Lieselotte Otto: Handbuch der Stiftungspraxis
Lieselotte Otto: Handbuch der Stiftungspraxis. Stiftungsrecht, Steuerrecht und Rechnungslegung bei Stiftungen. Luchterhand Verlag (Neuwied) 2007. 653 Seiten. ISBN 978-3-472-06114-4. 89,00 EUR.
Menschliches Wirken und die Unendlichkeit
Menschliches Wirken, Streben und Hoffen ist immer an ein Individuum gekoppelt und damit zwangsläufig endlich: Mit dem Tod oder zumindest eine überschaubare Zeit danach sind zumindest bei gewöhnlichen Menschen, die nicht in das kollektive Gedächtnis eines Gemeinwesens Eingang gefunden haben, deren Aktivitäten, Erfolge und Pläne in das ewige Vergessen gerissen worden. Doch immer weniger Menschen sind bereit, sich diesem Prozess des Vergessens auszuliefern. In Zeiten, in denen die demographische Struktur einer Gesellschaft noch intakt war, also die entsprechenden Graphiken noch eine Zwiebel- und nicht – wie jetzt – eine Pilzform hatten, konnte man sich noch darauf verlassen, dass die eigenen Nachkommen die Ideen, Wertvorstellungen und Ziele zumindest teilweise oder in modifizierter Form weiter tragen. Doch seit diese Zeiten vorbei sind und seitdem immer mehr Menschen über ein beachtliches Vermögen verfügen, rückt die Körperschaftsform der Stiftung immer mehr in den Blickpunkt des Interesses. Denn eine Stiftung gehört quasi nur sich selbst (sie hat keine Mitglieder, Aktionäre oder Gesellschafter), ihre Existenz ist im Grunde auf einen unendlichen Zeithorizont hin ausgerichtet und oberste Handlungsmaxime ist der Stifterwille, wie er in der Stiftungssatzung seinen Ausdruck gefunden hat. Die Stiftung erfreut sich daher immer größerer Beliebtheit. Dementsprechend hat auch die Zahl der Handbücher zu diesem Rechtsgebiet im Laufe der letzten Jahre schlagartig zugenommen. Das hier vorzustellende Buch reiht sich in diese Folge ein.
Autorin
Die Autorin Dr. Lieselotte Otto ist als Rechtsanwältin und Steuerberaterin in München tätig. Ausweislich des innliegenden Deckblattes des Buch hat auch Dr. Annet Kuhli, ebenfalls ihres Zeichens Rechtsanwältin und Steuerberaterin, an dem Werk mitgearbeitet.
Aufbau
Das Buch gliedert sich in insgesamt fünf große Abschnitte.
Teil 1: Stiftungsrecht
- Grundlagen
- Stiftungserrichtung
- Stiftungssatzung
- Stiftungsvermögen
- Haftung und Risikoabgrenzung
- Stärkung und Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit
- Auflösung, Beendigung der Stiftung
- Die Stiftung als Arbeitgeber
- Stiftung und Unternehmensnachfolge
- Fundstellenverzeichnis „Stiftungsrecht“
Teil 2: Stiftungssteuerrecht
- Besteuerungsgrundsätze
- Besteuerung bei Stiftungserrichtung und Zustiftung
- Laufende Besteuerung gemeinnütziger Stiftungen
- Besteuerung der Begünstigten (Destinatäre)
- Steuerfolgen in Zusammenhang mit Spenden und Sponsoring
- Steuererklärungspflichten steuerbegünstigter Stiftungen
- Steuerliche Außenprüfung
- Strukturelle Veränderungen
- Familienstiftung
- Stiftungsaktivitäten im Ausland
- Fundstellenverzeichnis „Stiftungssteuerrecht“
Teil 3: Rechungswesen, Rechungslegung und Prüfung
- Grundlagen des Rechnungswesens selbständiger Stiftungen
- Einzelheiten zur Rechnungslegung bei Jahresabschlüssen
- Einzelheiten zur Rechnungslegung bei Vermögensrechung
- Sonderfragen
- Prüfung der Stiftung
- Fundstellenverzeichnis „Rechnungswesen, Rechnungslegung und Prüfung“
Teil 4: Schnellübersicht
- FAQ’s – Häufige Fragen zur Stiftung
- ABC der Stiftung
Teil 5: Dokumentation
- Muster und Formulare
- Gesetze und Verordnungen
- Erlasse und Verwaltungsanweisungen
- Jahresabschluss/Prüfungsbericht
- Fachliche Verlautbarungen IDW zu Rechnungslegung und Prüfung
- Sonstiges
Ein Stichwortverzeichnis beschließt das Buch
Ausgewählte Inhalte
