Birgit Bütow, Karl A. Chassé u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit nach dem Sozialpädagogischen Jahrhundert
Birgit Bütow, Karl A. Chassé, Rainer Hirt (Hrsg.): Soziale Arbeit nach dem Sozialpädagogischen Jahrhundert. Positionsbestimmungen Sozialer Arbeit im Post-Wohlfahrtsstaat. Verlag Barbara Budrich (Opladen; Farmington Hills, MI) 2007. 240 Seiten. ISBN 978-3-86649-112-0. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 35,90 sFr.
Kontext
In den letzten 10 bis 20 Jahren hat sich der deutsche Wohlfahrtsstaat tiefgreifend gewandelt, mitbedingt durch die Globalisierung, den zunehmenden Wettbewerb auf den Weltmärkten und die größer werdenden Sparzwänge. Gleichzeitig haben sich die Problemlagen verschärft, hat z.B. die (Kinder-) Armut in Deutschland stark zugenommen. Auch wurde deutlich, dass die Integration vieler Menschen mit Migrationshintergrund gefährdet, wenn nicht gar gescheitert ist, obwohl sie zur ersten oder zweiten der hier geborenen Generationen gehören. Diese Entwicklungen haben einschneidende Konsequenzen für die Soziale Arbeit, die an wohlfahrtsstaatlicher Einbettung bzw. sozialpolitischer Einbindung verliert. Zugleich verändert sich aufgrund des Bologna-Prozesses die Ausbildung der Sozialpädagog/innen, die einer Rationalisierung und Vereinheitlichung unterzogen wird. All dies hat Auswirkungen auf die Profession Sozialer Arbeit bzw. auf das Selbstverständnis und die Professionalität der hier Tätigen.
Thema
Vor diesem Hintergrund haben Birgit Bütow, Karl August Chassé und Rainer Hirt – alle drei Professoren für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Jena – 12 weitere Professoren und einen Mitarbeiter des Deutschen Jugendinstitutes eingeladen, mit ihnen gemeinsam im Rahmen einer Ringvorlesung die aktuelle Position der Sozialen Arbeit zu bestimmen. Da viele der hier geäußerten Gedanken noch nicht publiziert worden waren, entstand die Idee des Sammelbandes. Die Beiträge gehen aber weit über das hinaus, was im Rahmen der Vorlesungen referiert wurde.
1. Zeitdiagnosen zur Sozialen Arbeit
Im ersten Teil des Sammelbandes – mit Beiträgen von Michael Galuske, Hirt, Heinz-Jürgen Dahme/Norbert Wohlfahrt, Chassé und Bütow/Chassé – wird aufgezeigt, wie rasant aufwärts die Entwicklung der Sozialen Arbeit im 20. Jahrhundert, dem "Sozialpädagogischen Jahrhundert", verlief. In den letzten Jahren eroberten sozialpädagogische Themen sogar den öffentlichen und politischen Raum: Noch nie ist so viel über (Familien-) Erziehung, (frühkindliche) Betreuung, Bildung, Migrationsprobleme, (Jugend-) Gewalt, Kriminalität, (Kinder-) Armut und Arbeitslosigkeit gesprochen worden wie heute. Zugleich wird aber einerseits die Verantwortung für Probleme zunehmend den Betroffenen zugewiesen und daran fest gemacht, dass sie z.B. nicht die "richtigen" Haltungen, Werte und (Leistungs-) Motivationen hätten. Andererseits wird die Soziale Arbeit, die ja eigentlich vor dem skizzierten Hintergrund ihre "Erfolgsstory" fortsetzen müsste, einem wachsenden finanziellen und legitimatorischen Druck ausgesetzt.
Die Zukunft wird nun eher in einem "aktivierenden" Staat gesehen, der nicht wie der "alte" Wohlfahrtsstaat auf gesellschaftliche Probleme mit finanziellen Zuwendungen ("Modell sozialer Sicherung") reagiert, sondern an die Selbstverantwortung der Betroffenen appelliert, die sie selbst aus ihrer Notlage befreien müssten – mithilfe eines "fördernden und fordernden" Staates. Durch "fürsorgliche Belagerung" sollen die Betroffenen gezwungen werden, ihre individuelle Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, sodass sie in der modernen Arbeitswelt ihren Lebensunterhalt verdienen können. Der Sozialen Arbeit werde hier die "Rolle des technologischen Erfüllungsgehilfen" zugewiesen; die Effizienz ihrer Maßnahmen werde durch Qualitätsmanagementsysteme überprüft. Dies widerspreche aber dem Selbstverständnis der Sozialen Arbeit, den Interessen der Klienten und der Tatsache, dass es im neuen Kapitalismus einfach nicht mehr genügend Arbeit für alle gebe.
Weitere Themen, die im ersten Teil des Sammelbandes behandelt werden, sind Konsequenzen wirtschaftlich-technologischer Tendenzen für die Ich-Entwicklung und Identität des Menschen, die Konstitutionsbedingungen von Subjektivität (vor allem im familialen Kontext), die "Verstaatlichung" sozialer Dienstleistungen (entgegen des Subsidiaritätsprinzips), ihre Ökonomisierung, die Konzentration auf "Beschäftigungsfähige" (und die Reduzierung der Leistungen für "unwürdige Arme" auf die Grundsicherung), die Gefährdung der Zivilgesellschaft durch den "Effizienzstaat", die Moralisierung sozialer Ungleichheit, die prekären Beschäftigungsverhältnisse vor allem in den neuen Bundesländern, das Leben in Prekarität und Ausgrenzung, die lebensweltliche Verunsicherung, die Professionalisierungsdefizite der Jugendhilfe in Ostdeutschland, der dortige Abbau von Angeboten Sozialer Arbeit und die Notwendigkeit größerer Investitionen in das Humankapital.
