Karl-Heinz Henze, Gudrun Piechotta (Hrsg.): [...] Belastungen des pflegerischen Alltags
Karl-Heinz Henze, Gudrun Piechotta (Hrsg.): Brennpunkt Pflege. Beschreibung und Analyse von Belastungen des pflegerischen Alltags. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2003. 230 Seiten. ISBN 978-3-935964-08-1. 22,90 EUR.
Einführung in das Thema
"Belastungen in der Pflege" ist zwar kein besonders neues, aber immer noch aktuelles Thema; es ist inzwischen wohl allgemein bekannt, dass - sowohl in Kranken- als auch in Altenpflege - die Pflegenden häufig bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit tätig sind und sogar darüber hinaus. Ausgebrannt sein, Flucht aus dem Feld bzw. dem Beruf sind oft die Folge. Und die Rahmenbedingungen verschlechtern sich eher als dass der oft zu große Belastungsdruck verringert würde.
Was im Einzelnen belastet, welche Rahmenbedingungen erschwerend sind, wie mit den Belastungen umgegangen wird, auch das ist schon öfter in der Fachwelt erörtert worden. Man höre aber des Öfteren, so die Herausgeber von "Brennpunkt Pflege", dass die Außenwelt - und dazu werden auch Auszubildende gezählt - sich keine Vorstellung davon machen könne, wie es in den verschiedenen Bereichen der Pflege vor Ort wirklich aussehe. Im vorliegenden Buch werden persönliche Erfahrungsberichte vorgelegt und jeweils analysiert.
Zur Entstehung des Buches
Über einen Aufruf in der Zeitschrift "Dr. med. Mabuse" wurden Menschen gesucht, die längere Zeit in der Pflege arbeiteten bzw. gearbeitet hatten und bereit waren, über ihre Erlebnisse einen Bericht zum Thema "Belastungen in der Pflege" zu schreiben. Auch mittels Faltblätter, an Hochschulen mit entsprechenden Studiengängen, durch persönliche Ansprache suchte das Autorenteam in Pflege Erfahrene, um auf diese Weise Berichte über erlebte Belastungen im Pflegealltag zu erhalten. Aus den so gesammelten Beiträgen wurden dann die im Buch vorliegenden ausgewählt; Fachleute aus dem Bereich der Pflegewissenschaften verschiedener Universitäten und Fachhochschulen analysierten und kommentierten diese dann jeweils von unterschiedlichen Ansätzen her, mit teilweise umfangreichen Literaturlisten.
Aufbau und Inhalt
Nach jeweils einem oder zwei Beiträgen (teilweise unter einem Pseudonym geschrieben) zu einem speziellen Thema folgt eine Analyse mit teilweise sehr umfangreichen Literaturlisten zum Schwerpunkt bzw. zum Kontext der Analyse.
In der ersten Sequenz berichten zwei Krankenpfleger über das, was sie in der stationären onkologischen Pflege besonders belastet hat und wie sie damit umgingen. Beide Autoren haben dieses Berufsfeld verlassen. - Drei Wissenschaftler analysieren diese Berichte. Auf einen theoretischen Teil über Belastungen und Belastungsfaktoren folgt eine überwiegend sprachwissenschaftlich ausgerichtete Analyse. Im letzten Abschnitt werden die heraus gearbeiteten Problemkategorien zusammengefasst und es werden Anregungen für "Verbesserungen von Arbeitsbedingungen und Kommunikationsstrukturen" (53) formuliert.
In der zweiten Sequenz berichtet eine Krankenschwester über ihre Erfahrungen auf der Intensivstation, vor allem im ethischen und humanitären Bereich sowie in Bezug auf Kommunikation mit Ärzten und Angehörigen. Sie arbeitete, als sie den Bericht schrieb, weiterhin auf einer Intensivstation. - Die Analyse fängt an mit einem persönlichen Brief an die Verfasserin des Berichtes. Ihren systemisch-analytischen Fokus richtet die Autorin dann auf die Kooperation; im Resümee wird betont, dass gute Kooperation Handlungsfähigkeit bewirke, dass aber strukturelle Änderungen in den Systemen dazu notwendig seien.
Im nächsten Teil, der auch von einer Intensivstation handelt, geht es vor allem um die Belastung durch die häufige Konfrontation mit Sterben und Tod. - In der Analyse werden die dargestellten Belastungen durch die Autorin anhand von Ausschnitten aus Protokollen ihrer eigenen Seminare usw. als relativ häufig bestätigt. Sie hofft, dass die Akademisierung von Pflege dazu beitragen möge, diese zu verringern.
