Cyrille Offermans: Warum ich meine demente Mutter belüge
Cyrille Offermans: Warum ich meine demente Mutter belüge. Kunstmann Verlag (München) 2007. 123 Seiten. ISBN 978-3-88897-485-4. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 26,00 sFr.
Originaltitel: Waarom ik moet liegen tegen mijn demente moeder.
Autor
Der niederländische Autor Cyrille Offermans, geboren 1945, wurde bekannt mit Theaterstücken, Jugendbüchern, essayistischen Arbeiten und Künstermonografien (unter anderem über Paul Klee). Seine Arbeiten, die sich oft im Grenzgebiet zwischen Literatur, Politik, Philosophie und Kunstgeschichte bewegen, wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zu seinen Verdiensten gehört es, dass er Anfang der 1970er Jahre Theodor W. Adorno und Walter Benjamin in den Niederlanden bekannt machte.
Was geschieht, wenn die Welt verschwindet?
Es seien einige etwas ausführlichere persönliche Anmerkungen gestattet, denen ähnliche Erfahrungen zugrunde liegen wie die, über die Offermans in seinem bemerkenswerten Buch schreibt.
"Wie die Welt im Kopf entsteht" heißt es im Untertitel des Buches "In den Palästen der Erinnerung" von George Johnson. Darin wird, vereinfacht gesagt, vermittelt, wie sich in den Schaltungen des Gehirns die Welt in ihrer unendlichen Vielfalt darstellt; wie sich die neuronale Zusammensetzung je nach Eindrücken, Erfahrungen, Begegnungen verändern und wie alles Erlebte in den Gedächtnis-Arealen, auf der Festplatte abgelegt wird. Kurz, wie jeder die (seine!) Welt im Kopf mit sich herum trägt.
Doch was geschieht, wenn diese Welt langsam und unaufhaltsam verschwindet? Wenn die Schaltungen krankhaft verändert werden und schließlich nichts mehr im Speicher Platz findet? Wenn die Ärzte von Plaques, von Ablagerungen und gestörter Kommunikation in der Vernetzung der Nervenzellen in der Schaltzentrale sprechen? Wenn neurologische Untersuchungen und Tests in der Memo-Klinik aussagen, dass das erste Stadium der Alzheimer-Krankheit erreicht ist?
Wie reagieren wir dann, werden fertig mit dem zunehmenden Schrecken, der sich einstellt beim Beobachten dieser Veränderungen und Verhaltensweisen, die von Monat zu Monat bei den Kranken stärker zutage treten und ihre Welt verschwinden lassen und unsere ebenfalls verändern?
Das zunehmende Verschwinden der so mühsam erworbenen Lebensorientierung der Kranken, das immer stärkere Verschieben und schließlich völlige Fehlen der Koordinaten von Zeit und Raum versetzt die Beobachter im familiären Umfeld und Freundeskreis der Erkrankten in Schrecken.
Es geht dann für sie um eine Auseinandersetzung mit der Demenz (ob vom Typ Alzheimer oder anderer Art spielt kaum eine Rolle), über die zwar viel gesprochen wird, deren Fremdheit und Unheimlichkeit, erlebt man sie ganz nahe, das Leben aller mehr als andere Krankheiten beeinflusst. Je mehr man sich bei Bekannten und Freunden umhört, umso mehr stellt man fest, wie viele Familien davon betroffen sind, welche schweren Veränderungen in ihrem persönlichen Leben Menschen erfahren, wenn sie mit den an Demenz erkrankten Angehörigen als Pfleger und Pflegerinnen zu tun haben. Irgendwann stellt sich die Frage nach dem Heimplatz, der man so lange es irgend ging ausgewichen ist.
Diese Vorbemerkungen sind, wie gesagt, aus Erfahrungen des Rezensenten entstanden. Sie haben indes in ihrer Ausführlichkeit ihre Berechtigung, weil sie ähnlich in Offermans Buch zu finden sind.
Kein "normales" Altersgebrechen
"Sie glaubte, es sei Krieg, nicht in übertragenem Sinne, sondern im blutig-ernsten Sinn des Wortes. Man habe sie gestern oder vorgestern gefangen genommen. Wie ich denn ungeschoren durch die feindlichen Linien gekommen sei, fragte sie aufgeregt… Sie war überzeugt, sie habe etwas verbrochen, aber sie wusste nicht mehr, was; sie sei schuldig gesprochen und werde nun unablässig bewacht." Dieses Zitat aus Offermans Text zeigt, wie fremd die Welt der Mutter geworden ist und sie schwer der Prozess des Verstehens dieser Welt für ihn, den Sohn gewesen ist.
