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John Wood: Von Microsoft in den Himalaya

Cover John Wood: Von Microsoft in den Himalaya. Bücher für eine bessere Welt. Murmann Verlag (Hamburg) 2007. 284 Seiten. ISBN 978-3-86774-001-2. 19,80 EUR, CH: 34,60 sFr.

Originaltitel: Leaving Microsoft to change the world.

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Aussteigen kann Einsteigen sein

Dieses Wortspiel soll für ein Phänomen stehen,das in der Geschichte der Menschheit nicht ungewöhnlich, aber immer wieder bemerkenswert ist: Menschen, die mit dem Dasein und der Tätigkeit, die sie ausüben, nicht zufrieden sind – und aussteigen!  Der griechische Philosoph Diogenes, dem nach der Geschichtsschreibung eine einfache Bretterbehausung zum Leben genügte, verschmähte Luxus und Annehmlichkeiten. Durch ein einfaches Leben, das ihn unabhängig machte, wollte er ein tugendhafter Mensch werden.  Andere, wie der ehemalige Top-Manager eines Schweizer Konzerns, Hans A. Pestolozzi, hat Ende der 70er Jahre seinen Job aufgegeben und wurde zu einem gesuchten Umweltexperten, Sein Motto – "Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin – und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge" – hat die Diskussion um ein Aussteigen auf Zeit, dem Sabbatical beeinflusst. Mittlerweile nutzen immer mehr Menschen eine solche Auszeit. Sie reisen um die Welt, legen einen Garten an oder verwirklichen ein schon lange gedachtes Vorhaben. Die Kyniker, wie sie sich nach der griechischen Philosophie nennen, wollen durch Anspruchslosigkeit zur Weisheit und zur Einsicht kommen, dass Menschsein sich nicht begründet in Reichtum, sondern in Geist und Bescheidenheit. Ganz wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass Egoismus, Geiz und Raffsucht Eigenschaften sind, die Bosheit der Menschen schafft und das gute Leben verhindern.

Einer, der jahrelang Manager bei Microsoft in China war, viel Geld verdient hat und während einer Trekkingtour, die er alleine, mit Rucksack und minimaler Ausrüstung drei Wochen lang durch Nepal unternahm, den Vorsatz fast: "Ich steige aus der alltäglichen Tretmühle der Belastungen, des Stresses und der Hetze aus", ist der 44 Jahre alte amerikanische Unternehmer und Manager John Wood. Nicht, um sich auf die faule Haut zu legen, einen Joint zu rauchen und irgendwie dahin zu vegetieren. Während seiner Reise in ein anderes Leben kam es zu einer Begegnung mit Lehrern in einer kleinen Dorfschule in der Himalaya-Provinz Lamjung. Als er die Schule besichtigte, da traf er auf rund 450 Kinder, die fleißig lernten, aber keine Bücher zur Verfügung hatten, und auf Lehrer, die traurig waren, dass sie den Kindern mit den wenigen Unterrichtsmaterialien nicht mehr beibringen konnten. Da beschloss er, die leere Schulbibliothek mit Büchern auszustatten. Mit Hilfe von Freunden sammelte er, als er in sein Büro nach China zurückkam, Bücher in englischer Sprache, die er darauf hin mit einem Eseltransport in die Schule brachte. Die sichtbare Freude der Kinder und Lehrer über die Bücherspende beeindruckte ihn so, dass er beschloss, einen Verein zu gründen, um auch andere Schulen mit Büchern zu versorgen.

Inhalt

In seinem Buch "Von Microsoft in den Himalaya" beschreibt er seinen Weg vom hoch bezahlen Manager zum Entwicklungshelfer. Den  Perspektivenwechsel begründet er auch mit, dass er in den Schriften des Dalai Lama den Rat gelesen habe: Du sollst dein Glück mit anderen teilen. Viel Geld macht einen nicht zu einem guten Menschen. Es ist vielmehr das Gute, das man mit seinem Geld anfängt". Dabei gibt er Rechenschaft über seinen "sozialen Wechsel", macht deutlich, wie er mit dem Unverständnis in seiner privaten und beruflichen Umgebung umgegangen ist – "Kaum einer verstand, was ich tat" – und welche Perspektiven sich dabei für ihn als "sozialer Unternehmer" auftun.

