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Reto Eugster, Monika Wohler (Hrsg.): Neues Altern

Reto Eugster, Monika Wohler (Hrsg.): Neues Altern. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2008. 92 Seiten. ISBN 978-3-8334-8007-2. 14,10 EUR, CH: 25,00 sFr.

Bd. 1 der Reihe „Einblicke. Ostschweizer Beiträge zur Praxis, Lehre und Forschung“.

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Thema und Überblick

Es sind sehr unterschiedliche Beiträge, die in jenem rund 90-seitigen Band "Neues Altern" der FHS St. Gallen (bzw. des an ihr angesiedelten "Kompetenzzentrum Generationen") versammelt sind. Der Band verspricht "Ein­blicke" durch "Ostschweizer Beiträge zur Praxis, Lehre und Forschung" – der Titel verrät zunächst nicht allzu viel zu erwartbaren inhaltlichen Konturen. Und auch das knappe Vorwort gibt hier keine Hilfe (obwohl nach der Lektüre des Bandes es durchaus wünschbar und in Maßen auch möglich erschiene, einige gemeinsame interpretative Schneisen quer durch die so unterschiedlichen Beiträge freizulegen). Immerhin sei soviel schon verraten: Die Ambivalenzen des Alterns durchziehen viele Beiträge des Bandes, ohne auf eine sympathisch-realistische Orien­tie­rung auf die Potenziale des Alter(n)s zu verzichten und insbesondere auch eine Normalisierungsperspektive wo immer möglich stark zu machen. In der Rezension werden einige Beiträge etwas genauer besprochen, um Grenzen und Möglichkeiten des Bandes zu verdeutlichen.

Inhalt

angesprochene Perspektive wird bereits an dem ersten Beitrag des Innsbrucker Psychologen, Psychoanalytikers und Sexualtherapeuten Josef Christian Aigner (Wie die Alten sungen…? Kritische Anmerkungen zum Diskurs über die Sexualität alter Menschen) deutlich. Es ist ein überaus erfahrungsgesättigter Aufsatz auf der Grundlage von 15 Jahren therapeutischer Arbeit mit jüngeren und älteren Menschen (und der einschlägigen u.a. sexual- und teilweise sozialwissenschaftlichen Fachdebatte). Er hinterfragt entschieden eine sexualitätsbezogene Altersleistungsethik, die in dem Aufsatz inspirierend in den Kontext eines überzogenen Juvenilitätsstrebens und eines Aktivierungsdiskurses gestellt wird. Gemeint ist jener Aktivierungsdiskurs, wie er von so unterschiedlichen Kräften wie dem SeniorInnenmarkt, der Sozialpolitik und Teilen der sozialwissenschaftlichen Alternsdiskurse vorangetrieben wird und seit einiger Zeit nicht zuletzt auf dem Fundament der Körpersoziologie (und entsprechenden gerontologischen Ausbuchstabierungsversuchen) besser gesehen und entschlüsselt werden kann. Er hinterfragt darüberhinaus allzu schnell postulierte angebliche Zusammenhänge mit dem Alter, wo teilweise eher sehr genau auf Geschlechtsrollen ebenso geachtet werden müsste wie auf die genaueren Erlebensdimensionen und Wahrnehmungsweisen sexueller Aktivität. Es ist ein gut lesbarer Text mit essayartigen Zügen auf der Basis wichtiger Grundlageninformationen, dessen entschiedene Absage an ein normierendes und vereinheitlichendes Konstrukt einer "Alterssexualität" zu gründlichem und differenzierterem Nachdenken einlädt.

