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Matthias Küchler (Hrsg.): Was kommt nach der Schule?

Cover Matthias Küchler (Hrsg.): Was kommt nach der Schule? Handbuch zur Vorbereitung auf das nachschulische Leben durch die Schule für Menschen mit geistiger Behinderung. Lebenshilfe-Verlag (Marburg) 2007. 2. Auflage. 835 Seiten. ISBN 978-3-89896-300-8. 59,00 EUR, CH: 95,00 sFr.
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Thema

Matthias Küchler beschäftigt sich damit, wie Schulen für Menschen mit geistiger Behinderung [1] ihre Schülerinnen und Schüler auf das nachschulische Leben vorbereiten können. Konkrete Bausteine für die unterschiedlichen Lebensbereiche geben Anregungen zur konzeptionellen und praktischen Gestaltung dieser Schulform und ihrer (Bildungs-)Angebote. Schulen sollen mit Hilfe dieses Handbuches ihren Weg selbst gestalten. Damit widmet sich Küchler einem wichtigen Thema: Was kommt nach der Schule? Und was kann und soll die Schule zur Vorbereitung darauf tun. Gerade für Jugendliche mit geistiger Behinderung besteht nach wie vor eine fast ungebrochene Kontinuität, nach der Sonderschule in eine Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) zu wechseln. Ihr Lebensweg ist nach wie vor geprägt von Sonderinstitutionen, meist von der Kita bis zum Wohnen. Die flächendeckende Einführung von Integrationsfachdiensten seit 2001 hat die berufliche Situation bisher nicht – wie erhofft – wesentlich verbessert. Bundesweit werden jedoch seit ca. 15 Jahren alternative Wege in Modellprojekten erfolgreich realisiert. Mit der entsprechenden Unterstützung gelingt es Menschen mit einer geistigen Behinderung, langfristig auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen (vgl. Doose 2006). Dies erfordert u.a. eine Berufsorientierung in der Schule, die nicht nur auf die WfbM, sondern frühzeitig explizit auf Betriebe des ersten Arbeitsmarktes ausgerichtet ist. Einige Schulen für Menschen mit geistiger Behinderung bemühen sich seit Jahren, ihren Schülerinnen und Schülern Wahlmöglichkeiten für das nachschulische Leben aufzuzeigen und diese aktiv mitzugestalten. Die in der Fachwissenschaft schon lange geführten Diskussionen um Normalisierung, Empowerment, Integration, Selbstbestimmung und Community Linving scheinen langsam in der Praxis anzukommen – zumindest punktuell. Diese Erfahrungen sind in das Handbuch von Küchler eingeflossen.

Entstehungshintergrund

Grundlage des Handbuches bildet die Dissertation von Küchler. Sie entstand im Rahmen eines Forschungsprojekts, das an der Reutlinger Fakultät für Sonderpädagogik der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg von 2000 bis 2005 durchgeführt wurde. Das Ziel des Forschungsprojekts bestand darin, verallgemeinerbare Strategien zur Berufsorientierung und -vorbereitung in Schulen für Menschen mit geistiger Behinderung zu identifizieren und zu systematisieren. Zudem sollte ein Schnittstellenkonzept insbesondere für die Kooperation von Schulen und Integrationsfachdiensten entwickelt werden. Die Untersuchung fand an sechs ausgewählten Schulen für Menschen mit geistiger Behinderung in Baden-Württemberg statt, die z.T. über langjährige Erfahrungen in der Vorbereitung und Gestaltung des Übergangs Schule – Beruf/Arbeitsleben verfügten. Recht früh wurde im Forschungsprozess deutlich, dass eine Beschränkung auf den Übergang Schule – Beruf/Arbeitsleben für diesen Personenkreis unzureichend war. Deshalb wurde das Forschungsvorhaben auf weitere sechs Lebensbereiche ausgedehnt: Identität, Mobilität, Wohnen, Familie/Sexualität/Partnerschaft, Freizeit und Gemeinde.

Küchler analysierte und systematisierte für dieses Handbuch die Praxisstrategien der beteiligten sechs Schulen für Menschen mit geistiger Behinderung. Er verband diese mit vorliegenden theoretischen Erkenntnissen. Daraus entstand das sehr umfangreiche Handbuch, das aus der Praxis für die Praxis entwickelt wurde.

