Katja Johanna Eichler: Migration, transnationale Lebenswelten und Gesundheit
Katja Johanna Eichler: Migration, transnationale Lebenswelten und Gesundheit. Eine qualitative Studie über das Gesundheitshandeln von Migrantinnen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 324 Seiten. ISBN 978-3-531-15423-7. 34,90 EUR.
Thema
Während das Themenfeld Migration und Gesundheit in der Vergangenheit stark „pathogenetisch“ und problemzentriert diskutiert wurde, legt die Autorin auf der Basis qualitativer Forschungsmethoden und unter Bezugnahme auf den Ansatz der Transmigration eine differenzierte Sichtweise vor, in der sie gut begründet aufzeigt, dass Frauen ihre Migration dafür nutzen, ihr Leben aktiv zu gestalten, besondere Bewältigungsstrategien entwickeln und ihre Familie bzw. „ethnische Gemeinschaft“ kreativ als Ressource nutzen. Dabei konzentriert sich die Autorin auf das Phänomen transnationaler sozialer Lebensräume, die sich zwischen Ankunfts- und Herkunftsregion aufspannen und stellt somit erstmals eine Verknüpfung einer salutogenetischen Betrachtung von Migrantinnen unter Einbezug von aktuellen theoretischen Entwicklungen der sozialwissenschaftlichen Migrationsforschung her.
Autorin
Katja Johanna Eichler ist Referentin in der Abteilung Europa und Entwicklungszusammenarbeit beim Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa der Freien Hansestadt Bremen und promovierte am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg
Entstehungshintergrund
Im Zusammenhang mit den jüngsten Globalisierungsprozessen hat ein neuer Typus von Migration, die Transmigration, an Einfluss gewonnen. Diese Entwicklungen erlauben, ebenso wie der salutogenetische Ansatz, einen Paradigmenwechsel in der sozialwissenschaftlichen Migrationsforschung: Vor dem Hintergrund eines pluri-lokalen Referenzrahmens von Individuen (der gleichzeitigen sozialen Integration in mehrere soziale Systeme) werden nunmehr Sozialisationsprozesse unter vielfältigen Bezügen und anderen Gestaltungsbedingungen betrachtet, was eine kompetenzorientierte Sichtweise auf Menschen mit Migrationshintergrund möglich macht.
Aufbau und Inhalt
Der Band umfasst 9 Kapitel sowie drei Anhänge: Interviewleitfäden, angewandte Regeln der Transkription sowie eine Liste der Kodes und Kategorien.
- Nach einer gehaltvollen Einführung in das Themenfeld Migration und Gesundheit, einer Zusammenschau der Verwendung diverser sozialwissenschaftlicher Konzepte (Gesundheitshandeln, Medizinethnologie) sowie einer prägnanten Begründung der Fokussierung auf bildungserfolgreiche Migrantinnen erfolgt im
- Kapitel eine
sachhaltige Auskunft über die Entwicklung der Fragestellung
der Untersuchung. Der Verfasserin gelingt es, differenziert zentrale
Grundbegriffe ihrer empirischen Untersuchung zu diskutieren und auf
dieser Grundlage gehaltvolle Hypothesen zu formulieren. Da sie
Kultur begründet als etwas Unabgeschlossenes und Dynamisches
begreift, die Menschen „durch ihre Lebensweise, Sinn- und
Bedeutungsgebung, durch ihre ständig stattfindenden
identitätsstiftenden Prozesse der Konstruktion, der
Repräsentation, Wahrnehmung und durch ihre kulturellen
Äußerungen“ (S. 34) herstellen, kann sie die je
eigene aktive Weltverortung der Subjekte in den Blick nehmen. Damit
löst sie den Kulturbegriff aus seinem oft begrenzten und
statischen Korsett homogener Identitätsvorstellungen und
territorialer Verankerung und wird so dem Paradigma der
Transkulturalität gerecht. Gemäß ihrer Thematik
stehen dann insbesondere die subjektiven Wahrnehmungs- und
Aushandlungsprozesse von Individuen gegenüber medizinischen
Ordnungssystemen im Mittelpunkt ihrer Betrachtung.