Walter Rehberg von der FHS St. Gallen thematisiert individuelle und gesellschaftliche Formen und Folgen von Ageism im Alltag und stellt wichtige Forschungsergebnisse zu dieser Thematik zusammen. Ausgangspunkt für ihn ist, dass "unsere Gesellschaft (…) derart von Ageism durchdrungen (ist), dass es den meisten von uns kaum auffällt, wenn Menschen aufgrund ihres Alters diskriminiert oder stereotype Einstellungen gegenüber 'dem Alter' geäußert werden (S. 16). Ageism wird als Prozess von Etikettierung, Stereotypisierung, Ausgrenzung, Diskriminierung und Statusverlust verstanden. All diese Prozesse bzw. Strategien werden gut verständlich erläutert und aufeinander bezogen, wobei Rehberg auch hier immer wieder essayartig seine problematisierende Einschätzung klar offenlegt. Instruktiv untersucht er die neueren gerontologischen Topoi der Entstrukturierung und Individualisierung des Alters sowie der Konzepte des "erfolgreichen" oder "aktiven Alters" daraufhin, inwiefern durch sie stereotype Vorstellungen älteren Menschen gegenüber abgeschwächt, bzw. durch einen normativen positiven Referenzrahmen eben auch gestärkt werden. Dies ist bedenkenswert insbesondere hinsichtlich der momentan besonders stark diskutierten Orientierungen an Potenzialen des Alters (u.a. im jüngsten deutschen Altersbericht) und der oben bereits angesprochenen Aktivierungsprogrammatik. Die Teile zu Funktionen und Folgen von Ageism verstärken die am Anfang des Artikels bereits deutliche Anlage eines kompakt informierenden – und als solchen sehr begrüßenswerten – Über­blicksaufsatzes auf der Basis einer gründlichen Literaturübersicht, der freilich etwas unvermittelt endet.

Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Peter Bäurle steuert einen Beitrag zu Angststörungen im Alter bei. Die Bedeutung der Thematisierung liegt nicht zuletzt darin, dass eine Reihe von Interventionsüberlegungen auch Schnittmengen zu Feldern haben, in denen Soziale Arbeit mit Älteren stattfindet. Außerdem macht Bäurle auf den deshalb besonders folgenreichen Befund aufmerksam, dass die Forschung Ängste im Alter bisher geradezu ignoriert hat. Angesichts des Alltagsverständnisses wie auch wissenschaftlicher Plausibilitätsüberlegungen wird zunächst die vergleichsweise geringe Prävalenzrate von Angststörungen erläutert und problematisiert. Im Weiteren geht es um die Problematik sinnvoller Diagnostik sowie um Überlegungen zur Entstehung von Ängsten im Alter, schließlich um die unterschiedlichen Formen der Therapie. Der Beitrag ist über einige Strecken durch seine teils psychiatrische, teils geriatrische Argumentation und die entsprechenden Begrifflichkeiten für Nichtfachleute schwer verständlich, während er in einigen Abschnitten ähnlich den anderen Beiträgen fast den Charakter eines kompakt einführenden Handbuchcharakters hat.

