Dominik Ringler (Hrsg.): Handlungsfelder und Methoden der Kinder- und Jugendhilfe
Dominik Ringler (Hrsg.): Handlungsfelder und Methoden der Kinder- und Jugendhilfe. Eine Einführung. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2007. 415 Seiten. ISBN 978-3-8340-0229-7. 29,80 EUR, CH: 50,00 sFr.
Reihe: Jugendamt und Jugendhilfe - Band 2, hrsg. von Jürgen Gries, Dominik Ringler und Irmtraud Schmitz.
Thema
In dem von Dominik Ringler im Schneider Verlag herausgegebenen Sammelband wird ein kompetenter Überblick zur gegenwärtigen Jugendhilfe und Jugendpflegelandschaft und speziell zu Handlungsfeldern und Methoden in der Jugendhilfe geboten.
Aufbau
Dieser Überblick wird in drei Hauptkapiteln vorgestellt:
- Rahmenbedingungen der Kinder- und Jugendhilfe (I),
- Handlungsfelder der Kinder- und Jugendhilfe (II),
- Ausgewählte Methoden und Arbeitsprinzipien (III).
Das zweite Hauptkapitel ist nochmals in mehrere Unterkapitel unterteilt:
- Kinder- und Jugend(sozial)arbeit (II.1),
- Beratung, Erziehungs- und Unterstützungshilfen (II.2),
- problembezogenen Kontexte (II.3).
Ausgewählte Inhalte: I. Rahmenbedingungen
- Im ersten Hauptkapitel (I) "Rahmenbedingungen der Kinder- und Jugendhilfe" gibt C. Wolfgang Müller, einer der wichtigsten Vertreter der universitären Sozialpädagogik im Nachkriegsdeutschland und emeritierter Professor an der Technischen Universität Berlin, einen kurzen Einblick zur Frage, wie "Fachlichkeit in der Kinder- und Jugendhilfe" zu verstehen ist. Dabei fokussiert er auf die Verknüpfung von Professionalisierung, Professionalität und methodisch-systematischer Arbeit und bezieht sich dabei auf den klassischen Dreischritt von Diagnose/sozialer Anamnese als Hypothesenbildung(1), Hilfeplan und Arbeitsbündnis (2) und der prozessbegleitenden Evaluation des Hilfeprozesses (3). Dabei bleibt der Hilfeprozess immer auch ein durch Versuch und Irrtum strukturierter Prozess: letzte Wahrheiten gibt es an keinem seiner Punkte. Wie nicht anders zu erwarten, verweist er auch auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Hilfeprozesses und hier auf den Zeitgeist, "der alles zu erlauben und wenig zu ermutigen scheint". Letzteres aber brauchen KlientInnen und SozialarbeiterInnen, die ja als KoproduzentInnen des Hilfeprozesses zu verstehen sind.
- Cornelia Bohnert, Professorin für Familien- und Jugendrecht an der Kath. Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) gibt anschließend einen sehr informativen und interessanten Überblick über "Rechtlichen Grundlagen und organisatorische Rahmenbedingungen" des Hilfeprozesses. Gerade für im SGB VIII und den einschlägigen Paragraphen des BGB nicht sonderlich bewanderte KollegInnen (wie mich selbst) ist dieser Beitrag sehr wertvoll, weil er den Werdegang der Sozialgesetzgebung in der BRD kurz zusammenfasst, dann die wichtigsten Themenfelder und Leistungen des SGB VIII benennt, die dort festgelegten organisatorischen Rahmenbedingungen und sich daraus ergebenden verwaltungsrechtlichen Verfahrensweisen erläutert und die Rechtsgrundlagen der nun im folgenden von den anderen AutorInnen dieses Sammelbandes dargestellten Handlungsfelder und Hilfemaßnahmen der Jugendhilfe beschreibt. Vieles von diesem kompakten Überblick wird man nach einiger Zeit wieder vergessen haben, aber es bleibt ja die Möglichkeit des erneuten Nachschlagens in diesem Kompendium. Spannend wäre noch eine ausführlichere Erörterung des neuen § 8 a im KJHG und seiner Folgen für die Kinder- und Jugendhilfe gewesen.
Ausgewählte Inhalte: II. Handlungsfelder
Das zweite Hauptkapitel (II) "Handlungsfelder der Kinder- und Jugendhilfe (Auswahl)" ist das Kernstück des Buches, auf das der Leser/die Leserin nun durch die beiden ersten Artikel sehr gut vorbereitet ist.
