Arlie Russell Hochschild: Keine Zeit. Wenn die Firma zum Zuhause wird
Arlie Russell Hochschild: Keine Zeit. Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 2. Auflage. 305 Seiten. ISBN 978-3-531-14468-9. 19,90 EUR.
Aus dem Amerikanischen von Hella Beister. Mit einem Vorwort von Mechthild Oechsle.
Thema und Autorin
Dieses von der bekannten amerikanischen Soziologin Arlie Russell Hochschild, Professorin an der University of California at Berkeley, verfasste Buch behandelt das Verhältnis von Arbeit und Familie. Aber keine Sorge, weder wird über viele Seiten hinweg die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf beklagt, noch wird eine Unmenge an Literatur ausgewertet, noch werden viele wissenschaftliche Untersuchungen referiert. Nein, Hochschild geht einen ganz neuen Weg: Sie verbrachte drei Sommer in einer kleine Pension in Spotted Deer, um während dieser Zeit die Mitarbeiter/innen von Amerco, einem Fortune-500-Unternehmen zu interviewen - natürlich mit Erlaubnis des Generaldirektors. Dieser Betrieb gilt in den USA als besonders familienfreundlich: Teilzeitarbeit ohne Abstriche, Job Sharing, komprimierte Wochenarbeitszeiten, flexible Arbeitszeit usw.
Der "ideale" Angestellte
Noch vor dem ersten Interview ermittelte Hochschild, dass nur 3 % aller Beschäftigten mit Kindern von 13 Jahren und jünger Teilzeit arbeiteten; nur ein Prozent machte Job Sharing; gerade ein Drittel der Eltern hatten flexible Arbeitszeiten - die übrigen arbeiteten neun oder zehn Stunden am Tag mit festen Zeiten. Weshalb nutzten so viele Eltern nicht die großzügigen Angebote von Amerco? In den Interviews kristallisierte sich heraus, dass sie weitgehend dem Bild vom "idealen" Angestellten entsprechen wollten - ein in den USA weit verbreitetes Leitbild, in dessen Zentrum Flexibilität steht: die Bereitschaft, ohne Widerspruch andere Aufgaben in der Firma zu übernehmen, Überstunden zu machen, in Notfällen die Arbeit anderer mit zu erledigen oder jederzeit umzuziehen. Und macht die Berufsarbeit nicht mehr Spaß, ist sie nicht sinnvoller und "lohnender", umfasst sie nicht interessantere soziale Kontakte als das, was die Beschäftigten zu Hause erwartet: quengelige Kinder, Kochen und Putzen?
Zunehmende Bedeutung der Arbeitswelt
So stellte Hochschild zumindest bei Amerco fest, dass die Anziehungskraft der Arbeitswelt stärker wurde, die der Familie und des sozialen Umfeldes schwächer. So kam sie zur zentralen These ihres Buches: Das Unternehmen wird immer mehr zum Zuhause, während die Familie immer mehr an emotionaler Bedeutung verliert - sie ist nur noch Treffpunkt von Personen mit unterschiedlichen Interessen und eigenen Zeitplänen, ein Ort zum Essen (immer seltener gemeinsam), zum Schlafen und Fernsehen (in getrennten Räumen). "In diesem neuen Modell von Familie und Arbeitsleben flieht der müde Vater oder die müde Mutter aus der Welt der ungelösten Konflikte und ungewaschenen Wäsche in die verlässliche Ordnung, Harmonie und gute Laune der Arbeitswelt" (S. 56). Die ganze Diskussion um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, alle Angebote familienfreundlicher Unternehmen wie Amerco würden diesen Wandel in der emotionalen Signifikanz beider Lebenswelten noch nicht berücksichtigen.