Hatte er sich anfangs noch wie so viele, die damit zu tun haben, die zunehmenden Veränderungen im Wesen der Mutter mit verdrängenden Erklärungen ("Sie wird halt alt. Wenn man über 80 ist, baut man ab") zu trösten versucht, erkennt er doch immer mehr (zuerst im Jahre 1996 unter anderem an zunehmender Unruhe der Mutter, an mehr als üblicher Vergesslichkeit, an Selbstgesprächen, an sinnlosen Hantierungen, an Unfreundlichkeit und Aggression, die so ganz dem Wesen der Mutter widerspricht) , dass es hier nicht um "normale" Altersgebrechen geht, sondern um den Weg in die Demenz-Erkrankung. Damit müsse er und seine Geschwister sich auseinander setzen. "Ich begriff, dass sie Hilfe brauchte, dass sie aber keine Hilfe ertragen konnte; dass sie sich schrecklich einsam fühlen musste, jedoch von jeder Gesellschaft irritiert war; dass sie sich nach ihren Kindern sehnte, dass ihr aber die Kinder wie verändert schienen, wie böse Stiefeltern."
Die Geschwister wechseln sich mit der Pflege ab, bis es nur noch eine Lösung gab, vor der die meisten in dieser Situation stehen und die oben schon beschrieben wurde: Das Heim.
Offermans beschreibt die Suche nach dem richtigen Haus, spricht auch von der Scham, den Schuldgefühlen der Angehörigen, diese unausweichliche Entscheidung getroffen zu haben. Man kann nur unterstreichen, was der Autor hervorhebt: Wie wichtig es ist, das richtige Heim zu finden. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber zugleich eine sehr schwer zu treffende Entscheidung, denn hier geht es schließlich, man muss es so sagen, um die letzte Wohnung eines Angehörigen. Es geht darum, dass ihm dort das Pflegepersonal mit freundlicher Aufmerksamkeit und Interesse an seinem Leben, seinen Erinnerungen, und seien sie noch so komisch-skurril, wie sie vorgebracht werden, zugehört wird. Es geht darum, seine Launen, seine Depression aufzufangen, ihm ein Heimatgefühl zu vermitteln.
Lernprozess eines Sohnes
Ausführlich wird der schleichenden Prozess der Erkrankung der Mutter dargestellt und wie die Familie lange Zeit die Augen davor verschlossen hat. Zugleich spricht Offermans von seinem eigenen Lernprozess, der sich auch in der Bestürzung äußert, mit der er nach Jahren die Notizen in seinem Tagebuch über den Krankheitsverlauf liest und feststellt, dass "der Ton darin eher beschuldigend als mitfühlend, eher unduldsam als verständnisvoll ist". Diese Aussage trifft den Punkt. Es geht um einen Reifeprozess der Angehörigen. Wie oft hatte man (hier drängen sich wieder persönliche Erfahrungen des Rezensenten auf) ungeduldig ausgerufen: Aber das habe ich dir schon zehnmal gesagt! Kannst du dir nicht merken, was wir hier auf dem Zettel geschrieben haben! Morgen ist der Frisörtermin, nicht heute! Was tut das Brot im Kleiderschrank – und so weiter, die Reihe ist endlos und teilweise schockierend, allerdings vor allem für diejenigen, die keine Erfahrung mit der Krankheit haben oder sich verschließen vor den scheinbar unheimlichen Veränderungen, die hier vorgehen.
Fazit
Offermans Text ist einfühlsam und sachlich zugleich. Er analysiert klug, bleibt ehrlich und ist daher gut nachvollziehbar. Man spürt stets seine innere Bewegung, seine Traurigkeit, doch er bleibt dabei behutsam und vermeidet es auf jeden Fall, zu gefühlig zu werden oder gar um das Verständnis des Lesers zu bitten. Das stellt sich bei dieser empfehlenswerten Lektüre ohnehin ein, denn das Buch zeigt: Nur mit Liebe und Respekt lässt sich den von dieser Krankheit Betroffenen begegnen und helfen.
Warum dieses Buch diesen wörtlich aus dem Niederländischen übersetzten Titel hat, ist nicht ganz verständlich. Er passt nicht, und noch weniger passt das Cover mit den Händen einer alten Frau. Doch das sollte niemand davon abhalten, das Buch zu lesen und Gewinn davon zu haben.
Rezensent
Gerd Schneider
Schriftsteller, Drehbuchautor
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Zitiervorschlag
Gerd Schneider. Rezension vom 29.11.2008 zu: Cyrille Offermans: Warum ich meine demente Mutter belüge. Kunstmann Verlag (München) 2007. 123 Seiten. ISBN 978-3-88897-485-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5986.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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