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Jörg Rieksmeier (Hrsg.): Praxisbuch Politische Interessenvermittlung

Cover Jörg Rieksmeier (Hrsg.): Praxisbuch Politische Interessenvermittlung. Instrumente - Kampagnen - Lobbying. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 258 Seiten. ISBN 978-3-531-15547-0. 29,90 EUR.

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Thema

Selbst in klassischen parlamentarischen Demokratien werden politische Entscheidungen nicht alleine von den Amtsinhabern getroffen; zur formellen Seite der Politik gesellt sich ein weites Spektrum an informellen Kontakten und Kommunikationsformen. In der Grauzone zwischen der Vielzahl gesellschaftlicher Interessen und dem politischen Entscheidungssystem ist die Interessenvermittlung angesiedelt. Diese umfasst eine Vielzahl von Aktivitäten – von der offiziellen Beteiligung in Beiräten und Anhörungen bis hin zur Kampagnen- und Lobbyarbeit. Hierbei kommen verschiedene Instrumente und Strategien zum Einsatz und  werden unterschiedliche Adressaten (Öffentlichkeit, Parlamente, Regierung und Verwaltung) ins Visier genommen.

Vor allem um das konkrete Handwerk und praktische Beispiele geht es in dem Band. In dreißig knappen Beiträgen wird das breite Feld bearbeitet. Dem entsprechend ist die Herkunft und Tätigkeit der Autoren.

Inhalt

Was machen die Akteure, wenn sie politische Interessenvermittlung – angesichts der Erfahrungen mit der Praxis vielleicht eine etwas zu euphemische Begriffsbildung – betreiben? Zum einen geht es um das Bild der Organisation und auch des Unternehmens in der Öffentlichleit. In dieser müssen sie positioniert und profiliert werden. Exemplarisch geht es um "Integriertes Corporate Citizenship" oder um "Corporate Social Responsibilty" oder um "Public Affairs", bei denen es darum geht, die Reputation von Organisationen und Personen zu erhöhen.

Zu den weiteren technischen Aspekten, die behandelt werden, zählen

  • die Medienresonanzanalyse (z.B. die Analyse von gewünschten und tatsächlichen Botschaften)
  • das politische Krisenmanagement aus Unternehmenssicht (etwa bei Umstrukturierungen oder Änderungen des Umfeldes)
  • das Issue-Management (in den Schritten Monitoring, Analyse, Strategiebestimmung und Umsetzung).

Stattfinden kann dies in der eher altmodisch anmutenden Form eines politischen Salons oder in der modernen Variante eines Internet-Blogs.

Um welche konkreten Beispiele geht es nun in dem Band? Diese behandeln unterschiedliche Fälle, so die Kamgagne für Recyclingpapier, bei denen sich die Wirtschaft für Nachhaltigkeit engagiert oder der mediale Kampf gegen die Zweiklassenmedizin bzw. für eine moderne Krebsdiagnose oder die Kampagne für das Nichtrauchen. Diese werden kurz beschrieben (Akteure, Strategie, Instrumente, was z.T. auch Bilder beinhaltet) und so anschaulich gemacht.

Schließlich kommen in Interviews die Adressaten der Lobbyarbeit in den Blick. Ein Abgeordneter des Deutschen Bundestags schildert seine Erfahrungen. Es beginnt mit der Zusendung von Material, Einladungen zu Veranstaltungen bis hin zum persönlichen, ja manchmal vertraulichen Gespräch. "Von  einem Lobbyisten erwarte ich, das er eine hoch qualifizeirte Ausbildung besitzt und sein Handwerk versteht, jedoch sollte er kein Seelenverkäufer sein" – so die Erwartungshaltung (S. 222). Interessant sind auch die Erfahrungen einer ehemaligen Gesundheitsministerin; in diesem Politikfeld treffen viele unterschiedliche Interessen aufeinander, da geht es um viel Geld und das eigene Leben. Aber die Meinungsvielfalt ist nicht ausgewogen, denn "bestimmte Gruppen sind nicht oder nur schwach repräsentiert" (230). Daher plädiert sie als Ergänzung für eine Ausweitung der direkten Beteiligung von Bürgern und Betroffenen.

Fazit

Was ist der Ertrag des Bandes? Der Eindruck ist ambivalent: Einerseits werden wichtige Beispiele kurz dargestellt, die Vielfalt der Bereiche, Instrumente und Praktiken gut abgedeckt; andererseits mangelt es an analytischen Vertiefungen und systematischen  Darstellungen – was bei 30 Beiträgen und gut 250 Seiten Umfang auch nicht sein kann. Vieles ist darüber hinaus auch schon bekannt – der Wandel von Korporatismus zum Pluralismus bzw. Lobbyismus ist in der Verbändeforschung einschlägig bekannt. Allerdings leben davon offensichtlich außerhalb der Wissenschaft eine Reihe von Leuten bzw. ist inzwischen eine kleine Branche entstanden.


Rezensent
Prof. Dr. Josef Schmid
Prof. für Politische Wirtschaftslehre und Vergleichende Politikfeldanalyse an der Universität Tübingen, lehrt und forscht über Wohlfahrtsstaaten, Arbeitsmarktpolitik und Bürgerschaftliches Engagement in den Bundesländern. Er ist derzeit hauptamtlicher Dekan der Wirtschafts- Sozialwissenschaftlichen Fakultät
Homepage www.wip-online.org
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Zitiervorschlag
Josef Schmid. Rezension vom 19.04.2008 zu: Jörg Rieksmeier (Hrsg.): Praxisbuch Politische Interessenvermittlung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 258 Seiten. ISBN 978-3-531-15547-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5667.php, Datum des Zugriffs 04.02.2012.


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