Peter Weidlich: Stärker als Rache. Roman
Peter Weidlich: Stärker als Rache. Roman. Verlag Neumann-Neudamm (Melsungen) 2007. 192 Seiten. ISBN 978-3-7888-1148-8. D: 14,95 EUR, A: 24,90 EUR.
Ein Roman aus der erlebnispädagogischen Jugendhilfe
"Stärker als Rache" ist ein Kriminalroman von Peter Weidlich, der im Kontext der so genannten erlebnispädagogischen Jugendhilfe spielt. Dies ist an sich schon brisant, wenn man die diesbezüglich kontroverse öffentliche Diskussion beobachtet. Peter Weidlich zeigt auf, dass erlebnispädagogische Jugendhilfe nicht nur als "Urlaub unter Palmen" stattfindet, sondern auch im katholischen Münsterland seine Umsetzung finden kann. Der Roman macht Jugendlichen, Einrichtungen, Eltern, Jugendämtern und Pädagogen Mut, sich auf dieses pädagogische Abenteuer einzulassen. Entlang der Biografie des Jugendlichen Mario spinnt Weidlich eine Geschichte, die von Rache und Mordgelüsten handelt, von Pädagogen die ungewöhnliche Wege gehen und den tagtäglichen Turbulenzen der Bewohner und Erzieher einer kleinen Heimeinrichtung.
Inhalt
Mario und sein jüngerer Bruder Hubertus wachsen in einem Forsthaus sehr naturverbunden bei ihren Eltern auf, bis ein Unfall den Vater aus ihrem Leben reißt. Die Mutter zieht mit beiden Söhnen in die Nähe ihrer Eltern und arbeitet als Krankenschwester. Die Großeltern unterstützen sie bei der Erziehung der Jungen. Beide Jungen bauen schulisch ab, wechseln die Schulen, entziehen sich, jeder auf seine Weise, dem Einfluss von Mutter und Großeltern. Die Mutter heiratet nach einem Jahr sehr überraschend einen Kroaten, der den Kosovo-Krieg als Soldat erlebt hat, seine ganz eigene Geschichte mit sich trägt und eigentlich ein guter Stiefvater sein möchte. Er ist jedoch arbeitslos, trinkt zu viel und schlägt dann seine Frau und die Jungen. Diese streifen durch die Stadt, beginnen zu stehlen, gehen nicht nach Hause. Mario zieht sich immer mehr mit seiner Mundharmonika, die er vom Großvater zur Einschulung bekommen hatte, in sich selbst zurück - wird von seinen Mitschülern als "Waldmensch" bezeichnet.
Die Großeltern sterben beide kurz hintereinander nur zwei Jahre nach dem Verlust des Vaters. Die Mutter liebt das Mundharmonikaspiel von Mario - es erinnert sie an ihre eigenen Eltern. Sie schafft es nicht mehr allein, für alles zuständig zu sein, vernachlässigt den Haushalt, trinkt und verliert sich selbst in Kiffereien. In einem unglücklich verlaufenden Eifersuchtsstreit wird die Mutter von ihrem eigenen Ehemann Franco umgebracht. Sie wird von ihren Söhnen gefunden. Der Ehemann Franco ist auf der Flucht nach Ungarn, gibt dem Krieg die Schuld. Die Geschwister werden direkt nach der Beerdigung ihrer Mutter in zwei unterschiedliche Heime gebracht, da sie mit ihrem kriminellen Potential keiner Pflegefamilie zugetraut werden können und jede Heimgruppe gemeinsam auf den Kopf stellen würden. Mario schwört am Grabe seiner Mutter Rache. Die Jungen verlieren sich über Jahre aus den Augen. Mario verbringt die Zeit ab seinem 14. Lebensjahr im "Drachenhaus", geleitet von Peter Wiegand.
