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Martin Sökefeld (Hrsg.): Aleviten in Deutschland

Cover Martin Sökefeld (Hrsg.): Aleviten in Deutschland. Identitätsprozesse einer Religionsgemeinschaft in der Diaspora. transcript (Bielefeld) 2008. 250 Seiten. ISBN 978-3-89942-822-3. 25,80 EUR, CH: 41,60 sFr.

Reihe: Kultur und soziale Praxis.
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Thema und Hintergrund

Etwa 600.000 Aleviten, Angehörige einer Religionsgemeinschaft aus der Türkei, leben seit 1961 in Deutschland, dem Beginn der Arbeitsmigration aus der Türkei. Sie wurden bis zum Jahreswechsel 2007/08 in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, mitunter deshalb, weil sie vielfach als besonders gut integrierte, "nicht-orthodoxe" Muslime gelten. Es waren nicht die Bemühungen einer alevitischen Bewegung, die sich seit Anfang der 1990er Jahre für die Anerkennung des Alevitentums in Deutschland einsetzt, die den wohl endgültigen Durchbruch zu größerer Bekanntheit schaffte, sondern die Proteste der Aleviten gegen einen "Tatort"-Krimi, der von der ARD am 23.12.07 ausgestrahlt wurde und genau die verleumderischen Inzest-Vorwürfe aufgriff und gleichsam bestätigte, mit denen sich Aleviten seit Jahrhunderten auseinandersetzen müssen, die sie diskreditieren und gegen die die Aleviten sich seit Ende der 1980er Jahre auch öffentlich zur Wehr setzen. Die Alevitische Gemeinde Deutschland verklagte den NDR wegen Volksverhetzung und wegen der verleumderischen Darstellung der alevitischen Gemeinschaft.

Spätestens seit dieser Zeit rücken auch Aleviten ins Zentrum des öffentlichen Interesses im Rahmen der Debatten über Islam, Einwanderung und Integration. Zudem setzen sich die Aleviten selbst mit ihrem Leben in Deutschland und mit ihrer Identität seit rund 20 Jahren sehr engagiert auseinander.

In dem vorliegenden Buch befassen sich Wissenschaftler/innen verschiedener Disziplinen mit verschiedenen Aspekten alevitischen Lebens in Deutschland und ermöglichen einen Einblick in all diese Facetten und in den Diskurs über das alevitische Selbstverständnis in Deutschland.

Herausgeber

Dr. phil. habil. Martin Sökefeldist Assistenzprofessor für Sozialanthropologie an der Universität Bern. Er hat in Köln Ethnologie studiert und nach einer Feldforschung über Ethnizität in Gilgit/Nordpakistan an der Universität Tübingen promoviert. Danach war er wissenschaftlicher Assistent am Institut für Ethnologie der Universität Hamburg, wo er 2005 mit einer Arbeit über Aleviten habilitierte. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Identitätstheorie, Politik, Diaspora und Transnationalismus, ferner muslimische Gruppen und Gesellschaften. Regional hat er sich auf Europa und Türkei sowie Südasien (Pakistan, Kaschmir) spezialisiert.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält insgesamt acht Beiträge, die verschiedene Aspekte des alevitischen Lebens in Deutschland analysieren.