Die Veröffentlichung ist der sonderpädagogischen Praxisforschung insbesondere der Geistigbehindertenpädagogik zuzuordnen. Sie bietet jedoch auch integrativen und Regelschulen zahlreiche Anregungen und ist deshalb auch für die integrative und allgemeine Schulforschung interessant.

Aufbau

Bei der Veröffentlichung handelt es sich nicht um ein normales Buch, sondern um einen A4-Ringbuchordner mit über 800 Seiten. Das Format und der Umfang sind etwas unhandlich und gewöhnungsbedürftig. Vorteilhaft ist, dass man die zahlreichen Praxismaterialien als Kopiervorlagen entnehmen kann. Der Umfang wirkt auf den ersten Blick vielleicht abschreckend. Im Sinne eines Handbuches kann man sich jedoch auch nur mit einzelnen Themen oder Bausteinen beschäftigen. Der gut strukturierte Aufbau des Handbuches erleichtert dabei die Arbeit.

Das Inhaltsverzeichnis, die Einleitung, die drei großen Kapitel (A, B, C) und der Anhang mit dem Literaturverzeichnis und den Abkürzungen sind durch nummerierte Registerblätter getrennt (1 bis 12). Die Unterkapitel C 1 bis C 7 beschreiben jeweils einen Baustein zur schulischen Vorbereitung auf das nachschulische Leben, unterteilt durch eigene Registerblätter. Das umfangreichste Kapitel C 3 (Register 7, S. 83-718) ist durch rote Trennblätter sichtbar in Unterkapitel unterteilt.

Jedem Kapitel ist ein Teilinhaltsverzeichnis vorangestellt, was das Auffinden von Texten und Materialien deutlich erleichtert. Die Kapitel sind jeweils gleich aufgebaut. Zu Beginn stehen ein oder mehrere Zitate. Es folgt eine Zusammenfassung des Inhalts des Kapitels – gekennzeichnet durch eine Rahmung. Anschließend gibt es einen einführenden Text zur Thematik des Kapitels. Dieser fällt in den Kapiteln unterschiedlich ausführlich und fachlich fundiert aus. Abschließend werden meist Literaturempfehlungen und ausgewählte Praxismaterialien beigefügt. Sie stammen i.d.R. von den beteiligten Projektschulen. Teilweise wurden weitere bewährte Materialien von anderen Modellprojekten aus dem Bundesgebiet ergänzt (z.B. von der Hamburger Arbeitsassistenz oder zur Persönlichen Zukunftsplanung).

A. Das Forschungsprojekt und seine zentralen Ergebnisse

Nach einem Vorwort von Trost und einer Einleitung von Küchler werden im Kapitel A das Forschungsprojekt und seine zentralen Ergebnisse vorgestellt. Leider kommt die Darstellung der Datenquellen und der Erhebungsmethoden des Forschungsprojekts und der vorliegenden Dissertation deutlich zu kurz. Es wird z.B. nicht deutlich, wo und in welchem Umfang die Ergebnisse der mit unterschiedlichen Akteuren durchgeführten Interviews eingeflossen sind.

Die Analyse der Praxissituation in den Projektschulen ergab, dass sich bestimmte thematische Schwerpunkte identifizieren lassen. Daraus wurden sieben Bausteine zur schulischen Vorbereitung auf Arbeit und Beruf entwickelt, die in diesem Kapitel sehr kurz vorgestellt werden. Ausführlicher sind sie Gegenstand der Kapitel C 1 bis C 7 (vgl. weiter unten). Außerdem wurde ein Modell mit fünf Phasen entwickelt, wie und wann diese Vorbereitung in der Schule zu organisieren ist (Anbahnung, Orientierung, Erprobung, Bewährung, Eingliederung). Die einzelnen Phasen haben spezifische Inhalte. Es geht um ein schrittweises Kennenlernen nachschulischer Lebensbereiche in Form von Praktika und Hospitationen, die immer mehr zeitlich ausgedehnt und anspruchsvoller werden. Die Phasen zwei bis fünf beziehen sich auf die Werkstufe der Schule für Menschen mit geistiger Behinderung und sind auch auf die anderen Lebensbereiche (neben dem der Arbeit) zu übertragen, ggf. zeitlich anders strukturiert. Am Ende der Erprobungsphase wird für jede Jugendliche und jeden Jugendlichen eine Berufswegekonferenz durchgeführt, an der alle professionellen Akteure des Übergangs Schule – Beruf/Arbeitsleben beteiligt sind. Eine wichtige Rolle in diesem Phasenmodell kommt dem Integrationsfachdienst zu. Er kooperiert bereits während der Schulzeit mit der Schule und unterstützt die Praktikumssuche und -begleitung. Dies mag für die Region Baden-Württemberg (oder Teile davon) zutreffen, ist im übrigen Bundesgebiet jedoch nicht die Regel.

