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Sibylle Heeg, Katharina Bäuerle: Heimat für Menschen mit Demenz

Cover Sibylle Heeg, Katharina Bäuerle: Heimat für Menschen mit Demenz. Internationale Entwicklungen im Pflegeheimbau. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2008. 224 Seiten. ISBN 978-3-938304-93-8. 25,00 EUR.
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Thema

Im Bereich der Planung und Errichtung von Altenpflegeheimen gewinnt seit Jahren der Demenzfaktor mehr und mehr an Bedeutung. Angesichts der Tatsache, dass ca. 70 – 80 Prozent der Pflegeheimbewohner kognitive Minder- und Fehlleistungen zeigen, überwiegend demenzielle Erkrankungen (Alzheimer u. a.), verwundert es nicht, dass auch die räumlichen Gegebenheiten stärker an diese Gruppe der Alterskranken angepasst werden. Während jedoch in anderen Ländern wie den USA, Großbritannien und Skandinavien bereits jahrzehntelange Erfahrungen im Bereich Demenzarchitektur bestehen, ist hingegen in Deutschland dieses Themenfeld noch recht neu und wird teils auch kritisch betrachtet. So gibt es hierzulande immer noch größere Einrichtungsträger, Sozialministerien und andere Organisationen (u. a. das Kuratorium Deutsche Altershilfe), die den so genannten „integrativen Ansatz“ in der stationären Versorgung Demenzkranker im Sinne eines Zusammenlebens von Demenzkranken und Nicht-Demenzkranken in einem gemeinsamen Wohnbereich favorisieren und entsprechend einer besonderen Demenzarchitektur eher ablehnend gegenüberstehen. Dass ein demenzspezifisches Milieu hinsichtlich der räumlichen Gestaltung deutlich merkbare Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Zufriedenheit der Betroffenen zeigt, ist jedoch mittlerweile Stand der Forschung und der Praxis.

Autorinnen

Bei den Autorinnen Sibylle Heeg und Katharina Bäuerle handelt es sich um Architektinnen (Dipl.-Ing.), die sich bereits seit Jahren mit Fragen der demenzspezifischen Raumgestaltung in Pflegeheimen in Rahmen von konkreten Bauplanungen und Projekten beschäftigen. Über Aspekte der Demenzarchitektur haben sie schon Einiges publiziert (vgl. Rezension 1 und Rezension 2).

Aufbau

Die Veröffentlichung besteht aus zwei Teilen.

  1. Im ersten theoretischen Teil mit insgesamt acht Kapiteln (Seite 10 – 71) wird der Gegenstandsbereich „Aktuelle Entwicklungen im Pflegeheimbau“ unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in Deutschland dargestellt.
  2. Der zweite, umfangreichere praktische Teil (Seite 72 – 259) befasst sich mit Beispielen aus dem Bereich der Demenzarchitektur mitsamt den Nutzungserfahrungen. Insgesamt wurden 18 Einrichtungen aus Deutschland (13 Einrichtungen), Finnland (3 Einrichtungen), Schweiz und Dänemark (jeweils eine Einrichtung) unterteilt in drei Untergruppen (Pflegeeinrichtungen nur für Demenzkranke, Altenpflegeheime mit speziellen Demenzwohnbereichen und ambulante Wohngemeinschaften für Demenzkranke) u. a. unter architektonischen, pflegerischen betriebsorganisatorischen Gesichtspunkten vorgestellt und kommentiert. Alle Beispiele sind darüber hinaus mit vielen Fotos und Grundrissen dokumentiert.

Inhalt

Im ersten theoretischen Teil der Arbeit wird zu Beginn die Entwicklung im Altenpflegeheimbereich in Deutschland unter dem Aspekt der zunehmenden Anzahl von demenzkranken Bewohnern nachgezeichnet. Zur Ergänzung werden Erfahrungen aus anderen Ländern zu diesem Gegenstandsbereich angeführt. Folgende Ergebnisse der Untersuchung sind von allgemeinem Interesse hinsichtlich der aktuellen Diskussion in Fachkreisen und sollten deshalb auch besonders angeführt werden:

  • Die in den 80er Jahren besonders in Skandinavien und Großbritannien vorgenommene Abkehr vom Heimbereich zugunsten der ambulanten und vorstationären Versorgung (Wohngruppen) wurde aus verschiedenen meist organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Gründen wieder rückgängig gemacht. Die zu Beginn als solitäre Einrichtungen geführten Wohngruppen für Demenzkranke sind z. B. in Schweden zwischenzeitlich ein gesonderter Wohnbereich mit ca. 20 Plätzen in den so genannten „Service-Häusern“ geworden.
  • In Deutschland wurde zu Beginn der Entwicklung demenzspezifischer Milieus der Aspekt der Gemeinschaftlichkeit in Kleingruppen von 6 – 8 Bewohnern favorisiert. U. a. aus organisatorischen Gründen wurde dann die Gruppengröße auf ca. 12 – 15 Bewohnern erweitert. Zwischenzeitlich gehen die Empfehlungen in Richtung einer Koppelung benachbarter Wohngruppen zu einer Lebenswelt Demenzkranker. Hierdurch wird dem Bewegungsdrang der Demenzkranken Rechnung getragen und zusätzlich erhöht sich die organisatorische „Robustheit“ im Falle von Personalausfällen (Krankheit u. a.).
  • Bezüglich des Verhältnisses von Gemeinschafts- und Bewegungsflächen zu den Individualflächen (Bewohnerzimmer) plädieren die Autorinnen für die Vorrangigkeit der Gemeinschaftsflächen, da die Bewohnerzimmer überwiegend nur zum Schlafen genutzt werden. Bei den Bewohnerzimmern sollte ein größerer Anteil an Doppelzimmern vorgehalten werden, denn die Demenzkranken zeigen in Doppelzimmern weniger Furcht und Unruhe. Mit diesen Empfehlungen – größere Wohnbereiche, Umwidmung von Individual- in Gemeinschaftsflächen und dem Vorrang der Doppelzimmer – nähern sich die Autorinnen den Positionen des Rezensenten an.[1]

Aus dem zweiten Teil mit den praktischen Beispielen einer spezifischen Demenzarchitektur sind folgende Nutzungserfahrungen nach Einschätzung des Rezensenten für die Planenden und Leitenden in den Altenhilfeeinrichtungen von besonderer Bedeutung:

  • Lage des Dienstzimmers Erfahrungen aus den Beispieleinrichtungen belegen den Sachverhalt, dass die Lage des Dienstzimmers von strategischer Bedeutung für die Milieugestaltung ist. Es sollte möglichst an die Gemeinschaftsflächen aus folgenden Gründen angrenzen: die Pflegenden erhalten einen besseren Überblick über das Geschehen und das Verhalten der Bewohner. Demenzkranke hingegen nutzen die Gemeinschaftsflächen deutlich häufiger, wenn sie hierdurch die Nähe ihrer vertrauten Pflegenden und Betreuer verspüren.
  • Ungenutzte Gemeinschaftsflächen Zusätzliche Gemeinschaftsräume, die nicht von Mitarbeitern aufgesucht und genutzt werden, werden auch von Demenzkranken äußerst selten frequentiert. Es kann hier regelrecht von „toten“ Nutzungsflächen gesprochen werden.
  • Bodenbeläge Wechsel der Bodenbeläge (Farbmuster, Materialien wie z. B. Wechsel von Parkettböden zu Linoleum) und auch helle spiegelnde Böden verunsichern die Bewohner und hemmen teilweise ihren Bewegungsdrang.
  • Helligkeit und Vollverglasung Helle Innenräume möglichst durch natürliches Licht wirken sich positiv auf das Wohlbefinden und auch auf die Regsamkeit der Demenzkranken aus. Der gegenwärtige Trend in der Architektur hin zu Vollverglasung ganzer Wandbereiche kann hingegen im Sommer zu einer kaum zu regulierenden Überhitzung der Raumtemperatur führen. Auch eine heimelige Atmosphäre lässt sich in dieser Ambiente kaum herstellen, denn die Demenzkranken sind lebensgeschichtlich nicht mit derart großen Glasflächen in ihrem Wohnumfeld vertraut.

Fazit

Bei der vorliegenden Untersuchung kann festgestellt werden, dass hier wesentliche Elemente eines räumlichen Demenzmilieus für Demenzkranke im mittelschweren Stadium erfasst und dargestellt worden sind. Den Autorinnen ist es gelungen, besonders auch auf der Grundlage der mannigfachen Nutzungserfahrungen in den Einrichtungen den impliziten Verflechtungszusammenhang zwischen dem Arbeitsmilieu für die Pflegenden und der Lebenswelt für die Demenzkranken als ein entscheidendes Wirkprinzip für die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter und die Lebenszufriedenheit der Bewohner herausgearbeitet zu haben. Die Veröffentlichung kann daher allen in den Einrichtungen Verantwortlichen zur Lektüre empfohlen werden.


[1] Lind, S.: Strukturelemente eines räumlichen Milieus für demenziell erkrankte Menschen: Die Nähe vertrauter Menschen gibt Sicherheit und Stärke. Pflegezeitschrift, 60 (2007), 7, 365 – 369.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 09.02.2009 zu: Sibylle Heeg, Katharina Bäuerle: Heimat für Menschen mit Demenz. Internationale Entwicklungen im Pflegeheimbau. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2008. ISBN 978-3-938304-93-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5763.php, Datum des Zugriffs 25.07.2016.


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