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Hans Günther Homfeldt (Hrsg.): Soziale Arbeit im Aufschwung [...]

Cover Hans Günther Homfeldt (Hrsg.): Soziale Arbeit im Aufschwung zu neuen Möglichkeiten oder Rückkehr zu alten Aufgaben? Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2007. 165 Seiten. ISBN 978-3-8340-0293-8. 15,00 EUR, CH: 26,50 sFr.

Reihe: Soziale Arbeit aktuell - Band 9.

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Thema

Das Buch mit dem hoffnungsvoll stimmenden Titel „Soziale Arbeit im Aufschwung zu neuen Möglichkeiten“ weckt Erwartungen. Allerdings lässt der fast etwas versteckt beigefügte Untertitel „oder Rückkehr zu alten Aufgaben?“ bereits erahnen, dass es mit dem Neuen nicht soweit her sein könnte. Zudem wird mit dem Hinweis auf die Rückkehr zum Alten impliziert zum Ausdruck gebracht, dass die Gegenwart der Sozialen Arbeit schlecht sei, so dass man sich entweder rückbesinnen oder aus der Zukunft die Hoffnung schöpfen muss. So lässt sich in diesem Sammelwerk mit zwölf Beiträgen und 14 Autorinnen und Autoren immer wieder ein Klageton und eine Selbstkritik über die brüchige fachliche Identität der Sozialen Arbeit heraushören, die wenig zum Aufbruch ermutigen.

Der Herausgeber, Homfeldt, geht in der Einleitung davon aus, dass sich die Soziale Arbeit in mehrfacher Hinsicht in Frage gestellt sieht. Erstens wird ihr in der Öffentlichkeit die nötige Fachlichkeit aberkannt (Beispiele Suchthilfe und Kindswohlgefährdung), dann sei die Arbeit in den sozialen Diensten flexibilisiert worden und werde schlechter bezahlt und überhaupt müssten sich die einstmals eigenen Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit zunehmend der Konkurrenz anderer Professionen stellen. Schliesslich kritisiert er, dass mit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengängen die mehr oder weniger gelungene wissenschaftliche Etablierung der Sozialpädagogik gefährdet werde – nicht zuletzt durch die Verzettelung von Studiengängen auf der Masterstufe. Da der Rezensent Schweizer ist und die deutschen Verhältnisse zu wenig kennt, ist eine Beurteilung dieser Thesen schwierig. Gewisse Zweifel, ob sie so zutreffen, seien dennoch angebracht. Unter den Obertiteln Forschung – Professionalisierung – Gesundheit – Internationalität werden in diesem Sammelband jeweils ein bis drei Fachbeiträge publiziert.

Das Kapitel Forschung besteht aus zwei Beiträgen. Michael-Sebastian Honig versucht unter dem Titel „Wunsch und Wirklichkeit sozialpädagogischer Bildungsforschung“ den Begriff sozialpädagogische Bildungsforschung auf seine Tragfähigkeit hin abzuklopfen, wobei er dann ganz pragmatisch feststellt, dass die beiden bekannten Termini „Kinder- und Jugendhilfeforschung“ sowie „sozialpädagogische Forschung“ auch geeignet sind, da sie „genügend unausgeschöpftes Potential für Problemstellungen und Forschungspraxis“ haben (S. 42). Im Beitrag von Jörgen Schulze-Krüdener, „Sozialpädagogische Forschung in der Region – Vorschläge für die Zukunft“ werden, ausgehend von einem Regionalforschungsprojekt zum ländlichen Jugendbrauchtum, interessante Befunde dargestellt die zur Erkenntnis führen, dass es in Zukunft in der Jugendarbeit weniger starre Vorgaben, als vielmehr flexible und auf den jeweiligen Kontext ausgerichtete Konzepte braucht, wobei sich die Jugendarbeit zwingend an einer „integrierten Regionalentwicklung“ beteiligen muss. Der ländliche Raum wird so als ein bedeutsames (bisher vernachlässigtes) Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit betrachtet.