Kooperation in familial-professionellen Pflegearrangements ist das Thema von Robert Langen – wie Rehberg Professor an der FHS St. Gallen. Es geht mithin um die Mischformen zwischen informellen und formellen, alltagsweltlichen und bezahlt-pro­fes­sio­nel­len Unterstützungsbeiträgen und -arrange­ments, die gerade im Kontext familialer Pflege – endlich! – im­mer mehr Aufmerksamkeit gewinnen. Die sinnvolle Rede von "Pflegearrangements" setzt einen kontextuierenden Blick voraus, der u.a. Solidarität im Kontext von Erwartungen, Verpflichtungen, "Opportunitätskosten" verstehbar werden lässt, der aber auch bspw. Grenzen, Überlastungssituationen sichtbar macht und damit zugleich Kriterien freisetzt für die sehr unterschiedlichen Unterstützungsnotwendigkeiten. Diese werden keineswegs schon durch das blosse Vorhandensein und die Aktivität von Diensten eingelöst, der kontextuierende Fokus des Aufsatzes macht vielmehr deutlich, wie anspruchsvoll die nötigen Abstimmungs- und Kommunikations- sowie Kooperationsprozesse zwischen allen Beteiligten sind – sie sind ausgesprochen voraussetzungsvoll. Langen gibt viele Hinweise für qualitativ tiefergehende Kooperationsverständnisse und –for­men und dafür, dass nur solche den Bedürfnissen der meisten Pflegehaushalte und ihren Mitgliedern wirklich angemessen begegnen. Dabei ist es sehr hilfreich, die fundamental unterschiedlichen "Logiken" der Angehörigenrolle einerseits, der Rolle professionell Pflegender in ambulanten Diensten andererseits zu analysieren und hierbei darüber hinaus die unterschiedlichen pflegekulturellen Orientierungen zu unterscheiden, die in mehreren Untersuchungen mittlerweile aufgezeigt wurden. Damit verbieten sich normierend-normalisierende Kooperationsmodelle und ergibt sich die Notwendigkeit, die Zusammenarbeit im welfare mix auf der hier verhandelten Mikro- und Mesoebene passgenau auszubuchstabieren. Dass intermediäre Partner wie bürgerschaftliche Pflegebegleiter hier weitere Ressourcen einbringen könnten, deutet Langen im Ausblick deutlicher an als die durchaus erwartbare Schwierigkeit: dass die Rollenvielfalt hier noch weiter verstärkt wird und die Kooperationsthematik sich nochmals differenzierter stellt.

Der Beitrag der Schweizer Alt Nationalrätin Angeline Fankhauser thematisiert "TeleHomeCare (als) ein neues Konzept für die Altershilfe". Es geht um eine Verbindung von neuer Dienstleistung und Gerontec, wie sie bereits in mehreren europäischen Ländern in Modellversuchen erprobt wurde: Das auch bei älteren Menschen überaus weit verbreitete und vertraute Medium des Fernsehens wird genutzt, um interaktive Dienst- und Beratungsleistungen leicht erschließ- und erreichbar zu machen. Der Aufsatz stellt sehr knapp die wesentlichsten konzeptionellen Basisinformationen und –annahmen dar und formuliert eher programmatische Leitlinien. Daneben kommen durchaus hochgesteckte Erwartungen (Potenz, den Heimeintritt zu verschieben) sowie einige bedenkenswerte Fallstricke zur Sprache – vorgetragen freilich mit einigen Versatzstücken politischer Fensterrede und leider weitgehend ohne empirische Ergebnisse. Keine Frage, dass dieses Modell eine differenzierte Erprobung und Würdigung verdient, allerdings entscheiden sich seine Qualitäten in der genauen und detailsensiblen Ausgestaltung und entsprechende Reflexionen erst brächten die Fachdebatte voran.

Der Silvermarket-Diskurs mit seiner internationalen Hochkonjunktur wird im vorliegenden Band bereichert um einen auf die Schweiz bezogenen Beitrag von Oliver Gassmann und Marcus Matthias Keupp (beide Uni St. Gallen). Die klassischen Zutaten der Diskussion – Demografie, hohe Kaufkraft, Abwehr eines Defizitmodells, positive Kohorteneffekte künftiger bildungsgewohnter und anspruchsvoller Älterer – werden nicht wirklich neu aber informativ argumentativ verknüpft. Zentral wird das Universal Design als Produktentwicklungsstrategie hervorgehoben und mit aussagekräftigen Beispielen plausibel begründet. Dabei bezieht sich die Strategie nicht nur auf die Technik selbst, sondern versteht sich sehr viel umfassender auch auf Marketing- und Kommunikationsstrategien. Erfolgskriterium ist dabei recht unverstellt der Markterfolg – zum Sinn und Unsinn von "Cosmeuticals" und "funtional food" wäre freilich eine genauere Debatte zu führen. Spätestens bspw. beim Thema Wohnen im Alter aber wird auch aus gerontologischer Sicht der ungemein überzeugende Grundansatz des Universal Designs sehr deutlich – und hier würde die aus gesellschaftlicher Sicht zentrale (und im letzten Absatz rasch gestreifte) Frage nach den meritorischen Gütern, letztlich nach dem Zusatznutzen für die alternde Zivilgesellschaft, auch deutlich erfüllt.

