Asmus Finzen: Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?
Asmus Finzen: Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund? Räsonieren über das Heilen. Räsonieren über das Heilen. Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2002. 152 Seiten. ISBN 978-3-88414-303-2. 15,00 EUR.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-86321-023-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Einführung und Überblick
Wenn ein bekannter Sozialpsychiater wie Asmus Finzen ein neues Buch veröffentlicht, wird man neugierig. Auch der Titel:" Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?" wirkt spannend. Leider hat das Buch meine Erwartungen nicht ganz erfüllt. Es richtet sich in erster Linie an Ärzte und Therapeuten, bietet diesem Leserkreis jedoch zu wenig wirklich neue Gesichtspunkte. An mancher Stelle wiederholt sich der Autor. Sein Buch enthält neben pointiert vorgebrachter Spezialistenkritik auch viel Bekanntes über Placebos und Wirksamkeitsnachweise therapeutischer Interventionen und Zitate von Begriffsdefinitionen verschiedener Nachschlagewerke. Die durch den Titel geweckte Erwartung, auch neuere gesundheitswissenschaftliche Erkenntnisse zu vermitteln, wird nicht erfüllt. Das Buch setzt sich in erster Linie mit psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlungen und deren spezifischen und vor allen Dingen unspezifischen Wirkfaktoren auseinander. Es mahnt die Einzeltherapeuten mit stark spezialisierten Ausbildungen zu mehr Bescheidenheit, kritisiert psychotherapeutische Theoriegebäude verschiedener Schulen und fordert dazu auf, den unspezifischen therapeutischen Wirkfaktoren und dem therapeutischen Milieu in Psychiatrie und Allgemeinmedizin mehr Aufmerksamkeit zu widmen.
Zum Inhalt:
Im ersten Kapitel werden der Machbarkeitsmythos der modernen Medizin, die daraus resultierenden Enttäuschungen und die Hinwendung zu alternativen Heilmethoden beleuchtet.
Kapitel 2 handelt von fünf möglichen Gründen, warum Patienten gesund werden (und der 6. Alternative, dass sie nicht wieder gesund werden):
1.) wegen der Therapie, die wir anwenden
2.) von alleine
3.) trotz unserer Therapie
4.) wegen unbeabsichtigter oder unspezifischer Behandlungsfaktoren oder
5.) weil sie gar nicht krank sind.
Im 3. Kapitel werden einige Wirkprinzipien von psychiatrischer Therapie, Sozio- und Milieutherapie, Psychotherapie und Somatotherapie erläutert, um dann im 4. Kapitel eine ausführliche Erörterung von Placebos und unspezifischen Wirkfaktoren anzuschließen.
Das 5. Kapitel ist einer essayistischen, zum Teil recht pauschalen Kritik verschiedener Grundannahmen psychotherapeutischer Theorien gewidmet. Nach einem Seitenhieb auf modere Wellnessbewegungen und überzogene Glückserwartungen folgt im 7. Kapitel eine pragmatische Zusammenstellung allgemeiner Grundlagen (psychiatrischer) therapeutischer Interventionen - von der Bestandsaufnahme über Zielfindung und Methodenwahl bis hin zur therapeutischen Haltung und Milieugestaltung mit einer Orientierung an der Außen- oder Lebenswelt.
Fazit:
Zusammenfassend enthält das Buch einige interessante Entzauberungen therapeutischer Prozesse vor dem Hintergrund langjähriger klinischer Erfahrung und wirft einen skeptischen Blick auf die scheinbare Effizienz mancher spezifischer Verfahren, jedoch bietet die Hinwendung zu unspezifischeren Wirkfaktoren und zur Gestaltung des therapeutischen Milieus nicht so viele wirklich neue und weiterführende Gesichtspunkte, wie man es von dem Autor erwartet hätte.
Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialmedizin an der Fakultät 3 der Hochschule Lausitz (FH)
Homepage www.hs-lausitz.de/users/ajost.html
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 22.10.2002 zu: Asmus Finzen: Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund? Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2002. 152 Seiten. ISBN 978-3-88414-303-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/576.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
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