2. Funktionen und Legitimationen Sozialer Arbeit
Im zweiten Teil des Sammelbandes – mit Beiträgen von Lothar Böhnisch/Wolfgang Schröer, Hans Thiersch, Michael Opielka und Roland Schmidt – werden zunächst die Konzepte der Bürgergesellschaft und des "New Governance" thematisiert. In diesem Zusammenhang wird die Bedeutung sozialer Netzwerke betont. Dann geht es um "Bildung als Zukunftsprojekt der Sozialen Arbeit" – verbunden mit einer Auseinandersetzung mit dem Bildungsbegriff, der "scholarisierten Bildung" (mit ihrer Abspaltung der emotionalen, sozialen und praktischen Dimensionen von Bildung), der "sozialpädagogischen Bildung" (in Situationen besonderer Not), der Selbstbildung (als Arbeit an gelungener Biografizität) und den Auswirkungen auf verschiedene Felder der Sozialen Arbeit.
Des Weiteren wird im zweiten Teil des Buches das Verhältnis von Sozialpolitik und Sozialer Arbeit beleuchtet, die zunehmende Beeinflussung der Bildungspolitik durch die Sozialpolitik thematisiert und die "Opferrolle" der Sozialen Arbeit gegenüber Sozialreformen herausgearbeitet. Schließlich wird der demographische Wandel hinsichtlich zu erwartender neuer Bedarfe und deren Befriedigung analysiert.
3. Zukunft und Ambivalenz Sozialer Arbeit – Konfliktlinien in Profession und Disziplin
Im dritten Teil des Sammelbandes – mit Beiträgen von Holger Ziegler, Gudrun Ehlert/Heide Funk, Michael Winkler und Ivo Züchner – wird zunächst diskutiert, wie Professionalität in der Sozialen Arbeit unter den neuen Bedingungen der "Post-Sozialstaatlichkeit" des "Regulatory State" zu verstehen sei. Ähnlich wie in vorausgegangenen Kapiteln werden wieder aktuelle Entwicklungen wie die "neue Steuerung", Aktivierung der Klienten, Ressourcenorientierung, Verknüpfung von Sozial- und Arbeitsmarktpolitik oder die Bürgergesellschaft angesprochen. Ferner wird das Geschlechterverhältnis in der Sozialen Arbeit thematisiert: Wohl auch aufgrund der Absenkung von Löhnen und Gehältern würden sich immer mehr Männer aus der Sozialen Arbeit verabschieden bzw. sich auf die wenigen höher dotierten Stellen zurückziehen. Als weitgehender "Frauenberuf" würde die Soziale Arbeit nun zunehmend abgewertet, zumal auch Tätigkeitsaspekte wie z.B. Fürsorge, Pflege und Zuwendung vor dem Hintergrund ökonomischer Sachzwänge und rationalisierter Arbeitsbedingungen an Bedeutung verlören.
Schließlich wird noch die Ausbildung thematisiert. Diskutiert werden der geringe Akademisierungsgrad in vielen Feldern der Sozialen Arbeit, die Forderung nach einer höheren Qualifizierung von Erzieher/innen, die Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen, das Verschwinden sozialpädagogischer Anteile in universitären erziehungswissenschaftlichen Studiengängen und die gegenwärtige Arbeitsmarktsituation mit den vielen Teilzeit- und befristeten Stellen.
Fazit
Im Nachwort "Quo vadis Soziale Arbeit?" fassen die Herausgeber die wichtigsten Aussagen in den drei Teilen des Sammelbandes zusammen und fordern, dass sich die Soziale Arbeit gegen Forderungen wie nach einer Erzeugung marktverwertbarer Fähigkeiten, nach "tugendethischer Werteerziehung", nach Kosteneinsparung und Technologisierung sozialen Handelns zur Wehr setzen müsse.
Der Sammelband führt die Leserin/den Leser hin zu einer kritischen Reflexion der Ambivalenzen und Widersprüche derzeitiger gesellschaftlicher, wohlfahrtsstaatlicher und sozialpolitischer Entwicklungen sowie der gegenwärtigen Situation und der Zukunftsperspektiven der Sozialen Arbeit. Im Grunde sollte jeder Sozialpädagoge, jeder Studierende der Sozialen Arbeit und jeder Sozialpolitiker dieses Buch lesen. Zu befürchten ist aber, dass sich die wenigsten dazu die Zeit nehmen werden, zumal sie keine direkte Relevanz für ihre praktische Arbeit sehen – und 240 eng bedruckte Seiten auch etwas abschreckend wirken. Aufgrund des ursprünglichen Vorlesungscharakters sind die durchaus anspruchsvollen Kapitel aber relativ gut zu lesen!
Rezensent
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 23.08.2008 zu: Birgit Bütow, Karl A. Chassé, Rainer Hirt (Hrsg.): Soziale Arbeit nach dem Sozialpädagogischen Jahrhundert. Verlag Barbara Budrich (Opladen; Farmington Hills, MI) 2007. 240 Seiten. ISBN 978-3-86649-112-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5482.php, Datum des Zugriffs 23.02.2012.
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