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Désirée Laubenstein: Sonderpädagogik und Konstruktivismus

Cover Désirée Laubenstein: Sonderpädagogik und Konstruktivismus. Behinderung im Spiegel des Anderen, der Fremdheit, der Macht. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2008. 385 Seiten. ISBN 978-3-8309-1910-0. 29,90 EUR.

Reihe: Interaktionistischer Konstruktivismus - Band 5.
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Thema

In ihrer Arbeit untersucht Desirée Laubenstein die Frage, wie das „Phänomen ‚Behinderung‘“ (17)[1] beobachtet, konstruiert und diskursiv bewegt wird. Dabei bezieht sie sich vor allem auf die psychoanalytisch und sprachtheoretischen Begrifflichkeiten Lacans sowie mit Foucault auf macht- und gewalttheoretische Ansätze. Der interaktionistische Konstruktivismus nach Kersten Reich bildet ihr dabei den Rahmen ihrer Untersuchung. Der Autorin geht es in ihrer grundlagentheoretischen Reflexion darum, „die scheinbaren Gewissheiten im Kontext des Phänomens ‚Behinderung‘“ (359) zu hinterfragen, bzw. „den sozialen Herstellungsprozess [desselben; TA] […] zu thematisieren“ (338).

Aufbau

Das besprochene Buch ist übersichtlich und ansprechend in sieben Kapitel gegliedert. Zu Be­ginn stehen rahmengebende Reflexionen (Kapitel eins bis zwei). In den Kapiteln drei bis fünf legt die Autorin den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die psychoanalytische Theorie Lacans. Im Kapitel sechs widmet sich Laubenstein mit Foucault Aspekten von Macht und Gewalt. Den Abschluss bildet ein „Perspektivischer Ausblick“, in dem die Autorin ihre Überlegungen resümiert. Zur Übersicht die Gliederung im Einzelnen:

  1. Perspektivische Eingrenzung
  2. Über die Frage nach Beobachterperspektiven oder Wer beobachtet wen
  3. Das Symbolische oder die Macht der Sprache
  4. Das Imaginäre oder die Geburt des Selbst durch die Spiegelung des Anderen
  5. Das Reale oder die Konfrontation mit dem „Nicht-Fassbarem“
  6. Macht- und Gewaltdiskurse
  7. Perspektivischer Ausblick

Inhalt

Im ersten Abschnitt befragt die Autorin die von ihr ausgewählten Theorieperspektiven in Bezug auf ihre Bedeutung für den sonderpädagogischen Diskurs. Sie stellt ihr Anliegen heraus, „unterschiedliche Beobachterperspektiven zu vereinen und für den sonderpädagogischen Diskurs zu thematisieren“ (26). Laubenstein geht multiperspektivisch, konstruktivistisch und an einem relativen Wahrheitsbegriff orientiert vor.

Einleitend verdeutlicht sie (Kapitel zwei), dass sich, angesichts der gesellschaftlichen Auflösung von Eindeutigkeit, auch der sonderpäd¬agogische Diskurs erkenntnistheoretischen Verunsicherungen nicht verwehren kann. Die sicher geglaubten Wahrheiten über „Behinderte“, ihre Verhaltensweisen, das, was sie ausmacht und was sie benötigen etwa, werden nun auch ganz anders beobachtbar; z. B. „durch die Betroffenen selbst“ (31), deren Selbstbeschreibungen mitnichten mit pädagogischen Beobachtungen und Definitionen konform gehen müssen.

Mit Bezug auf Lacan wendet sich die Autorin im dritten Kapitel differenzierten theoretischen Reflexionen zu; sie untersucht etwa die Sprache als durch unbewusste Prozesse bestimmt sowie in Hinblick auf ihre Bedeutung bei der Erzeugung des Phänomens der ‚Behinderung‘. Dabei kommt sie zu dem Ergebnis, dass „Sprache (…) nicht länger […, als] bloßes Austauschmedium zwischen zwei Subjekten“ (120) angesehen werden kann. Vielmehr sei als „reziprokes Konstitutionsmittel von Subjektivität und Sozietät“ (ebd.) zu analysieren. Eben­falls in der Analyse des Symbolischen legt die Autorin einen Grundstein für ihre spätere Argu­mentation, indem sie antiessentialistisch (vgl. Laclau/Mouffe 2000) festhält, dass die Suche nach einer Definition des Phänomens der Behinderung sich nicht still stellen lässt, diese „nie ans Ziel gelangen [kann]“ (121).