Die drei Beiträge zur Professionalisierung könnten als Kernthemen des Buches verstanden werden, da zur Professionalisierung nebst der berufsständischen Organisation zwingend und wohl primär ein köhärentes Verständnis des eigenen Gegenstandes wie auch der Methodologie gehören. Von dieser Erwartung wird man in den drei Beiträgen eher enttäuscht. Hünersdorf stellt, unter Bezugnahme auf die „Bielefelder Schule“ einleitend fest, dass durch die Neuen Steuerungsmodelle und mit dem Neoliberalismus eine Ökonomisierung einhergehe, die die Soziale Arbeit in ihrem Selbstverständnis in Frage stellt. Sie schliesst sich dann andern Autoren an, die versuchen, Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass sie der Sozialen Arbeit gerecht werden. Das liest sich dann so: „…geht es mir darum, Sozialpädagogik als Reflexionstheorie des Hilfesystems zu entwickeln, um zu zeigen, wie die Reformen der Jugendhilfe, aber auch der kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung bisher noch nicht dagewesene soziale Bedingungen zur Generierung sozialpädagogischer Ordnung im Hilfesystem konstituieren.“ Der Versuch, sozialpädagogische Hilfeplanung als selbstreferenzielles System zu beschreiben ist zwar interessant, aber in dieser Kürze kann es nicht gelingen, den eigentlichen Professionalisierungsbeitrag zu erkennen.
Roland Merten prägt den Titel des Buches, wenn er über „Neue Herausforderungen für die Soziale Arbeit oder Rückkehr zu alten Aufgaben?“ schreibt und dabei anfügt, dass man sich alljährlich fragt, ob der Zustand der Sozialen Arbeit besser oder schlechter werde. In fünf Thesen zieht er ein eher düsteres Bild. So konstatiert er zunehmendes „vernehmbares Schweigen“ der Professionellen, keine „Wahrung der Intimgrenzen der Klienten“ (insbesondere in der Kinder- und Jugendhilfe), keine Durchsetzungsfähigkeit der berufsständischen Organisationen und des Bundeskongresses Soziale Arbeit („als Tiger gestartet und als Bettvorleger gelandet“) und zudem befürchtet Merten, dass die Umstellung auf die wissenschaftlichen Studiengänge zu einer „internen Befriedigung der Sozialen Arbeit geführt hat“ mit dem Preis der „akademischen Zersplitterung“ und längerfristig einer „wissenschaftlichen Marginalisierung“. Dass fünf solche Thesen, erläutert auf fünf Seiten zu Rückfragen und manchmal Unverständnis führen ist zu verstehen. Hier würde man sich eine vertieftere Auseinandersetzung mit den aufgeworfenen Themen wünschen. Schade, dass gerade in diesem Beitrag wenig Hoffnung anklingt, jedoch viel (An)klage und Hader.
„Spiritualität – eine vergessene Ressource der Sozialen Arbeit“ stellt Albert Mühlum in seinem dritten Beitrag zur Professionalisierung fest. Interessant, wie dieser Aspekt für die Sozialarbeit beleuchtet wird – allerdings ist auch dieses Thema nicht wirklich mit der Professionsfrage verknüpft.

Im Kapitel über Gesundheit kann der Artikel von Andreas Hanses „Soziale Arbeit und Gesundheit – ein schwieriges wie herausforderndes Verhältnis“ erwähnt werden, da meines Erachtens die Schnittstellen der Sozialen Arbeit mit andern Disziplinen von besonderer Bedeutung sind für die Weiterentwicklung der Profession. Ausgehend von der Frage, welchen Beitrag die Soziale Arbeit bei den gegenwärtigen gesundheitsbezogenen Herausforderungen leisten könnte werden in vier Thesen theoretische Skizzen zu einem sozialen Konzept von Gesundheit formuliert. Vorsichtig wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass mit einer eigenständigen Positionierung des Sozial- gegenüber dem Gesundheitsbereich ein Beitrag zur Lösung von gemeinsamen Problemen geleistet werden könnte. In diesem Sinne hätte ich mir noch mehr Beiträge gewünscht, die die Zukunft der Sozialen Arbeit auch als eine interdisziplinäre Frage verstehen und die Bedeutung eines solchen fachlichen Mehrwerts betonen.

Schliesslich werden im Kapitel Internationalität Blicke über die geografischen Grenzen geworfen. Jacob Kornbeck vergleich den deutschen Begriff Sozialpädagogik im Kontext mit den englischen Verhältnissen. Der Herausgeber Homfeld beschreibt zusammen mit Marie Schneider das Rahmenkonzept des „Social Development“ für die mögliche Transnationalisierung der Sozialen Arbeit. Sie stellen dabei fest, dass Soziale Arbeit noch immer sehr national geprägt und verankert ist, sich jedoch in einer sich zusehens globalisierten Welt grenzüberschreitend konzipieren sollte. Dabei gäbe es eigentlich viele Verbindungen zu den sozialen Bewegungen, zur Gemeinwesenarbeit und zur Gemeinwesenökonomie. An einem kurzen Beispiel der Migrationsforschung zeigen abschliessend Wolfgang Schröer und Cornelia Weppe wie Transnationalisierung möglich wäre.

Fazit

Dieses Sammelwerk regt in manchen Beiträgen an zum Weiterdenken. Vermisst wird ein konzeptueller roter Faden und auch eine gewisse Vertiefung in den eher zu vielen Themen, die angeschnitten werden.


Rezensent
Prof. Dr. Herbert Bürgisser
Prorektor an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit und Leiter des Bereichs Weiterbildung, Dienstleistungen sowie Forschung & Entwicklung. Thematische Schwerpunkt: Sozialmanagement.
Homepage www.hslu.ch
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Zitiervorschlag
Herbert Bürgisser. Rezension vom 03.11.2009 zu: Hans Günther Homfeldt (Hrsg.): Soziale Arbeit im Aufschwung [...]. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2007. 165 Seiten. ISBN 978-3-8340-0293-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6227.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.


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