Margret Dörr (Hrsg.): Klinische Sozialarbeit - eine notwendige Kontroverse
Margret Dörr (Hrsg.): Klinische Sozialarbeit - eine notwendige Kontroverse. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2002. 170 Seiten. ISBN 978-3-89676-563-5. 16,00 EUR, CH: 28,00 sFr.
Zur Thematik und Vorgeschichte
In den vergangenen Jahren gewannen die Debatte und der Diskurs um die klinische Sozialarbeit auch in Deutschland an Schwung. Neben einigen Protagonisten, die die klinische Sozialarbeit in Deutschland programmatisch vorwärts treiben wollen, haben sich aber auch Fachkollegen zu Wort gemeldet, die einer (solchen) Spezialisierung sehr kritisch gegenüber stehen. Missverständnisse, die bereits mit der adjektivischen Spezifikation klinisch begannen, mussten ausgeräumt werden und auf der anderen Seite die Entwicklungen der Sozialen Arbeit national und international mit der Entwicklung bzw. dem Bedarf spezieller Fachlichkeit in Bezug gesetzt werden.
Um nur drei der diskutierten Stränge zu benennen:
In der sich wandelnden Praxis der klinischen Sozialen Arbeit wird in vielen Bereichen eine zunehmende Spezialisierung bzw. Zunahme der spezifischen Wissens- und Könnensbereiche erkennbar,
viele andere Berufgruppen haben längst Differenzierungen und ein differenziertes Weiterbildungsspektrum auf verschiedenen Bildungssektoren entwickelt
und schließlich werden die derzeit laufenden Veränderungen an den Hochschulen auch zur Einführung von Bachelor und Masterprogrammen im Bereich Sozialwesen führen.
Unter klinischer Sozialarbeit verstehen die hierzulande und im angelsächsischen Sprachraum im Wesentlichen Publizierenden eine Soziale Arbeit, die sich professionell mit Menschen beschäftigt, die in (schweren) Notlagen befindlich sind, die mit gesundheitlichen Einschränkungen, Behinderungen oder einer entsprechenden Bedrohung konfrontiert sind. Dabei soll ein Fokus der Arbeit der primär von der Notlage Betroffene sein, weiterhin aber auch sein enges und ferneres soziales Umfeld sowie sozialpolitische und sozialrechtliche Belange. Klinisch wird also nicht im Kontext von Krankenhausbehandlung bzw. Krankenhaussozialdienst verstanden, allerdings durchaus verschieden stark auf die Arbeit mit psychisch oder körperlich erkrankten Menschen bezogen und methodisch mehr oder weniger stark in die Nähe psychotherapeutischer Ansätze gebracht. Dabei wird aber immer die besondere Kompetenz der Sozialen Arbeit für das Soziale im Zusammenhang mit der Notlage betont.
Zu beobachten sind in Deutschland also diejenigen, die eine Professionalisierung und Spezialisierung der Sozialen Arbeit (auch) in Richtung klinische Sozialarbeit fordern und sich mehr oder weniger stark an amerikanischen Modellen der standardisierten Weiterbildung orientieren und auf der anderen Seite dieser Entwicklung kritisch gegenüber Stehende, die eine Zerfaserung der Sozialen Arbeit, eine Medizinalisierung, eine Psychotherapeutisierung usf. befürchten.
Aktuelle Entwicklungen: Unlängst wurde die Arbeitsgruppe Sozialarbeit und Gesundheit der Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit (DGS) in eine Sektion Klinische Sozialarbeit überführt. Seit Jahren besteht eine Zentralstelle Klinische Sozialarbeit, die die weitere Profilierung von Theorie und Praxis der klinischen Sozialarbeit unterstützt sowie eine Zertifizierung von Berufspraktikern vornimmt (www.klinische-sozialarbeit.de). Postgraduale Masterstudiengänge Klinische Sozialarbeit bestehen bereits (FH Coburg) bzw. werden in diesem Jahr erstmals aufgelegt (ASFH und KHSB Berlin, FH München).
Vor diesen Hintergründen und in diesem Kontext ist das vorliegende Buch entstanden und so auch der Titel zu verstehen: dass Kontroversen um diesen Bereich der Sozialen Arbeit geführt werden, ist den Interessierten bekannt, aber: sind diese auch notwendig oder gar fruchtbar?
Autoren
Margret Dörr ist es als Herausgeberin gelungen, eine kompetente Gruppe von Wissenschaftlern zusammenzubringen, die den Diskurs über die Thematik hervorragend in seiner Breite und Tiefe repräsentieren.
Inhaltsübersicht
Nach einer knappen und präzisen Einleitung der Herausgeberin gliedern sich die neun Aufsätze in drei thematische Kapitel.
