Heiner Fangerau, Monika Gomille u.a. (Hrsg.): Alterskulturen und Potentiale des Alter(n)s
Heiner Fangerau, Monika Gomille, Henriette Herwig, Christoph auf der Horst, Andrea von Hülsen-Esch (Hrsg.): Alterskulturen und Potentiale des Alter(n)s. Akademie Verlag (Berlin) 2007. 253 Seiten. ISBN 978-3-05-004348-7. 64,80 EUR.
Weitere Herausgeber: Hans-Georg Pott, Johannes Siegrist, Vögele.
Entstehungshintergrund
Das interdisziplinäre Forschungsprojekt "Kulturelle Variationen und Repräsentationen des Alter(n)s" der Heinrich-Heine-Universität bildete den Ausgangspunkt für die hier rezensierte Neuerscheinung. Zentraler Gedanke dieses Projekts war die Überlegung, dass Alter(n) nicht nur eine – wie vielfach diskutiert – biologische und soziale Tatsache ist, sondern auch eine kulturelle. Ausgegangen wurde in der Forschungsgruppe somit von einem erweiterten Konzept des Alter(n)s, welches geistes-, sozial- und medizinwissenschaftliche Diskurse integriert. Berücksichtigt wurden dabei im Einzelnen die Disziplinen Germanistik, Anglistik, Kunstgeschichte, Wissenschaftsgeschichte der Geisteswissenschaften, Soziologie und Medizingeschichte. Das Herausgeberwerk umfasst verschiedene Beiträge der beteiligten Forscher(innen) aus den genannten Bereichen.
Aufbau und Inhalt
Neben einer Hintergrund und Inhalte erläuternden Einleitung finden sich 17 unterschiedliche Artikel (Tagungsbeiträge) zum Themenbereich, davon drei in englischer Sprache. Eine Zuordnung dieser Beiträge zu den sechs thematisch verbundenen Bereichen, in die das Forschungsprojekt gegliedert war, wird dabei nicht vorgenommen – die sechs Schwerpunkte zeigen aber etwa die inhaltliche Ausrichtung und Akzentuierung der Forschungsaktivitäten auf:
- Konzepte des Alterns in der Medizingeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
- Vergleichende Analyse kultureller Variationen sozialer Identität im höheren Lebensalter in drei westeuropäischen Ländern
- Vergleichende literaturhistorische Untersuchungen zu Altersrepräsentationen und –konstruktionen in drei Epochenumbrüchen der Moderne
- Zusammenhang von Alter und Erzählen im Kulturvergleich anhand von anglophonen Erzähltexten
- Variationen von Konzepten und Kategorisierungen von Altern bzw. Alter in der Germanistik in wissenschaftshistorischer Perspektive
- Intra- und interkultureller Vergleich von Konzepten des Alterns in der Kunst vom 16. bis zum 20. Jahrhundert
So unterschiedlich wie diese Themenbereiche, so unterschiedlich sind auch die Beiträge in Bezug auf die jeweils untersuchten Fragestellungen, den jeweiligen Spezialisierungsgrad und – sicherlich mitbedingt durch die unterschiedlichen beteiligten Fachdisziplinen – die jeweils gewählte methodische Herangehensweise. Hier drei ausgewählte Beispiele:
Hans-Georg
Pott untersucht "Alter" als kulturelle Konstruktion. Alterskulturen werden,
so der Ausgangspunkt seiner Überlegungen, in unterschiedlichen Wissenschaften
unterschiedlich konstruiert. Ziel des Autors ist es, diese Wissenskulturen zu
identifizieren und kritisch zu hinterfragen. Besonders stehen dabei die
Gerontologie als moderne Leitwissenschaft zur Altersthematik, die
Literaturwissenschaft und die Philosophie im Vordergrund.
Die Gerontologie, so Pott, folge
Norm- und Wertvorstellungen, die der aktuellen existierenden
Leistungsgesellschaft entnommen seien. Sie hebe sogenannte "Ressourcen" bzw.