Mehr Zeit für den Beruf - weniger Zeit für Kinder
Die zunehmende Bedeutung der Arbeitswelt wird in den USA besonders deutlich - die Arbeitszeiten der Amerikaner sind viel länger als die der Beschäftigten in anderen Industrienationen, sogar um zwei Wochen länger in Japan. Bedingt durch die (Voll-) Erwerbstätigkeit von Müttern hatten amerikanische Eltern 1996 durchschnittlich 22 Stunden pro Woche weniger Zeit für ihre Kinder als 1969. Aber auch zwei "Zeitfallen" machte Hochschild bei Amerco aus: Hoch qualifizierte Fachkräfte arbeiteten länger, weil sie ihre Arbeit liebten; Fließbandarbeiter machten Doppelschichten, weil sie das Geld brauchten (Ende der 90er Jahre hatten 8% der amerikanischen Beschäftigten zwei Jobs).
Die Firma wird zum Heim
Hinzu kommt, dass amerikanische Unternehmen für ihre hoch qualifizierten Angestellten zunehmend soziale und Freizeitangebote machen, die man früher eher mit Familienmitgliedern oder in der Gemeinde besucht hätte. Diese reichen von Sport, Ausflügen und Feiern über Schach-, Ahnenforschungs- und Wohltätigkeitsclubs bis hin zu Gruppen für Alleinerziehende oder Krebskranke. Immer mehr Unternehmen haben eigene Geschäfte, Friseure, Banken usw., bieten Fertigmahlzeiten zum Nachhausenehmen an oder gründen Kinderbetreuungseinrichtungen - lauter Angebote, die es den Beschäftigten erleichtern, noch etwas länger am Arbeitsplatz zu verbleiben. Wie heute das Gras von den Bauern zu den nur noch im Stall lebenden Kühen gebracht werde, würden immer mehr Dienstleistungen für Beschäftigte in die Unternehmen geholt. Aber in erster Linie nur für die qualifizierten Mitarbeiter/innen, weniger für Arbeiter/innen und andere Beschäftigte in Niedriglohngruppen.
Hochschild berichtet vom Leben der Beschäftigten von Amerco im Unternehmen und in der Familie, wobei sie immer wieder aus ihren Interviews zitiert. Sie beschreibt den Tagesablauf einzelner Mitarbeiter/innen, die Unternehmenskultur, die Bewertung des Familienlebens und den Grad der Zufriedenheit mit der Arbeit, das abnehmende Gefühl von Sicherheit in Familie (Scheidung) und Beruf (Massenentlassungen), die besondere Situation von Managerinnen mit Kind, die mangelnde Zeit für Partner, Kinder und die eigenen (alten) Eltern, die Probleme durch Überstunden und Schichtarbeit und die Unzufriedenheit mit dieser Situation. So sind Kinder, Kranke und Alte - oft aber auch die Partner - die Verlierer in diesem System.
Die Entwertung des Familienlebens
"Aber warum gingen Amercos berufstätige Eltern, von denen die meisten doch sagten, sie brauchten mehr Zeit für die Familie, nicht auf die Barrikaden, um sie sich zu erkämpfen? Bei vielen von ihnen mag dies eine Reaktion auf einen machtvollen Trend sein, der zu einer Entwertung all dessen führt, was einmal das Wesen des Familienlebens ausmachte. Je mehr Frauen und Männer das, was sie tun, im Austausch gegen Geld tun und je höher ihre Arbeit im öffentlichen Bereich geschätzt und anerkannt wird, desto mehr wird, fast schon zwangsläufig, das Privatleben entwertet und desto mehr schrumpft sein Einflussbereich. Für Frauen wie für Männer ist die marktvermittelte Erwerbsarbeit weniger eine schlichte ökonomische Tatsache als ein komplexer kultureller Wert. Galt es zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch als Unglück, wenn eine Frau arbeiten gehen musste, ist man heute überrascht, wenn sie es nicht tut" (S. 212)
Weitere wissenschaftliche Belege
Hochschild überprüfte, ob ihre Erkenntnisse Amerco-spezifisch sind oder verallgemeinert werden können. Dazu konnte sie auf eine Befragung von 1.446 Eltern mit Kleinkindern zurückgreifen, die der (oberen) Mittelschicht angehörten und bei verschiedenen großen Unternehmen arbeiteten. Ein Drittel ließ ihre Kinder jede Woche 40 Stunden und länger in Kindertagesstätten betreuen - je höher das Einkommen, umso länger. Ein Drittel der Eltern bezeichnete sich bzw. den Partner als Workaholic; 89% erlebten Zeitnot; die Hälfte nahm in der Regel Arbeit mit nach Hause; nur 9% konnten Familie und Beruf miteinander vereinbaren. Viele Eltern erlebten den Beruf befriedigender als die Arbeit zu Hause und bewerteten die dort erbrachten Leistungen eher als "gut oder ungewöhnlich gut" (86%) denn die Leistungen in der Familie (59%). Ganze 47% hatten die meisten Freund/innen bei der Arbeit - nur 16% in der Nachbarschaft. Diese Umfrageergebnisse belegen die Tendenz der kulturellen Umpolung von Arbeitsplatz zu Zuhause.
