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Remi Stork: Kann Heimerziehung demokratisch sein?

Cover Remi Stork: Kann Heimerziehung demokratisch sein? Eine qualitative Studie zum Partizipationskonzept im Spannungsfeld von Theorie und Praxis. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. 264 Seiten. ISBN 978-3-7799-1620-8. 23,00 EUR, CH: 40,30 sFr.

Reihe: Koblenzer Schriften zur Pädagogik.
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Thema

Wie überall so gibt es auch in den sozialpädagogischen Diskursen bestimmte Themen, die phasenweise die fachlichen Diskussionen dominieren oder zumindest auf breiter Ebene entscheidend beeinflussen. Zu diesen Themen gehört seit einigen Jahren gewiss die Partizipation von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen der öffentlichen Erziehung. Dabei lässt sich ein eigenartiges Phänomen beobachten: Einerseits wird viel über Partizipation diskutiert und geschrieben und etliche Projekte haben sich ganz speziell dieser Problematik angenommen. Andererseits beschleicht manchen Zuhörer oder Leser das Gefühl, als lägen viele höchst unterschiedliche Puzzleteile auf dem Tisch, die bisher kaum ein zusammenhängendes Ganzes ergeben, noch weniger aber die laufende Praxis der Partizipation in jenen Einrichtungen abbilden, wo sie besonders relevant ist: in den (teil-)stationären Erziehungshilfen. Diesem doppelseitigen Mangel entgegenzutreten, dazu leistet die von Remi Stork vorgelegte, an der Universität Koblenz angenommene Dissertation einen wesentlichen Beitrag. Der Autor ist Diplompädagoge, Jg. 1966 und Referent für Bildungsfragen und Familienpolitik im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Westfalen. Als qualitativ angelegte empirische Forschungsarbeit nimmt die Studie sowohl eine gründliche theoretische Fundierung des Themas unter erziehungswissenschaflichem Focus als auch die unaufgeregte, alltägliche Partizipations-Praxis von Heimgruppen in den Blick.

Aufbau und Inhalt

Die in sechs Kapitel gegliederte Arbeit beginnt – nach aktuellen Bestimmungen der zentralen Begriffe "Partizipation und "Heimerziehung" – mit einer knappen Nachzeichnung der zentralen Diskurse zum Thema in den letzten Jahren. Unter Hinweis auf bereits in den 70er Jahren verhandelte Modelle politischer Teilhabe sowie auf die Strukturmaximen der Lebensweltorientierung werden Inhalte, Formen und Stufen der Beteiligung in den Erziehungshilfen in einen Diskursverlauf eingeordnet.

In dem zentralen, 56 Seiten umfassenden Kapitel 2 des Werkes werden die wesentlichen Bausteine zu einer Theorie moderner Partizipationspädagogik gründlich und umfassend herausgearbeitet. Bemerkenswert ist hier, dass die oftmals unausgesprochene Dichotomie zwischen einer erziehungswissenschaftlichen und einer demokratietheoretischen Untersuchung des Themas im Mittelpunkt der Betrachtung steht. Als Ergebnis der Analyse und in Vorbereitung seiner Untersuchung stellt Stork vier Widerspruchsebenen heraus, die sich aus der Überschneidung zwischen pädagogischem und demokratiepolitischen Anspruch an eine partizipative Gestaltung des Gruppenlebens ergeben:

  1. Das Expertendilemma,
  2. Politik vs. Pädagogik,
  3. das Methodendilemma sowie
  4. Individuum oder Gemeinschaft.

Drei dieser Ebenen werden im Ergebniskapitel explizit wieder aufgenommen.

Im dritten Kapitel beschreibt der Autor die methodischen Prinzipien und Instrumente seiner Untersuchung, die er in einer großen Einrichtung mit insgesamt 500 Plätzen in vier verschiedenen (teil-)stationären Gruppen durchgeführt hat. Auf der Grundlage der "grounded theory" werden Interviews, Feldbeobachtungen und Aktenanalysen miteinander verknüpft und gruppenweise aufeinander bezogen. Gegenstand der Datenerhebungen sind Konzeptionen, Geschehnisse, Gespräche, gemeinsame Treffen im alltäglichen Gruppenleben. In die Interviews sind sowohl MitarbeiterInnen wie auch einzelne Jugendliche einbezogen. Dabei legt der Autor in Forschungsansatz und Methode glaubhaft eine sehr offene Kommunikation mit den Gruppen an den Tag. Kritisch setzt sich der Autor mit den Möglichkeiten der Umsetzung jener Regeln auseinander, die in den Methodenlehrbüchern in Bezug auf qualitative Analysen aufgestellt werden. Er stellt dabei den Widerspruch heraus, dass ein (wie gefordert) "offenes Vorgehen" eigentlich in Lehrbüchern nicht durchgängig vorgezeichnet sein kann und kommt zu dem Schluss, dass der Forscher beim Hinterfragen alltäglicher Wahrnehmungen und Interpretationen letztendlich – zumindest in den letzten, abstrahierenden Schritten – nur auf seinen eigenen Erkenntnishorizont zurückgreifen kann. Im Bemühen um eine "kommunikative Validierung" seiner Erkenntnisse stößt der Autor dann – eher unerwartet – auf ganz andere Schwierigkeiten: "Die zahlreichen Kommunikationsstörungen, die sich vor allem im Fernbleiben einiger Kollegen, im Verschieben und Vergessen von Terminen oder auch im handfesten Schweigen einzelner Fachkräfte äußerten, habe ich jedenfalls letztendlich als Chance begriffen. (…) Auch hier habe ich gelernt, dass einige dieser Konflikte ganz normal, ja geradezu konstitutiv für die Kooperation zwischen Praxis und Forschung sind…" (S. 117). Ganz nebenbei eröffnet die Arbeit also auch solche Fragen nach einer gewinnbringenden, von Achtung und Takt geprägten Zusammenarbeit und Kommunikation, die Grundlage für empirisch begründete Erkenntnisse sind.