In Kapitel vier stellt Laubenstein mit Lacan Prozesse der Selbstwerdung „durch die Spiegelung des Anderen“ (127) in den Vordergrund. Für den Menschen und „seine Seins-Möglichkeiten“ (210) ist es demnach von elementarer Bedeutung, von seinem Gegenüber in den eigenen „Fähigkeiten der Selbstbewusstwerdung, der Selbstbestimmung“ (210), dem je spezifischen Zeitverständnis sowie in „seinen Kommunikationsmöglichkeiten und seiner Kreativität“ (ebd.) anerkannt zu werden. Gerade für Menschen mit Behinderung sei dies zentral, gehe es doch darum, die „oft verschütteten, verdeckten, (…) unverständlich erscheinenden und missverständlich interpretierten Verhaltsweisen und Ausdruckmöglichkeiten sen­sibler“ (210) wahrzunehmen. Für die Pädagogik hält Laubenstein daher eine Haltung für bedeutsam, die die einzuhaltende Normen eher in den Hintergrund rückt, sich dem „Mensch[en] und seine[n] Bedürfnisse[n]“ (211) zuwendet, ihn in seinem Sein ernst nimmt, und so die Etablierung dialogischer Verhältnisse erlaubt (vgl. ebd.).

Aspekte der Differenz, der Fremdheit und des „‘Nicht-Fassbaren‘“ (217) beleuchtet die Autorin im fünften Kapitel. Sie weist psychoanalytisch orientiert darauf hin, dass in der Begegnung mit „dem Anderen“ und insbesondere in der mit dem „Fremden“ innerspychische Pro­zesse eine Rolle spielen, in denen eigene Anteile, etwa Ängste oder Bedürfnisse, in den „Fremden“, gespiegelt bzw. übertragen werden. Ein Prozess, der in der Begegnung mit dem Fremden (gegenseitige) Verunsicherungen auslösen kann. Die Autorin macht deutlich, dass überdies stets die Gefahr besteht, den „Charakter des Außergewöhnlichen“ (255) durch Normalisierung auszulöschen. Mit Bezug auf Rommelspacher zeigt Laubenstein, dass die Son­derpädagogik angesichts dessen vor der schwierigen Aufgabe steht, Differenz weder festzu­schreiben noch zu nivellieren. Sie fordert für die Sonderpädagogik eine Haltung des Staunens ein aus der heraus „verblüffende Situationen auszuhalten “ (258) (- vielleicht könnte man sogar sagen: zu genießen!). PädagogInnen hätten demnach in solchen Situationen der Fremd­heit die Aufgabe, dem Anderen sowohl zu antworten als auch ihm Platz zum Antworten zu lassen. Dies fasst Laubenstein als „Beziehungsbereitstellung“ (258), aus der heraus die „Fähigkeiten […] [des Menschen; TA] nicht bestimmt, sondern unterstützend begleitet [werden]“ 260.

Perspektivität, Diskurs- und Machtgebundenheit wissenschaftlicher und vor allem sonderpädagogischer Aussagen stehen im sechsten Kapitel im Mittelpunkt des Interesses. So legt die Autorin für den sonderpädagogischen Diskurs dar, dass dieser durch „Prozeduren der Unterwerfung [dar, TA] […], die sich in Form von Ausschließungsmechanismen manifestieren“ (356) begrenzt wird. Sie nennt hier in Bezug auf Foucault erstens „Das Verbot“, mit dem Möglichkeiten des Sagbaren tabuisiert werden, und zweitens „die Grenzziehung“. Mit letzterem nimmt sie Bezug auf die Reproduktion der Differenz von „Vernunft und Gesellschaft“, bzw. der von „Normalität“ und „Behinderung“. Mittels beider Unterscheidungen werden immer wieder Grenzziehungen in der Gesellschaft vorgenommen, bzw. Seiten des „Innens“ und des „Außens“ in der Gesellschaft bestimmt, mithin Ausschlüsse derer betrieben, die über die Grenzziehung ausgegrenzt werden. Drittens verweist Laubenstein auf den „Wille[n] zur Wahrheit“, mit dem über den Gegensatz von wahr und falsch Ausschlüsse im sonderpädagogischem Diskurs vorgenommen werden (vgl. 356 f.). Spannend liest sich die Analyse des sonderpädagogischen Diskurses „als Normalitätsdiskurs“ (319); hier untersucht die Autorin die Konstitution von Behinderung und Normalität als sich wechselsei­tig bedingend und sogar gegenseitig hervorbringend (vgl. 318 ff.).

Im letzten Abschnitt resümiert die Autorin zunächst Ergebnisse, gegliedert unter zentralen Begrifflichkeiten ihrer Arbeit. Im abschließenden Fazit fasst sie „wesentliche Aspekte“ zusammen. Hier nimmt die Autorin noch einmal Bezug auf Reich und verdeutlicht, dass nicht die Verunsicherung der Erkenntnis – wie sie in dieser Arbeit u. a. mit Lacan und im Rahmen konstruktivistischer Ansätze vorgenommen wird – als Problem gesehen werden muss, sondern der Versuch der Vereindeutigung dasjenige ist, was gerade im Kontext von Behinderung problematisiert werden muss.

