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Ottomar Bahrs, Peter F. Matthiessen (Hrsg.): Gesundheitsfördernde Praxen

Cover Ottomar Bahrs, Peter F. Matthiessen (Hrsg.): Gesundheitsfördernde Praxen. Die Chancen einer salutogenetischen Orientierung in der hausärztlichen Praxis. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2007. 400 Seiten. ISBN 978-3-456-84454-1. 39,95 EUR, CH: 64,00 sFr.

Reihe: Verlag Hans Huber, Programmbereich Gesundheit. Studien zur Gesundheits- und Pflegewissenschaft.

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Thema und Entstehungshintergrund

In der gegenwärtigen Gesundheitsversorgung dominieren noch immer ein biomedizinisches Paradigma und eine pathogene Perspektive, die nach der Entstehung und den Ursachen von Krankheiten fragt: „Im Fokus medizinischen Handelns stehen in erster Linie die Korrektur krankhafter Veränderungen und die Beseitigung von Krankheitssymptomen. Dabei ist der Arzt primär der Handelnde, der Patient bleibt vorwiegend passiv.“ So beschreiben die Herausgeber des vorliegenden Bandes das herkömmliche Modell ärztlicher Praxis, gegen das sich ihr Buch wendet. Sie legen Empfehlungen für neue Behandlungsstrategien vor, die auf dem Konzept der Salutogenese beruhen. Dieses Konzept sieht vor, Ressourcen des jeweiligen Patienten so unterstützen, dass er gesund bleibt oder, im Falle einer Erkrankung, wieder gesund werden kann: „Ziel ist es, ihn so zu fördern, dass er seine organismisch verankerten, biographisch erworbenen und in seinem sozialen System verfügbaren Ressourcen bestmöglich nutzen und aus eigener Kraft gesunden kann. Der Therapeut ist aufgefordert, diese ‚Auto-Salutogenese’ aufmerksam zu beobachten und nur dann zu intervenieren, wenn es notwendig wird. Diese Perspektive setzt darauf, die Eigenaktivität der Patienten zu fördern und sie als Experten ihrer Krankheit im Kontext ihrer Biographie und Lebenswelt ernst zu nehmen.“

Ein solches Konzept der ärztlich unterstützten Auto-Salutogenese ist nach Auffassung der Herausgeber und Autoren des Bandes insbesondere für die Behandlung von chronischen Krankheiten geeignet, die ohne aktives Mitwirken der Patienten nicht ‚geheilt’ werden können, oder besser: nur in Folge aktiver Mitarbeit des Patienten im Griff zu halten sind. Da chronische Krankheiten, vielen Studien zufolge, heute etwa 50 Prozent der von Hausärzten behandelten Fälle ausmachen, eignet sich dieses neue Konzept insbesondere für die hausärztliche Praxis.

Diese Sichtweise ist noch neu und bedarf zu ihrer Etablierung einer gezielten Unterstützung in Forschung und Praxis. Diese Erkenntnis gab den Anstoß für ein groß angelegtes Projekt zum Thema gesundheitsfördernder hausärztlicher Praxen, das in Kooperation der Universitäten Göttingen und Witten-Herdecke in den Jahren 2002 bis 2005 durchgeführt und vom AOK-Bundesverband finanziell gefördert wurde. In diesem Zeitraum wurden hausärztliche Praxen auf der Grundlage video-dokumentierter Sprechstundengespräche auf Wirklichkeit und Möglichkeit salutogener Orientierungen in der Primärversorgung hin untersucht. Die Patienten litten mehrheitlich an Diabetes und Asthma. Während der gesamten Zeit begleiteten interdisziplinäre Qualitätszirkel, die sich aus Hausärzten, Fachärzten, anderen Therapeuten und Patienten zusammensetzten, die Arbeit. Darüber hinaus trafen sich die Teilnehmenden aus den Zirkeln regelmäßig zu gemeinsamen workshops. Am Ende der Laufzeit des Projekts standen intensive Fallanalysen, das Erstellen des Abschlussberichts und die Entwicklung von Konzeptionen für die mögliche Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse in der hausärztlichen Praxis, zum Beispiel in Gestalt von Fortbildungsprogrammen. Das Buch präsentiert die Fragestellungen, Theorien und Vorgehensweisen der Projektarbeit sowie die wichtigsten Handlungsempfehlungen für die praktische Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse.

Autoren, Zielgruppen und Ziele

Die Herausgeber des Bandes repräsentieren die beiden Universitäten, die das Projekt leiteten. Peter F. Matthiessen ist Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut und hat den Lehrstuhl für Medizintheorie und Komplementärmedizin an der Universität Witten-Herdecke inne, Ottomar Bahrs ist Medizinsoziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Göttingen. Bahrs war gleichzeitig auch Leiter des Gesamtprojektes. Die Autoren der einzelnen Beiträge (und zuvor Mitarbeitende im Projekt) gehören, mit einer Ausnahme, jeweils einer der beteiligten Hochschulen an und vertreten unterschiedlichste Disziplinen und professionelle Verständnisse der Gesundheitsversorgung. Stark vertreten sind die Disziplinen Psychologie und Soziologie, aber auch ein Arzt, eine Literatur- und Sprachwissenschaftlerin sowie eine Spezialistin für Medical Anthropology gehören zum Team. Ein Autor ist Diplombetriebswirt und Vorsitzender des Europäischen Verbraucherverbands für Naturmedizin mit Sitz in Herdecke. Er war gleichzeitig einer der Mitinitiatoren des gesamten Projektes.

