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Antonella Invernizzi, Jane Williams (Hrsg.): Children and Citizenship

Cover Antonella Invernizzi, Jane Williams (Hrsg.): Children and Citizenship. SAGE Publications, Ltd (London) 2008. 232 Seiten. ISBN 978-1-4129-3537-1.

Preis 99.95 Dollar (Listenpreis) , 70.00 Pound.

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Thematik, Entstehungshintergrund und Aufbau

Kinder sind nicht nur eine besonders verletzliche Gruppe, oft schutzlos Gewalt, Ausbeutung, Armut und Unterdrückung ausgesetzt, Kinder sind auch eine besonders starke Gruppe: neugierig, lernfähig und von Anbeginn mit Menschenrechten ausgestattet. Kinder sind immer schon Menschen, sie werden es nicht erst. Dies ist zumindest die aufgeklärte Position, die uns seit 1989 die UN-Kinderrechtskonvention vermittelt. Kinder sind aber nicht nur Träger von Rechten, sie sind auch Träger von Verantwortung und von Pflichten gegenüber anderen Kindern, gegenüber Erwachsenen, gegenüber den Gemeinschaften, zu denen sie gehören. Diese zweite Perspektive der Verantwortungs- und Gemeinschaftsorientierung wird v. a. in Kontexten demokratischer Schule und politischer Bildung diskutiert. Beide Perspektiven werden in der Diskussion um die Bürgerrolle der Kinder (children's citizenship) zusammengeführt. Es geht dabei um die Kernfragen: Was dürfen, was sollen und was können Kinder als aktive, teilnehmende Mitglieder ihrer Gemeinschaften, denn Kinder werden nicht erst Bürger, sie sind es schon ("citizen now"), gleichwohl gilt es der besonderen Situation von Kindern gerecht zu werden, dass sie nicht einfach kleine Erwachsene sind und dass sie viele ihrer Fähigkeiten erst entwickeln müssen.

Der Sammelband hat sich diesen Fragen in interdisziplinärer  Absicht angekommen und an ein Forschungsseminar an der Universität Swansea in Wales angeknüpft, an der auch die beiden Herausgeberinnen als Wissenschaftlerinnen arbeiten.  Die drei Themenblöcke:

  1. Begriffe und Konzepte
  2. Konstruktionen und Erfahrungen
  3. Recht und  Politik

strukturieren den Band.

Das Vorwort des Vorsitzenden des UN-Kinderrechtsausschusses Jaap Doek gibt mit der Hervorhebung der Bedeutung der Kinderrechtskonvention den  normativen Rahmen vor. In prägnanter Weise unterstreicht er aber auch die unaufhebbare Spannung in der Kinder leben und die in dieser Konvention zum Ausdruck kommt. Einerseits geht es um die Anerkennung der Kinder als Träger von Rechten von Geburt an, andererseits bedeutet  Kindsein immer auch, dass Kinder ihre Rechte nur gemäß ihrer sich entwickelnden Fähigkeiten wahrnehmen können. Es geht immer um die Förderung von Kindern durch Erwachsene, damit die Kinder lernen, ihre wachsende Autonomie wahrzunehmen und vollständige  Mitglieder ihrer Gemeinschaften werden.

1. Begriffe und Konzepte

An diese Spannung knüpft auch der Beitrag von Ruth Lister "Unpacking Children's Citizenship" an. Indem sie die unterschiedlichen Bausteine des Konzepts "Bürgerschaft" identifiziert und diskutiert: Mitgliedschaft in einer Gemeinschaft, Rechte, Verantwortlichkeiten, Gleichheit, Fähigkeit, (Un)Abhängigkeit, vertritt sie die These, dass es  "citizenship" nur als eine graduelle Wirklichkeit gibt und nicht ganz oder gar nicht. In diesem Sinne unterstreicht sie auch, dass es nicht darum gehen kann, die Differenz zwischen Kindern und Erwachsenen zu leugnen, sondern dass es um eine ausbalancierte Kombination der Anerkennung von Gleichheit und Verschiedenartigkeit geht. Dies beinhaltet auch das Recht von Kindern ihr Kindsein auszuleben mit allen Facetten der Leichtigkeit, Verspieltheit und auch dem Recht nicht zu partizipieren. Lister nennt ihre  Position "differential universalism".