- Das erste Unterkapitel dieses 2. Hauptkapitels (II.1.) "Kinder- und Jugend(sozial)arbeit" wird von Dominik Ringler, Mitarbeiter und Geschäftsführer am Institut für Sozialforschung, Informatik und Soziale Arbeit (ISIS) Berlin eröffnet. Er gibt einen differenzierten Einblick in die "Kinder- und Jugendarbeit", und benennt theoretische Konzepte, rechtliche Grundlagen, verbandliche und offene Jugendarbeit, Jugendkulturarbeit, geschlechtsspezifische Ansätze. Wir finden auch eine Liste der möglichen Inhalte und einige Überlegungen zu den neuen Herausforderungen an die Kinder- und Jugendarbeit vor dem Hintergrund neuer Lebensstile, Sozialformen, Modernisierungsdruck und Sparpolitik.
- Jürgen Gries, Professor für Soziologie und Sozialarbeitswissenschaft an KHSB und am ISIS Berlin, Dominik Ringler und Frank Lehmann, letzterer ist leitender Schulsozialarbeiter in einer Berliner Schule und Mitarbeiter am ISIS Berlin, beleuchten in ihrem Beitrag "Jugendsozialarbeit" mehrere Felder der Jugendsozialarbeit: Schulsozialarbeit, Jugendberufshilfe und Integrationshilfen für Jugendliche in erschwerten Lebenslagen. Im letztgenannten Bereich geht es natürlich auch um Jugendliche mit Migrationshintergrund und geschlechtsspezifische Arbeitskonzepte. Dies ist ein interessanter Beitrag mit einer sehr großen Materialfülle.
- Kai Maaz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin und ISIS Berlin räumt in seinem Beitrag über "Entwicklung neuer Medien als gesellschaftliche Herausforderung - Die Rolle der Kinder- und Jugend(sozial)arbeit" mit dem Vorurteil auf, dass die Nutzung der neuen Medien zu einer Vereinzelung und Vereinsamung der Jugendlichen führen muss. Er zeigt, dass deren Nutzung auch gemeinschaftlich gestaltet wird und gestaltet werden kann, dass aber auch hier eine Trennlinie zwischen bildungsprivilegierten und bildungsbenachteiligten Jugendlichen zu bemerken ist. Es ist der soziale Status, der einen wichtigen statistischen Einfluss auf das wie und die Folgen der Nutzung neuer Medien hat. Jugendsozialarbeit muss an diesem Punkt ansetzen, und das macht eine gute technische Ausstattung von sozialarbeiterisch betreuten Treffpunkten der Jugend und eine gute Medienschulung der SozialarbeiterInnen selbst notwendig.
Es folgt das zweite Unterkapitel (II.2.) Beratung, Erziehungs- und Unterstützungshilfen.
- Es wird eröffnet von Irmtraud Schmitz, ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin des Institutes für Sozial- und Kleinkindpädagogik der FU Berlin und dort bis 2003 Leiterin des inzwischen aufgelösten Ausbildungs- und Forschungsprojektes „Sozialpädagogische Familienberatungsstelle“, jetzt Lehrbeauftragte an der KFHB. Sie weist der Beratung in ihrem Artikel "Beratung in der Jugendhilfe: Struktur und Arbeitsweisen" einen wichtigen Stellenwert in der Sozialen Arbeit und damit auch in der Kinder- und Jugendhilfe zu. Sie skizziert die Fachdebatte zum Thema Beratung, definiert das Konzept der sozialpädagogische Beratung auch in Abgrenzung zum Konzept der psychologischen Therapie und arbeitet die zwei Stützen von Beratung heraus: eine die Arbeitsfelder übergreifende Wissensbasis, die sich vor allem auf Theorien und Methodenkonzepte professionell moderierter Kommunikation bezieht und ein handlungsfeldspezifisches Wissen für ein bestimmtes Arbeitsfeld und die darin vorfindbaren Problemlagen, Lebenslagen, gesetzliche Regelungen und Erklärungsmodelle für das Handeln der KlientInnen. Die Autorin weist auf die Verankerung von Beratungsleistungen im KJHG hin, thematisiert ihre vor allem durch eine Familien- und Netzwerkorientierung gewährleistete Bedeutung in der Jugendhilfe und beschließt ihre Darstellung mit einer Skizze zur Evaluationsforschung und den Perspektiven für eine Weiterentwicklung von Beratung in der Sozialen Arbeit. Hier verweist sie auf die Potentiale des Community Counseling, das die Systemperspektive über Familien und andere mikrosystemische Bezüge hin zu Meso- und Exosystemen (im Sinne Bronfenbrenners) ausweitet.
