsche Eltern und Eltern mit Migrationshintergrund) bildeten die empirische Basis für die vorliegende Untersuchung zum Umgang mit kultureller Vielfalt im Kindergarten.

Autor

Stefan Gaitanides, Prof. Dr., lehrt an der Fachhochschule Frankfurt a. M. im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Studie ist Teil eines Forschungsprojektes mit dem Titel "Untersuchung zur Entwicklung der Bevölkerungs- und Sozialstruktur Raunheims sowie deren Folgen für die Sozialintegration und die Integration der Kinder sozial benachteiligter und eingewanderter Familien in Kindergärten, Schulen und sozialpädagogische Maßnahmen".

Aufbau

Das Buch ist in drei große Abschnitte aufgeteilt, die sich jeweils in mehrere Unterkapitel ausdifferenzieren. Der erste Teil des Buches stellt eine Zusammenfassung der Ergebnisse dar, die im Hauptteil des Buches – dem zweiten Teil – anhand der gleichen Gliederung vertiefend betrachtet werden. Der dritte Teil des Buches sind Empfehlungen für die Praxis.

I. Ergebnisse

Im ersten Abschnitt werden die Zugangsprobleme von Migranteneltern zu Krippen und Kitas, die ethnische Zusammensetzung und das kommunale Mischungskonzept der Kommune Raunheim betrachtet. Dabei ist u. a. festzustellen, dass kaum Bedarf an Krippenplätzen, aber eine gestiegene Nachfrage nach Kindergartenplätzen besteht.

Bei den familiären Erziehungswerten und –praktiken von Eltern mit Migrationshintergrund fällt eine stärkere Fokussierung der Erziehung auf das soziale Lernen und eine geringere Betonung der Selbständigkeitserziehung im Vergleich zu deutschen Eltern auf.

Die Auswertung der Erwartungen der Eltern an den Kindergarten aus Sicht der Erzieherinnen und aus Sicht der Migranteneltern selbst zeigt eine hohe Übereinstimmung, dass vor allem das Erlernen der deutschen Sprache im Mittelpunkt stehen soll.

Zwischen den Erzieherinnen und den Eltern mit Migrationshintergrund gibt es eine Reihe von Kommunikationsschwierigkeiten, weil z. B. bei Problemen tiefer gehende Gespräche nicht möglich sind. Insgesamt macht der Autor einen starken Fortbildungsbedarf bezüglich des Umgangs mit anderskulturellen Praktiken bei Erzieherinnen aus. Interkulturelle Fortbildungen haben Erzieherinnen noch nicht besucht.

Die Elternbeteiligung am Kindergarten ist bei Migranteneltern geringer als bei anderen Eltern, dies kann zum einen an einer falschen Wahrnehmung durch die Erzieherinnen, die Vorurteile haben, an Sprachproblemen und an der kulturellen Abschottung der Familien liegen.

Die befragten Erzieherinnen wünschen sich mehr Anerkennung ihres Berufsstandes und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

II. Auswertung, Interpretation und Kommentierung der Interviews

Nach der Zusammenfassung der Ergebnisse im ersten Teil erfolgt nun die detaillierte Auswertung der Ergebnisse mit Bezug auf die Interviews in der Stadt Raunheim. Es werden konkrete Textstellen zitiert und in Form von Kommentaren Bezüge zur Fachliteratur hergestellt, um die Schlussfolgerungen zu untermauern.

Da ich einige Ergebnisse schon im ersten Teil benannt habe, an dieser Stelle die Gliederung des Teils II, damit deutlich wird, worüber Aussagen getroffen werden:

  1. Zugangsprobleme von Migranten zu Krippen und Kindertagesstätten
  2. Ethnische und soziale Zusammensetzung der Kindergarten-Kinder
  3. Kommunales Mischungskonzept und Erfahrungen damit
  4. Familiäre Erziehungswerte und –praktiken von Eltern mit Migrationshintergrund
  5. Aufgaben und pädagogische Ziele des Kindergartens aus Sicht der Erzieherinnen und der Migranteneltern
  6. Interaktionsbeziehungen zwischen Erzieherinnen und Eltern mit Migrationshintergrund (auch im Vergleich zu deutschen Eltern)
  7. Spannungen und Konflikte zwischen Eltern und Erzieherinnen
  8. Umgang mit Konflikten
  9. Elternbeteiligung am Kindergarten, Elternabende, Feste
  10. Interkulturelle Öffnung des Kindergartens
  11. Beispiele gelungener interkultureller Abstimmung aus Sicht der Erzieherinnen
  12. Die dringlichsten Wünsche der Erzieherinnen an die Eltern, das Team, den Träger, an die institutionellen Rahmenbedingungen

III. Maßnahmen-Empfehlungen

Die vorgeschlagenen Maßnahmen zielen auf die konkrete Situation der Kommune Raunheim. Sie sind aber auch auf andere Gebiete anwendbar.

Als erste Maßnahme wird die Entwicklung eines interkulturell geöffneten Krippenangebotes vorgeschlagen. Ein weiterer Vorschlag zielt auf die Beibehaltung und Modifizierung des kommunalen Mischungskonzepts. Außerdem sollte die Einführung der Migranteneltern in den Kindergarten verbessert werden.