B. Die Schule für Menschen mit geistiger Behinderung

Im Kapitel B beschäftigt sich Küchler mit der fachlichen Diskussion um die Schule für Menschen mit geistiger Behinderung. Wo steht sie? Was verändert sich? Nach einer Beschreibung der veränderten Sichtweise auf Menschen mit geistiger Behinderung stellt er fest, dass sich auch die Sonderschule verändert und öffnet. Im Weiteren diskutiert er den Bildungsauftrag dieser Schulform, mit Bezügen zur allgemeinen Bildungstheorie.

C. Sieben Bausteine zur schulischen Vorbereitung auf das nachschulische Leben

Das Kapitel C ist das umfangreichste (S. 83-718). In ihm stellt Küchler die sieben Bausteine zur schulischen Vorbereitung auf das nachschulische Leben vor (C 1 bis C 7).

  1. Das Kapitel C 1 befasst sich mit den Schulentwicklungsprozessen. Die Entwicklung eines Konzepts zur Vorbereitung auf das nachschulische Leben betrifft nicht nur die Werkstufe, sondern die gesamte Schule für Menschen mit geistiger Behinderung. Alle Kolleginnen und Kollegen müssen sich mit den Konzepten der Normalisierung, Selbstbestimmung, Kompetenzorientierung u.a. auseinandersetzen und Ideen für deren Umsetzung entwickeln. Ziel ist die Erarbeitung eines Schulprofils und Schulprogramms von Schulen für Menschen mit geistiger Behinderung. Im Anhang des Kapitels finden sich Beispiele von Werkstufenkonzepten der Projektschulen. Küchler stellt sehr allgemein Aspekte des praktischen Schulentwicklungsprozesses bezüglich der Vorbereitung auf das nachschulische Leben vor. Es fehlen jedoch (Literatur-)Bezüge zum Fachdiskurs von Schulentwicklungsprozessen aus der allgemeinen Erziehungswissenschaft und Organisationsentwicklung.
  2. Dem wichtigen Thema „Kommunikation mit den Eltern“ widmet sich Küchler im Kapitel C 2. Die stärkere Orientierung der Schule auf nachschulische Lebensfelder berührt familiäre Themen und erfordert deshalb eine Kooperation mit den Eltern der Jugendlichen. Sie spielt insbesondere in der Phase des Übergangs Schule – Beruf eine große Rolle. Doch auch in den Schulentwicklungsprozess und bei der Erstellung von Konzepten für den schulischen Alltag sollen die Eltern aktiv eingebunden werden. Es werden vielfältige Kommunikationsanlässe, -formen und -inhalte zwischen Eltern/Familien und Schule dargestellt. Schule hat dabei auch eine Dienstleistungsfunktion (Information über Angebote zur beruflichen Bildung und zu Beratung, Ermöglichen von Erfahrungsaustausch, Fortbildung für Eltern, …). Das erfordert von den Lehrerinnen und Lehrern eine Neuorientierung bzgl. ihres Rollenverständnisses.
  3. Das Kapitel C 3 untergliedert sich in sieben Unterkapitel, in denen die Bereiche des nachschulischen Lebens bearbeitet werden. Diese sind durch rote Blätter sichtbar getrennt. Vorangestellt wird den Unterkapiteln (C 3.1 bis C 3.7) jeweils ein Inhaltsverzeichnis. Zu Beginn beschäftigt sich Küchler immer in einem einführenden Text mit den theoretischen Grundlagen oder stellt exemplarisch wichtige Konzepte vor. Im Weiteren geht es um die Umsetzung im Unterricht bzw. wie die Schule ihre Jugendlichen auf diesen Bereich vorbereiten kann. Außerdem gibt es ein Unterkapitel über die Netzwerkarbeit im jeweiligen Lebensbereich und mögliche Netzwerkpartner. Zahlreiche Materialien der Projektschulen, aber auch aus bundesweiten Modellprojekten komplettieren die Unterkapitel.
    • Das Unterkapitel C 3.1 widmet sich der Frage der Individualität, der Identitätsentwicklung und Sozietät. Es geht zum einen um die Auseinandersetzung mit dem Selbstbild und der Identität der Jugendlichen. Zum anderen stellen soziale Kompetenzen einen wichtigen Schlüssel für das Gelingen der beruflichen Integration in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes dar.
    • Im Unterkapitel C 3.2 wird beschrieben, wie Jugendliche mit geistiger Behinderung in ihrer Mobilität zu fördern bzw. zu trainieren sind. Sie sollen sich zunehmend möglichst selbstständig innerhalb und vor allem außerhalb der Schule fortbewegen können. Dies bildet ebenfalls eine sehr wichtige Grundlage für eine berufliche Integration.
