Dieter Krowatschek, Gita Krowatschek u.a.: Marburger Konzentrationstraining für Jugendliche (MKT-J)
Dieter Krowatschek, Gita Krowatschek, Gordon Wingert: Marburger Konzentrationstraining für Jugendliche (MKT-J). verlag modernes lernen borgmann publishing (Dortmund) 2007. 240 Seiten. ISBN 978-3-938187-35-7. 40,00 EUR, CH: 68,80 sFr.
Autoren
Dieter Krowatschek, Dipl.-Psych., ist Schulpsychologe und Lehrer und arbeitet am schulpsychologischen Beratungsdienst in Marburg. Seit Jahren arbeitet er in der Therapie mit hyperaktiven Kindern auch mit einer Border-Collie-Hündin. Gita Krowatschek, Dipl.-Psych., ist Kinderpsychologin in Berlin mit dem Schwerpunkt ADHS-Kinder. Sie arbeitet an der Universität der Künste und unterrichtet angehende Lehrer/innen. Zusammen mit ihrem Onkel erstellt sie Trainingsprogramme für die Schule. Gordon Wingert, Dipl.-Psych., ist Kinder- und Jugendpsychologe. Er unterrichtet an einer Berufsschule. Im Schwerpunkt trainiert er Gruppen von hyperaktiven Kindern.
Thema und Entstehungshintergrund
Das Marburger Konzentrationstraining für Schulkinder (MKT) gibt es seit 1994. Erstmals vorgestellt auf dem Kongress der Schulpsychologen, wurde es 2004 überarbeitet. Die Konzeption blieb jedoch im Wesentlichen unverändert. Im selben Jahr wurde ein weiteres Manual für den Kindergarten und den Vorschulbereich entwickelt. Da viele Kinder mit Aufmerksamkeitsproblemen laut den Autoren erst "nach der siebten Klasse Hilfe suchen" (S. 10), wurde das Marburger Konzentrationstraining für Kinder und Jugendliche (MKT-J) für diese Altergruppe entwickelt.
Aufbau
Das Manual ist im Grunde auf zwei Ebenen aufgebaut: der Theorie und der Praxis. Der Theorieteil umfasst die Kapitel
- Ein Training für Jugendliche?
- Eine Prise Theorie
- Methoden aus der Verhaltensmodifikation
Und wird mit dem Praxisteil, welcher die Kapitel
- Praktische Umsetzung
- Struktur einer Sitzung/Trainingsablauf
- Materialien
umfasst, abgerundet. Der Theorieteil ist mit 41 Seiten kurz gehalten, der Praxisteil mit knapp 200 Seiten umfassend.
Ein Training für Jugendliche?
Nachdem zunächst im Unterkapitel Pubertät ist, wenn die Erwachsenen schwierig werden auf die Probleme speziell in dieser Altersgruppe zu intervenieren eingegangen wird, beschreiben die Autoren i.d. Folge die Zielgruppe (v.a. Schülerinnen und Schüler der Klassen 7-10). Nach einer kurzen Definition reflexiven Arbeitsverhaltens wird auf Merkmale der Konzentration eingegangen. Anschließend wird der Frage nachgegangen, wovon die Motivation der Jugendlichen abhängt. Im Unterkapitel Warum ein Training? machen die Autoren dann v.a. deutlich, dass sie ihre Arbeit v.a. ressourcen- und in Abgrenzung zur Therapie nicht störungsorientiert wahrnehmen. Die Ziele des MKT für Jugendliche werden umfassend beschrieben. Vor allem das instabile Leistungsverhalten werde laut Evaluationen verbessert. Abschließend wird eine kurze Definition ADS und ADHS nach ICD-10 geliefert und die wesentlichen Trainingskomponenten vorgestellt.
Eine Prise Theorie
Nachdem die Methoden des MKT-J (verbale Selbstinstruktion, Textverständnis, Denkstrategien, Merkfähigkeit, soziales Lernen, Verhaltensmordifikation und Entspannungsmethoden) kurz angerissen werden, werden die notwendigen Einstellungen der Trainerinnen und Trainer erläutert. Im Anschluss wird näher auf die Methode der verbalen Selbstinstruktion als zentrales Element des Manuals eingegangen. Einige beispielhafte Inhalte der verbalen Selbstinstruktion sollen dann sinnvolles Vorgehen verdeutlichen. Der Umgang mit Fehlern will ebenfalls gelernt sein, damit die Motivation nicht verloren geht.
Methoden aus der Verhaltensmodifikation
Positive Verstärkung, Loben, Punktepläne, Umgang mit Störverhalten und die Auszeitmethode "…gehören zum Handwerkszeug der Trainerinnen und Trainer und kommen in allen Trainingseinheiten zum Einsatz" (S. 29). Folgerichtig werden sie in diesem Kapitel vorgestellt.
Praktische Umsetzung
Im zweiten Teil des Manuals wird auf die Praxis eingegangen. So kann es in der Trainingssituation Schule genau so eingesetzt werden, wie in der Trainingssituation Gruppe / Einzeltraining. Die AutorInnen empfehlen vor allem die Anwendung in Kleingruppen von 2-4 Jugendlichen. Der Trainingszeitraum umfasst in der Regel sechs Sitzungen, einmal pro Woche, im Rahmen 75minütiger Trainingsstunden.