"Potenziale" des Alters hervor und verstehe diese als Mittel zu einem guten
– und das werde hier gleichgesetzt mit aktivem, teilhabendem,
produktivem, selbstbestimmtem – Leben im Alter. Diese Mittel und nicht
der Mensch selbst ständen im Mittelpunkt gerontologischer Denkweise, welche
sich auch in aktuellen gesellschaftspolitischen altersbezogenen Diskursen
wiederfinde, wie hier exemplarisch am Beispiel des Dritten und Fünften
Altenberichtes der Bundesregierung aufgezeigt wird.
Die Literaturwissenschaft dagegen thematisiere die Vielfalt und
Differenziertheit von Lebensformen und Milieus im Alter, sie sei in der Lage,
Schicksale deskriptiv und explikativ, dabei aber eben gerade nicht normativ
darzustellen und eröffne somit Freiheiten und Spielräume jenseits herrschender
Diskurse. Auch andere Zugänge – etwa die Überlegungen Simone de Beauvoirs
in ihrem Klassiker "Das Alter" – zeigten, so Pott, "wie anders als der Diskurs der Gerontologie, auch dort, wo
er politische und wertende Aussagen macht, das Alter thematisiert werden kann"
(S. 160).
Pott schließt mit der Frage nach
einer Philosophie des Alters und orientiert sich dabei insbesondere an Thomas
Rentsch und seinem Leitgedanken des "Alterns als Werden zu sich selbst". Der
(ständig alternde) Mensch werde hier als einmalig, ganzheitlich und v.a. als in
der Lage betrachtet, sich ständig zu wandeln und Sinnentwürfe und
Wertvorstellungen entsprechend der jeweiligen Lebenswirklichkeit zu ändern,
ohne dabei auf bestimmte Perfektionsvorstellungen und ein fertiges Menschenbild
hinzuarbeiten. Gerade der Entwurfscharakter des Menschen, seine Potenzialität (und
Potenzial hier bewusst nicht im gerontologischen Sinn als Mittel verstanden) und
nicht etwa seine Determinierung ständen dabei im Vordergrund.
Der Beitrag nimmt somit eine Metaperspektive ein und ordnet sich nicht den
vorherrschenden Sichtweisen bestimmter Fachdisziplinen unter, sondern
betrachtet und vergleicht diese aus kritisch-distanzierter, dennoch aber
durchaus wertender und sich positionierender Perspektive.
Einen deutlichen Kontrast zu diesem
überblicksartigen, metaperspektivistischen Artikel bietet der Beitrag von Stefanie Knöll, in dem sie sich in
einem ausgewählten Vergleich von Kunst und Literatur einer sehr speziellen
Fragestellung widmet und den sie mit dem Titel "…noch böser als der Teuffel"
überschreibt. Gemeint sind mit Letzterem alte Frauen, die in einigen (im Band
abgedruckten) Bildwerken des 16. Jahrhunderts legendär als boshaft dargestellt
werden. Knöll bezieht sich dabei
insbesondere auf Darstellungen eines Kampfes zwischen einer alten Frau und
einem Satyr, in dem erstere die Oberhand behält. Sie vergleicht dieses
Bildmotiv mit entsprechenden Motiven in zeitgenössischer Literatur, in denen
eine alte Frau im Auftrag des Teufels Eheleute auseinanderbringt, dabei aber
sogar den Teufel zu besiegen vermag. Obgleich dabei – so die Interpretation
– deutlich werde, dass auch junge Frauen (entgegen der damals
herrschenden "natürlichen" sozialen Ordnung) potenziell ihre Männer zu
unterdrücken versuchen, werde besonders ausgeprägte Bösartigkeit immer mit
älteren Frauen in Verbindung gebracht. Vor diesem Hintergrund fragt Knöll nach dem Grund, warum gerade alte
Frauen als bösartig dargestellt werden bzw. welche potenziellen besonderen
Kennzeichen des weiblichen Alters dafür verantwortlich sein könnten. Einen
Erklärungsversuch findet sie in medizinischen Schriften, welche die bis ins 16
Jahrhundert hinein geltende Sichtweise beschreiben, dass die Menstruation einer
Frau dazu diene, das in ihr "gesammelte verunreinigte Blut wieder
auszuscheiden, bevor es zu schädlichen Folgen" käme (S. 106). Nach der Menopause,
sprich bei älteren Frauen, falle diese Art der Reinigung weg, weshalb Schaden
und Boshaftigkeit im Körper verblieben.