- Jürgen Gries und Matthias Lindenau, letzterer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der KHSB und am ISIS Berlin, skizzieren in ihrem kurzen Beitrag über die "Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH)" den Rahmen dieser für die familienorientierte Sozialarbeit zentralen Hilfeform, die als "Hilfe zur Erziehung" (§ 31 des 1990 in den neuen und 1991 in den alten Bundesländern eingeführte KJHG) einen prominenten Platz in der Jugendhilfelandschaft hat. Schade finde ich, dass die im Laufe der Jahre ausdifferenzierten Methoden und Settings der SPFH gegenüber den Rahmenbedingungen in dieser Darstellung etwas zu kurz geraten sind. Dass der systemische Ansatz der SPFH nur mit einem Satz gestreift wird, entspricht nicht dessen aktueller Bedeutung für Epistemologie und Methodik der SPFH. Auch eine Abgrenzung zur "Aufsuchenden Familientherapie" wäre wünschenswert gewesen. Hilfreich für die PraktikerInnen ist die Einbettung der SPFH in das ebenfalls im KJHG festgelegte Hilfeplanverfahren.
- Sven Nachmann, Familientherapeut und stellv. Abteilungsleiter bei der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport, befasst sich in seinem Artikel "Aktuelle Formen der Heimerziehung: Eine pädagogische und praxisorientierte Betrachtung" mit einer in den letzten Jahren immer mehr zur Diskussion gestellten Variante der "Hilfen zur Erziehung" (KJHG § 34). Diese ist durch die inzwischen über viele Jahre geführte fachliche Diskussion zur Indikation und die politische Diskussion zu den Kosten der Heimunterbringung zu einer hoch differenzierten Hilfeform geworden, - was ihre Methoden, Settings, Ziele, als auch ihre organisatorischen Rahmenbedingungen betrifft. Im Konkurrenzkampf mit ambulanten und teilstationären Angeboten um "Marktanteile" in der Jugendhilfe und entsprechend der in § 37 festgelegten Forderung nach Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie, sind vor allem familiendynamische und familientherapeutische Perspektiven in der Heimerziehung wichtig geworden. Auch Angebote zur heiminternen Schulbildung und Berufsausbildung tragen zur Profilbildung von Heimen bei - all dies ist knapp und dennoch informativ beschieben. Der Verfasser weist auch auf ein strukturelles Problem der Heimerziehung hin: die stationäre Unterbringung wird in vielen Fällen durch vorauslaufende ambulante und teilstationäre Maßnahmen zu lange hinausgeschoben, so dass die Heime bei immer knapper werdenden Mitteln mit immer schwierigeren und chronifizierten Problemlagen bei den Kindern und vor allem den Jugendlichen umzugehen haben. Auch die notwendige Zusammenarbeit zwischen Heim und Jugendamt hat in diesem Beitrag ihren Platz. Was aber ist hier Anspruch und was fachlich gelebte Wirklichkeit?
Es folgt nun das dritte Unterkapitel (II.3.) unter dem Titel "Problembezogene Kontexte".