Zudem führt Eichler die Leserin sowohl in die Debatte um den ‚Gesundheitsbegriff’ (WHO), dem ‚salutogenetischen Ansatz’ (Antonovsky) als auch in das ‚Konzept des Gesundheitshandelns’ (Faltermaier) ein und stellt Bezugspunkte und Orientierungen des Gesundheitshandelns im transnationalen sozialen Raum dar. Damit begründet sie eine leitende Frage der vorliegenden Untersuchung: „wie sich die besonderen Eigenschaften des die Herkunfts- und Ankunftsregion umspannende sozialen Raums der betrachteten Migrantinnen auf deren Gesundheitshandeln auswirken.“ (S. 52) Diesem Unterkapitel folgt die Auseinandersetzung um die Notwendigkeit von geschlechtsspezifischer Forschung im Bereich der Migration und Gesundheit mit dem Ertrag, dass der Zusammenhang zwischen Geschlecht, Migration und Gesundheit aus einer Perspektive betrachtet wird, die sich von der herkömmlichen pathogenetischen abgrenzt. Der Fokus der Untersuchung liegt auf dem Kompetenzerwerb im Gesundheitshandeln von bildungserfolgreichen Migrantinnen mit transnationalen Lebensbezügen.
Anschließend gibt die Autorin einen prägnanten Überblick über ihr empirisches Vorgehen, so dass die Leserin gewinnbringend den Forschungsprozess nachvollziehen kann: Die empirischen Daten wurden in einem qualitativen zirkulären Forschungsprozess mit rekonstruktivem und fallbezogenem Charakter erhoben (offene leitfadenorientierte Interviewform). Die Datenanalyse erfolgte auf der theoretischen Grundlage der ‚Grounded Theory’, das Kodieren der Textstellen wurde mit Hilfe eines Software-Programms vorgenommen. - Das dritte Kapitel “Transmigration, transnationale soziale Räume und Hybridisierung“ verdeutlicht die Veränderung der Betrachtungsweise klassischer Ansätze in der Migrationsforschung: Sowohl die Dimension der Bewegung (Mobilität), des Raumes („vom ‚Behälter’ zum pluri-lokalen Referenzrahmen“) als auch der Identität (Selbstverortung) werden in Form einer bündigen theoretischen Betrachtung eingeführt, wodurch die Anlage der vorliegenden empirischen Untersuchung weiter erhellt wird.
- Im vierten Kapitel stellt die Verfasserin kurz und bündig ihre untersuchten 10 Protagonisten in ihren transnationalen Lebenswelten vor. Allein diese Skizzierungen machen deutlich, wie wenig sinnvoll es ist, verallgemeinernd von den Migrantinnen zu sprechen. Stattdessen deutet sich bereits hier der Forschungsgewinn an, wenn davon ausgegangen wird, dass „Selbstverortungen, insbesondere in transnationalen Räumen, einen prozesshaften Charakter haben, hybrid sein können und nur im Kontext der jeweiligen biografischen und soziokulturellen Bedingungen nachgezeichnet werden können.“ (S.107)
Die folgenden vier Kapitel (5-8) beinhalten die kondensierte Fall vergleichende Darstellung der Ergebnisse aus den Interviews, wobei drei übergreifende Themenfelder (5-7) sich aus der Kodierung der Interviews herauskristallisierten.
- Kapitel 5 thematisiert die “Gesundheitsrelevante Rolle des transnationalen Netzwerkes“. Nachdem auf einer deskriptiven Ebene Aussagen der Frauen zur Funktion ihres jeweiligen transnationalen Netzwerkes im Sinne der Übermittlung von gesundheitsrelevanten Informationen, Ratschlägen und Produkten dargestellt werden, erfolgt ein stärker analytischer Schritt, wodurch es möglich wird, das Wirkungspotenzial und die Grenzen des transnationalen Netzes im Kontext der erweiterten Selbsthilfe zu betrachten. Als ein verallgemeinertes Ergebnis kann festgehalten werden, „dass das Länder übergreifende soziale Netz der Migrantinnen als ein System von gesundheitsrelevanten Transfers (Geben und Nehmen) auf unterschiedlichen Ebenen und in vielfältigen Dimensionen betrachtet werden kann.“ (S. 149)
- Das Kapitel 6 nimmt das übergreifende Thema “Gesundheitshandeln und professionelles Gesundheitssystem“ auf, indem sowohl die Voraussetzungen der Inanspruchnahme des professionellen Versorgungssystems als auch der individuelle Umgang mit dem professionellen Versorgungssystem rekonstruiert werden. Entgegen bisheriger einseitiger Annahmen über die Wirkung von kulturellen sowie institutionellen Barrieren auf das Gesundheitshandeln von MigrantInnen rekonstruiert Eichner aus ihrem Datenmaterial, dass die befragten Frauen sich sowohl durch ein Kriterien begründetes Gesundheitshandeln als auch durch die Fähigkeit zur Organisation professioneller Unterstützung im Falle von Erkrankungen auszeichnen. Besonders hervorzuheben ist zudem das Ergebnis eines selbstbewussten Umgangs der Frauen mit der „funktionellen Autonomie“ von Ärzten. Dieser wird allzu oberflächlich und vorschnell als „Non-Compliance“ stigmatisiert und auf defizitäre Informationslage bzw. kulturelle oder sprachliche Verständnisprobleme zurückgeführt. Stattdessen ist – so ein Ergebnis der Studie – dieses kritische Verhalten als das mündige Endprodukt laienmedizinischer Auseinandersetzungen mit Beschwerdesymptomen zu interpretieren, wodurch die Protagonistinnen auch besser vor unnötiger Medikation geschützt sind.