Der Autor problematisiert, dass sich viele Migranteneltern in ihrer Erziehung an traditionalen Mustern orientieren, was eine unzureichende Vorbereitung auf das deutsche Bildungs- und Ausbildungssystem zur Folge hat. Die Erziehungskompetenz sollte durch Elternbildung gestärkt werden. Die britischen Early-Excellence-Centres könnten dabei ein Vorbild sein.

Um die interethischen Freizeitkontakte zu fördern, wird vorgeschlagen, die Begegnungsmöglichkeiten zwischen Eltern mit und ohne Migrationshintergrund auszubauen. Ein Bündel von Maßnahmen ist nötig, um die sprachliche Verständigung mit den Eltern zu verbessern. Durch den Erwerb interkultureller Kompetenz könnten latente Spannungen und manifeste Konflikte zwischen Erzieherinnen und Eltern abgebaut werden. Die Verbesserung der Partizipationschancen der Migranten ist dabei ebenso wichtig.

Eine gezieltere Sprachförderung in den Kindergärten käme allen Kindern zugute, deshalb ist es nötig, die tagtägliche beiläufige Sprachförderungspraxis der Erzieherinnen zu qualifizieren und in die individuelle Förderung von Deutsch als Zweitsprache zu investieren.

Weitere vorgeschlagene Maßnahmen sind: mehrsprachige Erziehung, Einstellung von Mitarbeiterinnen mit Migrationshintergrund und die Konzept- und Qualitätsentwicklung in den Kindergärten. 

Literaturverzeichnis und Anhang. Im Anhang wird das Projekt "Rucksack" beschrieben. Dabei handelt es sich um ein Konzept zur Sprachförderung und Elternbildung im Elementarbereich in Nordrhein-Westfalen.

Diskussion

Der Autor hat mit seiner Veröffentlichung ein wichtiges und aktuelles Thema aufgegriffen. Gerade bei zunehmenden Zahlen von Kindern mit Migrantenhintergrund in Kindertagesstätten ist es erforderlich, sich mit dem Umgang mit kultureller Vielfalt auseinanderzusetzen. Auf Grundlage der verschiedensten Interviews werden die dabei zu bearbeitenden Einzelfragen deutlich. Ein Fazit zieht Stefan Gaitanides selbst: "Top-down-Impulse werden nötig sein, um den Prozess der interkulturellen Öffnung der Kindertagesstätten weiterzuentwickeln…" (S. 147).

Wichtiger als das Wissen über fremdkulturelle Kulturstandards ist die Entwicklung von Handlungskompetenzen, die ethnozentrischer und/oder diskriminierender Wahrnehmung und Deutung vorbeugen, diesem Fazit ist nach dem Lesen des Buches uneingeschränkt zuzustimmen. Diese Handlungskompetenz stellt sich nicht einfach durch Berufserfahrung ein, sie muss selbstreflexiv und wissenschaftlich bearbeitet werden. Der Autor weist nach, dass sich die Erzieherinnen, die er befragt hat, noch nicht mit aktuellen Ansätzen zum Zweitspracherwerb auseinandergesetzt haben und zu wenig sensibel sind für die Fragen, die bei der Integration von Kindern mit Migranteneltern zu berücksichtigen sind. Er macht so auf einen dringenden Handlungsbedarf aufmerksam. Gleichzeitig bekräftigt er die Forderungen nach einer Verbesserung der Rahmenbedingungen in den Kindergärten.

Der Titel des Buches "Man müsste mehr voneinander wissen!" ist klug gewählt und trifft den Kern dessen, was zur besseren Integration von Migranten zu leisten ist.

Im Hauptteil ist das Buch aufgrund der vielen Interviewpassagen schwieriger zu lesen, aber die dazu verfassten Kommentare sind – obwohl meist kurz - aufschlussreich. Ich empfehle, jeweils aus dem ersten Teil die Zusammenfassung zu lesen und dann gleich dazu den adäquaten Abschnitt im Hauptteil.

Alles in allem habe ich den Eindruck, dass sich die Kommune Raunheim stärker als andere bemüht, das Thema der Integration zu bearbeiten, dass aber auch hier noch viel zu tun ist. Interessant fand ich die Einblicke in das Vorgehen der Kommune. Vieles davon lässt sich auf andere Orte übertragen.

Zielgruppe

Kommunale Entscheidungsträger, Erzieherinnen und Erzieher, und solche, die es werden wollen, Fachberaterinnen, Träger und Weiterbildner.

Fazit

Ein wichtiges Buch zu einem Thema, dass dringend in den Kindergärten bearbeitet werden muss: Der Umgang mit kultureller Vielfalt.


Rezensentin
Prof. Dr. paed. Michaela Rißmann
Fachhochschule Erfurt
Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
Professur "Erziehungswissenschaften, Erziehung und Bildung von Kindern"
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Zitiervorschlag
Michaela Rißmann. Rezension vom 08.07.2008 zu: Stefan Gaitanides: "Man müsste mehr voneinander wissen!". Umgang mit kultureller Vielfalt im Kindergarten. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2007. ISBN 978-3-936065-95-4. Schriftenreihe des ISR - Institut für Stadt- und Regionalentwicklung der Fachhochschule Frankfurt am Main - Band 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5463.php, Datum des Zugriffs 26.07.2016.


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