Im ersten Kapitel ist das spezifische Handlungsfeld einer klinischen Sozialarbeit im Fokus der Betrachtung. Albert MÜHLUM reißt eine Reihe kontrovers geführter Einzelaspekte an, beschreibt das weite Arbeitsfeld und lässt Chancen und Risiken einer Fachsozialarbeit aufscheinen. Eindeutig aber sein Resümee, dass die enge "Verquickung" von Gesundheit und Sozialem auch im professionellen Bereich seine adäquate Entsprechung brauche, eine klinische Sozialarbeit nämlich, die neben beratenden auch wesentlich behandelnde Kompetenzen umfasse, demzufolge auch entsprechende hochqualifizierte Weiterbildungsangebote benötige. Wolf CREFELD kommt in seinem Beitrag auf eines seiner Kernanliegen, die Entwicklung einer praxeologischen Wissenschaft der sozialen Beratung, die im klinischen Sinne auf hohem professionellen Niveau zur Kernkompetenz der (klinischen) Sozialarbeit gehöre. Sein historischer Rück- und sein kritischer Ausblick lassen keine kategoriale Grenze mehr zwischen den Psychotherapien auf der einen und der Sozialer Beratung auf der anderen Seite mehr erkennen, allerdings wird ein pragmatischer Umgang mit diesen methodischen Begriffen entlang sozialrechtlicher Implikationen vorgeschlagen. Umso mehr plädiert er aber für die Entwicklung einer spezialisierten Sozialen Arbeit, einer empirisch-praxeologisch orientierten Wissenschaft von der sozialen Beratung und entsprechende zuverlässige Ausbildungsnormen. Wolf Rainer WENDT umreißt in der Folge die Arbeitsfelder und ausgewählte methodische Ansätze der klinischen Sozialarbeit von sozialpsychiatrischen Bausteinen über die Einrichtungen der Suchthilfe bis hin zum klassischen Krankenhaussozialdienst. Er weist aber darauf hin, dass sowohl die Arbeitsbereiche einem Wandel unterzogen seien, wie auch die Selbstfindung der klinischen Sozialarbeiter dazu führten, dass die Arbeitsbereiche nicht so scharf abgegrenzt werden können. Über die Erwähnung der Soziotherapie kommt er zu dem Schluss, dass die Sozialarbeit klinisch sei, wenn sie ihren "Behandlungserfolg" in der gewöhnlichen Lebenspraxis von Menschen bei und nach Krankheit und Behinderung habe.
Im anschließenden Kapitel wird die klinische Sozialarbeit unter professionstheoretischen Gesichtpunkten betrachtet und untersucht. Bettina HÜNERSDORF versucht aus der Beschreibung des klinischen Blicks in der Medizin einen Bezug zur klinischen Sozialarbeit herzustellen. Diese Herleitung bringt über erkenntnistheoretische und phänomenologische Anmerkungen eine kritische Bestandsaufnahme der Chancen für eine methodologische Explikation des Klinischen in der Sozialen Arbeit. Die klinische Sozialarbeit stehe in der Gefahr, sich dem "Kampf um Reproduktion" zu widmen, dieser sei zwar sinnvoll, aber nicht Gegenstand der klinischen Sozialarbeit. Bernhard HAUPERT arbeit in seinem Artikel eine methodisch-professionelle Eigenständigkeit der klinische Sozialarbeit gegenüber anderen Professionen heraus und kritisiert den Behandlungsbegriff, der die hermeneutische Dimension des Sozialen ob seiner naturwissenschaftlich-technischen Perspektive verkenne. Hier wird als sozialwissenschaftliche Methode die objektive Hermeneutik eingeführt, mit der die Struktur des Falles analysiert werden könne, um dann eine methodisch kontrollierte (sozialarbeiterische) Intervention stattfinden zu lassen. Andreas HANSES schließt das Kapitel ab mit seinen Ausführungen zur biographischen Diagnostik, einer Methode, die im Rahmen der beruflichen Rehabilitation entwickelt wurde. Er bemängelt, dass die Institutionen der Behandlung und Versorgung von Klienten keinen großen Wissensbestand über die biographische Strukturiertheit von Krankheitsbewältigung und Lebensgestaltung hätten. Gerade die Zusammenhänge von Biographie, Institution und professionellem Handeln seien noch zu wenig bekannt und untersucht.