Somit bietet die Medizingeschichte
hier einen Erklärungsansatz für aus dem ganz anderen Bereich der (bildenden)
Kunst – zwei sehr unterschiedliche Wissenschaftsdisziplinen werden verknüpft.
Die Medizinwissenschaft ist auch
der Rahmen für den empiristisch orientierten Beitrag von Simone Moses: "Alt und krank um 1900 – Umgang mit älteren
Patienten in der Universitätsklinik Tübingen". Moses stellt die Frage, wie ältere Patienten um 1900 medizinisch
versorgt wurden und welchen Beitrag die Medizin zur Integration Älterer in die
Gesellschaft zu leisten vermag. Ein chronologischer Blick in die
Medizingeschichte zeige, so die Autorin, dass es sich im 19. Jahrhundert bei
Krankenhauspatienten überwiegend um junge Erwachsene im erwerbsfähigen Alter
handelte. Ziel ihrer Behandlung sei gewesen, möglichst rasch wieder ihre
Rückkehr auf den Arbeitsmarkt zu erreichen. Eine Änderung hin zu einem größeren
Anteil älterer Kranker in Krankenhäuser sei um 1900 zu beobachten gewesen,
wofür mehrere Ursachen auszumachen waren: Zum einen der demographische Wandel,
weiterhin ökonomische Gründe (Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung),
die immer mehr Menschen befähigt habe, sich einen Krankenhausaufenthalt leisten
zu können. Parallel dazu habe sich auch das Verständnis von Krankheit im Alter gewandelt
– der Begriff der Geriatrie habe Einzug gehalten, Alter sei neuerdings
als eigenständige (und nicht pathologische) Phase des menschlichen Lebens
verstanden worden. Dennoch: Ältere Menschen haben verhindern wollen, als krank
und gebrechlich angesehen zu werden und eine Einschränkung ihrer
Leistungsfähigkeit zuzugeben, so dass es häufig erst sehr spät zu einem Krankenhausaufenthalt
gekommen sei.
Die medizinische Behandlung der Patienten, aufgezeigt am Beispiel der älteren
Patienten an der Universitätsklinik Tübingen, habe den zeitgenössischen
Standards und Therapieverfahren entsprochen, wie sie unabhängig vom Alter der
Patienten damals angewandt worden seien. Wenn man auch, so Moses, durchaus davon sprechen könne, dass auch damals einige
moderne geriatrische Ziele umgesetzt worden seien, so habe sich
weiterreichendes geriatrisches Wissen jedoch noch in engen Grenzen gehalten und
es habe sich nicht um eine frühe Anwendung heutiger geriatrischer Ziele
gehandelt. Insgesamt habe um 1900 in Tübingen nach wie vor das Ziel
vorgeherrscht, "die älteren Menschen wieder soweit herzustellen, dass sie
selbständig ihr Leben meistern konnten und niemandem zur Last fielen" (S. 210).
Vorherrschende Meinung sei weiterhin gewesen, dass Kranke in erster Linie
möglichst schnell wieder für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen sollten.
Autor(inn)en
Bei den Autorinnen und Autoren der einzelnen Beiträge handelt es sich um Wissenschaftler der verschiedenen beteiligten Disziplinen aus überwiegend deutschen sowie einigen europäischen Hochschulen, darunter Professoren wie auch Nachwuchswissenschaftler.