Diskussion

Die Stärke der rezensierten Arbeit liegt sicher in ihrer theoretischen Differenziertheit. Die Autorin vollzieht sehr anspruchsvolle, theoretische Reflexionen und berücksichtigt dabei in großer Breite neuere Ansätze. Diese Auseinandersetzungen bereichern den „sonderpädagogischen Diskurs“ um kritische Perspektiven und konstruktive, mitunter zutiefst humanistische Ausblicke. Für das intensive Nachvollziehen der theoretischen Ansätze nimmt die Autorin allerdings in Kauf, dass es LeserInnen, die weniger theorieerfahrenen und -begeistert sind, bisweilen schwer fallen dürfte, ihr in ihren Überlegungen zu folgen. Hier wäre es vielleicht hilfreich gewesen, gerade die zahlreichen, ausführlich zitierten Passagen noch genauer zu erläutern bzw. noch einmal in die Worte der Autorin zu fassen.

Eine weitergehende Aufarbeitung des Diskursbegriffes zu Beginn der Arbeit (vgl. 16 f.) wäre möglicherweise ebenfalls spannend gewesen, besonders da der Begriff des sonderpädagogischen Diskurses in der Arbeit zentral gestellt wird. Bisweilen bleibt unklar, ob sich die Autorin eher auf ein (post-)strukturalistisch angelegtes Diskursmodell bezieht, wie es bei Foucault angelegt ist – eines, das diskursive Funktionsweisen in das Zentrum des Interesses rückt, oder ob sie sich im Gegensatz dazu auf handlungstheoretisch orientierte Ansätze bezieht, in denen davon ausgegangen wird, dass Subjekte Diskurse gestalten.

Aus poststrukturalistischer Perspektive wäre jedenfalls darauf hinzuweisen, dass „[j]ede Wirklichkeit“ (345) eben gerade nicht nur „subjektiv konstruiert“ (ebd.), sondern auch (oder sogar nur) sozial bzw. diskursiv gebildet wird (vgl. Foucault 2003; auch Luhmann 1997). Genauso müsste festgehalten werden, dass mit der Foucaultschen Untersu­chung der Macht eben nicht mehr gemeint ist, diejenigen zu beschreiben „die die Macht besit­zen“ (359), sondern es um die Erzeugung und Reproduktion von Kraftverhältnissen geht, in denen die Macht „eher ausgeübt als besessen [wird]“ (Deleuze 1992, 100).

Die umfangreichen Bezüge auf die Arbeiten von Reich (vgl. z. B. Laubenstein, 60 ff.) lassen vermuten, dass die Autorin ihrem Doktorvater in seiner Argumentation weite Strecken folgt, worauf sie auch selbst aufmerksam macht; sie geht sogar soweit, den For­schungsgang ihrer Arbeit als „identisch“ mit dem von Reich zu bezeichnen (vgl. 342). Im abschließenden Fazit der Arbeit (vgl. 347 f.; 359 ff.) erscheint der umfangreiche Bezug auf Reich nicht unbedingt notwendig, da die Autorin mit ihren Ausführungen über Vorarbeiten verfügt, die möglicherweise noch weitergehende Schlussfolgerungen zugelassen hätten.

Zielgruppe

Das Buch stellt sicher für all diejenigen eine spannende und nützliche Lektüre dar, die sich grundlagentheoretisch, mulitiperspektivisch und kritisch für die Sonderpädagogik bzw. für das Phänomen Behinderung interessieren.

Fazit

Es bleibt der rezensierten Arbeit zu wünschen, dass sie in der sonderpädagogischen Wissenschaft breite Resonanz erfährt; das vorgestellte Programm der „Re/De/Konstruktion“ (359) des Phänomens der Behinderung leistet einen wichtigen Beitrag zur De-Ontologisierung, Ent-Biologisierung und „Entdinglichung„; und das ist, wie die Autorin zeigen kann, gerade im Diskurs um „Behinderung(en)“ von außerordentlicher Bedeutung.

Literatur:

  • Deleuze, Gilles (1992): Foucault. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Laclau, Ernesto; Mouffe, Chantal (2000): Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus. Wien: Passagen.
  • Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Band I und II. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Foucault, Michel (2003): Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt am Main: Fischer Taschen­buch.

[1] Wenn ich hier nur die Seitenzahlen notiere, beziehe mich ich auf den rezensierten Titel. Im Verlauf der Rezension nehme ich auf weitere Autoren Bezug, dies kennzeichne ich durch die Notation des jeweiligen Autorennamens.


Rezensent
Dipl. Soz. Päd./Soz. Arb. Timo Ackermann
Tätig in der Berliner Jugendhilfe und als Lehrbeauftragter; Promoviert zurzeit an der Freien Universität Berlin.
Homepage www.asfh-berlin.de/hsl/index.phtml?id=473
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Zitiervorschlag
Timo Ackermann. Rezension vom 23.04.2009 zu: Désirée Laubenstein: Sonderpädagogik und Konstruktivismus. Behinderung im Spiegel des Anderen, der Fremdheit, der Macht. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2008. ISBN 978-3-8309-1910-0. Reihe: Interaktionistischer Konstruktivismus - Band 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6093.php, Datum des Zugriffs 30.06.2016.


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