Das real existierende "Drachenhaus" wird in der Realität von Peter Weidlich geleitet. Er erzählt in sensibler Art und Weise, wie die pädagogische Arbeit mit Mario in seiner Einrichtung verläuft. Die pädagogisch ungewöhnlichen Wege die Peter Weidlich vorstellt, sind spürbar von hoher persönlicher Authentizität geprägt. Jagen und Jagdhornblasen zählen zu den eher exotischen Tätigkeiten, Medien oder auch Liebhabereien, die Weidlich seinen Jugendlichen nahe bringt und pädagogisch einsetzt. Überraschend, irritierend und auch verwundert wird der Leser Teil von persönlichen Gedankengängen und Auseinandersetzungen, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Der Umgang mit den Kiffereien der Jugendlichen wird genauso zum Thema gemacht, wie die Schwierigkeit, Erzieher zu finden, die diesen Jugendlichen und dem pädagogischen Ansatz gewachsen sind. Der Leser erfährt etwas über die persönliche Auseinandersetzung von Peter Wiegand mit der Freiheit, die er seinen Jugendlichen gewährt, indem er ihnen erlaubt mit Pfeil und Bogen sowie Jagdmesser umzugehen, sie auf die Jagd mit nimmt, ihnen erlaubt am Lagerfeuer allein zu übernachten und jedem Einzelnen seine ganz persönliche Freiheit zu gewähren versucht. Er schildert beeindruckend in welchem Zwiespalt er und seine Mitarbeiter stehen und welche realen und mentalen Kontrollmechanismen notwendig sind, damit die Jugendlichen lernen, mit diesen ungewöhnlichen Freiheiten umzugehen.
Eine sehr wichtige Rolle spielt im Drachenhaus das Jagdhornblasen, und der Leser wird ins Staunen versetzt, wie Peter Wiegand es schafft, diese Musik den Jugendlichen näher zu bringen. Den Jugendlichen einen Selbstwert und Anerkennung zu geben ist im pädagogischen Alltag sein höchstes Ziel. Es wird an verschiedenen Stellen deutlich, dass eine solche Arbeit immer mit dem Engagement und der Präsenz der Leitung, nämlich ihm selbst, möglich ist. Eine Problematik, die aus vielen intensivpädagogischen Projekten im In- und Ausland bekannt ist.
Marios Geschichte und Entwicklung zieht sich wie ein roter Faden durch den ausführlich beschriebenen Heimalltag, und er wird im letzten Viertel des Romans wieder als Hauptprotagonist aufgenommen. Nun kommt wieder Spannung in die Geschichte. Im Mittelteil spielen alle anderen Jugendlichen, die im Drachenhaus leben, eine nicht unwesentliche Rolle, und damit wird das pädagogische Anliegen des Romanautors deutlich. In einen Kriminalroman verpackt, wird auf spannende und interessante Weise die erlebnispädagogische Arbeit im Drachenhaus vorgestellt. Der Leser wird zum Teil etwas zu ausführlich in die Geschichten der anderen Drachenhausbewohner verwickelt, erfährt aber auch somit, wie Jugendhilfe funktioniert.
Fazit
Auf jeden Fall liegt hier ein Buch für pädagogisch interessierte Leser vor. Durch die Romanform findet der Autor sicherlich aber auch Leser, die dem Thema nicht so nahe stehen und hierdurch einen sehr guten Einblick in die Möglichkeiten der erlebnispädagogischen Jugendhilfe erhalten. Man sollte es allen Politikern, die derzeit über das Jugendstrafrecht diskutieren, als Lektüre in die Hand geben und Lesegebot erteilen.
Rezensentin
Christiane Thiesen
Homepage www.christiane-thiesen.de
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Christiane Thiesen. Rezension vom 19.02.2008 zu: Peter Weidlich: Stärker als Rache. Roman. Verlag Neumann-Neudamm (Melsungen) 2007. 192 Seiten. ISBN 978-3-7888-1148-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5875.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Werner Michl: Erlebnispädagogik
Thomas Schott: Kritik der Erlebnispädagogik
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
