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BApK / Familienselbsthilfe (Hrsg.): Mit psychisch Kranken leben

Cover BApK / Familienselbsthilfe (Hrsg.): Mit psychisch Kranken leben. Rat und Hilfe für Angehörige. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2008. 3., aktualisierte Auflage. 319 Seiten. ISBN 978-3-86739-017-0. 17,90 EUR, CH: 28,50 sFr.

Reihe: Balance Ratgeber.
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Thema

Angehörige sind mit der psychischen Erkrankung eines Familienmitglieds grossen Herausforderungen und Belastungen ausgesetzt. Sie leben mit der Krankheit ihres Familienmitglieds unter grossen Ungewissheiten und wiederkehrenden Krisen und stehen im sozialen Umfeld unter widersprüchlichen Zuschreibungen und Erwartungen, die von Schuldzuweisungen bis zu Erwartungen als therapeutisches Hilfspersonal reichen. Sie werden in ihrer Funktion als die längsten Bezugspersonen der Erkrankten, aber auch in eigenen Belastungen und Bedürfnissen nicht immer wahr- und ernst genommen und drohen so, neben ihren psychisch Erkrankten kaum eigene Unterstützung zu finden. Gleichzeitig tragen sie die Hauptlast der ausserklinischen Betreuung von psychisch kranken Menschen. Sie sind gefordert, Nähe und Distanz, Selbstlosigkeit und Selbstfürsorge, Verantwortung und Loslassen zu balancieren. Die Wahrnehmung der Angehörigen in der psychiatrischen Hilfelandschaft ist dabei, sich zu verändern. Angehörige werden zunehmend als gleichberechtigte Partner im Hilfeprozess ernst genommen und engagieren sich selbstbewusst in psychiatrischen Hilfeprozessen. Dies ist auch die Folge eines veränderten Verständnisses von (sozial-)psychiatrischer Hilfe und eine Frucht des langjährigen Engagements von Organisationen der Psychiatrieerfahrenen und ihrer Angehörigen.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist beim Balance Buch+Medien Verlag erschienen, der bereits eine grosse Zahl wissenschaftlich fundierter und praxisnaher Ratgeberbücher zu psychosozialen und Gesundheitsthemen veröffentlicht hat. Es erschien 2008 in dritter, überarbeiteter Auflage. Neben aktualisierten Sachinformationen zu psychischen Krankheiten und Informationen zum familiären Zusammenleben und den sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen einer Erkrankung berücksichtigt die dritte Auflage die fortgesetzten, raschen Veränderungen in der Psychiatrie, die Angehörigen-Selbsthilfe und das gewandelte Selbstverständnis von Angehörigen. Sie gibt Hilfen besonders zur kommunikativen Bewältigung des Alltags auch in Krisensituationen.

Aufbau und Inhalt

Susanne Heim gibt im ersten Kapitel aus Betroffenensicht einen Einblick in die Lebensthemen von Angehörigen. Sie fragt, wie hilfreich selbstlose Angehörige - unermüdlich und allzeit bereit - wirklich sind. Sie gibt Einblick in Dilemmata der Angehörigenrolle und macht Mut zum gemeinsamen, selbstbewussten Eintreten für die eigenen Bedürfnisse wie auch die Bedürfnisse der Erkrankten.

Asmus Finzen und Ulrike Hofmann-Richter geben im zweiten Kapitel kurze, dichte und allgemeinverständliche Informationen zu den häufigsten psychischen Krankheiten.

Klaus Obert beschreibt im dritten Kapitel das Versorgungssystem für psychisch kranke Menschen in Deutschland, ausgehend von den Säulen der sozialen Sicherung über die Institutionen des Hilfesystems bis zu Hilfen im Alltag.

Asmus Finzen klärt im vierten Kapitel, was Psychopharmaka leisten und welche Rolle sie im psychiatrischen Alltag und für Therapie und Rehabilitation spielen. Er gibt dabei allgemeinverständliche Informationen zu den gebräuchlichsten Psychopharmaka, ihrem Einsatz, ihren Wirkungen und Nebenwirkungen.

Josef Bäuml fragt im fünften Kapitel, was Psychotherapie kann. Er gibt Therapieschulen übergreifende Antworten aus der Sicht einer wissenschaftlich fundierten Psychotherapie. Er macht Angaben über die Eignung einzelner Therapieverfahren, über die Finanzierung, Auswahl einer Therapie und den Zugang zu geeigneten Therapeuten.

Josef Bäuml und Beate Lisofsky beschäftigen sich in den zwei folgenden Kapiteln mit Psychoedukation für Erkrankte und Angehörige, einer Interventionsform, die durch Information, Kompetenztraining und sozialen Support in Gruppen beide Adressatengruppen unterstützt.

Claudia Dahm-Mory gibt im nächsten Kapitel Hilfen zur Kommunikation mit Erkrankten, sie klärt allgemeine Grundfragen hilfreicher Kommunikation und stützt sich dabei auf Inhalte bekannter Kommunikationstheorien und Sozialkompetenztrainings. Dabei vermittelt sie Wissen und gibt kleinere Übungen für das Selbsttraining an. Hilfreich sind die Anleitungen zur Kommunikation in Krankheitsphasen und Krisensituationen wie Passivität und Aggressivität, Bedrohung oder Suizidalität von Angehörigen.