    • Mit dem Thema „Arbeit und Beruf“ setzt sich Küchler im umfangreichen Unterkapitel C 3.3 auseinander. Die Ober- und Werksstufe beschäftigen sich mit Arbeit und Arbeitswelt und sollen entsprechende Lern- und Erfahrungsfelder schaffen, damit die Jugendlichen konkrete Arbeitserfahrungen (z.B. in gestuften Praktika) sammeln können. Es geht ausdrücklich darum, unterschiedliche Orte der beruflichen Qualifizierung und Arbeit kennen zu lernen. Die Werkstatt für behinderte Menschen ist nur einer davon. Eine stärkere Orientierung auf Betriebe des allgemeinen Arbeitsmarktes scheint für diese Schulform notwendig und möglich. Es werden verschiedene Ausbildungs-, Arbeits- und Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen mit geistiger Behinderung vorgestellt. Aus fachlicher Sicht erscheint mir die Vermischung der Begriffe beruflicher Bildung und Ausbildung problematisch. Jugendliche mit geistiger Behinderung erreichen sehr selten eine Ausbildung (inkl. theoriereduzierter Ausbildungsgänge).
    • Ein weiterer, sehr zentraler Lebensbereich ist das Wohnen (Unterkapitel C 3.4). Die Jugendlichen sollen auch hier verschiedene Wohnformen in der Ober- und Werkstufe kennen lernen und ausprobieren (Probewohnen).
    • Das Unterkapitel C 3.5 beschäftigt sich mit Fragen der Familie, Partnerschaft und Sexualität und wie diese im Unterricht aufzugreifen wären.
    • Im Unterkapitel C 3.6 geht es um den Bereich Freizeit. Die Jugendlichen lernen unterschiedliche Freizeitangebote der Region kennen, werden zu einem kritischen Umgang mit ihnen befähigt und sollen sie möglichst selbstständig nutzen lernen.
    • Das letzte Unterkapitel C 3.7 greift das Thema „Staat und Gemeinde“ auf. Es geht um die Kenntnis von Angebotsstrukturen, Aspekte des Gemeindelebens, den Umgang mit Behörden und Banken sowie um Wahlen.
  4. Das Kapitel C 4 enthält den Baustein zur Durchführung einer schülerzentrierten Planung. Damit ist keine Methode der Unterrichtsplanung gemeint. Vielmehr geht es um langfristige Planungsprozesse, wie die Lebensplanung oder Berufswegeplanung. Küchler stellt zwei Konzepte kurz vor: die Förderplanung (nach Trost) als ideelle Grundlage der Arbeit und die persönliche Zukunftsplanung (nach Doose) als konkrete Methode für die Ober- und Werkstufe. Die Darstellung reicht jedoch nicht aus, um ausreichend Anregungen für eine Umsetzung in der eigenen Praxis zu erhalten. Es fehlt beispielsweise PATH – ein wichtiges Element bei persönlicher Zukunftsplanung. Auch die Auswahl der Materialien (die zudem nicht begründet ist) überzeugt an dieser Stelle nicht. Hilfreich sind hier die weiterführenden Literaturhinweise.
  5. Um adäquate Unterrichtsformen geht es nun im Kapitel C 5. Insbesondere offene und handlungsbezogene Unterrichtsformen sind notwendig, damit die Jugendlichen Kompetenzen für ein selbstbestimmtes Leben erwerben. Es sind mehr außerschulische Lernorte zu berücksichtigen und die Unterrichtsinhalte und -themen stärker an den individuellen Bedürfnissen der Jugendlichen und gesellschaftlichen Notwendigkeiten zu orientieren. Es werden das Konzept des handlungsorientierten Unterrichts sowie handlungsorientierte Unterrichtsverfahren wie Projektarbeit und Freiarbeit vorgestellt.
  6. Dem Aufbau regionaler Kooperationsstrukturen widmet sich das Kapitel C 6. Die Schule für Menschen mit geistiger Behinderung kann die berufliche Integration ihrer Schülerinnen und Schüler nicht allein bewältigen. Sie braucht Kooperationspartnerinnen und -partner sowie eine Vernetzung in der Region. Die Netzwerkarbeit und ihre Akteure sind in den Unterkapiteln von C 3 für die sieben Lebensbereiche ausführlicher dargestellt. Insofern fragt man sich, ob dieses separate, kurze und allgemeine Kapitel an einer anderen Stelle integrierbar gewesen wäre.
  7. Mit dem kurzen Baustein “Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement“ (Kapitel C 7) schließt Küchler sein Werk ab. Es finden sich allgemeine Aussagen zum Prozess der Selbstevaluation und zur regelmäßigen Überprüfung der Umsetzung der Schulkonzepte. Auch das Thema Öffentlichkeitsarbeit wird angeschnitten. Es bleibt jedoch unklar, warum dieses eher allgemeine Kapitel extra aufgeführt wird und nicht dem Kapitel C 1 über Schulentwicklungsprozessen zugeordnet wurde.