- Die Auseinandersetzung mit medizinischen Systemen und Methoden ist Gegenstand des 7. Kapitels. Darin wird zum einen „den Beschreibungen der Migrantinnen, ihrer subjektiven Wahrnehmungen von Ärzten und ärztlicher Kompetenz sowie insgesamt von den Gesundheitssystemen, die sie erlebt haben bzw. erleben, Raum gegeben.“ (S. 175), wodurch das Sensibilisierungspotential in Bezug auf unterschiedliche Therapiemethoden im Herkunfts- wie Ankunftsland der Protagonistinnen erkennbar wird. Zum anderen wird das Laiengesundheitssystem bezüglich Selbstdiagnose, Selbstbehandlung und Informationsaneignung in den Blick genommen und gezeigt, dass bisherige Annahmen kritisch auf ihren ethnozentristischen Gehalt hin betrachtet werden muss und dass schulmedizinisch begründete Medikalisierung in größeren sozioökonomischen und politischen Zusammenhängen betrachtet werden muss.
- Entsprechend der theoretischen Verortung der Autorin wird im 8. Kapitel das Gesundheitsbewusstsein und -handeln im Kontext von Lebensweise, Lebensstil und Lebensqualität betrachtet, der zudem im Zusammenhang von Geschlecht, Alter und sozialer Lage differenziert wird. Nach der Darstellung der lebensweise- und lebensstilbezogenen Reflexionen der Frauen sowie daraus resultierende Einstellungs- und Verhaltensänderungen, wird auf die Einstellung zu Gesundheit eingegangen. Als Resultat können zwei spezifische Einstellungsmomente bei den Frauen identifiziert werden, die sich durch die Migration entwickelt haben: „Zum einen eine Sensibilisierung für den Zusammenhang von Psyche und Gesundheit, zum anderen ein gestiegenes Zuständigkeitsgefühl für die eigene Gesundheit bzw. die der Familie.“ (S. 280)
- Die vorliegende Untersuchung wird von Eichler im 9. Kapitel durch einen abschließenden Blick auf die Ergebnisse und weiterführende Überlegungen für Forschung und Praxis abgerundet.
Diskussion
Katja Johanna Eichler hat eine theoretisch sachhaltige, prägnante und durch die Auszüge aus den Interviews lebendige qualitative Studie über das Gesundheitshandeln von Migrantinnen vorgelegt, die zudem gut lesbar und sinnvoll strukturiert ist. Ihre kenntnisreichen Diskussionen mit bisherigen Theorien und Annahmen zum Gegenstand tragen zu einem differenzierten Verständnis des Themenfeldes Migration, transnationale Lebenswelten und Gesundheit bei.
Fazit
Der Band enthält ein engagiertes Plädoyer für einen differenzierten salutogenetischen sozialwissenschaftlichen Blick auf Migrantinnen und zeigt den hohen Erkenntniswert einer Bezugnahme auf den Ansatz der Transmigration. Die Studie gibt Einblick in die subjektiven Realitäten von zehn bildungserfolgreichen Frauen mit Migrationshintergrund und zeigt, dass deren transnationale Lebensbezüge positive Impulse für das Gesundheitshandeln geben. Die gesammelten (neuen) Erkenntnisse, die in einer klaren und verständlichen Sprache dargelegt werden, machen den Band auch für Studierende sowie Praktikerinnen und Praktiker im Sozial- wie Gesundheitssystem zu einer aufschlussreichen und lohnenswerten Lektüre.
Rezensentin
Prof. Dr. Margret Dörr
Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt „Theorie Sozialer Arbeit, Gesundheitsförderung“. Arbeitsschwerpunkte: ‚Biographieforschung,’ ‚Psychoanalytische (Sozial)Pädagogik’, ‚Abweichendes Verhalten und Psychopathologie’.
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Zitiervorschlag
Margret Dörr. Rezension vom 05.10.2009 zu: Katja Johanna Eichler: Migration, transnationale Lebenswelten und Gesundheit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 324 Seiten. ISBN 978-3-531-15423-7. In: socialnet Rezensionen unter http://www.socialnet.de/rezensionen/6054.php, Datum des Zugriffs 11.03.2010.
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