Reinhard Lütjen: Psychosen verstehen
Reinhard Lütjen: Psychosen verstehen. Modelle der Subjektorientierung und ihre Bedeutung für die Praxis. Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2007. 226 Seiten. ISBN 978-3-88414-433-6. 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.
Eine Geschichte uneingelöster Versprechungen?
Vor annähernd einem jahrhundert hat sich Karl Jaspers mit seinem Jahrhundertwerk, der "Allgemeinen Psychopathologie" aus der Psychiatrie verabschiedet, nachdem er sich quasi ein zweites Mal begründet, auf eine weltweit anerkannte Basis gestellt hatte. Zwar anerkannte er den riesigen Schatten Griesingers ("Geisteskrankheiten sind Gehirnkrankheiten") doch mußte er sein Vorhaben, der Psychiatrie eine weltweit gültige Sprache zu entwerfen ohne Einlösung des hinter der "Somatosehypothese" stehenden Versprechens, umsetzen. Jaspers griff notgedrungen auf Wilhelm Diltheys Dichotomie naturwissenschaftlichen Erklärens und geisteswissenschaftlichen Verstehens zurück. Jaspers Lösungsansatz für die Psychiatrie war der Rückgriff auf die phänomenologische Methode – des Verstehens. Damit argumentierte er, war er auch dem Schlüssel zur Unterscheidung des Geisteskranken vom geistig Gesunden näher gekommen. Das Kranke war das Nicht-Verstehbare, Nicht-Nachvollziehbare. Wiederholt haben sich Vertreter der von Jaspers (und Schneider) begründeten Heidelberger Psychiatrie gegen Überdehnungen dieses Ansatzes ("alles ist verstehbar") gewandt.
Und nun liegt ein weiterer dieser sämtlich gescheiterten und weithin dem gnädigen Vergessen anheim gefallenen Versuche vor? Mitnichten:
Inhalt
Der Autor erzählt zu Beginn die Geschichte von Herrn A. Im Unklaren bleiben bis zuletzt dessen Geschichte (Anamnese, Biographie) und dessen Diagnose. Das trifft im Folgenden nicht alleine auf Herrn A. zu. Schon mit dem Festhalten am schillernden Begriff der Psychose und dem gleichzeitig unterlassenen Bestreben zu einer Präzisierung – und sei er auch außerhalb des von Jaspers konzipierten triadischen Systems der Psychiatrie – eröffnet sich das weite Feld möglicher Bedeutungen, auf dem der Autor ein ebenso weites Betätigungsfeld möglicher Interpretationen gefunden hat. Auch wenn wir nicht wissen, ob und wenn ja unter welcher Psychose Herr A. zu leiden hatte, so können wir diese doch "verstehen".
Der Schlüssel des Autors zum Verstehen ist der der Subjektorientierung. Gemeint ist "wohl etwas grundsätzlich Positives: die Herausstellung von Individualität, Autonomie, Handlungsfreiheit, Reflexion, vielschichtiges Eigenerleben, das "unhintergehbar" ist" (S18). Oder noch leichter verstehbar: "Subjektorientierung bedeutet, einen Menschen so verstehen zu wollen, wie er ist". Was folgt daraus?
Freilich gesteht der Autor "unbefriedigende theoretische "Leerstellen"" gepaart mit "einem Mangel an empirischer Forschung" ( S 19). Erstere versucht der Autor zunächst zu definieren, indem er sich möglichen kritischen Ansätzen zuwendet: Postmoderne, Hirnforschung und Feminismus sind die kursorisch umrissenen Infragesteller.