Angesichts der besonderen Bedeutung die Partizipation für die Bürgerrolle aber auch für die Kinderrechte einnimmt, die gleichwohl  aber erst gemäß der "evolving capacities" der Kinder praktiziert werden kann, erhält Bildung eine unverzichtbare Aufgabe. Das, was wir im Deutschen politische Bildung nennen und im Englischen etwas bedeutungsverschieden "Education für Citizenship" heißt, soll Kinder befähigen, sowohl hier und heute in Angelegenheiten mitzubestimmen, die sie betreffen, als auch Grundlagen zu legen für eine zunehmende Partizipationskompetenz in Dingen, für die sie als Kinder noch kein Miteinscheidungsrecht haben (z. B. das Wahlrecht). In dem Artikel von Andrew Lockyer, der sich vor allem an die britische Debatte um den Crick-Report anschließt, wird aber auch gut herausgearbeitet, dass den Bildungsansätzen unterschiedliche Bürgerbilder zugrunde liegen. Je nach dem ob der Liberalismus oder der Republikanismus normativ zum Tragen kommt, wird eher das Recht oder eher die Verpflichtung zur Partizipation stark gemacht.

Der britische bis europäische Blick auf die Kinderrechte speziell die Partizipationsrechte von Kindern wird von Manfred Liebel in seinem Aufsatz "Citizenship from Below. Children's Rights and Social Movements" radikal gesprengt. Er bringt die lateinamerikanische und mittlerweile auch südeuropäische Erfahrung und Sichtweise von Kinderrechtsbewegungen ein, die dadurch gekennzeichnet sind, dass hier Kinder selbst den Anspruch erheben und demonstrierend vertreten, bestimmte Partizipationsrechte zu haben, die aber vielfach über die bislang "von oben" zugestandenen Rechte – auch die der Kinderrechtskonvention - hinausgehen. Diese Kinderrechtsbewegungen treten auch für ein Kinderrecht auf Arbeit ein, das durchaus als kompatibel mit dem Recht auf Bildung von ihnen angesehen wird. Antonella Invernizzi verdeutlicht die Vielfalt möglicher Bedeutungen und Erfahrungen von Kinderarbeit auf der Grundlage von empirischen Untersuchungen in Peru und Portugal (Allerdings ist dieser Beitrag etwas unpassend erst im zweiten Teil des Buches platziert).

Während Liebel den Berechtigungshorizont für und durch Kinder ausweiten will, argumentieren Brian Milne und Jane Fortin jeweils in ihren Beiträgen skeptischer. Sie warnen vor einer über-enthusiastischen Rechtsrhetorik, die aus dem Auge verliert, wie die Rechte der Kinderrechtskonvention denn umgesetzt erden können und die ebenfalls vernachlässigt,  dass die Konvention – auch trotz des vielfach unterstrichenen Artikels 12 – gar keine politischen Rechte im engeren Sinne enthält.

2. Konstruktionen und Erfahrungen

Der zweite Teil des Buches widmet sich der Verschiedenartigkeit von Kindheiten und den konstruierten Zuschreibungen, was Kinder in welchem Alter können und was sie an Hilfe brauchen, wie auch den verschiedenartigen Erfahrungen von Kindern in der Wahrnehmung ihrer Rechte.

