Heike Kuhles: Autismus bei Kindern und Jugendlichen. Wege aus der Isolation
Heike Kuhles: Autismus bei Kindern und Jugendlichen. Wege aus der Isolation. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2007. 102 Seiten. ISBN 978-3-86585-411-7. 21,90 EUR.
Reihe: Dialog und Diskurs - Band 11.
Wie in einer Schalen leben - abgekapselt oder genügsam?
Es ist erst ein rundes halbes Jahrhundert her, seit Autismus als eine ausgeprägte Störung im Sozialverhalten, als Krankheit also, definiert wurde. "Am augenfälligsten ist die extreme autistische Einsamkeit, da das Kind, wenn irgend möglich, alle Einflüsse von außen ignoriert oder von sich fernhält", so beschrieb der Bostoner Kinderpsychiater Leo Kanner 1943 seine Beobachtungen. Und erst 1980 wurden von der wissenschaftlichen Diskussion die Forschungen des Wiener Pädiaters Hans Asperger von 1944 aufgenommen und als "Asperger-Syndrom" in die Klassifizierungssysteme für psychische Störungen eingeordnet.
Autorin und Entstehungshintergrund
Von der Fachhochschule Erfurt kommen immer wieder interessante Forschungsarbeiten. Heike Kuhles, die dort Sozialpädagogik studierte und jetzt als Diplom-Sozialpädagogin / Sozialarbeiterin an einer Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie tätig ist, macht in ihrer Arbeit deutlich, "welche hoher Bedarf an Wissen über den Umgang mit autistischen Personen bei der Berufsgruppe der Sozialpädagogen und Sozialarbeiter besteht".
Aufbau und Inhalt
Nachdem die Autorin das "autistische Spektrum" theoretisch reflektiert und die verschiedenen Prognose-Instrumente beschreibt, geht sie im zweiten Teil ihrer Arbeit auf die Auffälligkeiten und Symptome von autistischen Störungen im Kindes- und Jugendalter ein und diskutiert die daraus resultierenden sozialen Probleme. Dabei wird deutlich, dass das Bewusstsein, "autistisches Verhalten stellt nicht allein das Kind selbst und dessen Angehörige, sondern auch die Gesellschaft vor Herausforderungen", wenig entwickelt ist. Die Soziale Arbeit habe dabei eine besondere, vernetzende, vermittelnde und fördernde Aufgabe. Deshalb widmet sie im dritten Teil der Arbeit der "Förderung autistischer Kinder und Jugendlicher im Bereich der sozialen Interaktion und Kommunikation" eine besondere Aufmerksamkeit. Dabei geht es um den Auf- und Ausbau von Sozialkompetenz, einer Fähigkeit, die bei autistischen Kindern meist nicht oder in nicht ausreichender Weise vorhanden ist. Die für die Soziale Arbeit entwickelten Programme werden vorgestellt; wie:
- ABA (Applied Behavior Analysis): Intensive Verhaltenstherapie nach Lovaas. Das in den USA in den 60er Jahren erarbeitete und erprobte verhaltenstherapeutisch orientierte Förderprogramm beruht auf der Annahme, dass Autismus eine Störung der Wahrnehmung und der Wahrnehmungsverarbeitung und keine Beziehungsstörung sei. Der Therapeut müsse also nicht in erster Linie nach den Ursachen des Autismus Ausschau halten, sondern wünschenswertes Verhalten auf- und störendes Verhalten abbauen. Die Autorin bringt dabei sowohl ihre eigenen Erfahrungen in den Analyse- und Bewertungsprozess, als auch Forschungsergebnisse der in Deutschland bisher wenig bekannten Therapie ein. Weil "soziale Arbeit über therapeutische Arbeit" hinaus geht, ist der Einsatz von ABA aus der Sicht der Autorin im Bausteinprinzip möglich und wünschenswert.
- TEACCH (Treatment and Education for Autistic and other Communication-disabled Children): Sozialkompetenztraining. Das ebenfalls in den USA entwickelte Programm basiert auf der Lerntheorie, bei dem in besonderer Weise das Lernumfeld des autistischen Kindes beachtet wird. Dabei wird den Eltern eine besondere Rolle zugewiesen. Beruhend auf der Annahme, dass autistische Störungen nicht vollständig heilbar sind, werden mit dem "Normalisierungsprinzip" ein größtmöglicher Grad von Selbständigkeit und die Erhöhung der Lebensqualität angestrebt. Der TEACCH-Ansatz wird in Deutschland in vielen Einrichtungen praktiziert und weiter entwickelt.
Weil sich Soziale Arbeit integrativ vollzieht, kann es bei der Förderung von autistischen Kindern durch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter nicht darum gehen, Autismus zu heilen, sondern autistischen Personen zu ermöglichen, "ein weitgehend autonomes Leben in der Gesellschaft führen (zu) können".
Fazit
Das Buch von Heike Kuhles ist sicherlich ein Baustein bei der theoretischen Reflexion über Aufgaben und Möglichkeiten der Sozialen Arbeit, autistische Kinder und Jugendliche zu fördern und ihnen Wege aus ihrer Isolation zu weisen; wie auch ein Praxisbericht für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter.
Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.12.2007 zu: Heike Kuhles: Autismus bei Kindern und Jugendlichen. Wege aus der Isolation. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2007. 102 Seiten. ISBN 978-3-86585-411-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5586.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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