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Reinhard Sieder: Patchworks [...] (getrennte Eltern und ihre Kinder)

Cover Reinhard Sieder: Patchworks - das Familienleben getrennter Eltern und ihrer Kinder. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. 420 Seiten. ISBN 978-3-608-94506-5. 29,50 EUR, CH: 49,80 sFr.
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Thema

Die Zahl der Trennungen von Eltern nimmt in der sog. postmodernen Gesellschaft stetig zu. Individualisierung, Mobilität, Flexibilität, Globalisierung sind die soziologischen Schlagworte, die versuchen, das Familienleben und die sie prägenden Rahmenbedingungen in den der "zweiten Moderne" (Beck) zu fassen. Und dennoch lebt der "abendländische Familienmythos" weiter und wirkt sowohl in privaten als auch professionellen Bezügen. Die Kernfamilie, Vater-Mutter-Kind(er), bildet stets nicht nur den Ausgangspunkt sondern auch das zu oberst zu bewahrende Ideal und Glück. Wenn dieses nicht aufrecht erhalten werden kann, entstehen zwangsläufig Probleme, die im besten Fall zu einer zweitbesten Lösung führen.

Reinhard Sieder, Sozialhistoriker und Familiensoziologe der Universität Wien, dekonstruiert diesen Familienmythos mit seinem vorliegenden Werk in einer umfassenden, ausgesprochen differenzierten und damit zugleich behutsamen Form. Durch den leicht zugänglichen Schreibstil sowie gleichsam durch Tiefe in der Analyse und Weite in der Dekonstruktion wird eine geradezu spannende Lektüre geboten, die nicht nur Soziolog/innen, Pädagog/innen, Psychotherapeut/innen und Sozialarbeiter/innen anspricht, sondern jedweden Menschen, der seine Familienzusammenhänge kritisch zu reflektieren wagt.

Aufbau und Inhalt

Sieder beginnt diesen notwendigen und gleichsam radikalen Bruch mit theoretischer Tiefe. Zunächst skizziert er eine "kurze Geschichte der Liebe in der Moderne", um sich folgend "dem Ende der Liebe: die Trennung" zu widmen. Hierbei wird die aktuelle Forschung zu sog. "Stieffamilien" und "Einelternfamilien" detailreich rezipiert und zugleich in ihren normativen Verstrickungen nachgezeichnet. Doch, und das macht das Werk in seiner Bedeutung so ausgesprochen wertvoll, verharrt Sieder nicht in reiner Kritik sondern formuliert stets Alternativen, die deutlich wertfreier neue Denk- und Möglichkeitsräume eröffnen, ohne in Beliebigkeit verfallend eine begriffliche Schärfe zu meiden. So umfassen bspw. seine begrifflichen Kategorien der "Herkunftsfamilie, Erstfamilie und Folgefamilie" die verschiedenen "Konstellationen, Funktionen, Beziehungen und Bindungen" sehr klar und nachvollziehbar eindeutig ohne diese zugleich subtil bewertend zu diskreditieren. Welch ein Gewinn für die psychotherapeutische und sozialarbeiterische Profession, wenn sie durchweg derart reflektiert Begrifflichkeiten verwenden würde! 

Dem Buch liegen nicht nur theoretische Auseinandersetzungen zugrunde, sondern eigene empirische Untersuchungen, was die Fundierung deutlich stärkt. Sehr ausführlich wird das Design sowie das konkrete methodische Vorgehen aufbauend auf der zuvor beschriebenen Kritik einer von "religiös, ethisch und politisch bestimmten Weltanschauungen und Familienmythen" geprägten  Forschungskultur beschrieben. In insgesamt sechs durchweg spannend zu lesenden Fallrekonstruktionen wird die "radikale Offenheit der Forschung" lebendig nachvollziehbar. Nicht zuvor festgelegte, theoriebasierte Vorannahmen werden schlicht empirisch abgeglichen, sondern die komplexe Vielfältigkeit von Lebensentwürfen und deren systemischen Wirkungszusammenhängen wird mutig und zugleich detailreich beschrieben. Sieder verfällt dabei nicht der wiederum idealisierenden Verführung auf der Suche nach sog, wissenschaftlicher Wahrheit, sondern zeichnet "Dimensionen des Wirklichen" nach. Dass bei der Analyse der Textprotokolle "nach den Regeln der sozial- und kulturwissenschaftlichen Hermeneutik in einer Interpretengemeinschaft", die interdisziplinär besetzt ist, bisweilen auch psychoanalytische Sichtweisen zum Tragen kommen, mag möglicherweise dem Universitätsstandort geschuldet sein, der zugleich eng verknüpft ist mit Freud. Dies bleibt der einzig bescheidene Kritikpunkt.