Diskussion

Matthias Küchler legt mit diesem Handbuch ein äußerst umfangreiches Werk vor. Das ist Vor- und Nachteil zugleich. Von Vorteil sind die zahlreichen Themen und der Versuch einer systematischen Darstellung. Schulen für geistig behinderte Menschen, aber auch Schulen mit anderen Förderschwerpunkten oder Regelschulen (mit Integrationsklassen) erhalten sehr viele Anregungen, wie sie die Arbeit in ihrer Schule stärker auf das nachschulische Leben orientieren und mit diesem verknüpfen können. Insofern trägt das Handbuch zur Professionalisierung und Öffnung der o.g. Schulformen (insbesondere der Schule für Menschen mit geistiger Behinderung) bei. Am überzeugendsten erscheinen die Kapitel C 3 sowie C 2.

Nachteilig wirkt sich der Umfang auf die Übersichtlichkeit und Handhabbarkeit aus. Außerdem zeigt sich, dass manche der vielen Themen nur knapp und wenig vertiefend bearbeitet wurden (insbesondere C 4 bis C 7). Die Auswahl der Bausteine (C 1 bis C 7) erfolgte laut Beschreibung durch die Analyse der Praxis an den Projektschulen. Die Zusammenstellung und Differenzierung erscheint mir dennoch nicht schlüssig. Wünschenswert wäre zudem gewesen, wenn die Auswahl der beigefügten Praxismaterialien in den theoretischen bzw. darstellenden Teilen der Kapitel begründet worden wäre. Auch würden sich die Praxismaterialien leichter wieder finden, wenn die Quellen bzw. die Herkunft in den Inhaltsverzeichnissen (gesamt und kapitelweise) angeben wären. Schade ist, dass z.T. bei den (sehr schönen) Zitaten am Kapitelbeginn die Quellenangaben fehlen. So bleibt manchmal unklar, vom wem und woher sie stammen.