Der Autor gliedert das Buch in drei Teile:

  1. Im ersten Teil, den er "Aufbruch" nennt, schildert er sein Erlebnis in Nepal, stellt das Für und Wider einer Idee zur Diskussion, macht empathisch deutlich, was es war, das ihn berührte: "Das Bild eines Volkes voller Würde, das arm ist, aber Freundschaft höher schätzt als Geld" und wie das Brücken abbrechen zu seiner bisherigen Tätigkeit bei Microsoft für ihn tatsächlich ein neues Brücken bauen wurde.
  2. Im zweiten Teil dann geht es um den "Neustart", als er vom Finanzamt den Bescheid erhielt, dass seine neu gegründete Organisation, die er erst "Books for Nepal" nannte, dann aber in "Room to Read" umbenannte. Seine "Geschäftsidee" ist ungewöhnlich und faszinierend zugleich: Sein Konzept - "Luftschlösser in solide Realität zu verwandeln" – weicht ab von den Zielsetzungen und Arbeitsweisen vieler Vereine und Initiativen der Entwicklungszusammenarbeit, die eher auf Barmherzigkeit und schlechtes Gewissen setzen. Seine Strategie, ein Mix aus Moral und fordernder Aufklärung, orientiert sich vielmehr am "Abschöpfungseffekt"; was bedeutet, dass er bei seinen Spendenaufrufen in erster Linie an diejenigen heran tritt, die gut verdienen und "der Überlegung, dass nicht jeder, der die Welt verändern will, dafür seinen Job aufgibt. Mein Ziel ist, jedem Investmentbanker oder Berater oder Lehrer die Möglichkeit zu geben, Spenden zu sammeln, um uns zu helfen, weitere Schulen zu bauen und Büchereien einzurichten".
  3. Im dritten Teil schließlich die optimistische Aussage: "Mit großen Schritten zu großen Zielen". Die Begeisterung, mit der er über einige seiner Projekte informiert; etwa mit der Aufforderung: "Mädchen gehören in die Schule!", die erste Eröffnung von Schulbüchereien in Kambodscha, die Entstehung eines Netzwerkes mit ehrenamtlichen Mitarbeitern in mehreren Orten der USA, Projekte in Vietnam, Indien, Wiederaufbauaktivitäten nach der Tsunami-Katastrophe 2004 – die Spende des ein millionsten Buches!      

Bei seiner Bilanz, wie viel Stunden er bei seinem Managerjob bei Microsoft in der Woche tätig war und wie viel er heute, als Geschäftsführer von "Room to Read" arbeitet, sagt er: Früher habe ich rund 60 Stunden gearbeitet, heute um die 70. Er arbeitet heute also mehr als früher – und er ist glücklicher und zufriedener als vorher. Der 44jährige Aussteiger John Wood hat am eigenen Leib erfahren, dass hohes Einkommen und ein Managerjob ihn höchstens einsperren in einen Käfig, der weder Freiheit schafft, noch ein gutes Leben. Weil er für sein Leben aber mehr will als in einem Laufrad wie ein Hamster auf der Stelle zu treten, deshalb sucht er nach einer anderen Bestimmung. Diese findet er nicht im verzweifelten Ausschauen nach mehr Macht und Geld und der Angst, dass sich sein Vermögen nicht vermehren könnte; sondern in der Herausforderung, anderen Menschen zu helfen, dass sie ein gutes Leben führen können. Indem ich Kindern helfe, so sagt er, sich Bildung anzueignen, helfe ich mir selbst. Und ich erkenne, dass meine Bedürfnisse sich dabei reduzieren auf das, was für mich wirklich notwendig zum Leben ist. Das ist mehr als ein Bettelleben. Und aus der Verzweiflung, aus Stress und der Unzufriedenheit, wird plötzlich eine Befreiung – ein glückliches Leben. "Mein Leben ist unumstößlich mit dem weltweiten Kampf um Bildung verbunden". Aus dem wirtschaftlichen Manager ist ein Top-Manager für Menschlichkeit geworden.

Fazit

In Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die von den Vereinten Nationen als globale Norm für Humanität bereits 1948 verkündet wurde, heißt es: "Jedermann hat das Recht auf Bildung". Dieses allgemeine Menschenrecht ist durchsetzbar mit Empathie und Engagement. Seit dem Jahr 2000 hat der Verein "Room to Read" mittlerweile fast 300 Schulen, mehr als 3.600 Büchereien und über 100 Computerräume in Asien und Afrika gegründet. Fast 2.500 Mädchen in den Ländern des Südens erhalten vom Verein Stipendien zum Schulbesuch. Eine bemerkenswerte und überzeugende Bilanz, die damit begann, dass sich einer auf den Weg machte und nicht von vornherein wusste, wo er ankommt. John Wood ist angekommen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.04.2008 zu: John Wood: Von Microsoft in den Himalaya. Murmann Verlag (Hamburg) 2007. 284 Seiten. ISBN 978-3-86774-001-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6087.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.


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