- Hier geht es um einzelne Querschnittsthemen der Kinder- und Jugendhilfe. Nicht von ungefähr steht deshalb am Anfang ein Beitrag "Einheimische Jugendliche und Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland auf der Suche nach Identität in einer mehrkulturellen Gesellschaft - Herausforderungen für die Kinder- und Jugendhilfe" von Josef Freise, Professor für Wissenschaft der Sozialen Arbeit an der Kath. Fachhochschule NRW, Abtl. Köln. Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede bezüglich ihre Identitätsentwicklung zu vergleichen ist ein äußerst spannendes und lohnendes Thema und dem Verfasser gelingt es, trotz aller Kürze hierzu ein facettenreiches theoriegeleitetes Bild zu schaffen und es zugleich mit Möglichkeiten der Jugendhilfepraxis zu verknüpfen. Das für die Identitätsbildung bedeutsame, durch die Pole westliche kulturelle Moderne versus traditionelle Lebensformen des Herkunftslandes der Eltern/Großeltern abgesteckte Spannungsfeld für Jugendliche mit Migrationshintergrund wird eindrucksvoll beschrieben. Wir finden hier Stichworte wie "geschlechterspezifische Rollentrennung vs. Rollendurchlässigkeit", "Heirat als Großfamilienprojekt versus individuelle Partnerschaftsgestaltung", "religiöse Grundhaltung versus Säkularisierung", "Druck der Eltern", "Diskriminierung durch die Außenwelt" "Bedrohung durch Rechtsradikale: für viele ein Teil der Alltagsrealität". Auch die Probleme der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund finden ihre Würdigung. Der Autor verweist hier auf die 5 in de Schellstudie "Jugend 2000" herausgestellten Jugendmilieus, die sich durch unterschiedliche Wertorientierungen (hier spielt die Frage der Ausländerfeindlichkeit, aber auch des eigenen Lebensentwurfes eine wichtige Rolle) und unterschiedliche Bildungs- und Finanzausstattung auszeichnen. Wenn es um Fragen der sozialpädagogischen Praxis geht, steht das Stichwort "Begegnung" im Vordergrund. Präventive Maßnahmen sind gefragt, und hier hat die Schule als "Lebensraum und Begegnungsort" eine herausragenden Platz. Konsequenz: Schule, Jugendhilfe und gemeinwesenorientierte Sozialarbeit sind als Kooperationspartner gefordert.
- Peter Rieker, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Jugendinstitut Leipzig schreibt über "Erfahrungen und Erfolgsbedingungen sozialpädagogischer Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen". Hier wird die Diskussion um die "akzeptierende Jugendarbeit" (Franz-Josef Krafeld) und dessen inzwischen im Konzept der "gerechtigkeitsorientierten Jugendarbeit" verstärkte Betonung von "Konfrontation und Grenzziehung" skizziert. Dann geht es um Settings bzw. Methoden der Arbeit mit rechtsradikal orientierten Jugendlichen (aufsuchende Straßensozialarbeit, offene und mobile Jugendarbeit, Soziale Gruppenarbeit und Trainingskurse) und deren Rahmensetzung (Ausstattung, regionale Verteilung, Zielgruppe). Die Bedingungen für Erfolge werden benannt (Ausbildung und Qualifizierung des Personals, professionelle Beziehungsarbeit, Grenzsetzungen, geschlechterbewusste Arbeit, Vernetzung). Abschließend fordert der Autor von den PraktikerInnen dieses Arbeitsfeldes, den gemeinsamen Diskurs über ihre Erfahrungen, Arbeitsformen und Erfolge/Misserfolge voranzutreiben, um voneinander lernen zu können. Er bemängelt, dass die einzelnen Projekte viel zu oft neben einander herleben, was die Erfolgschancen dieser sozialpädagogischen Knochenarbeit beeinträchtigt.
- Erika Alleweldt undVincenz Leuschner, beide Lehrbeauftragte an der KHSB und Mitarbeiterin am ISIS Berlin, befassen sich in ihrem Beitrag mit der "Straße als Erfahrungsraum". Hier geht es um das inzwischen auch in Deutschland vermehrt auftretende Phänomen der "Straßenkinder", denn "die Attraktivität der Straße als Ort von jugendkulturell geprägten Szenen sowie als Erlebnis-, Zufluchts- und Überlebensort" hat "im Vergleich zu den Achtziger Jahren" (S. 225) deutlich zugenommen. Die Schätzungen differieren zwischen 10.000 und 50.000 Kindern und Jugendlichen. Es werden die Ursachen von Straßenkarrieren benannt, wobei natürlich die Herkunftsfamilien besonders bedeutsam sind; aber auch die für unsere Gesellschaft inzwischen typische Pluralität von Lebensformen, Lebensentwürfen und Exklusionsmechanismen sind wichtige Erklärungsfaktor. Im Praxisteil wird dem "Ausstiegsorientierten Ansatz" und seinen verschiedenen Spielarten Raum gegeben. Ein zu beachtender Bezugspunkt ist dabei, dass die "Straßenkinder" ihre Existenz oft als weniger einschränkend erleben als ihre Umwelt, und deshalb verstärkt auf die "Vorteile" dieser Lebensweise geachtet werden muss. Dann kommt das AutorInnenteam nochmals auf die Theorieeebe zurück und beschreibt das Konzept der "Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit" der "Tübinger Schule" um Hans Thiersch. Dieser eingeschobene Exkurs macht Sinn, ermöglicht er doch dann im weiteren Verlauf , ein "lebensweltorientiertes Handlungskonzept" für die Arbeit mit diesen Jugendlichen zu formulieren. Beziehungsarbeit, Existenzsicherung und die Entwicklung von Perspektiven über die aktuelle prekäre Situation hinaus sind hier die wichtigen Überschriften. Weil die Soziale Arbeit aber insgesamt der "Lebenswelt Straße relativ hilflos" gegenübersteht, ist neben Überlegungen zu Methoden und Settings auch ihre "politische Einmischung" gefordert, denn es muss hier auf spezifischen Form sozialer Ausgrenzung geantwortet werden.
