Ditmar Schmetz, Reinhilde Stöppler: Förderschwerpunkt Liebe (Sexualpädagogik)
Ditmar Schmetz, Reinhilde Stöppler: Förderschwerpunkt Liebe. Sexualpädagogische Bildungsangebote für Menschen mit kognitivem Förderbedarf. verlag modernes lernen borgmann publishing (Dortmund) 2007. 110 Seiten. ISBN 978-3-8080-0605-4. 17,50 EUR, CH: 30,80 sFr.
Thema
Als ich dem Büchlein das erste Mal begegnete, klopfte ich ihm anerkennend auf den Rücken: "Schau mal an," lobte ich, "so wenig Buchstaben und schon ein ganzes Buch". Auf gut 100 Seiten, die zumeist nur zu einem Drittel beschriftet sind, bringt es diese Veröffentlichung, gestreckt mit Zeichnungen. Möglicherweise hat die Verlags-Produktion schon zu früh zugegriffen und bereits veröffentlicht, als das Manuskript erst im Gerüst vorlag. Dem Gerüst für eine umfangreichere Ausarbeitung zum Thema. Wenn das so wäre, können wir uns auf die Zeiten freuen, zu denen wir das Werk wieder sehen und sagen können "Wow, du bist aber groß geworden!" Denn das Gedankengerüst der Professoren Ditmar Schmetz (Dortmund) und Reinhilde Stöppler (Gießen) zeigt einen konsequent auf Selbstbestimmung Behinderter ausgerichteten Ansatz.
Aufbau und Inhalt
Nach einem Prolog bestimmen die Autoren auf 19 Seiten ihre Position innerhalb der sexualpädagogischen Diskussion. Alle wesentlichen Leitmotive der vergangenen Jahrzehnte werden dabei aufgegriffen:
- Partizipation,
- Normalisierungsprinzip,
- Lebensqualität und
- "Selbstbestimmt Leben", aber auch
- gesetzliche Vorgaben von der UNO-Deklaration bis zum
- deutschen Betreuungsgesetz.
Leitmotive und Vorgaben, die eine Beachtung sexueller Bedürfnisse in der pädagogischen Praxis eigentlich unabdingbar machen.
In den folgenden 13 Kapiteln werden Themenbausteine für eine emanzipatorische Sexualerziehung beschrieben:
- Hygiene und Gesundheit,
- Pubertät und Adoleszenz,
- Körperwahrnehmung und Schönheitsnormen,
- Geschlechterrollen,
- Freundschaft,
- Verliebt-sein und Partnerschaft,
- Ehe,
- Schwangerschaftsverhütung,
- Kinderwunsch und Elternschaft,
- Prävention sexuellen Missbrauchs,
- Aidsprävention,
- Werbung,
- Prostitution,
- Kommunikatives Verhalten.
Zu jedem Baustein führt eine theoretische Betrachtung, der dann sehr praxisbezogene Anregungen und Vorschläge für den Sexualkundeunterricht folgen und sehr hilfreiche Angaben zu Materialien und Medien.
Eingerahmt wird der wissenschaftliche Kern von Lyrik Erich Frieds: "Zwei Sprachen" und "Achtundzwanzig Fragen", beide Gedichte aus 1994.
Selbstverständlich schließt der wissenschaftliche Beitrag mit einem Literaturverzeichnis.
Diskussion
Schon im Prolog stellen Schmetz und Stöppler klar: Sie wollen nicht nur verantwortungsvolle Aufklärung sondern auch lustvolle Sexualität unterstützen. Die späteren Praxisvorschläge setzen das konsequent um, etwa wenn in einigen Interaktionsspielen die Grenze zum körperlichen Erleben überschritten wird. Ihr sexualpädagogischer Unterricht soll nicht nur Kinder und Jugendliche erreichen. Sie sehen einen lebenslangen Bedarf an pädagogischer Begleitung. Modern ist auch ihr Verständnis von Sexualität, die "nicht einseitig auf den Genitalbereich begrenzt ist". Von einem so erweiterten Grundverständnis definieren die Autoren Sexualität als "ein im Menschen angelegtes Verlangen, das über die Fortpflanzungsfunktionen hinaus auf Kommunikation und zwischenmenschliche Interaktion im weitesten Sinne angelegt und damit allen Altersstufen zuzurechnen ist." Sie berücksichtigen, dass die Kommunikation kognitiv Behinderter oft auf der Verhaltensebene ihre Stärken hat.
