Andreas Knoll: Sucht - was ist das? Eine allgemein verständliche Einführung
Andreas Knoll: Sucht - was ist das? Eine allgemein verständliche Einführung in das heutige wissenschaftliche Verständnis von Sucht, insbesondere Alkoholabhängigkeit. Blaukreuz-Verlag (Wuppertal) 2002. 188 Seiten. ISBN 978-3-89175-178-7. 13,50 EUR, CH: 25,00 sFr.
Thema
Der Untertitel lautet: Eine allgemeinverständliche Einführung in das heutige wissenschaftliche Verständnis von Sucht, insbesondere der Alkoholabhängigkeit. Das ist eine lobenswerte Absicht und ein hoher Anspruch. Das Problem liegt darin, dass es keine wissenschaftlich begründete oder allgemein anerkannte Theorie der Sucht gibt. Jede psychologische und sonstige Richtung hat ihre eigenen Vorstellungen über das rätselhafte Phänomen. Dies wird auch in den Ausführungen deutlich.
Hintergrund
Der Autor ist Diplom-Sozialarbeiter und hat lange Jahre als Suchttherapeut und Supervisor in Fachkliniken und auch in Selbsthilfegruppen gearbeitet.
Aufbau und Inhalt
"Wissenschaftliche Erkenntnis hat uns zu der Annahme gebracht, dass Menschen, die Probleme mit dem Alkohol haben, diesen nicht zu sich nehmen, um ein positives Ziel zu erreichen, wie etwa Lustgewinn oder einen Wohlgeschmack, sondern Alkoholiker trinken Alkohol zumeist, um unangenehme Gefühle zu vermeiden. So gesehen verfolgen sie also ein negatives Ziel. Wer aber in seinen Alltagserfahrungen Alkohol mit positiven Zielen in Verbindung bringt, kann die Probleme alkoholkranker Menschen nicht verstehen. Um diese Problem verstehen zu können, ist ein wissenschaftlich gegründetes Wissen nötig, also ein Wissen, das nicht der eigenen Lebenserfahrung entsprungen ist"(S.14).
Die Alltagserfahrungen der Massen alkoholtrinkender Menschen treffen also nicht zu. Der Unterschied liegt in der prämorbiden Persönlichkeitsstruktur der Alkoholiker. Eine Sucht entwickelt sich erst dann, wenn der Suchtstoff auf eine bereits vorgeschädigte Persönlichkeit trifft. Zur Erläuterung dieser Prämorbidität werden dann verschiedenen Theorien aufgeführt: die psychodynamische der Psychoanalyse auf 25 Seiten und auf insgesamt nur 15 Seiten die übrigen, wie Verhaltenstherapie, humanistische Konzepte, Gestalttherapie, Psychodrama, Gesprächstherapie, systemische Konzepte und Familientherapie.
Die ausführlich dargestellte psychoanalytische Theorie dürfte für einen Laien nicht ohne weiteres verständlich sein.
Die moderne neurobiologische Suchtforschung, die ganz wesentlich das Verständnis des Suchtprozesse verändert hat bzw. noch wird, wird auf nur 1 1/4 Seite behandelt.
Abschliessend stellt er fest: "Wir können heute eindrucksvoll erkennen, dass eine Persönlichkeitstheorie der Sucht erst dann sichtbar wird, wenn es gelingt, die unterschiedlichen, sich teilweise bekämpfenden, persönlichkeitstheoretischen Schulrichtungen zur Geltung kommen zu lassen" (S. 65). Das ist der heutige Zustand und in der Zukunft liegt noch das Gelingen. Die Schwierigkeit besteht darin, diese ungeklärten Theorien allgemeinverständlich klar zu machen.
Danach folgen Ausführungen über die gesellschaftlichen Prozesse und die Suchtmittel. Der Alkohol wird ausführlich dargestellt mit den verschiedenen Trinkertypen, Verlaufsphasen und körperlichen Schäden. Die Drogen sind relativ kurz und oberflächlich besprochen. Die am weitesten verbreitete Sucht die Nikotinabhängigkeit fehlt.
Im letzten Kapitel werden die zahlreichen Möglichkeiten der Behandlung mit Fallbeispielen aufgeführt: die Beratungsstellen, die Fachkliniken und die Selbsthilfegruppen. Der Autor beschreibt ziemlich ausführlich die Selbsthilfegruppen, besonders das Blaue Kreuz, in deren Organisation er wohl auch mitarbeitet.
Es handelt sich um eine kurze, insgesamt etwas oberflächliche Übersicht über den Problemkreis. Der Autor bringt noch zahlreiche Exkurse zu Randgebieten mit hinein, sodass der Raum für eine breitere Erläuterung der Suchtproblematik zu gering wird.
Zielgruppen
Die Zielgruppen des Buches sind Laien, die sich mit dem Thema beschäftigen wollen, und auch Berufsgruppen, denen Kenntnisse über den Suchtbereich fehlen.
Fazit
Das Buch bringt insgesamt eine Übersicht über die Sucht und kann dadurch als Einführung und Übersicht für interessierte Laien dienen, z. B. Suchtbetroffene, Angehörige und Laien in der Abstinenzbewegung. Für den psychoanalytischen Bereich ist aber wohl eine Erläuterung durch Fachleute erforderlich.
Rezensent
Prof. Dr. med. Klaus-Dietrich Stumpfe
Arzt für Psychiatrie
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Lehrgebiet: Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie
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Zitiervorschlag
Klaus-Dietrich Stumpfe. Rezension vom 03.12.2002 zu: Andreas Knoll: Sucht - was ist das? Eine allgemein verständliche Einführung. Blaukreuz-Verlag (Wuppertal) 2002. 188 Seiten. ISBN 978-3-89175-178-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/603.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
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