Die sechs Familiengeschichten, die aus den unterschiedlichsten Akteursperspektiven mit zum Teil O–Tönen aus den Interviewsequenzen beleuchtet werden, ziehen sich durch die unterschiedlichsten Milieus von sozioökonomischer Armut geprägt über gut situierte Künstlerszenen bis hin zu extrem reflektierten Intellektuellenbeziehungen. Die jeweiligen Familienphasen Finden, Kinder bekommen, Trennungsprozesse, wiederum Finden und Entstehen von Folgefamiliensystemen, werden hierbei in der Vielfalt und Komplexität lebendig.

Im abschließenden Teil des Buches wagt Sieder eine Typologisierung im Vergleich der Fallanalysen. Diese wiederum sehr differenziert und detaillierte Systematisierung insbesondere für den "Prozess der Trennung" und den "Um- und Neubau des Familienlebens der Getrennten" in Teilprozesse hat umfassend und umsichtig die Perspektiven sämtlicher Akteure im Blick. Zugleich, und das ist dem Autor in seiner Konsequenz hoch anzurechnen, fällt er nicht in eine engmaschige Katalogisierung, die unter dem Deckmantel der Wissenschaft bloße Reduzierungen vollzieht, um durch vermeintliches Wissen gesellschaftliche (Macht-) Strukturen zu reproduzieren. Vielmehr gibt Sieder der Komplexität, dem Eigensinn subjektiver Perspektiven und damit der Lebendigkeit in den jeweiligen Lebensentwürfen einen Ermöglichungsraum der Weiterentwicklung.

Fazit

Dass die Überhöhung des sog. Kernfamilienideals mit dem Anspruch ewiger Dauer und alleiniger Wahrheit einen abendländischen Familienmythos darstellt, wird durch das vorliegende Buch in höchster wissenschaftlicher Kompetenz und gleichsam stilistischer Zugänglichkeit nachvollziehbar. Nach der durchweg fesselnden Lektüre, die zugleich mit einer umfassenden, internationalen Literaturfülle belegt ist, wird deutlich, dass eine bestehende Forschungslücke nunmehr angegangen ist. Dass dies nicht nur von akademischem Interesse ist, wird deutlich, wenn die Diskurse zu normativen Familienidealen in Jugendämtern und sogenannten Hilfesystemen betrachtet werden. Der für die professionsbezogene Historie der Sozialen Arbeit bedeutende Christoph Sachße konstatiert, dass "der normative Überhang, den die deutsche Sozialarbeit ihren Wurzeln in der bürgerlichen Frauenbewegung und der bürgerlichen Sozialreform des späten Kaiserreichs verdankt, bis heute wirksam ist" (Sachße 2000). Die Dekonstruktion dieses normativen Überhangs bezogen auf Familiensysteme ist in der Sozialen Arbeit eine höchst aktuelle Notwendigkeit. Von daher sei insbesondere den in der Sozialen Arbeit, maßgeblich in der Jugendhilfe tätigen Sozialarbeiter/innen aber auch Psychotherapeut/innen sowie Erzieher/innen dieses Buch uneingeschränkt zu empfehlen, dass sicherlich ein Standardwerk in den jeweiligen Berufsausbildungen werden wird.


Rezensent
Prof. Dr. Stefan Bestmann
Seit 2009 Gastprofessor (halbes Deputat) für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig. Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, Praxisforschungen und Evaluationen.
Homepage www.eins-berlin.de
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Zitiervorschlag
Stefan Bestmann. Rezension vom 17.11.2008 zu: Reinhard Sieder: Patchworks - das Familienleben getrennter Eltern und ihrer Kinder. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-608-94506-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6110.php, Datum des Zugriffs 01.06.2016.


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