Zielgruppe
Die Neuerscheinung dürfte für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Interesse sein, die sich mit Alter(n)sfragen auseinandersetzen und sich dabei nicht nur auf eine oder wenige Disziplinen beschränken, sondern offen sind für vielfältige Blickwinkel und ungewöhnliche Fragestellungen und Herangehensweisen.
Diskussion
"Alter(n) ist nicht nur eine biologische und soziale,
sondern auch eine kulturelle Tatsache" – so wird die Hauptidee dieser Veröffentlichung
im Klappentext zum Ausdruck gebracht. Ziel der Herausgeber ist es, "Alterskulturen"
aufzuzeigen und Alter(n) als ebenso heterogenes wie problematisches Phänomen zu
diskutieren, welches von Weltanschauungen bestimmt wird und interdisziplinär zu
betrachten ist. Alter(n) soll in seinen vielfältigen Variationen und Repräsentationen
aufgezeigt werden, ausgehend von einem erweiterten, die geistes- sozial- und
medizinwissenschaftlichen Diskurse integrierenden Konzept. Mit anderen Worten:
Der Anspruch der Neuerscheinung ist hoch (und ehrenwert!). Ihn zu erfüllen,
gelingt – zumindest teilweise: Es gelingt insofern, als in der Tat
unterschiedlichste Wissenschaftsdisziplinen zu unterschiedlichsten
themenbezogenen Fragestellungen zu Wort kommen, und dies nicht nur auf einem
wissenschaftlich angemessen hohen Niveau, sondern auf sehr vielfältige, teils
sehr kreative und ansprechende Art und Weise. So beeindruckt nicht nur die
Bandbreite an Disziplinen, gewählten Methoden und Erkenntnissen, sondern auch
die z.T. ungewöhnlich freie Herangehensweise, in der Autoren unabhängig von den
Denkweisen und damit verbundenen Restriktionen der eigenen Disziplin ermöglicht
wird, vielschichtig und metaperspektivistisch und damit sehr kritisch ein Thema
zu betrachten (vgl. etwa den oben dargestellten Beitrag Potts). Das erfrischt
und eröffnet neue Denkansätze, wie sie in dieser Form in "disziplingebundenen"
Veröffentlichungen, etwa aus dem Bereich der Gerontologie, kaum zu finden sind.
Dem Leser wird die Variation von Alter(n)skonzepten und –kulturen in der
Tat deutlich vor Augen geführt.
Was Letztere jedoch bei all dem vermissen könnte, ist eine deutlichere
Strukturierung und Begründung für die Auswahl und Anordnung der (in ihrem
Spezialisierungsgrad höchst unterschiedlichen) Beiträge und v.a. eine
Integration und Konklusion aus den dargestellten Befunden. Abgesehen vom im
ersten Kapitel (Einleitung) gelieferten aufzählenden und die Inhalte grob überreißenden
Überblick wird diese Aufgabe dem Leser überlassen. Sicherlich ein klassisches
Charakteristikum eines Herausgeberwerkes… aber dennoch etwas schade.
Fazit
Interessant, manchmal ungewöhnlich und teilweise recht speziell, aber insgesamt auf jeden Fall erfrischend und bereichernd – und ohne Frage wissenschaftlich fundiert. So könnte man die hier zusammengestellten Beiträge zum Thema "Alter(n)skulturen" zusammenfassend charakterisieren.
Rezensentin
Dipl.-Psych. Heike Neidhardt
M.A., Selbstständige Fachautorin, Online-Trainerin und Dozenten-Coach
Homepage www.heikeneidhardt.de
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Zitiervorschlag
Heike Neidhardt. Rezension vom 14.06.2008 zu: Heiner Fangerau, Monika Gomille, Henriette Herwig u.a. (Hrsg.): Alterskulturen und Potentiale des Alter(n)s. Akademie Verlag (Berlin) 2007. 253 Seiten. ISBN 978-3-05-004348-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5913.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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