- Mathias Lindenau und Norbert Wieland, letzterer ist Professor für Psychologie an der Fachhochschule Münster, befassen sich anschließend mit "Drogenkonsum und Drogenabhängigkeit" als Thema der Kinder- und Jugendhilfe. Die Verfasser gehen davon aus, dass Drogen eine psycho- und eine sozioregulative Funktion haben. Sie vermitteln kurzfristige Glücks- oder zumindest Entspannungsgefühle und sind zugleich Medium der Kommunikation. Der defizitorientierte, pathologisierende und kontrollierende Blick auf den Drogenkonsum versperrt deshalb viele Handlungsmöglichkeiten. Die Motive der Jugendlichen werden aus psychologischer Sicht beleuchtet, wobei das Grenzen austesten und der spielerische Umgang mit Risiken nicht zu unterschätzende Faktoren sind. All dies macht deutlich, dass die Gefahr der Ausgrenzung beim Drogenkonsum durchaus ungleich verteilt ist: Jugendliche mit einer relativ konsistenten Ichstruktur, einem stabilen familiären Hintergrund, guten sozialen Kompetenzen und angemessenen schulischen Leistungen können dem Ausgrenzungsrisiko besser begegnen. Auch hier begegnen wir der alten sozialarbeitswissenschaftlichen Binsenweisheit: Jugendliche mit großen Ausstattungsproblemen (Finanzen, emotionaler familiärer Rückhalt, Bildungs- und Ausbildungschancen) haben geringere Chancen, ihre soziale Integration zu sichern, als Jugendliche aus privilegierten Milieus. Jugendhilfeangebote für drogenkonsumierende Jugendliche müssen sich an diesen Vorgaben orientieren - so die Sicht der Autoren, und Drogenpädagogik als Bildungsarbeit, Hilfe zum Risikomanagement und Beitrag gegen drohende oder bestehende Verelendung konzeptualisieren. Dabei sollte auf die 1990 im 8. Jugendbericht der Bundesregierung ausführlich dargelegte Lebensweltorientierung Sozialer Arbeit geachtet werden.
Ausgewählte Inhalte: III. Methoden und Arbeitsprinzipien
Im dritten Hauptkapitel (III) werden "ausgewählte Methoden und Arbeitsprinzipien" der Kinder- und Jugendhilfe vorgestellt.
- Günter Machann, systemischer Therapeut, Familientherapeut, Projektleiter bei tandem BQG Berlin und Kazim Yildirim, Konfliktmediator und Gruppentrainer, führen die LeserInnen in Konzept und Methodik der "Soziale Gruppenarbeit" ein. In einem sehr interessanten Überblick geht es zunächst um deren Geschichte und um die sozialwissenschaftliche Beleuchtung der Gruppe. Dann wird die Funktion formeller und informeller GruppenleiterInnen besprochen und anschließend die Leitungsaufgaben, die nicht nur auf die Gruppenleiterinnen beschränkt sind: konzeptionelle Planung, Gestaltung des Settings (Zeitrahmen, Räumlichkeiten, Gruppengröße, Gruppenzusammensetzung), Aufbau und Sicherung der Arbeitsfähigkeit (Regeln, Ablauf, Partizipation der Gruppenmitglieder, Beziehungsgestaltung), Methoden, Themen Aktivitäten der Gruppenarbeit Hier hat die Gruppenbewegung der siebziger und achtziger Jahre in der Nachfolge von Kurt Lewin viel Vorarbeit geleistet - das macht der Artikel deutlich. Auch die Prozessgestaltung und -kontrolle sowie das Zusammenspiel von Einzel-, Gruppen- und Kontextarbeit, letztere ist z.B. gerade als Elternarbeit für SGA im Kinder- und Jugendhilfebereich unverzichtbar, werden thematisiert. Es handelt sich um einen systematischen und informativen Überblick für alle an diese Arbeitsgebiet interessierten KollegInnen.
