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Miriam Stiehler: Konzentrationserziehung statt AD(H)S-Therapie

Miriam Stiehler: Konzentrationserziehung statt AD(H)S-Therapie. Ein Modell nach Paul Moor. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2007. 323 Seiten. ISBN 978-3-7815-1555-0. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 54,00 sFr.
Reihe: Klinkhardt Forschung.

Autorin

Miriam Stiehler ist Lehrerin HS/FöS in Deutsch, Englisch, Musik und leitet die Beratungspraxis "WissenSchaffer". Die vorliegende Arbeit wurde vom Institut für Sonderpädagogik der Philosophischen Fakultät III der Universität Würzburg als Dissertation angenommen.

Thema

Die Diagnose AD(H)S hat nicht nur in Deutschland, sondern weltweit dramatisch zugenommen. Noch dramatischer ist die Zahl der Kinder, die mit dieser Diagnose medikamentös behandelt werden. Kritische Stimmen häufen sich, die vor der Medikalisierung sozialer Probleme warnen. Miriam Stiehler sieht AD(H)S als Paradebeispiel für die Medikalisierung eines Erziehungsproblems. Sie unterscheidet Aufmerksamkeit und Konzentration, wobei die Aufrechterhaltung willkürlicher Konzentration das Ergebnis eines Erziehungsprozesses darstellt. "Wo eine erzieherisch aufzubauende Größe wie die Konzentration nicht in ausreichendem Maße besteht, wurde die entsprechende Erziehungsaufgabe (noch) nicht gelöst" (S.11). In diesem Buch stellt sie als zentrale Fragen, welche Art von Erziehung notwendig ist, um das entsprechende Verhalten aufzubauen und wie die vernachlässigte Erziehungsaufgabe gelöst werden kann. Weiterhin ist es ihr ein Anliegen aufzuzeigen, durch welche Implikationen ein medikalisiertes Verständnis die pädagogische Aufgabe behindert bzw. zu ihr im Widerspruch steht.

Das Konzept von Miriam Stiehler orientiert sich an den Arbeiten von Paul Moor (1899 – 1977), einem schweizer Heilpädagogen (ehemaliger Leiter des Heilpädagogischen Seminars und Inhaber des Lehrstuhls für Heilpädagogik an der Universität Zürich).

Aufbau und Inhalt

Nach einer kurzen Einleitung beschäftigt sich die Autorin mit dem Ursprung und der Entwicklung der Medikalisierung von AD(H)S. Sie stellt die gängigen Diagnosekriterien und kurz medizinische Theorien dar, gibt einen Abriss der historischen Entwicklung von der Zappel-Philipp-Geschichte bis zur gesellschaftlichen und politischen Situation im neuen Jahrtausend, und geht auf die aktuelle Darstellung des AD(H)S durch Selbsthilfegruppen, durch Interessenverbände und in der Ratgeberliteratur ein.

In den folgenden Kapiteln stellt sie die Erziehung nach Paul Moor als Alternative zur Medikalisierung vor. Die Erziehung zielt dabei nicht auf bloße Verhaltensänderungen; Moors Ansatz verbindet Einstellungen, Fähigkeiten und Gemüt. Thema ist bei diesem Ansatz nicht nur die Erziehung des Kindes, sondern auch die Selbsterziehung des Erziehenden. Von Bedeutung sind drei erziehungsrelevante Größen:

  1. Das Wollen ist der Bereich der Ideale, der Gewissensbildung und der Verhaltenssteuerung. Dem Wollen ordnet Moor "das Aufgegebene" zu. Gegenstand des Wollens ist die "Lebensführung", die Frage, ob und welche Aufgaben angenommen werden.
  2. Das Können umfasst Antriebe und Fähigkeiten, "das Gegebene" bestimmt die "Lebenstechnik", mit der die Aufgaben bewältigt werden können.
  3. Die Empfänglichkeit thematisiert als übergeordnete Ethik ("das Verheißene") die "Lebensinhalte", die dem Wollen die Ziele vorgeben und Unzulänglichkeit und Schwächen ertragen lassen.

Eine Erziehung, die diese Bestimmungsstücke beinhaltet, baut den "inneren Halt" des Kindes auf. Bis zum Abschluss dieses Prozesses brauchen die Kinder Halt an jemand anderem ("äußeren Halt"). Diesen äußeren Halt können Kinder jedoch nur an Erwachsenen finden, die als reife Persönlichkeiten über inneren Halt verfügen. Dies erfordert die Selbsterziehung des Erziehenden.

Die Leitfrage für eine gelingende Erziehung lautet nicht "Was kann man dagegen tun?" sondern "Wie müssen wir sein als Erziehende?". Dazu braucht es als Grundhaltungen Liebe, Strenge, Geduld, Konsequenz.

Moor formulierte als Grundregeln der Erziehung:

  • Erst verstehen, dann erziehen: Zum tieferen pädagogischen Verstehen gelangt man über drei Stufen des psychologischen Verstehens: beurteilendes, verzeihendes und liebendes Verstehen.
  • Nicht gegen den Fehler, sondern für das Fehlende: Im Blick ist dabei das Ziel, das mit dem Aufbau des Fehlenden erreicht werden soll.
  • Nicht nur das Kind, auch seine Umgebung ist zu erziehen: Moor prägt dafür die Begriffe Umwelt, Mitwelt und Heimat.

