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Rainer F. Schuh: Die mobile Generation. Jugendliche und ihr Handy

Cover Rainer F. Schuh: Die mobile Generation. Jugendliche und ihr Handy. VDM Verlag Dr. Müller (Saarbrücken) 2007. 62 Seiten. ISBN 978-3-8364-1020-5. 42,00 EUR, CH: 67,00 sFr.

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Thema

Laut der JIM-Studie aus dem Jahr 2005 (vgl. Einleitung, S. 8) verfügen über 90 % der Jugendlichen über ein Handy und es beschäftigen sich immer mehr Studien aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven mit der Zielgruppe der Jugendlichen und ihrem Umgang mit dem Handy – besonders in Bezug auf den SMS (Short Message Service) (vgl. S. 23).

Auch in diesem Buch geht es um die angesprochene Zielgruppe und vornehmlich um deren Umgang mit dem "Kurznachrichtendienst": Auf der "Basis von Gruppeninterviews und einem Fragebogen zum SMS-Verhalten" (S. 23) soll das technische Verständnis der Jugendlichen im Umgang mit dem Mobiltelefon geklärt werden (vgl. ebd.).

Autor

Rainer F. Schuh ist Diplom-Journalist. Studiert hat er Technikjournalismus mit dem Studienschwerpunkt Journalistische Praxis an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg in St. Augustin.

Charakter und Zielsetzung

Das Buch erinnert vom formalen Aufbau her an eine Studiumsseminarhausarbeit, ist 62 Seiten lang und gliedert sich in acht Kapitel. Den Kapiteln wird ein Vorwort, ein Inhaltsverzeichnis, ein Abbildungsverzeichnis, ein Abkürzungsverzeichnis und eine Kurzfassung vorangestellt und ihnen folgen eine Zusammenfassung, ein Quellennachweis und ein Abbildungsnachweis nach. Eine "Erklärung", die im Inhaltsverzeichnis für die Seite 63 als letzter Textabschnitt dieses Buches angegeben ist, sucht man vergeblich, wobei auch nicht klar wird, welche Art Erklärung hier abgegeben werden sollte.

Das vierte Kapitel "Ziel der Untersuchung" (S. 23ff.) klärt den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit: "Ziel dieser Studie ist es zu klären, wie Jugendliche die Technik und die Ausstattungsvielfalt aktueller Handys adaptiert haben" (S. 23). Dazu beschreibt der Autor in den acht Kapiteln u.a. die Entwicklung des Mobiltelefons zum Massenmedium (Kap. 2), den Stand der Forschung (in Bezug auf den SMS) (Kap. 3), den gekonnten (technischen) Umgang des Handys (Kap. 6) und wie man durch das Handy lernt (Kap. 7).

Aufbau und Inhalt

Die acht Kapitel beschreiben zu diesem Vorhaben folgende Inhalte im Einzelnen:

  1. In der Einleitung (Kap. 1) sensibilisiert der Autor für die momentane gesellschaftliche Situation der Jugendlichen und ihren Handyumgang. Ferner gibt er einen ersten Überblick über die derzeit technischen Möglichkeiten eines Mobilfunkgeräts (Stand 2006).
  2. Im zweiten Kapitel beschreibt er anschaulich und kompetent die geschichtliche Entwicklung des Mobiltelefons vom seinerzeit nur einzelnen Menschen vorbehaltenen Medium zum heutigen Massenmedium.
  3. Im dritten Kapitel beleuchtet der Autor den Stand der Forschung in Bezug auf den Kurznachrichtendienst "SMS", besonders aus der Perspektive der Kommunikationswissenschaft einerseits und der Sprachwissenschaft andererseits.
  4. Im vierten Kapitel stellt er auf drei Seiten (S. 23 – 25) das Ziel seiner Untersuchung vor (Beschreibung s.o.; Charakter und Zielsetzung).
  5. Das fünfte Kapitel mit dem Titel "Jugendliche machen mobil" (S. 26) stellt die Ergebnisse der Gruppeninterviews und die Auswertung der SMS-Nachrichten vor, die von Schuh dargelegt und interpretiert werden. In den Unterkapiteln geht es um das Handy als persönliches Medium (5.1), um den "SMS" als Hauptfunktion (5.2 mit weiteren Unterabschnitten), um die Nutzung der Zusatzfunktionen (5.3) und um weiteren Medienbesitz der DiskussionsteilnehmerInnen (5.4).
  6. Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit dem gekonnten Umgang mit dem Mobilfunktelefon und thematisiert unterschiedlichste Bereiche wie z.B. die T9-Funktion, Internetfähigkeit, SAR-Werte (Handystrahlung) und Übertragungstechniken. Dazu präsentiert er zu jedem Unterabschnitt immer wieder kommentierend die Ergebnisse seiner Befragung der 15 Jugendlichen.
  7. Im siebten Kapitel geht es dem Autor um das "Lernen durch das Handy". Obwohl der Titel dieses Kapitels suggeriert, dass es hier vornehmlich um pädagogische Ansätze geht, sind die ersten drei Unterabschnitte dem Thema "Geld" gewidmet, was aber letztlich auch zum Thema "Umgang mit einem Handy" gehört und durchaus gelernt werden muss. Die Unterabschnitte 7.6 bis 7.9 weisen dann den erwarteten Bezug zur (Medien-)Pädagogik auf: Es werden das "Schulprojekt Mobilfunk", die Lernsoftware "Handy-Kurs mit Polly und Fred" und das Handy-Internetportal handysektor.de vorgestellt.
  8. Im letzten Kapitel fasst der Autor die für ihn wichtigsten Ergebnisse seiner Studie mit den 15 Jugendlichen aus einer Realschule und einem Gymnasium in Bonn zusammen und erkennt, dass Jugendliche "schon lange das Mobiltelefon für sich entdeckt und dadurch ganz nebenbei ein gewisses Maß an Medienkompetenz und technischem Wissen erworben" (S. 55) haben und schließt sein Buch mit dem Appell, dieses Wissen "im fächerübergreifenden Unterricht auszubauen, um somit die Chance zu nutzen, über das Handy Kinder und Jugendliche für technische Fächer zu begeistern" (ebd.).