- Jochen Töpfer, selbstständiger Organisationsberater und vielfältig erfahren in der Moderation von Großgruppen, stellt nun das Verfahren des "open space" unter dem Gesichtspunkt der "Partizipation von Kindern und Jugendlichen" vor. Er postuliert, dass das auch in der Kinder- und Jugendhilfe anwendbare "open space"-Verfahren den Intentionen des sozialarbeitswissenschaftlichen Konzeptes der "Partizipation", der UN-Kinderrechtskonvention von 1989, dem deutschen KJHG von 1990/1991 und dem EU-Weißbuch Jugend 2000 sehr entgegen kommt. Er skizziert dieses von Harrison Owen entwickelte Konzept der Selbstorganisation großer Gruppen und dessen Voraussetzung für das Gelingen. Es handelt sich um einen gelungenen Überblick, bei dem allerdings bei mir als Leser der Wunsch zurückgeblieben ist, mehr über die Anwendungsmöglichkeiten des "open space" für Kinder- und Jugendgruppen zu erfahren. Dass es z.B. für Schulen ein gutes Konzept der Kommunikation aller Mitglieder über Entwicklungsmöglichkeiten dieses Systems ist, steht für mich außer Frage, aber ein Praxisbeispiel zu dessen Verwendung in diesem Arbeitsfeld wäre eine schöne Abrundung gewesen.
- Herbert Pfrogner, Professor für Soziale Arbeit an der KHSB, beschäftigt sich mit dem "Empowerment als Handlungsansatz". Er gibt dieser oft schon abgegriffenen Münze in den Diskursen Sozialer Arbeit eine eigene Gestalt, indem er die grundlegenden Begriffe, Definitionen, Funktionen, Ziele dieses Konzeptes erläutert und in den Kontext der Kinder- und Jugendhilfe stellt. Der "Empowerment-Kompass" auf S. 318 gibt einen gelungen Überblick zu der Verknüpfung von
- Eigenwahrnehmung der KlientInnen,
- gemeinsamer Zielentwicklung durch sie und die Fachkräfte,
- konzeptionell zu beschreibenden und theoretisch zu begründenden Aufgaben der Sozialen Arbeit im Hinblick auf Empowerment.
- Auch hier spielt die Lebenswelt und der Sozialraum als Rahmen Sozialer Arbeit eine wichtige Rolle. Zwölf Übungen zum Empowerment verdeutlichen die Praxis dieses Konzepts und geben Anregungen für das eigene sozialpädagogische/sozialarbeiterische Handeln in der Arbeit mit den unterschiedlichsten Gruppen.
- Helmut Lukas, Professor für Soziapädagogik/Sozialarbeit an der Fachhochschule Erfurt und der Universität Hannover, befasst sich mit "Entwicklungsstand und -perspektiven der Jugendhilfeplanung". Er verdeutlicht Jugendhilfeplanung als Teil der kommunalen Gesamtplanung, in der es einerseits um die übergeordnete Planung sozialer Kommunalpolitik, andererseits um eine zielgruppen- und arbeitsbereichsbezogene Fachplanung im Kontext des Jugendamtes geht. Dabei sind Sozialraum- und Lebensweltorientierung, Bedarfsorientierung die Bedürfnisse der Zielgruppen, offene Prozessplanung, Einmischung in die Politik und Partizipation die wichtigen Stichworte. Jugendhilfeplanung gibt es vor allem im Kitabereich, bei Jugendförderplänen und Hilfen zu Erziehung; es geht also schwerpunktmäßig um die vor- und außerschulische Bildung. Jugendsozialarbeit ist in allen Bundesländern nicht so gewichtig bei den Jugendhilfeplanungen vertreten. Lukas stellt dann ein Konzept für den Prozess der Jugendhilfeplanung vor, bei dem es vor allem um die Einbindung der Betroffenen, der fachlichen Netzwerke und der kommunalen politischen Gremien geht; "Koproduktion im Sozialraum" ist hier das wichtige Stichwort. In seinem Resümee sieht Lukas die Jugendhilfeplanung durchaus in einem positiven Licht, ohne die Schatten kommunaler Sparpolitik zu ignorieren.
