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Verena Krähenbühl, Hans Jellouschek u.a.: Stieffamilien. Struktur - Entwicklung - Therapie

Cover Verena Krähenbühl, Hans Jellouschek, Margarete Kohaus-Jellouschek, Roland Weber: Stieffamilien. Struktur - Entwicklung - Therapie. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2007. 6., aktualisierte Auflage. 216 Seiten. ISBN 978-3-7841-1777-5. 18,50 EUR, CH: 33,20 sFr.
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Thema

Trennungen von Eltern sind in der sog. „zweiten Moderne“ (Beck) keine Ausnahme mehr sondern ein integrales gesellschaftliches Phänomen. Individualisierung, Mobilität, Flexibilität, Globalisierung sind die soziologischen Schlagworte, die versuchen, das Familienleben und die sie prägenden Rahmenbedingungen in der postmodernen Gesellschaft zu fassen. Zugleich wird sowohl in privaten als auch professionellen Bezügen der Mythos hochgehalten, dass die Ursprungs- oder auch Kernfamilie nicht nur den Ausgangspunkt einer Familie darstellt sondern die zu bewahrende Vollkommenheit darstellt. Wenn dieses nicht aufrecht erhalten werden kann, entstehen zwangsläufig Probleme, bspw. in sich daraus bildenden „Stieffamilien“, so der Titel des Buches.

Die Autor/innen, mit unterschiedlichen psychologisch-therapeutischen, sozialwissenschaftlichen sowie theologischen Hintergründen aus Wissenschaft und Handlungspraxis, haben mit der bereits 1986 erschienen Erstauflage im damaligen zeithistorischen Kontext eine erste deutschsprachige Monografie verfasst, die aufgrund eigener Forschungsarbeiten eine Typologie der sog. Stieffamilie, deren Lebensorganisation sowie der therapeutischen Arbeitsweisen mit dieser Familienform bündelt.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung zum Buch reflektieren die Autor/innen den bis dato eher ungebräuchlichen Begriff der Stieffamilie. Im Bewusstsein, dass die Beifügung „Stief-“ eine eher deutlich negative Konnotation hat aufgrund der altdeutschen Ableitung des ‚verwaisten‘, ‚beraubten‘ Familienmitgliedes und der entsprechenden Verwendung, nutzen sie diesen bewusst, da sie das ‚Flickwerk‘, neudeutsch ‚Patchworkfamilie‘, begrifflich nicht förderlicher einschätzen. Im Gegenteil soll mit der bewussten Nutzung des Begriffs ein Abbau von Vorurteilen hergestellt werden, so die benannte Absicht der Verfasser/innen.

In Teil I des verständlich lesbaren Buches wird die Stieffamilie begrifflich, statistisch sowie sozial gefasst, um anschließend Merkmale der Stieffamilie insbesondere in Abgrenzung zur Kernfamilie herauszuarbeiten, die darauf aufbauend einer Typologie verschiedener Formen von Stieffamilien dienen bis hin zur sog. Teilzeit-Stieffamilie. Diese Typologien werden jedoch nicht allein kategorial hergeleitet und beschrieben. Zugleich werden Aussagen, die nicht wirklich belegt sondern teilweise schlicht konstatiert werden sowie Empfehlungen ausgeführt, die vermuten lassen, dass die Autor/innen davon überzeugt scheinen, dass diese jeweilige typologische Konstruktion durchaus real existent ist und nicht allein der analytischen Reflexion dienen soll.
Anschließend wird ein exemplarisches Entwicklungsinterview mit einer Familie ausgeführt, „um einige charakteristische Probleme und Aufgaben einer Stieffamilie kennen zu lernen“ (S.44), was mit Interviewdialogen in einer durchaus eher problemorientierten Gesprächsführung belegt wird. Folgend werden „Stationen auf dem Weg zur Stieffamilie“ (S.63) zum Verständnis eines Entwicklungsprozesses beschrieben, der schließlich in drei Hauptphasen gebündelt und tabellarisch gegenübergestellt wird.

Teil II erfasst die Lebensorganisation einer Stieffamilie, wobei auch hier wiederum eine spürbar problemorientierte Betrachtung eingenommen wird, die sich nicht nur im so überschriebenen Abschnitt der „Problembereiche von Stieffamilien“ (S.83ff) zeigt.

Teil III des Buches widmet sich der therapeutischen Arbeit mit Stieffamilien, die sich maßgeblich begründet, wenn es der Familie nicht gelungen ist, „eine befriedigende Lebenssituation aufzubauen“ (S.131). Durch die nach Ansicht der Autor/innen fassbare Differenz zu ‚Kernfamilien‘ wird im Folgenden eine für Stieffamilien daher besondere und „andere Akzente“ (ebd.) setzende Therapievorgehensweise nachgezeichnet. Auch hier wird zunächst ein Praxisexempel ausgeführt, in der Chronologie von zwölf Therapiesitzungen, wiederum unter Hinzunahme von dialogischen Mitschnitten, die den Lesenden einen hilfreichen Einblick verschaffen können. Daran anschließend wird in kompakter Form das ‚besondere‘ Vorgehen gebündelt und zudem ein Fokus auf die Rolle des/der Therapeuten/in gelegt.

Das Buch endet mit einem auf 4 ½ Seiten sehr kompakten Abschnitt über „Hilfen für Stieffamilien“ (S.199), wobei dies insbesondere rechtliche Aspekte umfasst. Abschließend wird unter ‚Adressen‘ alleinig auf die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen Stieffamilien verwiesen. Im Anhang werden die empirischen Daten des das Buch unterfütternden Projektes dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt.

Fazit

Die von den Autor/innen im Vorwort zur sechsten Auflage geäußerte Vermutung, dass ihr Buch zum „Klassiker“ bezüglich der Thematik von Stieffamilien geworden ist, mag durchaus begründet sein. Zugleich wird beim Lesen dieses ‚Klassikers‘ nicht allein wegen der eher problemfokussierten Betrachtungsweise der Autor/innen spürbar, dass sich die gesellschaftlichen Bedingungen und damit die Lebenslagen von Familien im vergangenen Vierteljahrhundert durchaus gewandelt haben und damit auch die Formen von Familie sowie deren (Selbst-) Betrachtungsweisen einen Weiterentwicklungsprozess vollzogen haben. Ob das Buch neben einer rein ‚klassischen‘ Sichtweise zugleich aktuellen Herausforderungen in der Betrachtung von und der (therapeutischen) Zusammenarbeit mit Familien eine zeitgemäße handlungsleitende Orientierung darstellt, mag durch die Lesenden selbst beurteilt werden. Eventuell ist symptomatisch, dass die oben erwähnte Bundesarbeitsgemeinschaft zu Jahresbeginn 2010 nach mehr als 20jähriger Informations-, Beratungs- und Unterstützungstätigkeit aufgrund mangelnder Nachfolge ihre Arbeit einstellen muss.


Rezensent
Prof. Dr. Stefan Bestmann
Seit 2009 Gastprofessor (halbes Deputat) für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig. Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, Praxisforschungen und Evaluationen.
Homepage www.eins-berlin.de
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Zitiervorschlag
Stefan Bestmann. Rezension vom 09.03.2010 zu: Verena Krähenbühl, Hans Jellouschek, Margarete Kohaus-Jellouschek, Roland Weber: Stieffamilien. Struktur - Entwicklung - Therapie. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2007. 6., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-7841-1777-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5697.php, Datum des Zugriffs 25.05.2016.


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