Diskussion

"Immer mehr wissenschaftliche Studien nähern sich dem Thema Handy" (S. 23). Den Autoren Rainer F. Schuh interessiert dabei vornehmlich, "ob Jugendliche ein technisches Verständnis und eine Medienkompetenz im Umgang mit Mobiltelefonen entwickelt haben" (ebd.). Aus Gruppeninterviews und einem Fragebogen zum SMS-Verhalten der Jugendlichen mit insgesamt 15 Jugendlichen (sieben aus einem Gymnasium in Bonn-Bad Godesberg und acht aus einer Realschule in Bonn-Beuel) beansprucht der Autor für diese empirische Studie mit einem Rücklauf von 14 Fragebögen, die einen Textbestand von 100 SMS "mitbringen", "aufschlussreiche Erkenntnisse zum SMS-Verhalten der Jugendlichen" herausgefunden zu haben (S. 25).

Schuh interessiert – das sei hier wiederholt – "ob Jugendliche […] eine Medienkompetenz im Umgang mit Mobiltelefonen entwickelt haben" (S. 23), und liefert auf Seite 41 eine Beschreibung des Begriffs Medienkompetenz, den er für sein Buch zugrunde legt: "Medienkompetenz erweist sich […], wenn man ein Medium zielgerichtet für bestimmte Aufgaben und Bedürfnisse einzusetzen weiß" (S. 41). Dazu zählt für ihn die "Kenntnis der Technik" (ebd.), die "Kontrolle der laufenden Kosten, die mit dem Handyumgang einhergehen" (vgl. ebd.) und das Wissen, "wo und wann das Handy stumm zu bleiben hat" (ebd.). Eine tiefer gehende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Begriff der "Medienkompetenz", z.B. in Bezug auf die fundiert dargelegten Verständnisse von Dieter Baacke, Bernd Schorb, Ida Pöttinger, Gerhard Tulodcziecki oder Stefan Aufenanger, um nur einige bedeutende Vertreter zu nennen, findet sich indes hier nicht.

Der Anspruch dieses Buches ist daher primär auch kein pädagogischer – auch wenn der Titel und der Untertitel "Die mobile Generation. Jugendliche und ihr Handy" auf den ersten Blick womöglich etwas anderes vermuten lassen. Schuh geht es vornehmlich, um nicht zu sagen, fast ausschließlich darum, die aktuell bei den Jugendlichen vorhandene technische Medienkompetenz im Umgang mit einem Mobiltelefon zu betonen, zu untersuchen und darzulegen und nicht medienpädagogische Ansätze zu fördern, die die Medienkompetenz der Jugendlichen, die über die technische Bedienung des Handys hinaus gehen, zu stärken. So richtet sich das Buch in besonderer Weise an "Jugendliche, Lehrer, Eltern und Mobilfunkanbieter [sic!], die mehr über ihre Kinder oder Kunden [sic!] wissen wollen" (Klappentext, Rückseite; Hervorhebung durch den Rezensenten).

Rainer F. Schuh nimmt eine Standortbestimmung der technischen Kompetenz und des technischen Wissens wie Interesses der jugendlichen Generation am Beispiel des Handyumgangs vor. Sein Medienkompetenzbegriff ist sehr einseitig betont – nämlich fast ausschließlich technisch. Dieses Verständnis von Medienkompetenz mag im "Volksmund" als vorrangige Kompetenz in Bezug auf Medien bezeichnet werden – als wissenschaftlich fundierter Begriff reicht er bei weitem nicht aus, wie uns wissenschaftliche Auseinandersetzungen damit in der Literatur eindrücklich beweisen.