- Jürgen Gries und David Vossebrecher, letzterer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Heilpädagogisch-Rehabilitationswissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln, beschreiben die Evaluation in der Kinder- und Jugendhilfe. Diese ist seit etwa 10 Jahren ein wichtiges Thema in der fachlichen und politischen Dimension, denn hier geht es um deren empirisch nachzuweisende Wirksamkeit. Es werden die unterschiedlichen Formen der Evaluation - Selbstevaluation (interne und formative Evaluation) und Fremdevaluation (externe und summative Evaluation) und deren Standards beschrieben. Dann geht es um Methoden für die Sammlung, Strukturierung und Bewertung von Informationen, die Perspektiven dr Evaluation (Wirtschaftlichkeit, Vorhabensentwicklung, Wissenserweiterung) und deren 3 Qualitätsformen (Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität). Nur in dieser Komplexität ist ein angemessener Blick auf die Arbeit und Qualität der Sozialarbeit/Jugendhilfe gewährleistet. Schade finde ich, dass hier nur die Form und Systematik von Evaluation beleuchtet werden, nicht aber die diversen Evaluationsstudien, z.B. Jule (1998), JES (2002), EVAS (2004), welche die Wirksamkeit von Jugendhilfe doch eindrucksvoll belegen (siehe das Referat von Mathias Ochs von der Universität Heidelberg auf der DGSF-Jahrestagung 2007 in Neu-Ulm). Vielleicht gibt es eine Chance, das bei einer diesem Buch zu wünschenden zweiten Auflage nachzuholen?
- Tamar Kron, emeritierte Psychologieprofessorin an der Hebräischen Universität Jerusalem, gegenwärtig Professorin am Academic College of Tel Aviv-Jaffo und Lehrbeauftragte an der KHBS, eine ausgewiesen Expertin für die Dialogphilosophie Martin Bubers und deren Umsetzung in den Bereich der klinischen Psychologie erläutert den "Trialog" - eine erweiterte Sicht von Supervision". Zunächst erläutert sie, warum sie die Metapher des Trialogs wählt: es geht in der Supervision nicht nur um die Beziehung zwischen SupervisorIn und Fachkraft, sondern auch um deren Vermittlung durch die KlientInnen als einem dritten Element. Innerhalb dieses Trialogs geht es um den Dialog, der ja ein wesentlicher Bestandteil von Bubers Menschenbild und Beziehungsphilosophie ist. Insofern ist Supervision zugleich ein trialogisches und ein dialogisches Geschehen, in der "Distanz und Nähe als Elemente der Bestätigung" (wie bei jeder Beziehung) eine zentrale Rolle spielen. Bestätigung ist in der Sicht Bubers nicht an die Symmetrie der PartnerInnen gebunden. Das nimmt Tamar Kron für die Beziehung zwischen SupervisiorIn und TherapeutIn/BeraterIn auf, in der es ja durchaus eine Erfahrungs- und Wissensdifferenz zwischen beiden geben kann. Meiner Erfahrung nach wäre aber in diesem Zusammenhang auch der Rollenbegriff wichtig. Denn es ist die auf den/die SupervisiorIn bezogene Rollenzuschreibung, die es ihm/ihr ermöglicht, aus der Distanz heraus eine Metaposition zu der Therapeutin/dem Therapeuten und dem Therapiesystem einzunehmen, und nicht unbedingt sein/ihr Erfahrungs- und Wissensvorsprung.
