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Reimer Gronemeyer: Sterben in Deutschland

Cover Reimer Gronemeyer: Sterben in Deutschland. Wie wir dem Tod wieder einen Platz in unserem Leben einräumen können. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2007. 294 Seiten. ISBN 978-3-10-028712-0. 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Thema

In Bezug auf Tod und Sterben hat sich in den letzten Jahrzehnten ein enormer Wandel vollzogen. Nicht nur eine Verschiebung der Einstellung ist festzustellen, sondern noch stärker hat sich die Praxis des Sterbens grundlegend geändert. In der Bewertung der unterschiedlichen Erscheinungsformen der neuen Vielfalt gehen die Meinungen allerdings sehr weit auseinander. Reimer Gronemeyer, lutherischer Theologe und seit 1975 Inhaber einer Professur für Soziologie in Gießen, beschäftigt sich seit Jahren theoretisch und praktisch mit diesem Wandel und zieht nun eine kritische Bilanz seiner Forschungstätigkeit, indem er die Veränderungen aus soziologischer und theologischer Sicht eine kritische Revision unterzieht und daraus ethische Forderungen für die Zukunft aufstellt, die seiner Meinung nach aus den Sackgassen herausführen könnten, ohne die Schraube der Zeit in die Vergangenheit zurückzudrehen.

Aufbau und Inhalt

Gronemeyer geht es zunächst darum, allgemeine Trends aufzuzeigen. Als wesentliche Veränderungen der letzten Generation bezeichnet er folgende Entwicklungen:

  • Sterben hat sich aus der Familie in Krankenhäuser und Altenheime verlagert,
  • Sterben ist zu einer medizinisch begleiteten Angelegenheit geworden,
  • Sterben ist durch die Verlagerung in Institutionen sehr kostspielig geworden,
  • Der Umgang mit Toten hingegen wird "sparsamer", durch Feuerbestattung, anonyme Beerdigung werden Kosten gespart.

Als Beleg dieser Thesen wird zunächst umfangreiches statistisches Datenmaterial zur Altersverteilung, insbesondere der Zunahme der Hochaltrigen und Dementen, zu Todesursachen und Sterbeorten und zu neuen Bestattungsformen referiert. Im Mittelpunkt steht jedoch die kritische Analyse der näheren Umstände des Sterbens. Das Sterben in der eigenen Wohnung sieht der Verfasser kritisch. Zum einen ist für ihn das Zerbrechen familiärer Bindungen ein irreversibles Faktum. Zum anderen überfordert das Sterben zu Hause Angehörige, da es lediglich eine Verlagerung (outsourcing) der Intensivmedizin mit allen damit verbundenen Anforderungen darstellt. Die zahlreichen Komplikationen, die mit dem Sterben in Krankenhäusern und Heimen verbunden sind, werden klar benannt. Gronemeyer problematisiert hier insbesondere die "Narkotisierung" des Sterbens, die Übersedierung von Sterbenden, die aus dem oberflächlich verstandenen Postulat der Schmerzfreiheit am Lebensende abgeleitet wird und letztlich unmenschliche Züge annimmt. Sie rückt nach Ansicht des Verfassers in die Nähe der Euthanasie, da die Grenzen zwischen Bekämpfung der Schmerzen und Beschleunigung des Sterbeprozesses kaum zu ziehen sind.

Eingehend werden auch die Erfahrungen der Hospize untersucht, der "heimlichen Hauptstädte der Moderne", von denen noch am ehesten ein menschliches Sterben erwartet wird. Als wesentliches Element erscheinen dem Verfasser die ehrenamtlichen Helfer besonders im ambulanten Bereich, die einen menschlichen Gegenpol gegen die medizindominierte Institutionalisierung verkörpern. In stationären Hospizen sieht er die Gefahr einer Standardisierung, die die individuelle Geschichte des Sterbenden auszuklammern droht. Beherzt werden u.a. auch Themen wie Demenz und Sterben, Sterbehilfe als "Dienstleistung", die finanzielle Seite des Sterbens unter die Lupe genommen.

Gezielt bringt der Verfasser auch meist extreme Praxisberichte, Fälle, Aussagen von Angehörigen und Fachkräften ein, die in unkommentierter Form präsentiert werden und zu weiterem Nachdenken anregen bzw. Schlussfolgerungen nahe legen, deren Formulierung (noch) nicht gewagt wird.