Eva Straub regt im folgenden Kapitel Angehörige an, darüber nachzudenken, wer nach ihnen fragt und wie sie die Balance zwischen Verantwortung für die Erkrankten und Selbstbestimmung finden. Sie regt dabei persönlich und wertschätzend zur Selbstreflexion und Selbstfürsorge der Angehörigen an.

Jutta Seifert thematisiert den wichtigen sozialen Support in Angehörigengruppen. Sie versteht diese als ein „wirksames Mittel gegen das Gefühl, nichts tun zu können“ und schliesst dabei auch politisches Engagement mit ein.

Jörg Holke und Angela Bleckmann aktualisieren schliesslich die Informationen von Karl-Ernst Brill zu Recht und Gesetz für psychisch Kranke. Dabei werden in einem eigentlichen Glossar die bundesdeutsche Rechtslage und Gesetzgebung ebenso wie weitere Kernbegriffe der Hilfe für psychisch Kranke und ihre Angehörigen dargestellt.

Der Anhang stellt weiterführende Literatur vor und führt Kontaktadressen für Hilfen im gesamten deutschsprachigen Raum auf.

Diskussion

Wodurch hilft ein Ratgeber? Er informiert sachkundig und dicht. Er sensibilisiert für Dilemmata und Spannungsfelder und gibt Anregungen zum Nachdenken. Es gibt konkrete Hilfen. All dies tut das Buch sehr gut. Es ermutigt weiter zur Selbstfürsorge, zum kommunikativen Umgang im Alltag und zur Selbstorganisation mit anderen Betroffenen. Dabei strahlt es eine selbstbewusst ermutigende, entlastend wirkende und realistisch-optimistische Botschaft aus: Bei allen Belastungen und Herausforderungen ist es möglich, dem kranken Familienmitglied, der eigenen Familie und schliesslich auch sich selbst ein lebenswertes Leben zu gestalten, mit Stress und Belastungssituationen hilfreich umzugehen und sich die nötige Unterstützung und Hilfe zu holen. Dem Rezensenten gefiel besonders die Perspektivenvielfalt durch die vielen Autoren, die betroffene Angehörige wie auch Fachleute verschiedenster Herkunft gleichberechtigt zu Wort kommen lässt. Das Buch spiegelt so auch ein Modell moderner psychiatrischer Versorgung - die gleichberechtigte und wertschätzende Kooperation verschiedenster Berufsgruppen mit den Betroffenen und ihren Angehörigen.

Da das Buch ein umfassendes Kompendium für Angehörige ist, wird vermutlich nicht nur einmal gelesen. Dafür sollte der Verlag für ein etwas solideres Paperback sorgen, damit das Buch nicht bereits nach wenigen Wochen zerfällt. Die graphische Gestaltung ist schlicht und diskret, vielleicht hätten vermehrte graphische Hervorhebungen, wie sie bereits ansatzweise vorhanden sind (Tipps, Merkregeln, Denkanstösse, Tabellen etc.), verstärkt eingesetzt werden können. Das Buch bezieht sich überwiegend auf bundesdeutsche Verhältnisse, wird aber sicher auch von Lesern aus Österreich und der Schweiz gewinnbringend gelesen. Zur erleichterten Suche wäre die Nummerierung der Kapitel hilfreich gewesen. Das letzte Kapitel wäre präziser als Glossar bezeichnet worden, da sich hier nicht nur rechtliche Informationen finden, sondern viele Begriffe zum psychiatrischen Versorgungssystem geklärt werden.

Fazit

Angesichts der grassierenden Flut von Ratgebern zu allen psychosozialen Themen in unserer einerseits überinformierten, andererseits verunsicherten Gesellschaft ist das Buch ein wichtiger Beitrag zu gut informierten, kritisch reflektierenden und selbstbestimmten Angehörigen in herausfordernden familiären Situationen. Nach der Lektüre des Buchs dürfte es tatsächlich gelingen, „leichter Grenzen zu setzen, Vorurteilen gelassener zu begegnen und sich selbst die notwendige Hilfe zu holen“ (Klappentext).

Das Buch leistet, was ein Ratgeber leisten kann. Es gibt sachlich dichte, wissenschaftlich fundierte und aktuelle Informationen, regt zur persönlichen Reflexion an, es gibt Hilfen zur Gestaltung des Alltags mit Betroffenen und ermutigt zur Suche nach Kontakt und Unterstützung. Es stellt so einen wichtigen Beitrag zum Empowerment von Angehörigen dar. Fachleuten, die Angehörigenarbeit in der Psychiatrie leisten, könnte es den Blick öffnen und ein vertieftes Verständnis schaffen für die Probleme, Perspektiven, Anliegen und Bedürfnisse von Angehörigen ihrer Klienten oder Patienten. So kann es auch zu verbesserter Kooperation zwischen Fachkräften, Betroffenen und ihren Angehörigen beitragen.


Rezensent
Dr. rer. soc. Wolfgang Widulle
Homepage www.widulle.ch
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Zitiervorschlag
Wolfgang Widulle. Rezension vom 31.10.2009 zu: BApK / Familienselbsthilfe (Hrsg.): Mit psychisch Kranken leben. Rat und Hilfe für Angehörige. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2008. 3., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-86739-017-0. Reihe: Balance Ratgeber. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5946.php, Datum des Zugriffs 27.07.2016.


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