Auch andere Studien zeigten, wie die Beziehungen zu Partner und Kindern unter der skizzierten Situation leiden: hohe Scheidungsquoten, Fertiggerichte, gegen das Zeitkorsett aufbegehrende Kleinkinder, durch das Schenken von Spielzeug beruhigte Schuldgefühle, "Selbstbetreuung" von Schulkindern zu Hause - kaschiert vor dem eigenen Gewissen als Förderung der Selbständigkeit -, Gefühlsaskese, Ferienlager für Kinder statt Familienurlaub, Outsourcing von Teilen des Familienlebens (Mahlzeitendienste, Agenturen für die Organisation von Kindergeburtstagen, Partyservice usw.). Aber auch die Gesellschaft leidet, denn Erwachsene haben immer weniger Zeit, zu Elternsprechstunden und -veranstaltungen zu kommen, sich kirchlich, politisch oder gewerkschaftlich zu engagieren, Vereinen und Organisationen beizutreten - und zu wählen.
Eine "Zeitbewegung" gründen
Die Lösung des Problems? Hier hat Hochschild nicht viel anzubieten: Sie fordert eine "Zeitbewegung" - dass sich Menschen zusammenschließen, um der Zeitfalle zu entkommen. Deutschland ist für sie durchaus ein Vorbild, da hier Wochenarbeitszeit und Jahresurlaub tariflich festgelegt sind. Aber auch in der Bundesrepublik liegt trotz 38,5-Stunden-Woche die tatsächliche Wochenarbeitszeit von Vollzeitkräften bei 44,4 Stunden. So sind hier ebenfalls Familien zunehmend von der Zeitfalle betroffen.
Fazit
Das Buch von Hochschild macht Angst: Wie kann das Kindeswohl in einer Gesellschaft gewährleistet werden, in der die Familie immer mehr als Sozialisationsinstanz ausfällt? Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern weitgehend durch die Eltern beeinflusst wird und dass der Schulerfolg zu einem großen Teil von den Fähigkeiten, Einstellungen und Charaktereigenschaften abhängt, die Kinder in ihrer Familie entwickeln. Diese Funktionen der Familien werden aber immer weniger erfüllt werden, je länger die Abwesenheit der Eltern ist, je mehr Zeit sie in der Firma als ihrem neuen "Zuhause" verbringen. Öffentliche Bildungseinrichtungen werden sich dieser Situation – auch in der Bundesrepublik – vermehrt stellen müssen, werden aber nie das vollständig auffangen können, was die Familien nicht mehr an Sozialisationsleistung erbringen (können). Hier sind Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften gefragt, die nicht nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf endlich sicherstellen sollten, sondern auch gewährleisten müssen, dass Arbeitszeiten in einem "familienverträglichen" Rahmen bleiben.
Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 1. Auflage (2002) aus dem Leske + Budrich Verlag unter dem Titel "Keine Zeit. Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet" (ISBN 3-8100-3620-X).
Rezensent
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 22.04.2003 zu: Arlie Russell Hochschild: Keine Zeit. Wenn die Firma zum Zuhause wird. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 2. Auflage. 305 Seiten. ISBN 978-3-531-14468-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/605.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Jutta Ecarius (Hrsg.): Familie. Ein erziehungswissenschaftliches Handbuch
Peter A. Berger, Karsten Hank u.a. (Hrsg.): Reproduktion von Ungleichheit durch Arbeit und Familie
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