- Kai Maaz und Uta Waleschkowski, letztere ist Studentin an der Alice Salamon Fachhochschule für Sozialwesen in Berlin, machen uns mit einem wichtigen Ansatz Sozialer Arbeit, der "Erlebnispädagogik" vertraut. Deren Bedeutung für die Jugendhilfe leuchtet unmittelbar ein, geht es doch um Handeln, Erleben und sinnliche Erfahrung - alles wichtige Zugangswege zu den Jugendlichen und ihren Erfahrungsfeldern. Ein kurzer historischer Abriss führt von Jean Jacques Rousseau über Alexander Neill zu Kurt Hahn, dem Begründer von Salem und "Vater der Erlebnispädagogik". Aus seiner Einschätzung der Gesellschaft nach dem 1. Weltkrieg entwickelte er Momente einer Pädagogik, die den ganzen Menschen fordert: körperlichen Einsatz, "Expeditionen" in eine noch wenig sozialisierten Natur, kognitive und handwerkliche Kompetenzen erfordernde Projektarbeit und Hilfe für andere. Dem korrespondieren die in der heutigen Erlebnispädagogik genannten Lernziele, z.B. Selbstvertrauen und Vertrauen zu anderen entwickeln, Selbstständigkeit und Bezogenheit gestalten, Verantwortung übernehmen, Ausdauer und Durchhaltevermögen gewinnen und Teamfähigkeit erlangen. In vielen Projekten können diese Ziele anvisiert werden, z.B. bei den in der Öffentlichkeit oft zitierten und umstrittenen Reise- bzw. Segelprojekten. Immer aber bleibt die Frage nach dem Transfer dieser außergewöhnlichen Erfahrungen in den irgendwann folgenden Alltag, und damit die Wirksamkeit dieser Maßnahme. Weil man sich dieser Kritik nicht verschließen kann, wird nun verstärkt auf die Lebenswelt gesetzt: Schule und Sozialraum kommen als Orte einer weniger spektakulären Form von Erlebnispädagogik in den Blick. Es bleibt aber dabei, dass es um eine besondere Herausforderung und um das experimentelle Handeln in Situationen mit Ernstcharakter geht.
- Der letzte Artikel dieses Sammelbandes von Jürgen Gries und Kai Maaz beleuchtet die nun schon oft schlaglichtartig erwähnte "Gemeinwesenarbeit und Sozialraumorientierung". Die heutige Diskussion zum Sozialraum fußt auf den Konzepten der Gemeinwesen- und Stadtteilarbeit und der sozialarbeitswissenschaftlich genutzten Stadtsoziologie. Weitere Grundlagenkonzepte finden sich in Dieter Baackes "Lebensweltanalyse" und dem sozialökologischen Systemkonzept von Uri Bronfenbrenner. Das Konzept des Sozialraums und die Sozialraumanalyse erfreuen sich inzwischen großer Popularität, was sich auch in entsprechenden politisch geförderten Forschungsprojekten ausdrückt. Sozialraumanalyse stellt die Lebensverhältnisse der BewohnerInnen einer kommunalen Einheit qualitativ und quantitativ dar. Sie ermöglicht dadurch eine Bestandsaufnahme der sozialen Infrastruktur. Durch die Befragung von ExpertIinnen des Sozialraums (langjährige BewohnerInnen, MitarbeiterInnen von Behörden, Schulen, Polizei, Kirchen, Vereinen, Initiativen, Treffpunkten wird auch eine qualitative Erhebung der Lebenssituation der BewohnerInnen möglich. Gerade der Einbezug der BewohnerInnen im Sinne der "Handlungsforschung" ist der erste Schritt zur Stärkung von Netzwerken, Eigeninitiative, Selbsthilfe, Empowerment und Partizipation im Gemeinwesen. Neuerdings gibt es hierfür auch die "Sozialraumbudgets", mit deren Hilfe Soziale Arbeit im Sozialraum eigenständiger werden, aber auf anderen Wegen auch wieder einer starken administrativen Kontrolle unterworfen werden kann. Diese restriktiven Form der "Reintegration" im Sinne Ulrich Becks hätte meines Erachtens mehr Beachtung erfahren müssen.
Fazit
Es handelt sich um ein wichtiges Buch, das als Kompendium für die praktische Kinder- und Jugendhilfe dienen kann. Man muss es nicht unbedingt in einem Zuge durchlesen, sondern kann es immer wieder bei einem entsprechenden Informations- und Reflexionsbedarf zu Rate ziehen. Dafür ist es wirklich eine Basislektüre, die ich allen Fachkräften, Studierenden und Lehrenden sehr empfehlen kann.
Ich würde dem Buch eine weitere Auflage wünschen, bei dem auch die aktuellen Restriktionen für eine fachlich solide Kinder- und Jugendhilfe durch Finanzierungsengpässe, Personalmangel, veränderte Ausbildungsgänge an den Hochschulen und ein sich ausweitendes Klientel mit immer schwierigeren Problemlagen ausführlicher thematisiert werden könnten. Dieser Aspekt kommt bislang zu kurz.
Rezensent
Prof. Dr. Wolf Ritscher
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Wolf Ritscher. Rezension vom 06.03.2008 zu: Dominik Ringler (Hrsg.): Handlungsfelder und Methoden der Kinder- und Jugendhilfe. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2007. 415 Seiten. ISBN 978-3-8340-0229-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5908.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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