Design for all ist auch im Aufsatz zu "Ageing-Friendly User Interfaces" von Edith Maier (FHS St. Gallen) eine zentrale Leitlinie. Der englischsprachige Beitrag basiert auf einem Literaturreview zu einschlägigen Guidelines sowie einer Vorstudie im "Feld" des Internet. Und ob Seniorenmedien das sind, was die neuen Alten wirklich brauchen (S. 84) fragen Reto Eugster und Manfred Weise in einem Wiederabdruck eines NZZ-Beitrags zu SeniorInnen als wachsender Zielgruppe. Er verschafft wesentlich einen Überblick über die Zeitschriften und Internetangebote, die sich explizit an Ältere adressieren, fügt einige kritische Fragen an, enthält sich aber einer weitergehenden Diskussion - eine nützliche empirische Bestandsaufnahme, auf deren Grundlage die Diskussion unter dem Normalisierungsaspekt sehr sinnvoll begonnen werden könnte, hier aber noch nicht geführt wird.

Diskussion und Fazit

Bleiben noch wenige zusätzliche Bemerkungen vor einem Fazit: Der Band ist erfreulich gestaltet. Er bietet u.a. Erschließungshilfen in Form von den Aufsätzen vorangestellten Abstracts sowie deutschen Keywords. Die Gliederungssystematik mancher Beiträge wäre durchsichtiger nachvollziehbar, wenn offensichtlich vorhandene mehrfache Überschriftenebenen als solche auch gekennzeichnet wären. Damit zu einer knappen Gesamteinschätzung: Ob es genügend inhaltliche Klammern gibt, die es – jenseits eines auf Außendarstellung und Wissenschaftsmarketing gerichteten Bandes – sinnvoll erscheinen lassen, die sehr heterogenen Aufsätze in einem gemeinsamen Band zu versammeln, kann in der Tat hinterfragt werden. Dagegenzuhalten wäre, dass es uneingeschränkt wünschenswert ist, dass sich bspw. Bildungs- und Forschungseinrichtungen gemeinsam und möglichst synergetisch vernetzend im interdisziplinären Diskurs um das Thema der älter werdenden Gesellschaft als "Querthema" kümmern. Entsprechend signalisieren Bände wie der vorliegende wichtige Aufbruchstendenzen einer bewusst versuchten Normalisierung gerontologischen bzw. gerontologisch informierten Forschens und Lehrens. Die Heterogenität der Themen, Orientierungen, methodologischen Zugänge usw. signalisieren auch hier freilich noch ein anderes: dass trans- oder interdisziplinäres Forschen noch nicht wirklich eingelöst ist, dass es bestenfalls gut anschlussfähige Schnittfelder und thematische Kristallisationspunkte noch getrennt-disziplinärer Auseinandersetzung gibt. Gewiss dienen Beiträge wie die hier versammelten in einer solchen Situation auch notwendiger- und sinnvollerweise der Kommunikation nach innen – im vorliegenden Falle allerdings wäre es in der Tat schade gewesen, wenn die Beiträge nicht auch nach außen adressiert worden wären. Vor allem gewissermaßen die Beiträge als Einzelne. Den Band an der Messlatte eines konsistent und systematisch konzipierten Sammelbandes für den Buchmarkt zu messen, wäre insofern fast ein wenig ungerecht.


Rezensent
Dr. Ulrich Otto
Professur für Sozialmanagement
Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Erziehungswissenschaften


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Zitiervorschlag
Ulrich Otto. Rezension vom 24.04.2008 zu: Reto Eugster, Monika Wohler (Hrsg.): Neues Altern. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2008. 92 Seiten. ISBN 978-3-8334-8007-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6117.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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