Das dritte Kapitel schließlich wendet sich den handlungslogischen und -praktischen Implikationen der klinischen Sozialarbeit zu. Bernd DEWE beschreibt die Möglichkeiten der Professionalisierung der klinischen Sozialarbeit und grenzt sie vorläufig eindeutig vom social engineering ab, weist auf Nähe und Distanz zur Psychoanalyse hin und benennt sie als eine diskursive Professionalität. Es handele sich demnach um eine handlungs- und berufsfeldbezogene Sozialwissenschaft, die diagnostizierend und analysierend, aber eben auch intervenierend vorgehe. Klaus KRAIMER schließt seine Gedanken an und gruppiert sie um das Fadenkreuz, das sich aus den Polen Disziplin und Profession bzw. Diagnose und Intervention ergibt. Die Methode der Mäeutik bzw. das sokratische Gespräch wird für die Praxis der klinischen Sozialarbeit vorgestellt und diskutiert. Diese könne einer bedrohlichen theoretischen Verwahrlosung entgegenstehen, die in vielen pädagogischen und sozialarbeiterischen Bereichen derzeit um sich greife. So könne auch eine Gesprächsfähigkeit der helfenden Berufe kultiviert werden und den Klienten dabei professionell assistiert werden, ihre verlorengegangene Autonomie zurückzugewinnen. Margret DÖRRs Aufsatz zur triangulären Struktur des Arbeitsbündnisses einer klinischen Praxis Sozialer Arbeit bildet den Abschluss und wirft einen Blick auf den zwischen klinischem Sozialarbeiter und Klient gemeinsam zu findenden dritten Raum. Zwischen den Polen des sozialwissenschaftlichen Wissens und der Zeitlichkeit (Biographie) böte dieser Raum die Chance zum (Er)finden von Deutungen mit dem Ziel der handlungspraktischen Aufklärung. Für die Konstituierung dieser Interaktion werden sowohl das stets spannungsgeladene paradoxe Gefälle zwischen Profi und Klient sowie notwendige organisatorische und institutionelle Strukturen problematisiert. Der Anspruch an eine durch Wissen und Können hoch professionalisierte klinische Sozialarbeit wird dabei gerade nicht im Widerspruch zu der Annahme gesehen, dass es stets in der Begegnung und der Beziehung zu den Klienten auch ein unaufhebbares Nicht-Wissen im Zusammenhang mit der Einzigartigkeit des Anderen gebe.
Ziel- und Interessentengruppen
Das Buch richtet sich an alle, die sich für das Thema und den Diskurs interessieren. Aus Sicht des Rezensenten dürften besonders Sozialarbeiter/innen, die klinische Sozialarbeit in praxi durchführen und sich für die weitere Profilierung interessieren bzw. an ihr mitwirken, von den Beiträgen profitieren. Die Multiperspektivität und Multiprofessionalität der Beiträge (und der Autoren) sowie die inhaltlich hohe Qualität der Texte macht das Buch zur Pflichtlektüre aller wissenschaftlich und lehrend am Thema Interessierten. Wünschenswert wäre es, wenn auch Mitglieder anderer Berufsgruppen sich etwa anhand dieses Buches über den Stand der Debatte informierten.
Fazit
Es handelt sich um ein notwendiges (sic!) Buch, das zur rechten Zeit der Debatte und dem Diskurs weiteren Schub um die Entwicklung und Profilierung der klinischen Sozialarbeit in Deutschland bringt. Die fundierten Ansätze für eine wissenschaftliche Konturierung und methodologische Ausarbeitung dieses wichtigen Bereichs Sozialer Arbeit bieten Stoff für die künftigen Diskussionen, auch um die curriculare Ausgestaltung von Masterstudiengängen und entsprechend ausgerichtete Forschungsansätze. Dabei wird es eben nicht um das Auffinden der reinen Lehre oder Methode der klinischen Sozialarbeit gehen, sondern um den fortwährenden Prozess, auf die sich wandelnden Herausforderungen der praktischen Arbeit mit schwer benachteiligten und leidenden Menschen in ihren sozialen Kontexten hilfreiche professionelle Antworten zu finden, die theoretisch reflektiert und methodisch vielgestaltig ausgearbeitet sind. Schließlich geht es auch um die stärkere Positionierung einer qualifizierten Sozialen Arbeit im Kanon der Berufgruppen, die interdisziplinär mit den Adressaten arbeiten.
Rezensent
Prof. Dr.med. Ralf-Bruno Zimmermann
Arzt für Psychiatrie
Prorektor Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB)
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Ralf-Bruno Zimmermann. Rezension vom 08.04.2003 zu: Margret Dörr (Hrsg.): Klinische Sozialarbeit - eine notwendige Kontroverse. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2002. 170 Seiten. ISBN 978-3-89676-563-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/599.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Dieter Kreft, Ingrid Mielenz (Hrsg.): Wörterbuch Soziale Arbeit
Markus Frittum: Humor und sein Nutzen für SozialarbeiterInnen
Stellenangebote
Psychologen, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen als Gesundheitsmanager (w/m), Stuttgart
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