  1. In seinem einführenden Beitrag Einleitung: Aleviten in Deutschland – von takiye zur alevitischen Bewegung gibt Martin Sökefeld zunächst einen historischen Überblick über das Alevitentum seit der vorosmanischen Zeit, bevor er das Alevitentum als "das Andere des sunnitischen Islams", die alevitische Migration nach Deutschland und die Entwicklung zur alevitischen Bewegung in Deutschland thematisiert. In Verbindung mit den neueren Entwicklungen geht er ebenso auf Integration und die Politik der Anerkennung ein. Im letzten Teil seines Beitrages gibt er einen Einblick in die folgenden einzelnen Artikel des Sammelbandes.
  2. Alevitische Geschichte erinnern - in Deutschland lautet der Titel des Beitrages von Beatrice Hendrich, Islamwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Sonderforschungsbereich "Erinnerungskulturen" an der Universität Gießen. Bei ihrer Untersuchung über die Erinnerungskultur von Aleviten in Deutschland geht sie davon aus, dass die Diskussion, die gegenwärtig über alevitische Identität geführt wird, eng mit bestimmten Vorstellungen der Aleviten über die historische Verwurzelung des Alevitentums verknüpft ist. Ihre erkenntnisleitenden Fragen lauten: wie und ob auch diejenigen Aleviten, die nicht als Aktivisten oder Funktionäre der alevitischen Vereine in diese Diskussion eingebunden sind, Ideen über die alevitische Identität und die Geschichte des Alevitentums haben, sowie ob das inzwischen langwährende Leben in Deutschland eine Auswirkung auf die Inhalte der Erinnerungen hat und "ob sich die Erinnerung an so lange zurückliegende Ereignisse tatsächlich in der Abhängigkeit von der aktuellen, eigenen Lebenswirklichkeit formen würde" (S. 37f.). Anhand der Ergebnisse qualitativer Interviews zeigt sie dann auf, dass biographische Erinnerung und Geschichtsbilder eng miteinander verknüpft sind.
  3. Robert Langer, Islamwissenschafter und Ethnologe, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, stellt in seinem Beitrag alevitische Rituale vor. Er geht zunächst darauf ein, dass die Kontextfaktoren, in deren Rahmen Rituale angesiedelt sind, sich in den letzten Jahrzehnten z. B. durch geografisch-räumlichen Wechsel oder durch moderne Medien besonders stark verändert haben. Alevitische Rituale, die als Folge von Migration und ideologischer Linksorientierung bis gegen Ende der 1980er Jahre kaum noch durchgeführt wurden, haben seit dieser Zeit eine grundlegende Revitalisierung erfahren. Der mit der Revitalisierung begonnene Transfer der Rituale aus der Türkei nach Deutschland hat zahlreiche Veränderungen bewirkt. Diese Veränderungen werden von Langer systematisch herausgearbeitet, und zwar unter "Grundmuster und Rahmungen", "Infrastrukturen", ""liturgische", kollektiv-kongregationale, lebenszyklus-basierte, "kalendarische" sowie fallbasierte Performanzen".
  4. Die Autorin des nächsten Beitrages Mit eigener Stimme? Migrantische Medien und alevitische Strategien der Repräsentation, Kira Kosnick, ist Juniorprofessorin für transnationale Anthropologie am Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie beleuchtet am Beispiel des Offenen Kanals in Berlin die Medienaktivitäten von alevitischen Migranten aus der Türkei und ihre Strategien der Selbstdarstellung in den Medien. Sie arbeitet zentrale Elemente der Medienrepräsentationen heraus und schlussfolgert, dass alevitische Programmgestalter "einerseits ihre Verschiedenheit von Mainstream des türkisch-sunnitischen Islam behaupten, (...) andererseits aktiv nach Verbündeten über die Grenzen der religiösen Spaltung hinweg (suchen), und (...) darüber hinaus enge Kontakte zu alevitischen Gemeinschaften und Organisationen in der Türkei (pflegen)." (S. 129)
  5. Hülya Taşcı, Politikwissenschaftlerin und Lehrbeauftragte an der Freien Universität Berlin, thematisiert in ihrem Beitrag Die zweite Generation der Alevitinnen und Aleviten zwischen religiösen Auflösungstendenzen und sprachlichen Differenzierungsprozessen. Die Autorin setzt sich hierin mit Fragen nach religiösen Grenzen, die von Aleviten der zweiten Generation in Deutschland gezogen werden, nach deren Verständnis des Alevitentums als Religion sowie nach dessen Zusammengehörigkeitsgefühl auseinander. Taşcı legt dar, dass religiöse Motive für die Selbstidentifizierung bei der Gruppe an Bedeutung verlieren, die sie im Rahmen ihrer Dissertation anhand von 24 problemzentrierten Interviews untersucht hat. Sie zeigt aber zugleich auf, dass das zentrale Merkmal alevitischer Identität auch in der zweiten Generation die Abgrenzung vom sunnitischen Islam bleibt und wie alle anderen religiösen oder kulturellen Traditionen auch das Alevitentum der zeitlichen Veränderung unterworfen ist. (S. 153)
  6. Halil Can, Politikwissenschaftler und Doktorand am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin, beschäftigt sich mit der alevitischen Identität der "Enkelgeneration". Der lange Titel seines Beitrages lautet: Außenseiter wider Willen: Das "coming-out" des Alevitentums in der diasporischen Enkelgeneration oder Erinnerungs- und Identitätsarbeit über das digitale Gedächtnis des Internets. Er zeigt am Beispiel einer Mehrgenerationen-Familie von Arbeitsmigranten aus der Türkei, wie alevitische Identität in der Auseinandersetzung zwischen den Generationen vermittelt wird. Can stellt zunächst die Drei-Generationen-Familie vor, bevor er sich den Ausgrenzungserfahrungen zuwendet, die der Enkel der Familie bei mehreren misslungenen Versuchen, im deutschen sozialen Umfeld Anerkennung zu finden, in Deutschland gemacht hat. Diese Erfahrungen bringen ihn dazu, sich dem Alevitentum zuzuwenden und sich mit seinen Eltern auseinander zu setzen, die dem Alevitentum distanziert gegenüber stehen. Can zeigt an seiner Fallstudie deutlich und eindrucksvoll auf, wie eng Assimilationsdruck, Ausgrenzung und Identitätssuche miteinander verknüpft sind und wie diese zu Selbstethnisierung und Außenseiterdasein führen können.

