Wolfgang Lempert: Berufliche Sozialisation oder was Berufe aus Menschen machen
Wolfgang Lempert: Berufliche Sozialisation oder was Berufe aus Menschen machen. Eine Einführung. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2002. 2., überarbeitete Auflage. 216 Seiten. ISBN 978-3-89676-550-5. 16,00 EUR.
Grundlagen der Berufs- und Erwachsenenbildung Bd. 16.
Einführung in Thema und Zielsetzung des Buchs
Es ist nicht überraschend, dass Wolfgang Lemperts bereits 1998 veröffentlichte Einführung in die berufliche Sozialisation in einer zweiten überarbeiteten Auflage erschienen ist. Denn dem bekannten deutschen Berufsbiografie- und Moralforscher Wolfgang Lempert ist es mit seiner Einführung in die berufliche Sozialisation gelungen, in einer theoretisch breit fundierten und didaktisch hervorragend gestalteten Untersuchung das Thema "Berufliche Sozialisation", das seit den 80er Jahren zu Unrecht in den Hintergrund berufs-, sozial- und erwachsenenpädagogischer Forschung getreten ist, wieder in die wissenschaftliche Debatte zu bringen und darüber hinaus auch Praktikerinnen und Praktiker sowie Studierende für Sozialisationstheorien zu interessieren oder sogar zu begeistern.
Dies gelingt ihm zum einen durch seine breite und differenzierte Rezeption relevanter Sozialisationstheorien und empirischer Befunde aus der beruflichen Sozialisationsforschung, die er in ihrem jeweils spezifischen Fokus und Theoriezuschnitt herausarbeitet. Ausgehend von seiner Kritik an einseitig ausgerichteten Sozialisationstheorien in Form von "psychologistischen" und "soziologistischen" "Einbahnstraßen" (S. 31) entwickelt er seine interaktionistische subjektorientierte Theorie der Persönlichkeitsentwicklung. Diese interaktionistische Theorie geht von der Interaktion zwischen der Person und ihrer sozialen Umwelt aus, anstatt sozialisationstheoretische Zusammenhänge einseitig auf soziale Ursachen und deren psychische Wirkungen ("soziologistisch") oder umgekehrt ("psychologistisch") zu verkürzen.
Zum anderen begeistert er methodisch vor allem durch seine induktive, kasuistische Vorgehensweise: Die Leserin und der Leser werden persönlich angesprochen und mit den jeweils eigenen beruflichen Sozialisationserfahrungen direkt einbezogen. Durch die jedes Kapitel abschließenden Fragen werden die differenzierten theoretischen Überlegungen auf den eigenen ÕEinzelfallÕ der Leserin und des Lesers bezogen mit Leben gefüllt. Darüber hinaus schildert er vier Berufsbiografien von ehemaligen Auszubildenden, auf die er bei der Erläuterung der unterschiedlichen Sozialisationstheorien immer wieder Bezug nimmt und so die theoretischen, zumindest für Studierende und Praktikerinnen und Praktiker teilweise recht komplex und abstrakt anmutenden Zusammenhänge einprägsam illustriert.
Inhaltsübersicht
1) Bemerkenswert ist, dass Wolfgang Lempert seinen Überlegungen ein breites, acht Seiten umfassendes "Kommentiertes Inhaltsverzeichnis" voran stellt, das der Leserin und dem Leser in komprimierter Form einen vollständigen Überblick über die verschiedenen Themen und den Argumentationsgang gibt. Im Sinne des hermeneutischen Zirkels trägt dieses kommentierte Inhaltsverzeichnis erheblich zu einem ersten Vorverständnis des gesamten Buches bei.
2) Im 1. Kapitel eröffnet er seine Überlegungen mit einer "persönlichen Einstimmung", in der die Leserin und der Leser durch gezielte Fragen zur kritischen Selbstreflexion eigener beruflicher Sozialisationserfahrungen eingeladen wird, so dass schon an dieser frühen Stelle die fachwissenschaftliche analytische Distanz zu den theoretischen Zusammenhängen aufgegeben wird.
3) Die bereits erwähnten beispielhaft geschilderten Berufsbiografien von vier Jugendlichen (2.1) unterstützen im 2. Kapitel die induktive Vorgehensweise, ohne es dabei jedoch zu belassen. Denn schon in der zusammenfassenden Interpretation der vier Fallbeispiele von Dieter, Edith, Norbert und Gerhard werden die für seine Untersuchung zentralen theoretischen Begriffe und Bezüge herausgearbeitet (2.2) und anschließend mit seinem Verständnis einer "interaktionistischen, auch âsubjektorientiertÕ genannten Theorie der Persönlichkeitsentwicklung" (S. 32) vertieft (2.3). Auf diese Weise wird eine breite Verständnisbasis für die daran anschließende Präzisierung der für seinen Argumentationsgang relevanten Grundannahmen und Grundbegriffe (2.4) gelegt. Besonders bemerkenswert ist, dass Wolfgang Lempert zum Abschluss dieses Kapitels seine theoretischen Grundlagen zur interaktionistischen Sozialisationstheorie in einem Schaubild zu den "Bedingungen, Prozessen und Auswirkungen beruflicher Sozialisation" (S. 41) so systematisiert und strukturiert, das er damit auch grafisch eine streng nachvollziehbare Vergleichsbasis schafft für die empirischen Untersuchungen, die er im nächsten Kapitel diskutiert. Dieses Kapitel schließt - wie alle nachfolgenden Kapitel - mit schriftlich am besten zu beantwortenden Übungsaufgaben, die die Leserin und den Leser dazu einladen, die gelesenen theoretischen Zusammenhänge - oder in späteren Kapiteln auch empirischen Befunde - auf die eigenen Berufserfahrungen zu beziehen und vor diesem Hintergrund kritisch zu reflektieren.
