Johan Cullberg: Therapie der Psychosen
Johan Cullberg: Therapie der Psychosen. Ein interdisziplinärer Ansatz. Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2008. ISBN 978-3-88414-435-0. 39,90 EUR, CH: 66,00 sFr.
Reihe: Fachbuch.
Thema und Autor
Die Behandlung von Psychosen gehört zu den zentralen und schwierigsten Aufgaben in der (Sozial)Psychiatrie. Verschiedene und zum Teil konträre theoretische und praktische Ansätze sind in den letzten Jahrzehnten erarbeitet, diskutiert, wieder verworfen oder verfochten worden. Dabei hat es unstrittig Fortschritte in der Therapie psychotisch kranker Menschen gegeben. Pharmakologische, psychotherapeutische und soziotherapeutische Verfahren bilden heute international akzeptiert die Säulen einer modernen Psychosebehandlung. Dennoch sind viele Fragen offen und bieten immer wieder Ansatz zu teilweise heftigen Diskussionen und Kontroversen: wie steht es um die Bedürfnisse und Interessen der Betroffenen? Wie wichtig (und unverzichtbar) oder wie gefährlich (und entbehrlich) sind Psychopharmaka, insbesondere Neuroleptika? Welche psychotherapeutischen Verfahren sind wirksam und anwendbar (für Therapeuten und Betroffene)? Welche soziotherapeutischen Angebote und Interventionen schützen vor erneuten Krisen, vor Verwahrlosung und sozialem Elend, aber auch vor Bevormundung und Hospitalisierung? Welche Rolle spielen Angehörige? Schwierig erscheint nach wie vor eine Integration der verschiedenen Ansätze im Sinne eines möglichst ganzheitlichen, an den Bedürfnissen und Voraussetzungen der Betroffenen orientierten und in den Gesundheits- und Sozialsystemen realisierbaren Vorgehens.
Vor diesem Hintergrund erlangt das Buch seine aktuelle Bedeutung: geschrieben von einem ausgezeichneten schwedischen Theoretiker und Praktiker (Johan Cullberg war Psychiatrieprofessor, Mitglied und Vorsitzender internationaler psychiatrischer Gesellschaften und ist heute noch als Supervisor und Berater tätig) und vor dem Hintergrund moderner skandinavischer Erfahrungen und Entwicklungen versucht es, die verschiedenen Ansätze darzustellen und wagt den (gelungenen) Versuch einer Integration.
Aufbau und Inhalt
Das noch handliche, nicht zu umfangreich geratene und auch für medizinische Laien überwiegend gut verständliche Buch behandelt im ersten Teil die „psychotische Krise und Behinderung“ und im zweiten Teil („Die Genesung unterstützen“) therapeutische Ansätze. Dieser zweite Teil enthält am Schluss ein von Nils Greve und Volkmar Aderhold geschriebenes kritisches Kapitel über die „Chancen für eine integrative Psychosentherapie in Deutschland“.
Der erste Teil beschreibt zunächst das Wesen der Psychose und ihrer verschiedenen Inhalte wie Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Verstanden wird die Psychose als eine Krise, die auf der Basis einer neurobiologischen und psychodynamischen Vulnerabilität (Verletzbarkeit, Anfälligkeit) und ausgelöst durch Stressfaktoren zu unterschiedlichen psychotischen Störungen (z.B. Schizophrenie) führen kann. In aller gebotenen Kürze werden doch sehr differenziert und gut belegt ein neurodynamisches Stress-Vulnerabilitätsmodell, psychoseauslösende und schützende Faktoren sowie die verschiedenen psychotischen Störungen beschrieben. Es handelt sich hierbei insgesamt um eine ausgezeichnete Zusammenfassung und den gelungenen Versuch einer Integration der verschiedenen biologischen und psychodynamischen Ansätze.
Der zweite Teil widmet sich den therapeutischen Möglichkeiten und Konzepten. Nach einem geschichtlichen Überblick werden bedürfnisangepasste Behandlungsansätze der Psychose beschrieben, ausführliche Kapitel beschäftigen sich mit der pharmakologischen bzw. der psychologischen Behandlung, weitere Kapitel gehen wichtigen Einzelfragen wie Psychose und Suizid, Menschen mit Langzeitpsychosen in der Gemeinschaft, Prävention von Psychosen und dem Thema Angehörige nach.
Die beiden deutschen Coautoren Greve und Aderhold beschreiben in einem eigenen Kapitel anhand von Beispielen und Modellprojekten die Notwendigkeit, aber auch die Schwierigkeiten einer integrativen Therapie angesichts der ungünstigen Rahmenbedingungen in Deutschland.
Diskussion
Das Buch versucht anspruchsvolle theoretische Konzepte zum Verständnis und praktische Erfahrungen in der Therapie verschiedener Psychosen möglichst verständlich und vor allem integrativ darzustellen. Die im Vergleich zu Deutschland positiven Ansätze und Erfahrungen in Skandinavien können inspirierend wirken. Die Tatsache, dass das Buch in Schweden bereits 2000 erschienen ist, macht es nicht weniger aktuell, zeigt aber beispielsweise in der Verarbeitung der neuesten Literatur eine (verständliche) Lücke, was aber den Wert des Buches in keiner Weise schmälert.
Fazit
Ein fachlich wie menschlich-empathisch hervorragend geschriebenes Buch, dessen Autor eine überwiegend gut verständliche Darstellung und Integration der verschiedenen Ansätze zum Verständnis und zur Therapie von Psychosen gelungen ist. Das Buch enthält ohne mit Details zu erschlagen für alle in der (Sozial)Psychiatrie Tätigen eine enorme Fülle von Anregungen, die angesichts bundesdeutscher psychiatrischer Behandlungs- und Versorgungsrealitäten nicht entmutigen, sondern anspornend wirken sollten. Spannend und wünschenswert wäre eine baldige und für den Zeitraum von 2000 bis 2010 aktualisierte und erweiterte Neuauflage durch den kompetenten Autor.
Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Schwarzer
M.A. Facharzt für Nervenheilkunde und Psychotherapie
Professor für Medizinische Grundlagen/ Sozialmedizin an der Katholischen Hochschule Köln, Fachbereich Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Wolfgang Schwarzer. Rezension vom 03.03.2010 zu: Johan Cullberg: Therapie der Psychosen. Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2008. ISBN 978-3-88414-435-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5960.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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