Für Vorstände, Geschäftsführer und sonstige in Führungspositionen von Stiftungen tätigen Personen dürften vor allem die Ausführungen Ottos in Teil 1 unter E (Haftung und Risikobegrenzung, S. 73 ff.) sein. Die diffizile Thematik der sog. Außen- und Innenhaftung veranschaulicht die Autorin transparent und didaktisch geschickt durch die Verwendung zahlreicher Graphiken und Schaubilder. Auch inhaltlich überzeugen die Ausführungen durch eine klare und verständliche Sprache sowie praxisnahen Hinweisen. So sind die Hinweise auf die Erarbeitung und Beachtung von Anlagerichtlinien von großer Bedeutung und unbedingt zu beherzigen. Und auch die übrigen Hinweise in Form einer Checkliste zur Begrenzung eines Organisationsverschuldens (S. 80) sind äußerst hilfreich und praxisnah. Die Erläuterung der Haftungssituation kulminiert richtigerweise in Ausführungen zur möglichen Abwehr einer persönlichen Inanspruchnahme durch den Abschluss einer sog. D&O-Versicherung zugunsten der verantwortlichen natürlichen Personen in den Organen der Stiftung. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass gemeinnützige Stiftungen ein Interesse daran haben, Zustiftungen zu erhalten und daher ihr Interesse sehr hoch sein muss, ein stiftungsintern hohes Niveau an Transparenz und klarer Verantwortlichkeit zu haben, ist es jedoch bedauerlich, dass sich die Autorin nicht dazu äußert, welche Sicherungsmechanismen in die Stiftungssatzung einzubauen sind, um nepotistische Verhaltensweisen, die einzelnen Organmitglieder unter Ausnutzung sog. Informationsasymmetrien ungerechtfertigte materielle Vorteile zufließen lassen, zu verhindern. In einer Neuauflage sollten diesem Aspekt gesondert Rechung getragen werden, zumal dazu bereits zahlreiche und aussagekräftige Literatur erschienen ist (vgl. z.B. die Rezension zu Jakob, Der Schutz der Stiftung).
Diskussion
Von dem Buch können nicht nur Rechtsberater im Bereich des Stiftungs- und Stiftungssteuerrechts – also vor allem Rechtsanwälte und Steuerberater – profitieren. Vielmehr ist der Nutzerkreis des Werkes weiter zu ziehen. Denn vor allem die Ausführungen Ottos zur Rechnungslegung und zur Prüfung von Stiftungen dürften für Wirtschaftsprüfer von hoher praktischer Relevanz sein. Dieser hohe Praxisnutzen wird dadurch unterstrichen, dass sich die Autorin mit den standardsetzenden Rechnungslegungsgrundsätzen des IDW beschäftigt und sie erläutert (S. 305). Hilfreich in der Praxis ist darüber hinaus auch die Darstellung der Durchführung einer Prüfung einer Stiftung (S. 340 ff.).
Fazit
Abgesehen von der kleinen und bei dem Niveau des Werkes nicht ins Gewicht fallenden Kritik, die oben angedeutet wurde, besticht das Buch Ottos durch eine präzise Sprache, ausführlicher Abdeckung, Bearbeitung und Würdigung des relevanten Stoffes sowie einer didaktisch geschickten Aufarbeitung der Materie. Die Hinweise auf weiterführende Literatur sowie der Abdruck zahlreicher hilfreicher Muster, Formulare, Verwaltungsanweisungen, Gesetzen und Verordnungen machen das Werk zu einem unersetzlichen Begleiter in der Welt der Stiftungen. Es wendet sich vor allem an den Praktiker des Stiftungsrechts, ist aber auch für die rechtswissenschaftliche Literatur von Bedeutung. Geschäftsführungen und Vorständen von Stiftungen ist, neben den bereits oben genannten relevanten Berufsgruppen, die Anschaffung des Buches ebenfalls unbedingt zu empfehlen, da es im Wege umfassender Darstellung das Stiftungsrecht abdeckt und somit eine wesentliche Hilfestellung bietet.
Rezensent
Dr. iur. Marcus Kreutz
LL.M., Rechtsanwalt. Justiziar des Bundesverbandes Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e.V. in Köln
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Marcus Kreutz. Rezension vom 24.01.2009 zu: Lieselotte Otto: Handbuch der Stiftungspraxis. Luchterhand Verlag (Neuwied) 2007. 653 Seiten. ISBN 978-3-472-06114-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5470.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Berit Sandberg, Christoph Mecking: Vergütung [...] (Führungskräfte in Stiftungen)
Stephan Schauhoff (Hrsg.): Handbuch der Gemeinnützigkeit
Stellenangebote
Geschäftsführer (m/w) im Bereich Sozialdienstleistung, Rheinfelden
leitende/r Mitarbeiter/in im Rechnungswesen, Berlin
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