In den zwei Ergebniskapiteln 4 und 5 werden zunächst die subjektiven Verständnisse von MitarbeiterInnen und Jugendlichen zum Begriff "Partizipation" herausgearbeitet. Es wird u.a. gezeigt, das die PraktikerInnen wie auch die Jugendlichen den Aspekt der Beziehungsgestaltung als Grundlage für (und Bestandteil von) Partizipation sehr herausstellen, was – wie am Material demonstriert wird – Gefahren der Manipulation und der Abhängigkeit mit sich bringen kann. Im Einzelnen werden darüber hinaus behandelt: Rechte von Kindern und die Probleme der ErzieherInnen, das Thema Regeln entwickeln und aushandeln, Methoden der Planung und Entscheidungsfindung. Fragen nach einer Teilhabe am ganzen – sich sorgen – Verantwortung übernehmen sowie Vorgehensweisen bei der Hilfeplanung. Zu jedem Aspekt werden ausführliche Interviewzitate dokumentiert sowie Szenen und Interaktionen aus Gruppengesprächen geschildert. Die empirischen Auswertungen werden immer wieder begleitet von Erörterungen zu relevanten Theorieaspekten. Dem oft resignativen Blick etlicher PraktikerInnen werden Beispiele gelungener Eigenverantwortung und Selbstorganisation von Jugendlichen gegenübergestellt.

Im Abschlusskapitel wird aufgezeigt, welche Wege bei der Lösung der Widersprüche zwischen pädagogischen und politischen Ansprüchen verstellt und welche gangbar sind. Im Sinne eines "Balance-haltens" werden die Erforschung eigener Praxis durch PraktikerInnen sowie neue Formen des Dialogs im Rahmen einer lernenden Organisation in den Mittelpunkt gestellt.

Diskussion

Die Arbeit zeichnet sich durch eine klare Praxisorientierung mit großer Offenheit gegenüber ihren alltäglichen Herausforderungen aus. Es werden gute Einblicke in die alltägliche pädagogische Praxis der Gruppen ermöglicht. Zugleich leistet die Arbeit eine gründliche, auch breite theoretische Fundierung zum Thema, die insbesondere aus erziehungswissenschaftlicher Sicht gewinnbringend ist. Es gelingt dem Autor, eine bisher oft vernachlässigte Brücke zwischen den verschiedenen Betrachtungsweisen herzustellen. Im Verlauf der Studie wird der Autor allerdings etwas von seinen eigenen Ansprüchen eingeholt. Die große Skepsis etlicher Praktikerinnen dem Thema gegenüber bremst m. E. eine Diskussion der ursprünglich anvisierten Grundwidersprüche (s.o.) etwas aus, so dass die Ergebnisse vor allem als Beiträge zur Praxisentwicklung als zu einer Theoriegenerierung ausfallen. Auch dass insgesamt nur wenige Jugendliche durchgehend an der Studie beteiligt werden konnten, schmälert etwas den Ertrag.

Im Zuge der Kürzung der Originalarbeit für die Publikation kam offensichtlich die Kapitelnummerierung durcheinander, wodurch Verweise teilweise ins Leere gehen. Schade auch, dass das auf S. 117 angekündigte Kapitel 7 mit einer "kleinen Nachstudie" zu den genannten "Konflikten und Störmanövern" in der Kommunikation zwischen Praxis und Forschung nicht mehr im Buch enthalten ist.

Fazit

Die Stärken der Arbeit liegen in ihrer Offenheit gegenüber einem wenig beleuchteten Praxisfeld bei gleichzeitiger sehr guter theoretischer Fundierung. Sie regt PraktikerInnen wie ForscherInnen gleichermaßen zur Weiterentwicklungen ihrer Ansätze an. Haken und Ösen partizipativer Ansätze werden sehr deutlich gemacht, was insbesondere für diejenigen hilfreich sein kann, die in ihren Gruppen das Thema ersthaft angehen wollen.


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Moch
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Studiengangsleiter Erziehungshilfen 1
Vorsitzender der Fachkommission Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Matthias Moch. Rezension vom 28.01.2009 zu: Remi Stork: Kann Heimerziehung demokratisch sein? Eine qualitative Studie zum Partizipationskonzept im Spannungsfeld von Theorie und Praxis. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. ISBN 978-3-7799-1620-8. Reihe: Koblenzer Schriften zur Pädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6228.php, Datum des Zugriffs 24.07.2016.


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