Franz Frey: Chancen und Grenzen von Wirkungsorientierung in den Hilfen zur Erziehung
Franz Frey: Chancen und Grenzen von Wirkungsorientierung in den Hilfen zur Erziehung. Deutscher Universitätsverlag (Wiesbaden) 2008. 158 Seiten. ISBN 978-3-8350-7026-4. 29,90 EUR.
Mit Geleitw. von Mechthild Wolff und Michael Köhler.
Thema
Kein Zweifel: Er weiß, wovon er redet, und er argumentiert differenziert. Denn wenn der stellvertretende Leiter des Geschäftsbereichs ‚Flexible Hilfen München des Diakonischen Werks Rosenheim’ eine Masterarbeit im Rahmen eines berufsbegleitenden Studiengangs ‚Sozialmanagement’ zu einem solchen Thema verfasst, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich praktisch fundierter Sachverstand mit einem differenzierten sozialwissenschaftlichen Zugang zu einer produktiven Perspektive verbinden: Mit diesem Buch ist es Frey gelungen, die aktuelle und zugleich brisante wie auch komplexe Frage zu klären, wie der Nachweis des Nutzens von Erziehungshilfen mit Methoden erbracht werden kann, die zum einen in der Praxis regelmäßig und systematisch einsetzbar sind und zum anderen aber auch valide und zugleich reliable Aussagen zu generieren in der Lage sind.
Im Zuge dieser Fachdebatte, die ja nicht zuletzt vor dem Hintergrund des groß angelegten Bundesmodellprojekts noch immer in vollem Gange ist, legt Frey ein wichtiges Zwischenfazit vor, das es erlaubt, sich einen Überblick über die inzwischen erreichten Fortschritte zu verschaffen und gleichzeitig auch alle bisher noch ungelösten Fragen und Forschungsprobleme in diesem Bereich im Auge zu behalten.
Aufbau und Inhalt
In einem ersten, sehr grundlegenden Kapitel zur grundsätzlichen Notwendigkeit von Wirkungsorientierung fallen vor allem zwei Überlegungen sehr positiv ins Auge: Zum einen wird nämlich deutlich, dass gerade in den Erziehungshilfen diese Debatte als eine logische Konsequenz aus der Qualitätsdiskussion der letzten Jahre verstanden werden muss. Zum anderen macht Frey ganz deutlich, dass die Perspektiven der Wirkungsorientierung vor allem im Hinblick auf die Chancen gesehen werden müssen, die für die Nutzerinnen und Nutzer damit verbunden sind, auf weiter verbesserte Leistungen der Jugendhilfe zurück greifen zu können.
Auf dieser Einstimmung ins Thema aufbauend, folgt dann konsequent eine sehr differenzierte Darstellung des Stands der Forschung: Die zentralen Studien (JES, JULE usw.) aber auch viele anderen Ansätze werden diskutiert und fachkundig – auch aus der Sicht des Praktikers – bewertet. Dass dabei vor allem Augenmerk auf die Frage nach identifizierbaren Einflussfaktoren gelegt wird, macht im Blick auf den Nutzen für die Klientinnen und Klienten natürlich besonders Sinn. Auch auf die Perspektiven und die Grenzen des noch laufenden Bundesmodellprojekts geht Frey dabei ein.
Die Praxisforscherinnen und Praxisforscher unter den Lesern werden dem nun folgenden Kapitel besondere Aufmerksamkeit schenken: Hier werden die Instrumente zur Evaluation und Wirkungsmessung vorgestellt und einander gegenüberstellend kritisch bewertet.
Die praktischen Herausforderungen für die Leistungsträger stehen im nächsten Abschnitt im Vordergrund: Sowohl die Frage nach den Möglichkeiten und Perspektiven von wirkungsorientierten Leistungsvereinbarungen als auch die sinnvolle Auswahl möglichst valider Indikatoren, ja möglicher Weise sogar Prädiktoren für eine gute Praxis der Erziehungshilfen werden hier aufgegriffen und aus der Sicht des Praktikers diskutiert.