Die "Postmoderne" wird dabei an Namen wie Adorno und Foucault dingfest gemacht, Keupp der berufene Antwortgeber. Dennoch ist "die philosophische Diskussion" um den Tod des Subjekts nicht noch (sic!) beendet" ( S. 24). – Noch lange nicht an ein Ende gekommen ist mit Sicherheit auch die Hirnforschung. Gehirn und Forschung aber sind mit ebenso großer Sicherheit Gegenentwürfe zu bisher Entworfenen. Daß die Psychoanalyse versucht, Ergebnisse der Hirnforschung im Sinne einer Unterstützung des psychoanalytischen Konzepts des Unbewussten" (S. 26) in ihrem Sinne (um-) zu deuten, ist gleichzeitig zutreffend wie mißverstanden: Der Autor bleibt bei den in Nachfolge Kornhubers beschriebenen Experimenten von Libet um diese in Frage stellen zu können, ohne auf die mittlerweile gegebenen Antworten unter Rückgriff nicht zuletzt auf die Methode der funktionellen Kernspintomographie einzugehen. Dass gerade den Verfassern des Manifests der Hirnforschung der Vorwurf gemacht wird, sie hielten an einem Dualismus in der Nachfolge Descartes fest ("...die strikte Trennung …, die in der diesbezüglichen Diskussion zwischen Gehirn und Person bzw. zwischen Gehirn und Ich gemacht wird …" S. 27) kann nur einem essentiellen Mißverständnis zugeschrieben werden ("Ich bin mein Gehirn"!). – Die feministische Theorie schließlich ist der dritte "Gegenentwurf" zur Subjektorientierung, der sich das Buch zuwendet: Unweigerlich stößt man auf "eine solchermaßen bürgerlich-kapitalistische Subjektidee", die "ausschließlich der traditionellen männlichen Rolle zugeordnet" werden kann (S. 30). Schließlich sind die Jungen gezwungen, sich radikal von der primären Bezugsperson – Mutter – abzugrenzen.
Womit die nächsten Schritte des Autors vorgezeichnet sind: die Schritte von der Subjektivität zur Intersubjektivität, der Subjektivität im Dialog – zur intersubjektiven Psychoanalyse. Daran anschließend stellt der Autor fünf Theoriemodelle vor – die Auswahl ist im abgesteckten Rahmen nur mit geringem Überraschungsmoment versehen: Ronald D. Laing – Luc Chiompi – Stavros Mentzos –Erich Wulff und Thomas Bock.
Die Arbeit findet dann zurück zur ursprünglichen "Geschichte" – über eine weitere Selbsterklärung statt Fremderklärung. In der Psychiatrie war bei Frau V. eine endogene Psychose diagnostiziert worden (welche wird der Leser nicht erfahren), die Pat. – Frau V. natürlich – aber weiß es selbst besser: "…aber ich bin nicht psychotisch, nicht persönlichkeitsgespalten!" (S. 160). Psychose – Schizophrenie? – als Persönlichkeitsspaltung: Diese Selbst-Erkenntnis also ist das Ziel der subjektorientierten Psychiatrie?
Fazit
So muß abschließend die Frage nach dem Wert des Buches für den Fall des "worst-case-Scenarios" gestellt werden: Was, wenn sich die Geisteskrankheiten doch als Gehirnkrankheiten erweisen, sich die endogenen Psychosen doch ursächlich auf Veränderungen in Neurotransmittersystemen zurückführen lassen sollten? Lesenswert bleibt das Buch selbst dann aus histroriographischem Interesse – zuförderst Heinroth, der "Urahn" aller "Psychiker" hat es keineswegs verdient, dem ihm entgegen gebrachten Desinteresse und Vergessen anheim gefallen zu sein. Lesenswert ist und bleibt das Buch, gerade wenn der Autor im literarisch-anekdotischen verharrt und der Bezug der Geschichte(n) zur theoretischen Unterfütterung unbestimmt ja fragwürdig bleibt - schwer vorstellbar dabei v. a. die Beantwortung der Frage, wie die skizzierten Konstrukte empirisch belegt oder auch "nur" falsifiziert werden könnten? An einem Punkt aber treffen sich bis heute die erklärten Interessen von "Psychikern" und "Somatikern" – an der Beschränkung des Einsatzes der Substanzen, die den Letzteren aller Wahrscheinlichkeit entscheidend dazu verholfen haben, in der Auseinandersetzung beider Lager die Oberhand zu gewinnen und zu behalten: der Psychopharmaka.
Und doch gilt für die grenzenlos verstehenden Psychiker weit mehr noch als für die sich mit großen weißen Flecken arrangiert habenden Pragmatiker: Viele – ja zentrale – Fragen bleiben unbeantwortet und werden unbeantwortet bleiben müssen – denn wer alles verstehen kann, will ohnehin nichts mehr erklären.
Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Grundl
Hochschule Niederrhein, Fachbereich Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Wolfgang Grundl. Rezension vom 11.01.2009 zu: Reinhard Lütjen: Psychosen verstehen. Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2007. 226 Seiten. ISBN 978-3-88414-433-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5948.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
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