Dieselbe wissenschaftliche und professionelle Bandbreite, die die Autoren repräsentieren, wünschen sich die Projektverantwortlichen auch für die Leser ihres Buches. Es richtet sich „an wissenschaftlich interessierte Allgemeinärzte, an erfahrene Praktiker ebenso wie an junge Kollegen. Es soll Anregungen zur Selbstreflexion liefern, ggf. auch für die (bereits stattfindende oder künftige) Arbeit in Qualitätszirkeln…Andere Praktiker und Praktikerinnen im Gesundheitswesen wie Physiotherapeuten, Ernährungsberater etc. sollen ermutigt werden, Kooperation und Vernetzung im Sinne einer zukünftigen ‚integrierten Versorgung’ im Wortsinn zu wagen…Entscheidungsträgern in der Gesundheitspolitik bietet das Buch Anregungen für eine Umorientierung in verschiedener Hinsicht: strukturell ebenso wie auch im Diskurs mit den praktisch Tätigen. Und nicht zuletzt kann es Gesundheitswissenschaftlern Anregungen liefern für weitere Überlegungen zur Professionalisierung. Mit den hier vorgestellten Ergebnissen…möchten wir Impulse zu einer Veränderung der Versorgung geben und einen Beitrag liefern zur Verankerung der Perspektive der Salutogenese in der hausärztlichen Praxis.“ (S. 13)

Aufbau und Inhalt

Die Kapitel des Buches sollen hier nicht im einzelnen vorgestellt werden. Die Richtung ihres Inhalts erschließt sich aus den Titeln von selbst. Die im Rahmen einer Rezension notwendig verkürzte Darstellung wäre nicht ausreichend differenziert, um den dichten Texten gerecht zu werden. Interessierte sollten das Buch unbedingt selbst in die Hand nehmen. Die Kapitel umfassen in ihrer Mehrzahl sowohl theoretische als auch methodische Informationen: Alle sind in einer fachlichen Sprache verfasst, aber auch für interessierte Laien gut lesbar.

  1. Einleitung
  2. Salutogenese und hausärztliches Handeln
  3. Krankheit, Gesundheit und Biographie
  4. Methodisches Vorgehen und Analyseverfahren
  5. Verlauf und Ergebnisse der Qualitätszirkel und Projektarbeit
  6. Disease Management Programme und Salutogenese
  7. Der Stellenwert des Einzelfalls: Fallanalyse Frau Klaus
  8. Hermeneutische Fallrekonstruktionen und Fallvergleiche
  9. Der Bilanzierungsdialog
  10. Zusammenfassung der Ergebnisse und weiterführende Gedanken.

Das zehnte und letzte Kapitel wird für Leser aus der Praxis von besonderem Interesse sein. Es fasst zunächst die wesentlichen Bausteine einer salutogenen Orientierung im ärztlichen Handeln und ihre Vermittlung noch einmal zusammen, zeigt dann die Kontextgebundenheit und Prozesshaftigkeit von Gesundheit und Krankheit auf und beschreibt anschließend die angemessenen Rahmenbedingungen der hausärztlichen Praxis. Auf eine kurze Betrachtung der Erfahrungen der Teilnehmenden an der Qualitätszirkelarbeit folgt ein letzter Absatz mit Ansätzen für ein Fortbildungskonzept. Insbesondere hier wird der praktische Nutzen des Buchs noch einmal deutlich.

Ein ausführliches Literaturverzeichnis und ein Anhang mit 6 Fallskizzen beschließen den Band.

Diskussion und Fazit

Das Buch präsentiert wesentliche Theorien und Ergebnisse zur salutogenen Orientierung in hausärztlichen Praxen. Nicht jeder Leser aus der Praxis wird alle Kapitel mit gleichem Interesse lesen, aber das ist auch nicht unbedingt nötig. Der Inhalt der praktisch orientierten Kapitel bleibt auch dann interessant und lehrreich, wenn andere, eher theorie- und methodenlastige Kapitel nur überflogen werden. Für den wissenschaftlich interessierten Leser bietet der Band eine Fundgrube für Anregungen zur eigenen Weiterarbeit.

Ein wichtiges und ein nützliches Buch, dem größte Verbreitung unter allen Zielgruppen im Kontext der Gesundheitswissenschaften sowie von Praxis und Politik des gesamten Gesundheitswesens zu wünschen ist.


Rezensentin
Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen


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Zitiervorschlag
Sylvia Greiffenhagen. Rezension vom 21.08.2010 zu: Ottomar Bahrs, Peter F. Matthiessen (Hrsg.): Gesundheitsfördernde Praxen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2007. 400 Seiten. ISBN 978-3-456-84454-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5544.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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