Der Aufbau von innerem und äußerem Halt und die Unvereinbarkeit mit den Grundaussagen der Medikalisierungstheorie ist Thema der nächsten Kapitel. Miriam Stiehler beschäftigt sich ausführlich mit den drei Bestimmungsstücken Wollen, Können und Empfänglichkeit. Sie beschreibt Stufen der Willensreifung (Aufgabe erkennen, Aufgabe annehmen, Wagnis eingehen, Fähigkeiten schulen, Gewohnheiten und Gehorsam aufbauen, Selbstkritik entwickeln) und der Gemütserziehung (Ansprechbarkeit wecken, Erfülltsein genießen, Verwirklichung leben).

Von Bedeutung ist bei alledem die Vorbildfunktion der Selbsterziehung. Das Kind muss teilhaben können an einem "selbst erfüllten Tätigsein" des Erziehers im Alltag. Diese Erfahrungen müssen die Eltern bieten, in Institutionen sind diese nur schwer realisierbar.

Die Medikalisierung bedingt große Risiken für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Nach Ansicht der Autorin ist die Aussicht gering, dass Kinder während der Medikation angemessene Erziehung erhalten, schließlich gleicht das Ergebnis oberflächlich betrachtet einer Konzentrationserziehung. Die pharmakologische Steuerung der Antriebe steht aber zum Beispiel im Widerspruch zur Befriedung der Antriebe durch Gewöhnung. Bei Medikation nimmt der Erzieher seine Aufgabe nicht wahr, er kann sie auch nicht wahrnehmen, da die Antriebe künstlich unterdrückt werden. Es wird betont, dass Kinder "ein Kinderleben lang" fordern, nicht nur AD(H)S-Kinder; Erziehung darf nicht als lästige Pflicht verstanden werden.

In einem abschließenden Teil bespricht Miriam Stiehler die vernachlässigten Erziehungsaufgaben und die Erschwernisse der Erziehung bei AD(H)S-Kindern, beschreibt ihr Konzept der Elternberatung und veranschaulicht dies an zwei ausführlichen Fallbeispielen.

Diskussion

Miriam Stiehler fordert eine klare Entscheidung zwischen Erziehung und Medikation; beides gehe nicht. Sie weist immer wieder darauf hin, wie attraktiv der medizinische Ansatz sei; er verspreche Entlastung bei wenig Anstrengung, enthalte aber viele Fallen. So gefährden die verschiedenen Doktrinen der Medikalisierung den Aufbau eines inneren Halts. Generationsübergreifend bedeutet dies, dass die AD(H)S-Kinder als Erwachsene über keinen sicheren inneren Halt verfügen und so wiederum ihren Kindern keinen stabilen äußeren Halt geben können. Deshalb fordert sie zu Recht, dass bei vorliegenden Konzentrationsschwierigkeiten zunächst alle erzieherischen Verstehens- und Veränderungsmöglichkeiten genutzt werden sollen. Dazu gehört es auch, dass bei einer Beratung Erziehungsberatung und Medikation zumindest gleichwertig thematisiert werden; Miriam Stiehler hat dabei die Schule im Blick, Prävention in früheren Lebensaltern erwähnt sie nicht.

Zielgruppen

Pädagogen, Psychologen, alle Berufsgruppen, die mit AD(H)S Kindern arbeiten.

Fazit

Es ist ein Verdienst von Miriam Stiehler, die Diskussion um AD(H)S mit diesem radikal verstehenden pädagogischen Ansatz zu bereichern. Die Paul Moor eigene Diktion ist gewöhnungsbedürftig, vermittelt jedoch eine klare Wertorientierung.

Der vorgestellte Ansatz erfordert große Bereitschaft der Eltern, nicht den vermeintlich leichteren Weg zu gehen, sondern ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen und zu verändern. Die Eltern tragen eine große Verantwortung; sie haben aber auch großes Veränderungspotential. Leider kann aber damit zur Zeit sicherlich nur ein unzureichender Prozentsatz an Eltern und damit Kindern erreicht werden.

Negativ fällt auf, dass die Endbearbeitung, das Korrekturlesen des Buches sehr unkonzentriert durchgeführt wurde, es fehlen immer wieder Buchstaben, Wordteile oder Wörter oder sind zuviel oder verdoppelt. Auch das umfangreiche Literaturverzeichnis lässt Ordnung und Einheitlichkeit vermissen, zum Teil werden Literaturstellen mit dem Vornamen des Autors zitiert und entsprechend des Vornamens im Verzeichnis aufgeführt. Ermüdend fand ich auch die langen Aneinanderreihungen von Zitaten.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Betreuungszentrum Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 02.04.2008 zu: Miriam Stiehler: Konzentrationserziehung statt AD(H)S-Therapie. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2007. 323 Seiten. ISBN 978-3-7815-1555-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5775.php, Datum des Zugriffs 09.09.2010.


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