Allerdings beziehen sie das betreuende Personal in seiner systemisch festgestellten Bedeutung nicht angemessen mit in ihre Praxisvorschläge ein, auch wenn sie dessen Wichtigkeit (immerhin im Abschlusssatz ihrer theoretischen Heranführungen!) benennen. Sie wissen also davon. Betreuendes Personal kommt im Buch zu oft nur als Hemmnis vor, nicht als hilfreiche Unterstützung. Auch die Sexualpädagogik in der Schule muss die Bedeutung der Eltern und des Betreuungspersonals im Wohnbereich mit einbeziehen. Deren Absolution ist bei der festen Bindung, die geistig Behinderte suchen, Voraussetzung für angstfreies Lernen.
Beim systemischen Blick sind noch Auffrischungen für das Buch wünschenswert, auch beim Rückgriff auf Literatur und Untersuchungen, die teilweise schon über zehn Jahre alt sind. Gleichzeitig bekennen die Autoren nämlich, wie rasant die pädagogische Entwicklung voran schreitet. Auch wäre es hilfreich, die Bezeichnung der Zielgruppe zu bekennen. Der im Titel gewählte Ausdruck "Menschen mit kognitivem Förderbedarf" ist sicher ein erneuter Beweis der pädagogischen Hilflosigkeit in diesem Bereich. Denn kognitiven Förderbedarf hat ja wohl jedes Kind, jeder Jugendliche und letztlich jeder Mensch.
Den Kern- und Glanzbereich des Buches bilden ganz eindeutig die Praxisanleitungen und Medienhinweise. Sie sind auf dem neuesten Stand der Pädagogik und beziehen frische Ideen mit ein, etwa die Nützlichkeit von TV-Soaps für die Vermittlung von Inhalten der Sexualpädagogik. Die Beschreibungen der vorgeschlagenen Lerneinheiten zeigen, wie sehr Schmetz und Stöppler das Lernen über Handeln berücksichtigen und die Wichtigkeit konkreter Anschauung. In den Unterricht über das Thema Kinderwunsch zum Beispiel gehören zur Anschaulichkeit geistig behinderte und nicht behinderte Mütter und Väter. Mit der Funktionsweise eines Tampons muss konkret experimentiert werden, und ein Besenstiel ist für das Ausprobieren eines Kondoms nicht konkret genug.
Letztlich wird das Buch zu einem wertvollen Arbeitsinstrument. Wobei dann auch der umfangreiche Platz für Notizen seinen Sinn bekommt. Eigene Ideen können den vielen Anregungen zugefügt werden. Das Buch stellt als Vorlage eine Art Checkliste, die an (fast) alles denken lässt und so manche hilfreiche neue Idee liefert.
Fazit
Allen Sexualpädagoginnen und -pädagogen, die auf die Schnelle bzw. ohne großen Aufwand sich ein modernes Unterrichtskonzept erarbeiten wollen, wird das Buch eine sehr hilfreiche Arbeitsgrundlage sein. Es unterstützt so die Selbstbestimmung behinderter Menschen ganz wesentlich.
Rezensent
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Berlin und Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
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Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 02.02.2008 zu: Ditmar Schmetz, Reinhilde Stöppler: Förderschwerpunkt Liebe (Sexualpädagogik). verlag modernes lernen borgmann publishing (Dortmund) 2007. 110 Seiten. ISBN 978-3-8080-0605-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5572.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.
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