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Kay Biesel: Sozialräumliche soziale Arbeit

Cover Kay Biesel: Sozialräumliche soziale Arbeit. Historische, theoretische und programmatische Fundierungen. Deutscher Universitätsverlag (Wiesbaden) 2007. 188 Seiten. ISBN 978-3-8350-6085-2. 29,90 EUR.

Reihe: Sozialwissenschaft.

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Thema

Kay Biesel zeigt wie theoretische Konzepte von Bourdieu, Putnam, Thiersch und Bronfenbrenner einen konsequent sozialraumorientierten Handlungsansatz der Sozialen Arbeit begründen. Zudem führt er aus, wie die theoretische Fundierung hilft, einer Verwässerung und manipulativen „sozialstaatlichen Vereinnahmung“ dieses dezidiert partizipativ ausgerichteten Arbeitsansatzes argumentativ zu begegnen.

Autor

Kay Biesel ist Diplom Sozialpädagoge/ Sozialarbeiter und lehrt an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Seine Forschungsgebiete sind Theorien sozialräumlicher Arbeit, Kinderschutz und qualitative Evaluationsforschung. Derzeit untersucht er wie Jugendämter mit auftretenden Fehlern in Hilfeprozessen umgehen.

Entstehungshintergrund

Während Sozialraumorientierung in den letzten Jahren zu einem bedeutenden Schlagwort der Neuausrichtung sozialer Arbeit geworden ist, geriet ihr emanzipatorischer Grundgedanke an vielen Stellen aus dem Blick. Die Gefahr der Instrumentalisierung aus haushaltspolitischen Überlegungen erscheint umso größer, je weniger die Protagonisten dagegen halten können. Dieses Buch will ihnen mehr Schlagkraft verleihen indem es zeigt, wie sich die Zielsetzungen und Wirkungszusammenhänge des Fachkonzeptes und Methodenrepertoires theoretisch begründen lassen.

Inhalt

Biesel analysiert zunächst den lebhaften und facettenreichen Diskurs, der die sozialräumliche Ausrichtung der Sozialen Arbeit spätestens seit der Settlementbewegung von Toynbee Hall und Hull House fortwährend begleitet hat. Danach widmet er sich kurz einer semantischen Untersuchung des Begriffes Sozialraum um schließlich im zentralen Kapitel vier theoretische Fundierungen zu präsentieren: zum Sozialraum als Handlungsraum in der kapitalistischen Gesellschaft (Pierre Bourdieu), zum Sozialraum in der modernen Demokratie (Robert Putnam), zum Sozialraum als Lebenswelt (Hans Thiersch) und schließlich zum Sozialraum als Entwicklungsraum (Urie Bronfenbrenner). Im Schlusskapitel fasst Biesel die Fundamente sozialräumlicher Sozialer Arbeit zusammen und plädiert für die Methodik eines sozialpädagogischen Orts-Handelns.

Im Zentrum der Publikation steht eine theoretische, multiperspektivische Konzeption des Sozialraumes, die der Autor als notwendigerweise lückenhaft begreift und als Diskursöffnung verstanden wissen möchte. Die von ihm gewählten theoretischen Konzepte präsentiert er gut verständlich mit jeweils deutlichem Bezug zu den Anforderungen sozialräumlicher Arbeitsweisen.

Dabei arbeitet er im Einzelnen heraus, worin er im Rahmen des jeweiligen Theorieansatzes die besondere Rolle einer sozialräumlichen Sozialen Arbeit sieht. So schlägt er beispielsweise angesichts der bourdieuschen Perspektive eines von diversen Kapitalstrukturen konturierten Sozialraums vor, eine sozialräumliche Soziale Arbeit könnte „als ‚Wächterin‘ des Wechselkurses fungieren, um darauf zu achten, dass soziale Ungleichheiten im sozialen Raum nicht schon von Geburt an strukturelle Entwicklungshemmnisse ausüben…“ (S.94)

Aus der Theorie von Robert Putnam zieht er die Konsequenz, dass sozialräumliche Soziale Arbeit dazu beitragen müsste, ein stabiles Umfeld für brückenbildendes Sozialkapital zu schaffen. Die lebensweltorientierte Perspektive von Thiersch liefert die Begründung für den Auftrag, die Klientifizierung hilfesuchender Menschen zu überwinden und für wirkliche Teilhabe- und Entscheidungsbefugnisse der Bürger einzutreten. Aus Bronfenbrenners ökologischer Sozialisationstheorie leitet sich die Aufgabe ab, den Sozialraum als Entwicklungsraum zu konzipieren. Dies beinhalte das Selbstverständnis ‚Feldbestellerin‘ zu sein statt ‚Fallmanagerin‘.

Zusammenfassend hält Biesel fest: „Partizipation, Kooperation und Dialog sind die klassischen Merkmale sozialräumlicher Sozialer Arbeit, die allerdings nicht als dekorative Ergänzungen pädagogischen Handelns verstanden werden dürfen. Sie sind die Grundelemente der Demokratie und können im Gemeinwesen erlernt und erfahren werden, wenn dafür Räume und Gelegenheiten des Austausches und der Begegnung vorhanden sind, die materiell mit einer verlässlichen Finanzierungskultur unterstützt werden. Ohne diese vier Fundamente wird die sozialräumliche Soziale Arbeit keinen Erfolg haben.“ (S.166)

Fazit

Wer bislang eine gut verständliche Darstellung der Theorien vermisst hat, auf welchen Sozialraumorientierung aufbaut, wird hier fündig. Eine engagierte und gut fundierte Arbeit, die auf weitere spannende Publikationen des Autors hoffen lässt.

Tipp: Wer sich angesichts des ziemlich hohen Preises erst mal selbst überzeugen möchte, ob die Anschaffung lohnt, kann einen Blick in die Leseproben werfen, die im Netz verfügbar sind.


Rezensentin
Prof. Dr. Gaby Straßburger
(Dr. phil., Dipl. Sozialarbeiterin, Dipl. Orientalistin) Professorin für Sozialraumorientierte Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin
Homepage www.gaby-strassburger.de
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Zitiervorschlag
Gaby Straßburger. Rezension vom 15.10.2009 zu: Kay Biesel: Sozialräumliche soziale Arbeit. Deutscher Universitätsverlag (Wiesbaden) 2007. 188 Seiten. ISBN 978-3-8350-6085-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5840.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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