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Klaus Dörner: Helfende Berufe im Markt-Doping

Cover Klaus Dörner: Helfende Berufe im Markt-Doping. Wie sich Bürger- und Profi-Helfer nur gemeinsam aus der Gesundheitsfalle befreien. Paranus Verlag (Neumünster) 2008. 172 Seiten. ISBN 978-3-926200-98-3. 16,80 EUR.

Edition Jakob van Hoddis.
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Thema

Klaus Dörner hat mit dem Buch "Helfende Berufe im Markt-Doping" nicht etwa ein Buch über das Verhältnis Medizin-Sport geschrieben. Nein, er versteht das gesamte Gesundheits- und Sozialsystem als korrumpiertes System, das dazu führt, mit immer mehr GesundheitsarbeiterInnen immer mehr Bedarf nach professioneller Hilfe zu produzieren und damit den Menschen sozusagen die Gesundheit im Sinne des "Selbstvergessenen Weggegeben seins" (Gadamer) auszutreiben. Schon heute produzieren 4,2 Mill. GesundheitsarbeiterInnen für 80 Millionen Einwohner "Gesundheit" und müssen schon aus rein egoistischen Gründen ein Interesse haben, ihren Arbeitsplatz zu erhalten.

Es handelt sich bei dem Buch um eine völlig überarbeitete Neuauflage der "Gesundheitsfalle". Die Gesundheitsgesellschaft, in der wir leben, so Dörners zentrale These, treibt mit Hilfe des Gesundheitssystems oder, wie er es an anderer Stelle nennt, des medizinisch-industriellen Komplexes, sich selbst die Gesundheit aus.

Inhalt

Dörner argumentiert phänomenologisch-historisch. Mit der Entstehung der Industriegesellschaft und der Ökonomisierung ging nicht nur eine fundamentale Neuorganisation der Arbeit einher, sondern es veränderte sich auch die alte Tradition der sozial- oder bürgerschaftlichen Selbstverwaltung und des Subsidiaritätsgedankens.  An die Stelle einer sozialen Gesellschaft, in der die Sorge um andere selbstverständlich war, entwickelte sich der Sozialstaat mit eigener Sozialgesetzgebung. Das Helfen wurde sukzessive professionalisiert und aus der Familie und dem sozialen Netzwerk ausgelagert in Institutionen. 

Seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts verstärken sich neoliberale Tendenzen: Ökonomisierung, Verbetriebswirtschaftlichung, Fusionen, Privatisierung mit dem Ruf nach ständiger Marktorientierung und Konkurrenzdenken. Diese Entwicklung führt konsequent dazu, dass die profitablen "Kunden" - auch eine Neudefinition der ehemaligen PatientInnen – die hier in NachfragerInnenstatus als aktiviertes Subjekt gebracht werden, die relativ Gesunden sind. Zeitgleich lässt sich eine Zunahme chronisch Kranker, Multimobider und pflegebedüftiger bzw. hilfebedürftiger älterer Menschen, Dementer verzeichnen, deren Bedürfnisse eben gerade nicht durch die sich entwickelten Dopingstrukuren zu befriedigen sind. Es handelt sich um historisch neue Seinsweisen. Dörner macht vier Denkfehler für das Auseinanderdriften von Bedürfnisse und der Produktion von Bedarfen verantwortlich:

  1. Den Glauben, Krankheitsbekämpfung würde gesund machen. Sie kann allerdings nur "ermöglichen", dass Gesundsein sich ergibt.
  2. Geht es eigentlich darum, dass wir lernen müssen, mit unseren Krankheiten zu leben.
  3. Glauben wir, die GesundheitsarbeiterInnen könnten uns unsere Gesundheit wiedergeben und verleugnen, dass man nach einer Krankheit ein anderer, eine andere ist, mit neuen Erfahrungen.
  4. Schließlich kann durch die ständige Überaufmerksamkeit auf sich selbst, das Gefühl entstehen, dass Gesundheit nicht einfach nur da sein kann ohne darüber nachzudenken, nämlich wenn wir uns einfach wohl fühlen, sondern dass man sie sich ständig neu aneignen muss. Die übertriebene Sorge um die Gesundheit wird so selbst zur Krankheit. Gesundheit wird zunehmend der Wirtschaft überantwortet; ihre Logik ist es, neue Märkte zu erschließen, so kommt es zur "Umwandlung aller Gesunder in Kranke" (S. 27), es werden ständig neue Krankheiten erfunden.

Gesundheit ist die neue Religion. Die Disziplinargesellschaft richtet den Einzelnen – orientiert an den von den Wissenschaften definierten Normen und Werten zu. Die Biopolitik richtet sich auf die gesamten Gesellschaftskörper. Wenn Autonomie und Selbstständigkeit zum höchsten Lebensziel wird, kann deren Fehlen behinderten, nicht mehr zu heilende Menschen ihr Lebensrecht beschneiden.

Um den Menschen wieder die Chance und ihr Recht zurück zu geben, selbstvergessen Weggegeben zu sein, bedarf es nach Dörner einer radikalen Neurorientierung.  Die Gesundheitsarbeiter sollten sich zunächst als Ergänzung bürgerlicher Hilfen verstehen. Ihr Kerngeschäft ist es

  • zunächst eine Beziehung herzustellen und erst dann
  • ihre technische Leistungen einzusetzen.

