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Gunthard Weber (Hrsg.): Praxis der Organisationsaufstellungen [...]

Cover Gunthard Weber (Hrsg.): Praxis der Organisationsaufstellungen - Grundlagen, Prinzipien, Anwendungsberichte. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2002. 339 Seiten. ISBN 978-3-89670-229-6. 25,50 EUR, CH: 46,00 sFr.

Reihe: Werkstattschriften zu systemischen Lösungen nach Bert Hellinger.

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Das Thema

Organisationsaufstellungen sind mittlerweile ein klassischer Ansatz in der Organisationsberatung und der Beratung von beruflichen Anliegen in Gruppen (z.B. Supervision). Im Jahre 2000 erschien in erster Auflage dieser klassische Sammelband dazu. Für die diesjährige Neuauflage wurden die Beiträge von den AutorInnen aktualisiert und ergänzt.

Herausgeber und AutorInnen

Der Arzt und systemische Berater Gunthard Weber ist Gründer der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Systemische Lösungen nach Bert Hellinger, Mitbegründer der Internationalen Gesellschaft für systemische Therapie (IGST) und Leiter des Wieslocher Instituts für systemische Lösungen. Die einzelnen AutorInnen werde ich gemeinsam mit ihren Beiträgen vorstellen.

Der Inhalt

Unter dem Titel \"Werkstatt Organisationsaufstellungen\" fand 1998 eine Werkstatt-Tagung in Wiesloch statt, die sich mit der Übertragung der Erfahrungen und Prinzipien aus der Aufstellungsarbeit nach Bert Hellinger in und für Organisationen beschäftigte.

Die einzelnen Beiträge sind durchweg von den AutorInnen überarbeitet, aktualisiert, mit aktuellen Literaturhinweisen versehen und aufeinander bezogen worden. Ich will nun die AutorInnen und die Schwerpunkte der einzelnen Beiträge vorstellen:

Matthias Varga von Kibed ist Professor für Logik und Wissenschaftstheorie in München. Gemeinsam mit seiner Frau Insa Sparrer leitet er ein systemisches Ausbildungsinstitut und hat viel über Systemische Aufstellungsarbeiten veröffentlicht. In seinem grundlegenden Beitrag \"Unterschied und tiefere Gemeinsamkeiten der Aufstellungsarbeit mit Organisationen und der systemischen Familienaufstellungen\" nennt Matthias Varga verbindende und unterscheidende Elemente verschiedener Aufstellungsmodelle im Organisations-bereich. Dazu entwirft er eine Art \"Grammatik der Aufstellungsarbeit\". Für mich sehr hilfreich, dass Matthias Varga die in seinen Augen oft missverstandene Ordnung im Hellinger’schen Modell aus einer originellen Perspektive beleuchtet.

Gunthard Weber, der Herausgeber, vergleicht in seinem Beitrag: \"Organisationsaufstellungen: Basics und Besonderes\" die systemisch-konstruktivistische mit der systemisch-phänomenologischen Sichtweise Hellingers und entdeckt neben Unterschieden z.B. in der Verwendung von Sprache und Raum zahlreiche Gemeinsamkeiten. Dann beschäftigt sich Weber mit den unterschiedlichen Möglichkeiten für Organisationsaufstellungen, wobei er Aufstellungsformen bevorzugt, in denen Menschen außerhalb ihrer eigenen Organisationen frei und unbelastet ihre Anliegen in Aufstellungen bearbeiten können. Aufstellungen innerhalb von Organisationen sind besonders in konfliktbeladenen Situationen schwierig. In klar übersichtlichen Schritten legt Gunthard Weber dann die einzelnen Phasen und Methoden dar und nennt allgemeine Grundsätze von Organisationsaufstellungen. Fallbeispiele ergänzen seine Ausführungen. Zwei gut praktisch zu verwendende Anhänge mit Anwendungsbereichen von Organisationsaufstellungen sowie Interpretationshilfen zu häufigen Aufstellungskonstellationen runden diesen breiten etwa 55 S. starken Basis-Beitrag ab.

Die Psychologin Insa Sparrer führt (z.T. gemeinsam mit ihrem Mann Matthias Varga von Kibed) zahlreiche Organisationsaufstellungen durch, bildet in ihrem eigenen Institut AufstellerInnen aus und hat gemeinsam mit ihrem Mann eine große Anzahl verschiedener Aufstellungsmodelle entwickelt. Ihr Beitrag \"Vom Familienstellen zur Organisationsaufstellung\" stellt zunächst die für alle Systeme gültigen Prinzipien für den Systemerhalt sowie die dazu gehörigen Metaprinzipien und grundlegenden Interventionsformen dar. Danach folgen Kurzdarstellungen der bekanntesten Aufstellungsformen, die sie gemeinsam mit ihrem Mann entwickelt hat: Tetralemmaaufstellung, Problemaufstellung, Aufstellung des eigentlichen Themas, Glaubenspolaritätenaufstellung, Neunfelderaufstellung. Ein Anhang gibt einen tabellarischen Überblick über die einzelnen Formen und Anwendungsmöglichkeiten.

