Atle Dyregrov: Grief in Children. A Handbook for Adult
Atle Dyregrov: Grief in Children. A Handbook for Adult. Jessica Kingsley Publishers (London N1 9JB) 2008. 2. Auflage. 208 Seiten. ISBN 978-1-84310-612-8.
Foreword by Professor William Yule. £14.99/US$24.95.
Thema
Sterben und Trauer sind die größten Bedrohungen des Mythos der unbeschwerten, glücklichen Kindheit. Die Qualität der zunehmenden Literatur zu diesem Thema läßt sich daran messen, wie die Autoren mit diesem schwer zu überbrückenden Gegensatz umgehen. Verniedlichende Erklärungsmuster und Verschleierungstendenzen werden zwar zunehmend problematisiert, aber an deren Stelle treten in der deutschsprachigen Ratgeberliteratur nicht selten neue überfordernde Tipps, die so tun, als könnten Angehörige eigene Gefühle zurückstecken, um sich voll auf die Unterstützung der Trauer ihrer Kinder konzentrieren. Das Buch „Grief in children“ von Atle Dyregrov, einem erfahrenen klinischen Psychologen aus Bergen/Norwegen, hebt sich von dieser Tendenz angenehm ab und verdient eine Besprechung im deutschen Raum. Als Handbuch für Erwachsene zeigt es eine Vielzahl von Varianten und Problemkonstellationen auf, entwickelt aber auch Handlungsoptionen, die der Situation der Erwachsenen ebenfalls gerecht werden.
Aufbau und Inhalt
Aus Grundzug ist das ausgearbeitete differentielle Verständnis der Kindertrauer hervorzuheben. Trauerreaktionen von Kindern werden unterschieden nach Todesarten (erwartet nach Krankheit – plötzlich nach Unfall und Gewalteinwirkung), nach der Nähe des Kindes zum Verstorbenen (Eltern, Geschwister, Großeltern, Freund), nach Alter/Entwicklungsstand und Geschlecht. Erschwerende und für Erwachsene häufig unverständliche Bedingungen und Erscheinungsformen der Trauer von Kindern werden eingehend beschrieben.
Als zentraler Punkt der Unterstützung der Kinder wird die Beratung der Eltern angesehen. Dyregrov geht davon aus, dass im Normalfall gefestigte Eltern und nicht professionelle Begleiter von außen den wichtigsten Bezugspunkt darstellen. Im einzelnen werden zahlreiche Stationen aufgezeigt und wertvolle Tipps gegeben, mit dem Verlust umzugehen, etwa die Art der Mitteilung des Todes, die Vorbereitung und Teilnahme von Kindern an Ritualen, die Teilnahme an Bestattungsfeiern. Die Begleitung durch eine Vertrauensperson, die Hilfe beim Ausdruck des Verlustschmerzes, auch mit Hilfe von Medien, Spiel und Aktivität wird praxisnah und einfühlsam dargestellt. Neben den praktischen Details werden auch grundlegende Haltungen aufgezeigt, etwa die offene und direkte Kommunikation als Gegensatz zu beschönigenden Umschreibungen, die Ermutigung zur Konfrontation mit der Realität des Todes, Geduld im Umgang mit kindlichen Fantasien und die Unterstützung der emotionalen Verarbeitung. Wertvoll sind auch die Hinweise für (geleitete) Gleichaltrigengruppen, auf Vorschule und Schule, wo sicher noch viel Handlungsbedarf, aber auch wertvolles Unterstützungspotential besteht. Dem Autor ist es besonders wichtig, klare Grenzen aufzuzeigen, in welchen Fällen Trauer normal erscheint und wo therapeutische Hilfen in Einzel- oder Gruppenform angesagt sind. Schließlich wird auch der Selbstsorge der Begleiter Aufmerksamkeit geschenkt.
Diskussion
Es handelt sich hier um ein umfassendes, didaktisch sehr gut aufbereitetes Handbuch, das eine erstaunliche Fülle an Detailkenntnissen aufweist. Der Autor greift immer wieder auf wissenschaftliche Forschungen zurück, verbindet diese mit praktischen Erfahrungen und entwickelt daraus grundlegende Anregungen für Angehörige wie für pädagogische und therapeutische Fachkräfte ebenso wie konkrete Ratschläge, wobei der Angebotscharakter unterstrichen wird. Erfreulich ist die klare Sprache, die sich nicht hinter wissenschaftlichen Fachbegriffen und spirituell anmutenden Verschleierungen versteckt, sondern als gelungenes Beispiel eines offenen Umgangs mit dem schwersten Problem des menschlichen Lebens angesehen werden kann. Positiv ist insbesondere die Einbindung des gesamten sozialen Umfeldes, das den unterschiedlichen Gruppierungen auch besondere Aufgaben zuweist und ihnen damit Verantwortung übergibt. Dadurch wird die Trauer dem Privatbereich entrissen und wieder zu einer öffentlichen Angelegenheit. Indem die Trauerarbeit auf verschiedene Schultern verteilt wird, wird auch die Gefahr der Überforderung der nächsten Bezugspersonen am besten verhindert. Die Entprivatisierung der Trauer wird auch durch Verweise auf kulturspezifische Trauerformen hervorgehoben.
Fazit
Dyregrov ist es mit diesem Handbuch gelungen, Tod und Trauer im Erleben von Kindern in klaren Worten zu beschreiben und Wege aufzuzeigen, die zum Abbau von Ängsten und Verkrampfungen beitragen können. Die Tragweite des Problems wird nicht entschärft, aber es wird dazu ermutigt, sich der Herausforderung zu stellen und vor dem Weg durch die Trauer nicht zurückzuschrecken. Die Verbreitung dieses Bandes nicht nur bei professionellen Begleitern, sondern auch bei Laien wäre zu wünschen.
Rezensent
Prof. Dr. Hans Goldbrunner
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Zitiervorschlag
Hans Goldbrunner. Rezension vom 15.02.2009 zu: Atle Dyregrov: Grief in Children. A Handbook for Adult. Jessica Kingsley Publishers (London N1 9JB) 2008. 2. Auflage. 208 Seiten. ISBN 978-1-84310-612-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6199.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
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