  7. Martin Sökefeld geht der Frage Sind Aleviten Muslime? nach und untersucht Die alevitische Debatte über das Verhältnis von Alevitentum und Islam in Deutschland. Er weist auf zwei Positionen in dieser erbittert geführten Debatte hin, die derzeit in den alevitischen Organisationen geführt wird: Die einen, dies sind vor allem Funktionäre der Vereine, verstehen das Alevitentum als eigenständige Religion, für andere gehört es definitiv zum Islam. Manch einer der letzteren Position erklärt sogar das Alevitentum zum "wahren Islam". Der Autor möchte die wachsende Abwendung vom Islam vor dem Hintergrund der besonderen Anerkennungsbedingungen in der deutschen Migrationsgesellschaft verstanden wissen.
  8. Im letzten Beitrag von David Shankland, Professor für Sozialanthropologie an der Universität Bristol, und Atila Çetin geht es um Aleviten in Deutschland allgemein. Sie stellen einen Teil der Ergebnisse ihrer langjährigen Untersuchungen in der Türkei und in Europa vor. Die Geschichte der Aleviten - aus Zentralanatolien über Großstädte der Türkei nach Deutschland migriert - sei eine "menschliche Erfolgsgeschichte" (S. 238) gelungener Integration. Sie haben trotz aller Schwierigkeiten eine sehr erfolgreiche Beziehung zu ihrer Residenzgesellschaft" (ebd.) und sind etabliert.

Das Buch enthält ferner im letzten Teil ein Glossar und ausführliche Angaben zu den Autorinnen und Autoren.

Zielgruppen

Zielgruppen des vorliegenden Buches sind in erster Linie Personen, die an den Hochschulen tätig (vor allem in den Disziplinen Ethnologie, Soziologie, Cultural Studies, Migration Studies) und an dem Thema theoretisch und wissenschaftlich interessiert sind. Das Buch kann anderen, auch nicht akademischen Personen empfohlen werden, die am alevitischen Leben in Deutschland interessiert sind und /oder die mit Aleviten zu tun haben, etwa in der Migrationsarbeit oder im interreligiösen Dialog.

Fazit

Der Band greift wesentliche Aspekte der Debatte über das alevitische Selbstverständnis auf und gibt einen sehr guten Überblick über den Diskurs in Deutschland. Er leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Debatte um Einwanderung, Integration und Muslime in Deutschland und eröffnet überhaupt einmal sozialwissenschaftliche Perspektiven auf Aleviten in Deutschland.

Das Buch ist formal und inhaltlich sehr gut durchdacht; die einzelnen sorgfältig gewählten Beiträge von Kultur- und Sozialwissenschaftler/innen verschiedener Disziplinen geben einen guten und umfassenden Überblick neben der Debatte der Aleviten über ihre Identität auch über die heutige facettenreiche Situation der Aleviten in Deutschland und in der Türkei. Insofern kann das Buch den o.g. Zielgruppen und anderen Interessierten uneingeschränkt empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 21.07.2008 zu: Martin Sökefeld (Hrsg.): Aleviten in Deutschland. Identitätsprozesse einer Religionsgemeinschaft in der Diaspora. transcript (Bielefeld) 2008. ISBN 978-3-89942-822-3. Reihe: Kultur und soziale Praxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6038.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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