Guni-Leila Baxa und Christine Essen sind beide systemische Ausbilderinnen und in freier Praxis tätig. Sie widmen sich in ihrem Beitrag \"Prozessorientierte Organisationsaufstellungen\" besonders der Ritual-Seite von Organisations-aufstellungen. Im Anschluss an das Modell der Initiationsriten von van Gennep und Victor Turner mit Ablösung, Schwellenzustand und Wiedereingliederung beschreiben sie das Vorgehen in Organisationsaufstellungen aus einem kulturanthropologischen Blickwinkel. Organisationsaufstellungen können aus Sicht der Autorinnen passende und moderne Formen von Initiationsritualen werden.

Franz Ruppert, Professor für Psychologie an der Katholischen Stiftungs-fachhochschule in München, zeigt in seinem Artikel \"Die unsichtbare Ordnung in Arbeitsbeziehungssystemen\" Ausschnitte aus seiner Seminararbeit mit Sicherheitsbeauftragten in Betrieben und nennt einige Ergebnisse der dazugehörigen Evaluationsforschung.

Die Organisationsberaterin Gudrun Kreisl berichtet über die besonderen Einsatzmöglichkeiten im Feld \"Organisationsaufstellungen für die Zielgruppe Unternehmensberater\" und der Unternehmensberater Friedrich Wiest beleuchtet in seinem Artikel \"Organisationsaufstellungen als Werkzeug der Unternehmensberatung\" die besonderen Probleme, die sich in Familienunternehmen ergeben können. Wiest schildert, wie Organisationsaufstellungen hier erfolgreich Probleme lösen helfen.

Werner Messerig, ein Organisationsentwickler von der Firma IBM und Gerd Metz, ein in eigener Praxis tätiger Organisationsentwickler, nutzen das Modell des inneren Teams von Schulz von Thun zur Arbeit und stellen in ihrem Artikel \"Die Aufstellung des ‚Inneren Teams’\" ihre darauf basierende Aufstellungsarbeit vor.

\"Organisationsaufstellungen in der Einzelberatung\" lautet das Thema der Psychologin und Supervisorin Heidi Baitinger. Ihre Erfahrungen und Hinweise sind sicher recht nützlich beim Einsatz aufstellungsähnlicher Methoden in Coaching und Einzelberatung.

Gunthard Weber, der Organisationsberater Thomas Schumacher und die systemische Trainerin, Coach und Mobbing-Expertin Hanne Mertz beschäftigen sich mit \"Organisationsaufstellungen und ‚Mobbing’\" und zeigen an Beispielen, wie gut sich in diesem Bereich für Betroffene mit Organisationsaufstellungen arbeiten lässt.

Der Arzt, Psychotherapeut und Facharzt für Homöopathie Hans Baitinger in seinem Beitrag \"Homöopathische Systemaufstellungen\" und Friedrich Wiest und Matthias Varga von Kibed in ihrem Beitrag \"Homöopathische Systemaufstellungen\" beschäftigen sich mit den Möglichkeiten der Organisationsaufstellung zur Darstellung körperlicher und seelischer Vorgänge. Erkrankte Organe und homöopathische Mittel, die durch StellvertreterInnen dargestellt und gedeutet werden, werden wohl nicht nur von positivistischen LeserInnen bestaunt.

Schließlich berichtet unter dem Titel \"Das Aufstellen von Arbeitsbeziehungen in Wirtschaftsunternehmen\" noch einmal Franz Ruppert (s.o.) von einem interessanten Forschungsprojekt, in dem ExpertInnen in Organisationen ihre Arbeitssysteme mit kleinen Figuren aufstellten und diese Aufstellungen später an der Hochschule mit StellvertreterInnen nachgestellt und analysiert wurden.

Den Abschluss des Sammelbandes bilden zwei Interviews mit Bert Hellinger zum Thema. In diesen beiden Interviews kann sich die Leserin recht klar ein Bild von Hellingers Stil und seinen Grundannahmen machen.

Ein Gesamt-Literaturverzeichnis erleichtert der Leserin den Überblick.

Zielgruppen

Für alle, die Aufstellungsarbeit in ihren reichen Facetten einmal kennen lernen wollen, ebenso geeignet wie für versierte Aufstellerinnen. Ein Buch zur Einführung und Vertiefung. Gut lesbar auch für Studierende.

Fazit

Insgesamt ist der Sammelband ungeheuer informativ und reichhaltig. Durch Überarbeitungen sind neue Aspekte aufgenommen und neue Literatur einge-arbeitet worden. Ein mit gutem Grunde überarbeiteter und neu aufgelegter Klassiker für den Einsatz der Aufstellungsmethode in Organisationen, der auch an Hochschulen und in Lehrbuchsammlungen nicht fehlen sollte.


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
FH University of Applied Sciences Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt "Beruf und Burnout-Prävention"
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 23.12.2002 zu: Gunthard Weber (Hrsg.): Praxis der Organisationsaufstellungen [...]. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2002. 339 Seiten. ISBN 978-3-89670-229-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/553.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.


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