Es folgt ein Bericht einer Krankenschwester über ihre Erlebnisse in der Transplantationsmedizin. Sie hatte den OP-Bereich gewählt um der Arbeit auf einer Station zu entkommen, erlebt hier aber unerwartet schwerwiegende Belastungen im Kontext des Umgangs mit Leichenteilen. - In der Analyse setzt sich die Autorin mit den geschilderten Emotionen und Tabus auseinander. Im Nachwort wird vorauseilend zu erwarteter Kritik Stellung genommen, wie u. a. das Einseitige der Stellungnahme. Es wird nachdrücklich professionelle Unterstützung bei der Bewältigung der beschriebenen Belastungen eingefordert.
In der folgenden Sequenz referiert die Verfasserin die Darstellung einer Interviewten über die Doppelrolle als Krankenschwester und Tochter zum Problem von Nähe, Engagement und Distanz, einmal als professionell Pflegende und dann als Angehörige. - Der analysierende Autor legt den Schwerpunkt auf die Gratwanderung zwischen der von der beruflichen Ethik geforderten Beziehungsarbeit und der gleichzeitig geforderten beruflichen inneren Distanz.
Ein Krankenpfleger mit nur wenigen Erfahrungen in der ambulanten Pflege begann seine berufliche Laufbahn in einer gerontopsychiatrischen häuslichen Pflegeeinrichtung und erlebte viele Versagenssituationen sowie Mängel in der Organisation und anfangs sehr wenig Unterstützung und Verständnis von Seiten der Kollegen und der Vorgesetzten. Der Verfasser hat dieses Berufsfeld inzwischen verlassen. - In der Analyse hebt die Autorin die an verschiedenen Stellen zu Tage tretenden Diskrepanzen und Unzulänglichkeiten hervor. Der Bericht über Überforderungssituationen werde eingerahmt von zwei Abschnitten: Zu Anfang die berufliche Vorgeschichte und zum Schluss sein Weg nach anderthalb jähriger Tätigkeit bei dieser Pflegestation. Sie fordert Verbesserungen im Qualitätsmanagement, sieht dabei aber viele Probleme.
Eine Altenpflegerin berichtet, wie sie durch schlechte strukturelle Faktoren, ständigen Zeitmangel, geringe berufliche Motivation von Kollegen, Bürokratie und ein zu kurz kommendes Privatleben ständig überlastet war. Sie wechselte in ein anderes Pflegeheim, wo zwar die Bezahlung schlechter, die Arbeitsbedingungen dafür aber besser seien. Ein Zivildienstleistender nahm eine Stelle in der Altenpflege an, da andere nicht mehr zu bekommen waren. Er wird kaum eingearbeitet und berichtet über Übergriffe den Bewohnern gegenüber sowie über allgemeine Ruppigkeit. Er macht u. a. Geld- und Personalmangel, Stress, mangelnde Motivation dafür verantwortlich. Er sieht viele Vorurteile Heimen gegenüber bestätigt, erlebt seine Erfahrungen aber als wertvoll. - In der Analyse greift die Autorin einzelne Themen (chronische Überlastung, Gewalt usw.) auf und fügt theoretische Exkurse ein. Sie bezeichnet die beschriebenen Situationen als "Institutionelle Anomie" (192); die Leitungen seien offenbar nicht in der Lage, eine stabile Ordnung zu schaffen und würden sich eher aggressiv den Mitarbeitenden gegenüber verhalten. Solche Team- und Leitungskulturen sieht sie als "gewaltförderndes Potential" (204).
Im folgenden Abschnitt berichten eine studentische Aushilfskraft und eine in der Altenpflege unerfahrene Krankenschwester über ihre Erlebnisse. Der Studentin waren vor allem die Monotonie des Heimlebens und mangelnde Förderung der Bewohner wichtig in ihrem Bericht. Sie fordert die Umsetzung von Artikel 25 der Europäischen Charta der Grundrechte (209) ein. Die Krankenschwester wählte dieses Arbeitsfeld als Vorbereitung auf ihr Studium als Lehrerin für Pflegeberufe. Ihr machten mangelnde medizinisch-pflegerisches Wissen bzw. die fehlende Umsetzung sowie die erlebte Gleichgültigkeit des Personals sehr zu schaffen. Sie blieb dort drei Monate. Die Autorin der Analyse gibt an, dass die beschriebenen "Zumutungen" (219) längst bekannt sind, sowohl in der Fachöffentlichkeit als im politischen Bereich. Sie greift die berichteten Mängel und die Ohnmacht der Pflegenden auf und beschreibt deren Strategien der versuchten Bewältigung.