Er spricht auch vom Dienen, das vor dem Leisten kommt. Dörner bezieht sich auf Eibach und fordert des weiteren, eine Ethik der Autonomie der Ethik der Fürsorge unterzuordnen – und bei der Unterstützung Hilfebedürftiger vom "Letzten", Schwächsten" auszugehen. D.h. auch der chronisch Kranke wird zum Modell für die Akutmedizin. Und, da alle Menschen helfensbedürftig sind, da Helfen sinnstiftend ist, fordert er eine neue Helferkultur. Das postsäkulare Helfen soll das Helfen wieder vom Kopf auf die Füße stellen, d.h. die Familie, die Freunde, die Nachbarn, die bürgerschaftlichen Helfer sind die zentralen Akteure, die Profis ergänzen diese Hilfe. Vision wäre eine weitgehend deinstitutionalisierte Gesellschaft, in der die Menschen bis zum Streben in ihrem Quartier, ihrem Zuhause bleiben können.

Diskussion

Dörners Buch richtet sich – wie dem Untertitel schon entnehmbar – an den Bürger und die Bürgerin und natürlich die DopinghelferInnen. Es ist ein leidenschaftlicher Appell, und man spürt, wie dieses Thema dem Autor auf der Seele liegt und mit wie viel brennender Geduld er es geschrieben hat. In vielen Bereichen kann die Rezensentin ihm in seiner Argumentation unbedingt folgen.

Einige seiner Überlegungen sind dennoch zumindest diskussionswürdig. So z.B. wenn Dörner fordert, dass die Profis "ein paar Wochenstunden unbezahlt arbeiten" (S. 141). Gerade Pflegende in der ambulanten häuslichen Versorgung tun diese eh schon regelmäßig, da nur die Bewirtschaftung des Köpers, nicht aber die interaktiv-dialogische Arbeit mit den KlientInnen bezahlt wird – eine Folge des Dopingmarktes, der überwiegend technikorientierte Leistungen und am biomedizinischen Paradigma orientierte Leistungen bezahlt. Hier fehlt ihm die Genderperspektive. Dann hätte er auch festgestellt, dass das bürgerliche Engagement von Frauen in weit umfangreicherem Maße erbracht wird als von Männern, wenn es um die Pflege und sonstige Reproduktionsaufgaben geht. Hier haben Männer einen Verantwortungsnachholbedarf. Er aber spricht von dem Hausarzt (männlich?), der bei Frau Müller ein soziales Sinndefizit feststellt, weil ihre Kinder aus dem Haus sind und sie ermutigt bei ihrem altersverwirrtem Nachbarn Herrn Meyer die Wochenendschichten zu übernehmen (S. 102).  Gänzlich in Widersprüche verstrickt er sich, wenn er einerseits mehr Selbstbestimmung für die BügerInnen fordert, andererseits aber zumindest den ÄrztInnen gegenüber einen  absoluten Vertrauensvorschuss abverlangt. Deshalb lehnt er auch eine Patientenverfügung ab, um dem Arzt die Möglichkeit der Verantwortungsübernahme zu geben. Aber auch wenn der Patient eine Patientenverfügung hat, sollte es dem Arzt nach Dörner möglich sein, zwischen der Schriftsprache und der Leibsprache zu unterscheiden (S. 164) und ggf. gegen die Verfügung zu entscheiden. Da spricht er vom gesunden Sterben jenseits der Gesundheitsfalle. Hier erliegt er selbst einem Bild vom "idealen Tod", dem zwanglosen Zwang einer Definition vom gesunden Sterben. Zumindest derzeit werden Ätzte zudem nicht so sozialisiert, dass sie ausgewiesenen sozial-kommunikative und personale Kompetenzen haben, um den Patienten biografisch zu begleiten und dabei demütig, paternalistisch zu agieren. Auch sollte Dörner noch mal den Gedanken der Multiprofessionalität aufgreifen, um einseitige Machtverhältnisse zu begrenzen. Der gute Hausarzt ist wieder der Alleskönner. Die Aufgaben anderer Berufe, gerade auch die Pflegenden, die für die Begleitung von chronisch kranken Menschen prädestiniert sind, werden von Dörner kaum thematisiert.

Fazit

Trotz der kritischen Anmerkungen handelt es sich um ein lesenswertes Buch, das anregt, aufregt und zum Weiterdenken anregt.


Rezensentin
Prof. Dr. Barbara Hellige
Hochschule Hannover, Fakultät V, Abteilung Pflege und Gesundheit. Schwerpunkte: Professionalisierung der Pflege, Chronizität, Pflegebeziehung, Pflegeberatung


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Zitiervorschlag
Barbara Hellige. Rezension vom 24.06.2008 zu: Klaus Dörner: Helfende Berufe im Markt-Doping. Wie sich Bürger- und Profi-Helfer nur gemeinsam aus der Gesundheitsfalle befreien. Paranus Verlag (Neumünster) 2008. ISBN 978-3-926200-98-3. Edition Jakob van Hoddis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5878.php, Datum des Zugriffs 27.08.2016.


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