4) Wie bereits erwähnt, erläutert und analysiert Wolfgang Lempert im 3. Kapitel auf der Basis seiner auch grafisch illustrierten interaktionistischen Sozialisationstheorie acht empirische Untersuchungen aus der beruflichen Sozialisationsforschung. Mit seiner Auswahl und Diskussion dieser acht empirischen Studien gelingt ihm einerseits ein aufschlussreicher und weitreichender Überblick zur beruflichen Sozialisationsforschung. Andererseits arbeitet er in eindrucksvoller Weise die jeweils begrenzten Theoriezuschnitte und Fragestellungen der einzelnen Untersuchungen heraus. Er ordnet sie in die Grafik zu seiner interaktionistischen subjektorientierten Theorie der Persönlichkeitsentwicklung so ein, dass durch unterschiedliche Grauschattierungen und Pfeile anschaulich und unmittelbar nachvollziehbar wird, welche Aspekte und deren Wechselwirkungen in seiner Theorie in den einzelnen Untersuchungen in welcher Ausprägung berücksichtigt worden sind.
5) Im 4. Kapitel untersucht Wolfgang Lempert wiederum auf der Grundlage seiner interaktionistischen Sozialisationstheorie "Spezielle Verläufe beruflicher Sozialisation". Auch hierzu führt er empirische Untersuchungen an, die er in seine Grafik einordnet und kritisch wertet. Besonders interessant und für die berufliche Sozialisationsforschung weiterführend sind in diesem Kapitel die Ausführungen zur moralischen Sozialisation im Beruf (4.1) und zur Sozialisationswirkung von Arbeitslosigkeit in Form von "Demoralisierung" (4.2). Eng bezogen auf die Berufsbildung diskutiert er ferner die "Sozialisation von LehrerInnen beruflicher Schulen" (4.3) und jene von AusbilderInnen in Betrieben (4.4).
6) Im 5. und letzten Kapitel gibt Wolfgang Lempert "Statt einer Zusammenfassung: weitere Fragen". Dieses Vorgehen schließt im Schlusskapitel den Kreis seiner Argumentation, die im Laufe des Buches vom Einzelfall, nämlich der Leserin oder dem Leser und den vier Auszubildenden, zur Theorie und Empirie wieder zurück zum Einzelfall, also zur Leserin und zum Leser, führt, obwohl sie in Form von "Übungsaufgaben" auch jeweils im letzten Abschnitt des 2., 3. und 4. Kapitels immer wieder angesprochen und einbezogen werden.
7) Noch unbedingt erwähnenswert ist der breite und interessante Anhang, in dem erstens aus historischer Sicht die "Entwicklungslinien der im deutschen Sprachbereich ausgeführten Forschungen zur beruflichen Sozialisation" (S. 174ff.) kurz zusammengefasst und in einer Grafik anschaulich skizziert werden. Zweitens leistet ein ausführliches Glossar eine gute Einführung in die sozialisationstheoretische Fachterminologie. Drittens gibt Wolfgang Lempert persönliche Antworten auf die von ihm gestellten Übungsaufgaben in den jeweils letzten Abschnitten des 2., 3. und 4. Kapitels, indem er seine eigenen Berufserfahrungen als Auszubildender reflektiert. Damit ermöglicht Wolfgang Lempert persönliche Einblicke in einzelne Abschnitte seines Lebens, was einerseits zumindest in wissenschaftlichen Veröffentlichungen eher unüblich ist, aber andererseits konsequent seinem kasuistischen Vorgehen entspricht. Viertens sind nicht nur die im Text erwähnten Veröffentlichungen in einem Literaturverzeichnis aufgeführt, sondern es werden zu jedem Abschnitt gezielt wichtige Publikationen angegeben, die zum Weiterlesen und zur tieferen Auseinandersetzung einladen.
Fazit
Mit dem ausführlichen Anhang gelingt es Wolfgang Lempert auf nur 216 Seiten eine umfassende und gleichermaßen prägnante sowie didaktisch hervorragend gestaltete Einführung in die relevanten Theorien und empirischen Untersuchungen zur beruflichen Sozialisation zu geben. Der Bezug zur beruflichen Sozialisation ist dabei nicht begrenzend, sondern er fördert das Verständnis für und von Sozialisationstheorien schlechthin. Deshalb ist diese Einführung von ganz besonderem Wert für Studierende und interessierte Praktikerinnen und Praktiker. Doch auch für die wissenschaftliche Debatte zu Sozialisationstheorien und Sozialisationsforschung leistet Wolfgang Lempert in zweifacher Hinsicht einen Beitrag: Mit seiner seine interaktionistischen subjektorientierten Theorie der Persönlichkeitsentwicklung regt er zum einen die Theoriebildung und empirische Forschung zur beruflichen Sozialisation wieder an, die in den letzten Jahren in den Hintergrund getreten ist. Zum anderen kann seine interaktionistische Sozialisationstheorie als Vorschlag für eine Referenztheorie verstanden werden, auf deren Basis einseitige Theoriezuschnitte und begrenzte empirische Forschungszugänge nicht nur kritisch diskutiert, sondern auch überwunden werden können.
Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Fachhochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 08.04.2003 zu: Wolfgang Lempert: Berufliche Sozialisation oder was Berufe aus Menschen machen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2002. 2., überarbeitete Auflage. 216 Seiten. ISBN 978-3-89676-550-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/601.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
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