Die Struktur einer Sitzung
Eine Trainingsstunde läuft wie folgt ab:
- Dynamische Übung
- Entspannung
- Übungen zum inneren Sprechen I
- Übungen zur Förderung der Wahrnehmung und Merkfähigkeiten (KIM-Spiele)
- Übungen zum Inneren Sprechen II
- freie Phase
Dieser Trainingsablauf wird im weiteren Manual umfassend erläutert. Der Stundenablauf sei hierbei als Vorschlag zu verstehen. Grundsätzlich werden die im Rahmen des Restmanuals beschriebenen Materialien bzw. Übungen im Sinne eines Baukastensystems angeboten, aus dem man sich dann nach Bedarf bedienen kann. Insofern können selbstverständlich auch einzelne Materialien unabhängig von einer manualisierten Durchführung zur Anwendung kommen.
Diskussion
Das Marburger Konzentrationstraining für Jugendliche (MKT-J) kann und muss kontrovers diskutiert werden. Es bietet eine Fülle an kreativen, in der Praxis gereiften Arbeitsmaterialien. Der theoretische Hintergrund ist kurz gehalten, aber fundiert. Das Manual ist sehr übersichtlich gestaltet und mit vielen anschaulichen Fallbeispielen gespickt. Die grafische Umsetzung spricht mich an. Ob dies auch für die meisten Jugendlichen gilt, wage ich zum Teil zu bezweifeln. Obwohl die Autoren immer wieder betonen, dass sich das MKT in der Evaluation bewährt habe (siehe z.B. S. 10-11), werden keine Quellen genannt. Inwiefern das Programm, das laut Manual nicht standardisiert durchlaufen werden soll, dann einer evidenzbasierten Untersuchung standhalten soll, bleibt unbeantwortet. Dieter Krowatschek hat 1996 seine Diplomarbeit über das Programm geschrieben. Diese wurde meines Wissens nach nicht veröffentlicht. Thomas Dreisörner hat in seiner online (http://webdoc.sub.gwdg.de/diss/2005/dreisoerner/index.html) veröffentlichten Dissertation das MKT dem THOP-Training von Döpfner, Schürmann & Fröhlich (1997) und dem Training für Aufmerksamkeitsgestörte Kinder nach Lauth und Schlottke (1997) gegenübergestellt. In dieser Studie konnte hinsichtlich des MKT in einzelnen Bereichen Verbesserungen der Aufmerksamkeitsleistungen gemessen werden. Diese betreffen vor allem die schulbezogene Konzentrationsfähigkeit. Als positiv wurde die Einbindung von Entspannungsverfahren erachtet, da durch diese ein Erregungsabbau erreicht wird, welche die Durchführung des Selbstinstruktionstrainings erleichtert. Es gilt jedoch zu beachten, dass in der Studie v.a. Kinder im Alter von 7-13 Jahren untersucht wurden. Effektivitätsnachweise zu älteren Jugendlichen sind mir nicht bekannt. Auf die Ergebnisse hinsichtlich der anderen Programme soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden.
Zielgruppe
Laut Einleitung handelt es sich beim MKT-J um ein Training, "das an tausenden von Schulkindern durchgeführt wurde. (Es) gehört heute zum täglichen Handwerkszeug vieler Pädagogen und Therapeutinnen und Therapeuten im deutschsprachigen Raum" (S. 10). Folglich ist eine gezielte Ausbildung, beispielsweise die Approbation in Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie keine notwendige (wenn auch hilfreiche) Voraussetzung zur Anwendung des Programms.
Fazit
Das MKT-J ist in der Praxis gewachsen. Man merkt, dass die Autoren auf langjährige Erfahrung in der Arbeit als Psychologen und Lehrer mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern und Jugendlichen zurückgreifen können. Auch wenn der wissenschaftliche Nachweis fehlt, der eine standardisierte Anwendung dieses Manuals (oder auch anderer Programme) nahelegt, so kann es doch gewinnbringend eingesetzt werden. Allerdings gilt – wie immer bei der Anwendung von störungsspezifischen Manualen – zu beachten, dass diese eine individuell problembezogene Therapie durch qualifizierte Kinder- und Jugendlichentherapeuten nicht ansatzweise ersetzen können. Aufmerksamkeitsdefizite können unterschiedlichste Ursachen haben, die im Rahmen eines solchen Programms nicht bearbeitet werden können. Diesen Anspruch erheben die AutorInnen jedoch auch gar nicht. Letzten Endes kann und sollte das MKT-J als ergänzender Baustein im Rahmen einer umfassenden Therapie verstanden werden und auch so seine Anwendung finden. Ob das MKT in manualisierter Form oder nur einzelne Übungen im Sinne eines Therapiebaukastensystems (vgl. M. Beck, 1998) angewandt wird, ist im Grunde egal
Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Diplom-Psychologe
Psychiatrisches Klinikum Lüneburg,
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 22.09.2008 zu: Dieter Krowatschek, Gita Krowatschek, Gordon Wingert: Marburger Konzentrationstraining für Jugendliche (MKT-J). verlag modernes lernen borgmann publishing (Dortmund) 2007. 240 Seiten. ISBN 978-3-938187-35-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5831.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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