Udo Küstner, Gisela Beckmann-Többen: Bekifft und abgedreht
Udo Küstner, Gisela Beckmann-Többen: Bekifft und abgedreht. Wenn Cannabis zum Problem wird. Balance Buch + Medien Verlag (Bonn) 2007. 189 Seiten. ISBN 978-3-86739-021-7. 14,90 EUR, CH: 26,80 sFr.
Reihe: Balance Ratgeber. Jugend + Erziehung.
Thema und Entstehungshintergrund
Der Konsum von Cannabis und die entsprechenden Risiken werden nicht selten unterschätzt. Besonders gefährdet scheinen Jugendliche mit Verhaltensstörungen (ADHS, aggressive Verhaltensstörungen) zu sein. Familiäre Risikofaktoren (Suchtmittelabhängigkeit der Eltern / eines Elternteils, traumatische biographische Ereignisse, belastete Eltern-Kind-Beziehung, Scheidung der Eltern) können eine Entwicklung einer Suchtmittelabhängigkeit fördern. (vgl. S.7f.)
Die Autoren möchten mit ihrem Elternratgeber dazu beitragen, das Verständnis eines Cannabismissbrauchs zu erweitern und den Handlungsspielraum von betroffenen Eltern zu verdeutlichen. Nicht die Droge an sich steht im Mittelpunkt der Betrachtung, sondern die Situation und das entsprechende Verhalten der beteiligten Familienmitglieder.
Beide Autoren sind in der Drogenambulanz für Jugendliche, junge Erwachsene und deren Familien im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf tätig.
Aufbau und Inhalt
Nach einer einführenden Einleitung unterteilt sich das Buch in 5 Kapitel und endet mit einer Schlussbemerkung und einem Anhang.
- Das erste Kapitel informiert über die Geschichte und
Wirkstoff von Cannabis, klärt über Unterschiede zwischen Missbrauch und
Abhängigkeit auf und stellt problematischen Cannabiskonsum in den Kontext von
Entwicklungsaufgaben im Jugendalter.
- Im zweiten Kapitel werden bestimmte Risikofaktoren und Zusammenhänge von Cannabiskonsum und ADHS, Angst, Depression, Psychose erläutert.
- Die Zusammenhänge innerfamiliärer Beziehungsdynamiken, familiärer Risikofaktoren und Erziehungsverhalten der Eltern werden im dritten Abschnitt behandelt.
- Der Handlungsspielraum von Eltern, geeignete und ungeeignete elterliche Maßnahmen und Lösungsansätze um neue Wege zu beschreiten stehen im vierten Kapitel im Vordergrund
- Das letzte Kapitel informiert über das Drogenhilfesystem und Hilfsangebote für Angehörige, Betroffene und Familien.
Im Anhang findet der Leser einen Selbsttest, interessante Internetadressen, Adressen von Beratungs- und Behandlungsstellen und Hinweise zu anderen empfehlenswerten Ratgebern
Zielgruppen
Die Publikation richtet sich in erster Linie an betroffene Eltern. Lehrer, Studierende, Pädagogen und andere Fachkräfte können ebenfalls wertvolle Informationen im Umgang mit Cannabis konsumierenden Jugendlichen bekommen. Die ausführlichen fachlich kompetent kommentierten Fallbeispiele machen deutlich, dass problematischer Cannabiskonsum nicht nur in sog. Problemfamilien vorkommt, sondern alle Familien davon betroffen sein können.
Diskussion
"Bekifft und abgedreht" bietet besorgten und belasteten Eltern und anderen Interessierten/Betroffenen kompetenten Rat und Orientierung im Umgang mit kiffenden Jugendlichen. Die Sprache ist gut verständlich. Positiv hervorzuheben ist die Differenzierung zwischen Gelegenheitskonsum und problematischen, zwanghaften Missbrauch. Ein gelegentlicher Konsum von Cannabis (und anderen psychotropen Substanzen) kann als normale, temporäre Erscheinung in der Lebensphase Jugend gewertet werden. Die Peer Group und andere Außeneinflüsse spielen dabei eine maßgebliche Rolle.