Schuhs empirische Studie, die sich auf Gruppeninterviews und einer Auswertung von 100 SMS von 15 Jugendlichen einer Realschule und eines Gymnasiums in Bonn beziehen, ist als nicht repräsentativ einzustufen, sondern mag lediglich Einblicke in das (technische) Verhalten von selektierten Jugendlichen mit dem Handy geben. Er berücksichtigt beispielsweise keine bildungsschwächeren Jugendlichen in seiner Untersuchung (z.B. von Hauptschulen) – obwohl er selbst beschreibt, dass sich das Handy über Bildungsniveau, Einkommensschicht und sozialer Herkunft hinaus in allen Bevölkerungsschichten durchgesetzt hat (vgl. S. 23). Schuh beansprucht explizit zwar auch keine repräsentative Gültigkeit seiner Untersuchung, aber er vergleicht sie durchaus mit einer SMS-Studie von Döring (2002) (vgl. Kap. 6.2 "Akzeptanz von T9"), die sich im Gegensatz zu ihm mit 10 mal mehr, nämlich insgesamt 1.000 SMS (vgl. Kap. 3.6, S. 21) auseinandergesetzt und diese ausgewertet hat. Darüber hinaus formuliert Schuh teilweise die Ergebnisse seiner Studie implizit mit einer gewissen "rhetorischen Allgemeingültigkeitscharakteristik" (vgl. Kap. 8, Zusammenfassung).

Inhaltlich wird in der gesamten Arbeit sehr deutlich klar, auf welchem Gebiet der Autor zuhause ist, wofür sein Herz schlägt und wo er sich auskennt: Im Bereich der Technik (und der Naturwissenschaft)! Der Technikjournalist zeigt dies nicht nur im letzten Satz des Buches, wo er noch einmal besonders betont, wie wichtig es (für ihn) ist, Kinder und Jugendliche über den Handyumgang "für technische Fächer zu begeistern" (S. 55), sondern auch schon im Kapitel 7.8, wo er die Empfehlung für LehrerInnen der Klassen 3 – 6 im Handbuch für Lehrer der Lernsoftware "Handy-Kurs mit Polly und Fred", technikbezogene Kapitel wegzulassen, sofern Zeitmangel besteht, wörtlich bemängelt: "Hier wird ein Ansatz zur Förderung der Kinder hin zu den Naturwissenschaften etwas vorschnell vergeben. Denn in diesen Kapiteln werden komplizierte technische Kenntnisse der Mobilkommunikation spielerisch an die Kinder weitergegeben. Gerade in einer Zeit, in der Deutschland wieder mehr Ingenieure braucht (…), kann man nicht früh genug damit beginnen, Kinder für Technik zu interessieren" (S. 50).

Fazit

Dieses Buch zeichnet sich in besonderer Weise dadurch aus, dass es sehr gut und äußerst kompetent recherchierte und absolut verständlich dargelegte Begriffsklärungen und Definitionen zu allen technischen Begriffen rund ums Handy aufweist. Dies ist die große Stärke dieser Arbeit. Viel mehr – vor allem aus sozialwissenschaftlicher Sicht – bietet dieses 62-seitige Werk im Stile einer Studiumsarbeit für die auf dem Rückklappentext genannten Zielgruppen aber nicht.

Mobilfunkanbieter kennen selber die technischen Begriffsklärungen und Eltern und Lehrer sollten vor allem dahingehend geschult und unterstützt werden, einen umfassenderen und nicht nur auf die Technik bezogenen Medienkompetenzbegriff zu erfahren, um SchülerInnen und eigene Kinder diesbezüglich kompetent begleiten und fördern zu können.

Dieses Buch sei denjenigen ans Herz gelegt, die einen schnellen und gut recherchierten Überblick über den technischen Umgang mit dem Handy haben und dabei über alle technischen Begriffe rund ums Handy verständlich aufgeklärt werden möchten. Ob es einem allerdings angesichts der Tatsache, dass man sich durch ein bisschen "googlen" auch selber relativ schnell alle möglichen technischen Begriffe im Handyzusammenhang selbständig erschließen kann, Wert ist, für dieses Buch von Rainer F. Schuh 42 € zu bezahlen, muss jedeR für sich selbst entscheiden.


Rezensent
Dipl.-Soz. Päd. Richard Janz
Dozent für Medienpädagogik/Massenkommunikationspädagogik/Neue Medien Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage soz-kult.fh-duesseldorf.de/janz
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Zitiervorschlag
Richard Janz. Rezension vom 21.05.2008 zu: Rainer F. Schuh: Die mobile Generation. Jugendliche und ihr Handy. VDM Verlag Dr. Müller (Saarbrücken) 2007. 62 Seiten. ISBN 978-3-8364-1020-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5528.php, Datum des Zugriffs 04.02.2012.


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