Aufgrund meiner Praxis- und Forschungserfahrungen fehlt meiner Meinung nach ein Baustein zur institutionsunabhängigen Beratung und Begleitung für die Jugendlichen, die bereits in der Schule beginnt und sie auch danach für eine gewisse Zeit (mind. 1 Jahr, besser länger) unterstützt. Im Baustein/Kapitel C 6 kommt dieser Aspekt ebenfalls zu kurz. Vielleicht funktioniert in der Untersuchungsregion Baden-Württemberg die Kooperation der unterschiedlichen Akteure im Feld so gut, dass dies nicht notwendig ist. Im Allgemeinen sieht die Situation jedoch anders aus. Es zeigt sich immer wieder, wie notwendig diese Begleitung ist, um gelingende Übergänge nach der Schule zu erreichen – gerade für Jugendliche mit Behinderung (vgl. Ginnold 2008).

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die geschlechtsspezifische Darstellung. Während Trost in seinem Vorwort noch die männliche und weibliche Schreibweise verwendet, entscheidet sich Küchler – nach einem gescheiterten anderen Versuch – nur für die männliche Schreibweise. Die weibliche Form sei – wie so häufig – mitgemeint. Mir ist bewusst, dass die Berücksichtigung beider Geschlechter in der Darstellung nicht immer einfach ist. Ich wünsche mir jedoch, dass es mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versuchen – verbunden mit der Hoffnung, dass diese Denk-, Sprech- und Schreibweise zunehmend in die (Schul-)Praxis einzieht.

Zielgruppe

Das Buch bietet ein Konzept und zahlreiche Materialien für Schulen, die ihre Unterrichts- und Bildungsangebote stärker auf das nachschulische Leben orientieren wollen. Es eignet sich insbesondere für Schulleiterinnen und Schulleiter sowie Lehrerinnen und Lehrer aus Sonderschulen für Menschen mit geistiger Behinderung, aber auch aus anderen Sonderschulformen, integrativen Schulen und Regelschulen. Für Studierende und Lehrende an Universitäten oder Fachhochschulen ist dieses Handbuch ebenfalls zu empfehlen.

Fazit

Dem Handbuch von Küchler ist eine Verbreitung in der Praxis zu wünschen – trotz der beschriebenen Kritikpunkte. Mit ihm liegt ein praktischer Leitfaden vor, wie Schulen sich stärker mit dem nachschulischen Leben verzahnen und insgesamt öffnen können.

Literatur

Doose, Stefan: Unterstützte Beschäftigung: Berufliche Integration auf lange Sicht. Theorie, Methodik und Nachhaltigkeit der Unterstützung von Menschen mit Lernschwierigkeiten durch Integrationsfachdienste und Werkstätten für behinderte Menschen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Eine Verbleibs- und Verlaufsstudie. Marburg: Lebenshilfe Verlag, 2006

Ginnold, Antje: Der Übergang Schule-Beruf von Jugendlichen mit Lernbehinderung. Einstieg – Ausstieg – Warteschleife. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 2008


[1] Küchler verwendet trotz Bedenken die Bezeichnung „Menschen mit geistiger Behinderung“, weil sich in der Fachdiskussion bisher keine neuen Begriffe durchgesetzt haben. Die von der KMK vorgeschlagene Bezeichnung „Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung“ ist sehr sperrig und wenig praktikabel. Die People-First-Bewegung fordert seit langem, die diskriminierende Bezeichnung „Menschen mit geistiger Behinderung“ durch „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ zu ersetzen, was bisher in der Fachdiskussion kaum passiert. Küchler spricht deshalb auch von Schulen für Menschen mit geistiger Behinderung, die in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich bezeichnet werden.


Rezensentin
Dr. Antje Ginnold
Dipl. Pädagogin.
Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt berufliche Integration von Menschen mit Behinderung, langjährig tätig als Integrationsberaterin für Jugendliche mit Lernbehinderung im Übergang Schule – Beruf in Berlin und in den Bereichen Lehre, Fort- und Weiterbildung
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Zitiervorschlag
Antje Ginnold. Rezension vom 09.09.2008 zu: Matthias Küchler (Hrsg.): Was kommt nach der Schule? Handbuch zur Vorbereitung auf das nachschulische Leben durch die Schule für Menschen mit geistiger Behinderung. Lebenshilfe-Verlag (Marburg) 2007. 2. Auflage. ISBN 978-3-89896-300-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6169.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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