Diskussion - Einschätzung

Gronemeyer erweist sich mit dieser Beschreibung des Sterbens in Deutschland nicht nur als ausgewiesener Kenner der gegenwärtigen Sterbeszene, sondern als mutiger Kritiker der immer unüberschaubarer werdenden Inszenierungen des Sterbens, die häufig mit dem Mantel der Humanität verdeckt oder gar verschleiert werden. Es zeigt mit hohem sprachlichem Geschick problematische Trends auf, die als Mainstream heute noch kaum hinterfragt werden. Die Darstellung wirkt dabei nicht selten provokativ, wenn etwa Tod als "Systemabbruch und sonst nichts" angeprangert wird und von Sterben als "Eventkultur" zur Steigerung des Lebensgefühls gesprochen wird, wenn vor Grauzonen der Euthanasie gewarnt wird, wenn in Zusammenhang mit Tötungsskandalen in Kliniken und Heimen von einem heimlichen Tötungsauftrag der Gesellschaft gesprochen wird oder wenn Altersdemenz als Anzeichen einer kulturellen Verarmung und Vereinsamung des Alters deklariert wird, dem die "Weisheit des Alters" früherer Generationen als Kontrast gegenüber gestellt wird.

Diskutierenswert erscheint auch die These, dass die Zuflucht zu individuellen Wahlmöglichkeiten, die etwa in der Überbewertung von Patientenverfügungen zum Ausdruck kommt, auch eine Flucht vor der sozialen Verantwortung entspricht. Hinter dem zunehmendem Wunsch nach Euthanasie - Gronemeyer benutzt durchgängig diesen in Deutschland verpönten Begriff - wird die Verinnerlichung eines gesellschaftlichen Imperativs ausfindig gemacht, dem sozialen Umfeld Kosten und andere Unannehmlichkeiten zu ersparen, die mit dem Sterben naturgemäß verbunden sind. Trotz der durchgängig pessimistischen Beschreibung der aktuellen Sterbepraxis wagt der Verfasser optimistischere Ausblicke, die die pseudohumanitäre Fassade durchstoßen. Er verankert menschenwürdiges Sterben jedoch in philosophischen und religiösen Ideen der christlichen Tradition und anderer religiöser Vorstellungen aus Asien und Afrika. Die Kunst der modernen ars moriendi besteht demnach darin, sich dem Ausschalten zu verweigern und sich für das Abschließen zu öffnen.

Bei der Brillanz der Analyse soll jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass zum Zweck des Dramatisierens Positionen polemisch überzeichnet werden. Die Konzentration auf die Rolle des Sterbenden führt zu einer Abwertung der Beziehung zu Angehörigen. Das Zerbrechen zahlreicher Familien bedeutet nicht gleichzeitig auch eine Entleerung familiärer Bindungen, sondern erzeugt insbesondere im Prozess des Sterbens einen intensiven Wunsch nach Wiederbelebung abgebrochener Beziehungen bis hin zu Versöhnungsbemühungen. Hauptamtliche Mitarbeiter von Hospizen, die täglich den Spagat zwischen Routinepflege, menschlicher Begleitung und die Vermittlung zwischen Angehörigen und Medizinern zu bewältigen haben, werden sich vermutlich kaum angemessen gewürdigt fühlen, wenn ihre anspruchsvolle Tätigkeit aus dem Blickwinkel der Standardisierung betrachtet wird, wogegen sie in der Praxis ankämpfen. Behutsame Palliativmedizin zielt sicher nicht auf totale Schmerzvermeidung nach einem medikamentösen Grundmuster, sondern auf eine Reduzierung auf ein erträgliches Maß, das jeweils individuell und situativ ausgehandelt werden muss.

Fazit

Trotz dieser Bedenken lässt sich sagen, dass Gronemeyer hier eine sehr empfehlenswerte Streitschrift vorlegt, die den Wandel im Umgang mit dem Sterben in der modernen Gesellschaft beschreibt und kritisch seziert. Problematische Tendenzen und neue Tabus, die sich in diesem Prozess einzuschleichen beginnen, werden offen gelegt. Grundlagen für eine zeitgemäße ars moriendi werden benannt. Eine Herausforderung für die "neue" Sterbekultur!


Rezensent
Prof. Dr. Hans Goldbrunner


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Zitiervorschlag
Hans Goldbrunner. Rezension vom 09.01.2008 zu: Reimer Gronemeyer: Sterben in Deutschland. Wie wir dem Tod wieder einen Platz in unserem Leben einräumen können. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2007. ISBN 978-3-10-028712-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5609.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


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