Wie kann schließlich eine auf Wirkungsorientierung ausgerichtete Praxis aussehen? Wie kann an der Weiterentwicklung der Qualität des Alltagsgeschäfts in den Erziehungshilfen weiter gearbeitet werden? Diesen Fragen und ganz konkreten Vorschlägen dazu ist der letzte Abschnitt dieser gelungenen Arbeit gewidmet: Qualifizierung im Bereich der Zielformulierung, Beteiligung von Nutzern, Kooperation von Leistungsträgern und Leistungserbringern sowie ein verändertes Bewusstsein beim pädagogischen Fachpersonal sind nur einige Stichworte, die die breite Palette an Ansätzen deutlich machen und alle vom Leitgedanken getragen sind, Wirkungsorientierung als eine Chance für die Erziehungshilfen zu begreifen.
Abgerundet wird die
Gesamtargumentation dieses Buches dadurch, dass Frey noch
einmal auf den Begriff der Wirkung selbst und auf seine nicht
unproblematische, weil teilweise schlicht falsche Verwendung in
dieser Debatte kritisch - wohl auch selbstkritisch - eingeht: „Von
Ergebnissen zu sprechen, die in einem gemeinsamen Prozess erreicht
wurden, deren Ursachen aber nicht immer nachvollziehbar sind, trifft
also die Realität in den Hilfen zu Erziehung wesentlich besser
als der Begriff der Wirkung. Ein erster Schritt hin zu
wirkungsorientiertem Handeln kann darin liegen, dass man Ergebnisse
nachweist bzw. sein Tun auf die Erzielung guter Ergebnisse
ausrichtet. Im zweiten Schritt muss dann die wirkungsorientierte
Evaluierung erfolgen, die Rückschlüsse auf Wirkungen geben
kann. Da es nur wenig tatsächliches Wissen über Wirkungen
von Hilfen zur Erziehung gibt, kann man zwar Ergebnisse darstellen,
damit aber auch Wirkungen zu versprechen, wäre gewagt und nicht
haltbar.“ (S. 145)
Angesichts der legitimen Fragen von
Politik und Gesellschaft nach der Wirksamkeit dieser ja schließlich
öffentlich finanzierten Aufgaben, ist eine solche Haltung mutig
und gleichzeitig aufrichtig, macht sie doch klar, wo die Perspektiven
und auch die Grenzen unserer Bemühungen liegen, empirische
Zugänge zu einem so komplexen pädagogischen und
psychologischen Geschehen wie dem im Alltag der Erziehungshilfen zu
entwickeln.
Fazit
In den Hilfen zur Erziehung kann in der Regel nicht von Wirkungen im strengeren Sinne geredet werden. Dies macht Frey mit seiner Arbeit auf eine wohltuende Art einerseits klar. Von dieser Prämisse dann aber ausgehend, werden sehr sinnvolle Perspektiven entwickelt. Sie können sowohl der Praxis als auch der nach empirischen Zugängen forschenden Wissenschaft, sowohl den politisch Verantwortlichen als auch den öffentlichen Trägern der Kosten der Erziehungshilfen wichtige Hinweise liefern, wie die gemeinsamen Bemühungen, bestmögliche Leistungen im Sinne der Klientinnen und Klienten zur Verfügung zu stellen, weiter entwickelt werden könnten. Und dies macht das vorliegende Buch - und durchaus auch die einzelnen Abschnitte jeweils für sich genommen - für alle Akteure und auch für Studierende der Sozialen Arbeit lesenswert und zu einer Basis, von der aus nicht zuletzt auch im Sinne der Entwicklung einer gemeinsamen Diskussions- und Streitkultur wichtige Impulse entstehen können.
Rezensent
Prof. Dr. Joachim König
Evangelische Hochschule Nürnberg, Fakultät für Sozialwissenschaften.
Allgemeine Pädagogik, Empirische Methoden, Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit, Jugend- und Erwachsenenbildung, Praxisberatung und Fortbildung in Qualitäts- und Evaluationsfragen.
Leiter des Instituts für Praxisforschung und Evaluation im kirchlichen, sozialen und Bildungsbereich.
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Zitiervorschlag
Joachim König. Rezension vom 03.09.2009 zu: Franz Frey: Chancen und Grenzen von Wirkungsorientierung in den Hilfen zur Erziehung. Deutscher Universitätsverlag (Wiesbaden) 2008. 158 Seiten. ISBN 978-3-8350-7026-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6123.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.
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