Schwierig verlaufende Autonomiebestrebungen von Jugendlichen und entsprechende Beziehungsverstrickungen zwischen Eltern und ihren Kindern werden ausführlich und einfühlsam behandelt. Eltern werden über die besonderen Entwicklungsaufgaben die Jugendliche zu bewältigen haben informiert, die sich anders gestalten als noch 20 Jahre zuvor. (S.28 ff.) Der Ratgeber bietet keine einfach zu befolgenden Lösungsstrategien, sondern lädt Eltern dazu ein sich sowohl mit dem eigenen Verhalten und mit dem des Jugendlichen auseinander zu setzen. Ursachen für das süchtige Verhalten werden beleuchtet, entsprechend werden individuelle Auswege aufgezeigt. Die Falldarstellungen machen deutlich, dass individuelle Lösungswege und Strategien aus der Sackgasse herauszukommen zu entwickeln sind. Gleichwohl eignen sich die dargestellten Fälle zur Identifikation im Sinne eines "sich verstanden Fühlens".
Insbesondere wird deutlich, warum es hilfreich ist, dass Eltern den verständlichen Wunsch den Jugendlichen zu kontrollieren, "retten" zu wollen und unter Druck zu setzen aufgeben zugunsten einer reflexiven Herangehensweise. Diese ist individuell zu entwickeln ist, im günstigsten Fall unter Einbeziehung von Fachkräften. Nicht die "Droge" als Fokus ist das Problem, sondern das Suchtverhalten und die Beziehungsgestaltung. Auswege aus nicht hilfreichen Verhaltenmustern werden aufgezeigt. Dieser Perspektivwechsel ermöglicht eine Würdigung der gesamten Persönlichkeit des Konsumenten im Kontext seines sozialen Umfeldes. (vgl. S.8.) Eltern werden in die Lage versetzt zu verstehen, dass ihr Kind mit schwierigen Konflikten zu kämpfen hat und den Cannabiskonsum als (nicht taugliche) Lösungsstrategie gewählt hat. Verschiedene Erscheinungsformen von Ängsten, Depressionen, ADHS, psychotische Erkrankungen, die möglicherweise die Ursache für eine Suchtentwicklung sein können, werden beschrieben, entsprechende Behandlungswege werden aufgezeigt.
Seriöse Hilfsangebote werden ausführlich aufgeführt und praktisch erläutert, das differenzierte Beratungs- und Behandlungsangebot des Drogenhilfesystems (Drogenberatungsstelle, Entwöhnungsbehandlung, psychiatrische Spezialambulanz, Familientherapie, Selbsthilfe) wird für Laien verständlich erklärt.
Fazit
Der Ratgeber ist betroffenen Eltern sehr zu empfehlen. Er zeigt orientierende Wege zu mehr Selbstbestimmung und Autonomie im Umgang mit Jugendlichen in einer schwierigen Lebenssituation. Eltern werden durch die Lektüre in die Lage versetzt hoffnungsvoll neue Wege suchen. Der Ratgeber macht Eltern Mut nach vielen gescheiterten Selbstversuchen Auswege zu finden und ohne Scham professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Das Buch bietet dazu einen Niedrigschwelligen Einstieg.
Pädagogische Fachkräfte, Studierende und Lehrer können ebenso von diesem Ratgeber profitieren.
Rezensentin
Dipl. Soz.päd. Annette Plobner
Psychodramaleiterin
Fachhochschule Hannover, Fakultät V
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Zitiervorschlag
Annette Plobner. Rezension vom 08.01.2009 zu: Udo Küstner, Gisela Beckmann-Többen: Bekifft und abgedreht. Balance Buch + Medien Verlag (Bonn) 2007. 189 Seiten. ISBN 978-3-86739-021-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5944.php, Datum des Zugriffs 04.02.2012.
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