Der letzte Abschnitt, überschrieben mit "Veränderungen?" (225) fasst die Situation der Pflegenden zusammen und es wird angegeben, in welchen Bereichen und auf welchen Ebenen sich notwendige Wandlungsprozesse vollziehen müssten.
Zielgruppe
In der Vorbemerkung wird als Ziel des vorgelegten Buches angegeben, man wolle Öffentlichkeit schaffen, Diskussionen initiieren und zu positiven Veränderungen beitragen. Ferner erhoffe man sich, dass die Lesenden zu eigenen Reflexionen über Pflegearbeit angeregt werden und eigene "blinde Flecken" (10) erkennen mögen. Die Herausgeber wenden sich sowohl an die Basis, an in der Pflege Tätige, als auch an Funktionsträger die Änderungen ermöglichen könnten.
Diskussion
Es wird ein sehr breites Spektrum als Zielgruppe formuliert: einmal diejenigen, die Veränderungen herbeiführen könnten und dann jene, die in der Pflege arbeiten. Ein schwieriges Unterfangen. Vor diesem Hintergrund ist die Form einiger Analysen als problematisch zu bezeichnen, wie etwa die von sprachwissenschaftlichen Inhalten gekennzeichnete: Es ist zu fragen, inwiefern diese Ausführungen zum beabsichtigten Ziel beitragen?
In der Analyse zur Transplantationsarbeit wird der Hinweis (und die Ermutigung) vermisst, dass eine ausdrückliche Zustimmung zur Organspende vorliegen muss, dass also der Wille der Verstorbenen der Grund für die sehr belastende Arbeit ist; gewissermaßen sein letzter Wille.
Die Berichte werden sicher einen hohen Wiedererkennungswert für viele Leser/innen haben; sie werden sich wohl in ihrem Unbehagen bestätigt sehen - und hoffentlich die angesprochene Reflexionsarbeit leisten. Die in den Analysen geforderten Veränderungen gleichen sich; man kann dem auch nur zustimmen. Aber - ob es was bewirkt? Das klingt manchmal an, denn bei manchen Darstellungen klingt ein etwas resignativer Unterton mit. Es ist bezeichnend, dass viele der Berichtenden das spezielle Feld, über das sie berichten, verlassen haben. Sie bauen eine "höhere" Laufbahn auf ihre Erfahrungen auf oder arbeiten in einem anderen Kontext weiterhin in der Pflege.
Fazit
Insgesamt hinterlässt das Buch den Eindruck, der in der letzten Analyse beschrieben wird: "Das Heim - eine Bastion" und: "Veränderungen?" (224 f., Fragezeichen von der Rezensentin fett gedruckt) - wobei auch die anderen Institutionen (Krankenhaus, ambulante Pflege) mit gemeint sein können.
Ein überflüssiges Buch? Es gibt ja schon etliche, die sich mit der gleichen Thematik befassen und zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen. Und es kommen noch mehr auf den Büchertisch. Pflege bleibt wohl noch ein Brennpunkt. Trotzdem spiegeln diese Berichte nicht die ganze Realität wider. Es soll zwar nicht geleugnet werden, dass es die beschriebenen Belastungen gibt (und auch noch zusätzliche), aber in vielen Institutionen werden schon seit längerem, nüchtern aber engagiert, erfolgreich Veränderungen in die Wege geleitet - auch wenn dort nicht mehr Geld dafür zur Verfügung steht als anderswo. Solchen täte man Unrecht, würde man es beim Vorgelegten belassen. Vielleicht würde eine entsprechende Veröffentlichung, etwa unter dem Vorzeichen - frei nach Galilei - "Und sie bewegt sich doch!" mehr bewirken als eine Neuauflage negativer Berichte.
Rezensentin
Kinie Hoogers
Diplom-Pädagogin
Fortbildungen in der Altenpflege, Gerontologische und altenpflegerische Forschung
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Kinie Hoogers. Rezension vom 12.10.2004 zu: Karl-Heinz Henze, Gudrun Piechotta (Hrsg.): [...] Belastungen des pflegerischen Alltags. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2003. 230 Seiten. ISBN 978-3-935964-08-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/612.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Günther Wallraff: Aus der schönen neuen Welt
Jutta Ihle: Pflegerische Krisenintervention
Stellenangebote
Psychologen, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen als Gesundheitsmanager (w/m), Stuttgart
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