James, Curtis und Birch argumentieren in ihrem Beitrag, dass aus der unverzichtbaren Fürsorge für Kinder in einer überzogenen Variante auch eine Form der Kontrolle werden kann, die die Kinder hindert, ihre Partizipationsfähigkeiten zu entwickeln und sie zeigen auch, dass Kinder selbst durch den Fürsorgediskurs so geprägt werden können, dass sie sich weniger zutrauen, als sie vermutlich können.

Gill Jones führt den Gedanken konstruierter Kindheitsbilder fort, in dem sie die fixierte Altergrenze von 18 Jahren als angemessen bezweifelt, um den de-standardisierten Lebensläufen von Kindern gerecht zu werden.

Eine neue Sichtweise auf die  Frage der (Un)abhängigkeit von Kindern bringt Priscilla Anderson ein, indem sie auf die wirtschaftliche Dimension der Abhängigkeit von Kindern verweist. Gleichzeitig unterstreicht sie, dass es – aus einer grünen und feministischen Perspektive - verkürzt ist, die wirtschaftliche Situation und Leistung von Kindern nur in traditionellen wirtschaftlichen Kategorien zu messen, da diese Sicht die vielen informellen Leistungen von Kindern in Familienhaushalten nicht erfassen können.

3. Recht und Politik

In einem kurzen abschließenden dritten Teil widmen sich die Beiträge der Frage nach der Bedeutung der Kinderrechte in Recht und Politik.

Während der Beitrag von Christine Piper ein generelle juristische Kurzsichtigkeit gegenüber den Kinderrechten kritisiert und auf Implementierunglücken hinweist, bringt Samantha Clutton Beispiele guter Praxis aus Wales in der Umsetzung der Kinderrechtskonvention. Abschließend wirft noch einmal der Beitrag von Williams und Croke ganz generell die Frage nach Macht und Ohnmacht der Kinderrechtskonvention auf. Ihr Urteil ist ambivalent. Während einerseits das Monitoring  auf das Staatenberichtssystem beschränkt bleibt und das Individualbeschwerdeverfahren anderer UN-Konventionen (noch) fehlt, ist  es doch andererseits gelungen auf nationaler Ebene v. a. durch das Engagement und die Zusammenarbeit von NGOs einflussreiche Akteure zu schaffen, die sich für die Umsetzung der Kinderrechte einsetzen.

Fazit

Das Buch ist eine intellektuelle Fundgrube für all diejenigen, die sich theoretisch oder praktisch mit Fragen von Kinderrechten, Kinderbeteiligung und Kinderrechtsbildung beschäftigen. Im Mittelpunkt stehen die Teilnahmerechte und –pflichten von Kindern in ihren Gemeinschaften im Spannungsfeld gleicher Rechte und unterschiedlicher, sich entwickelnder Fähigkeiten. Die Beiträge sind stimulierend und informierend zugleich, wenn auch ungleich passig zum Hauptstrang der Argumentation.  Sie manifestieren kein abschließendes Wissen, sondern work in progress mit einem deutlichen Ausblick auf erforderliche empirische Erforschung der Lebenswirklichkeiten von Kindern. Aufbau und Inhalt des Buches sind sicherlich dem Ausgangsseminar an der walisischen Universität Swansea  geschuldet. Gleichwohl wäre es hilfreich gewesen, noch andere Perspektiven und Erfahrungen einzuholen. Warum die Themen Migration, Interkulturalität und Rassismus in Bezug auf "children«s citizenship" nicht integriert wurden, ist ebenso wenig zu verstehen wie die fehlende Brücke zu dem europäischen Mega-Projekt der "Education for Democratic Ctizenship". Gleichwohl bleibt die Lektüre ein Gewinn.


Rezensent
Prof. Dr. Peter Fritzsche
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Zitiervorschlag
Peter Fritzsche. Rezension vom 08.07.2008 zu: Antonella Invernizzi, Jane Williams (Hrsg.): Children and Citizenship. SAGE Publications, Ltd (London) 2008. 232 Seiten. ISBN 978-1-4129-3537-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5766.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.


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